Niederlande erlesen (2).

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AmsterdamStarke Frauen

„Sie fangen immer mit Bach an. ‚Kunst der Fuge‘. Alle Stimmen gleichwertig, wenig Unterschied in der Dynamik, kein übertriebener Ausdruck. Sorgfältig und sauber muss es sein. Einer nach dem anderen setzt ein, das Stimmengeflecht wird zusehends verschlagener. Man muss sich zurücknehmen, wenn ein neuer Einsatz kommt, das Thema hat Vorrang. … Die Bratsche gerät aus dem Takt. Neuer Anlauf. Die zweite Geige ist zu laut und übertönt den Einsatz der ersten. Das Cello hat Probleme mit der Intonation und nimmt den anderen Instrumenten dadurch ihren Glanz. Wenn der Bass nicht sauber ist, klingt nichts mehr gut. Es ist nicht ihr Tag.“

Anna Enquist, „Streichquartett“, 2015, Luchterhand Verlag

Zwei wunderbare, feinfühlige, kluge, gestandene Frauen – das sind die beiden niederländischen Schriftstellerinnen Anna Enquist und Connie Palmen.

Seit ihrem Debütroman „Meisterstück“, der 1995 in deutscher Sprache erschien, verfolge ich die Bücher von Anna Enquist, die ihre beiden weiteren Berufe (mein Respekt gilt der Lebensleistung dieser Frau) geschickt mit dem Schreiben verknüpft: Enquist war zunächst Konzertpianistin, nach Karriereende nutzte sie ihr zweites Studium und wurde als Psychoanalytikerin tätig. Zugleich veröffentlichte sie erste Lyrikbände, bis sie mit ihrem ersten Roman sofort sowohl beim Publikum als auch bei der Kritik einen Erfolg landete.

Ihre Romane sind geschriebene Musik, oft auch an konkrete Musikwerke angelehnt – „Das Meisterstück“ orientiert sich an Don Giovanni, in „Die Erbschaft des Herrn Leon“ und im jüngsten Buch „Streichquartett“ steht das Musikerleben im Mittelpunkt. Eine weitere ihrer Stärken: Die feine Analyse zwischenmenschlicher Beziehungen. Auch wenn ihre Protagonisten oft im musischen Bereich angesiedelt sind: Es sind Menschen aus Fleisch und Blut, es sind die Alltagsprobleme, die Eheszenen, die Familienspannungen, die Anna Enquist psychologisch überzeugend schildert – und somit die Leserin, den Leser anspricht.

Ihre Werke erscheinen im Luchterhand Verlag. Hier spricht sie über ihren Roman „Streichquartett“ auf dem Blauen Sofa: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2494028/Anna-Enquist-auf-dem-blauen-Sofa#/beitrag/video/2494028/Anna-Enquist-auf-dem-blauen-Sofa

Die zehn Jahre jüngere Autorin Connie Palmen habe ich erst durch Empfehlungen anderer Blogger kennen- und schätzen gelernt. Bei „aus.gelesen“ findet sich eine Rezension zu ihrem ergreifenden „Logbuch eines unbarmherzigen Jahres“, das Palmen nach dem Verlust ihres zweiten Mannes schrieb. Aus der Rezension:

Das Logbuch eines unbarmherzigen Jahres” ist beides: ein erschütterndes Dokument dessen, was ein Mensch an Verlusten erleiden kann, wie nahe Trauer einen Menschen an die eigene Vernichtung führen kann. Es ist aber auch ein Zeugnis dafür, daß man dies überlebt, daß man ins Leben zurückfinden kann, daß man lernen kann, mit dem Schmerz, der immer da sein wird, wenngleich es im Lauf der Zeit anders weh tun wird, zu leben, ihn als Bestandteil des eigenen Lebens zu akzeptieren.

Zur vollständigen Besprechung geht es hier: https://radiergummi.wordpress.com/2013/05/05/connie-palmen-logbuch-eines-unbarmherzigen-jahres/

Mich begeisterte der Roman „Luzifer“: Ein Künstlerroman, der sich um die Fragen von Schuld und Sühne, Moral, Liebe und Tod dreht. Auf dem Blog die-leselust de stellt die Rezensentin die Frage:

„Wie weit geht ein Künstler, um die Erfahrungen zu suchen, die er für sein Werk braucht? Woraus schöpft er seine Energie, seine Ideen, seine Kraft? Welchen Stellenwert nimmt Freundschaft, Liebe, und auch Religion darin ein?“

Zur Rezension: http://www.die-leselust.de/buch/2445.html

Die Bücher von Connie Palmen erscheinen im Diogenes Verlag. Zur Homepage der Schriftstellerin geht es hier: http://www.conniepalmen.nl/

Spannende Männer:

„Dieser Fall ereignete sich im Jahre 663, nur eine Woche, nachdem Richter Di in Peng-lai, einem entlegenen Bezirk an der Nordostküste des chinesischen Reiches, seinen ersten unabhängigen Posten angetreten hatte. Gleich bei seiner Ankunft dort sah er sich mit drei rätselhaften Verbrechen konfrontiert, die ich in meinem Roman Geisterspuk in Peng-lai beschrieben habe. In jenem Buch spielten die blühende Schiffbauindustrie von Peng-lai und Herr Yie Pen, der reiche Reeder, eine Rolle.“

Prolog zu „Fünf glückbringende Wolken“ aus dem Erzählband „Richter Di bei der Arbeit“, 1967, Robert van Gulik.

In Zeiten psychopathischer Serienkiller, die sich in blutrünstigen Folter- und Mordmethoden überbieten und mit CSI-XX-Kriminalisten, die sich hochtechnologisierter Ermittlungsmethoden bedienen, da sind die Geschichten rund um Detektiv Di beinahe schon betulich-beschaulich-erholsam. Statt DNA-Scanner gebraucht Herr Di ganz einfach nur: Köpfchen. Und dennoch sind diese Geschichten weitaus spannender als viele der heutigen Fließband-Thriller, wenn man sich auf die zuweilen etwas spröd-umständliche Erzählweise ihres Schöpfers einlassen kann.

Robert van Gulik schrieb über ein Dutzend Kriminalromane rund um den weisen und gerechten Richter aus dem zeitlich und geographisch fernen Reich der Mitte – ein Gutteil des Erfolges dieser Bücher ist wohl durchaus auf das „Setting“ in einem exotischen Ambiente zurückzuführen. Und van Gulik wusste, wovon er schrieb: Der Lebenslauf des Niederländers ist nicht weniger „exotisch“ als der Schauplatz seiner Stories. Der Vater des späteren Diplomaten, Sinologen und Schriftstellers, der 1910 in Zutphen zur Welt kam, war Arzt bei der holländischen Kolonialarmee. Van Gulik wuchs in Indonesien auf, studierte später asiatische Sprachen und trat in den diplomatischen Dienst, als Botschafter war er lange Jahre in Asien.

In China stieß er auf die Geschichten über einen historisch verbürgten Detektiv, der sich dort im siebten Jahrhundert durch seinen Gerechtigkeitssinn in das kollektive Gedächtnis eingegraben hatte. Da Van Gulik keinen Übersetzer für die vorhandenen Geschichten fand, übertrag er die „Merkwürdigen Fälle des Richter Di“ selber – der Erfolg dieses Buches war der Grundstein für weitere Erzählungen, die Van Guliks schriftstellerischer Phantasie entsprangen, jedoch nach wie vor den „echten“ Richter zur Hauptfigur hatten.

Van Gulik starb 1967 – erst 57 Jahre alt. Längst schon war er zum „Vorbild“ für einen anderen Großen der niederländischen Kriminalautoren geworden: Janwillem van de Wetering hatte 1987 eine Biographie über van Gulik veröffentlicht, die 1990 auch in deutscher Sprache beim Diogenes Verlag erschien. Beide Männer verband das Interesse an der asiatischen Kultur, Van de Wetering verbrachte nach Alkohol-, Drogen- und psychischen Problemen Monate in einem japanischen Zen-Kloster und fand sein seelisches Gleichgewicht wohl dann durch die Zuwendung zum Buddhismus. Schon dieser kurze Hinweis auf seinen biographischen Hintergrund lässt erahnen: Van de Weterings Leben war fast ebenso abwechslungsreich wie seine Kriminalromane, die in deutscher Sprache beim Rowohlt Verlag erschienen. Leider gibt es die Kriminalfälle rund um den verschrobenen Ermittler de Gier, der seine Schildkröte liebt, Jazz und ab und an auch einen Joint, beim Verlag derzeit nur als e-book, zu hoffen ist, dass die Romane vielleicht zur Buchmesse erneut auch in Papierform erscheinen. Einen biographischen Aufsatz sowie einige Rezensionen zu seinen Büchern gibt es bei der Krimi Couch:

http://www.krimi-couch.de/krimis/janwillem-van-de-wetering.html

Junge Wilde

Ein tolles Experiment macht derzeit der mairisch Verlag: Die sind einfach einmal für einen Monat von Hamburg nach Amsterdam gezogen und berichten auf ihrem Blog von der aktuellen Literatur aus den Niederlanden und Flandern: http://www.mairisch.de/blog/

So sieht das aus:

„Käse, Tulpen, Grachten — diese Bilder der Niederlande kennt jeder. Aber was macht eigentlich die niederländische Literaturwelt? Welche spannenden Autoren gibt es, welche Verlage und Magazine arbeiten am Puls der Zeit, welche Themen sind vielleicht auch für deutsche Leser interessant?

2016 werden die Niederlande und Flandern Gastland auf der Frankfurter Buchmesse sein. Wir haben uns gedacht: Wenn schon kennenlernen, dann richtig. Also machen wir uns auf zur Klassenfahrt und verlegen im kommenden Februar unseren Verlagssitz kurzerhand nach Amsterdam!“

Mitlesen und die Nachbarn so noch besser kennenlernen – das macht Spaß! Ich kann jedem den Blogbesuch wärmstens empfehlen!

Und ebenso natürlich einen Blick auf die Aktivitäten des bekanntesten literarischen Bloggers aus den Niederlanden: Arnon Grunberg alias Arnon Grünberg alias Marek van der Jagt. Seine Bücher, allesamt mit Bestseller-Garantie, erscheinen in deutscher Sprache beim Diogenes Verlag.

Polyglot(t) bloggt er hier: http://www.arnongrunberg.com/blog/3581-polyglot.

20 comments on “Niederlande erlesen (2).”

  1. Bis auf Grunberg kenne ich alle und schätze sie: Richter Di (Gulik) und Grijpstra, de Gier und der Commissaris (de Wetering), M. Meyer in memoriam von Connie Palmen, in dem sie von einem ebenfalls früh verstorbenen Geliebten berichtet, und Anna Enquist. Bekomme gerade unbändige Lust, sie wieder aus dem Regal zu kramen. 🙂
    Und wer weiß, was noch alles aus den Niederlanden zu entdecken ist auf der Buchmesse.

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    1. Wahrscheinlich wird es schon viele Neuerscheinungen geben – aber ich bin gerade etwas aus dem Neuerscheinungs-Geschäft raus, es gibt so viel Älteres neu- oder wiederzuentdecken … und von daher besinne ich mich gerade auf meinen Regalbestand – und ärgere mich fürchterlich über mich selbst, weil ich vor dem letzten Umzug alle de Weterings weggeben habe (grrrr….)! Und jetzt gibt es die nur noch antiquarisch oder eben als e-book, welche ich nicht mag 🙂

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      1. Ich versuche auch gerade, mich ein bisschen mehr auf den Altbestand zu besinnen. Und bin ziemlich sauer, dass ich den Richter Di weggegeben habe:-) Trotzdem riskiere ich gern einen Blick auf Neues. Muss man ja nicht gleich kaufen … nur kucken, nicht anfassen. 😉

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  2. Du schenkst mir mit diesem Artikel sehr, sehr viel. Conny Palmen, die möchte ich jetzt lesen, sie kommt auf meine Buchwunschliste ganz nach oben. Es scheint mir, dass da eine über Themen schreibt, für die ich brenne.
    Herzlichen Dank für die Arbeit, die du dir gemacht hast, für die vielen Links, die ich noch besuchen werde.
    liebe Grüsse
    Ulli

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    1. Liebe Ulli,
      Connie Palmen war für mich auch eine Entdeckung in der letzten Zeit. Sie hat, wie ja Marion oben schon erwähnt, zwei Männer verloren (an den Tod) – das ist eine Erfahrung, die prägend ist – und wie sie damit umgeht, wie sie schreibend sich festigt, das klingt durch das, was ich von ihr gelesen habe.
      Anna Enquist liegt mir jedoch vom Stil her noch etwas mehr.
      LG Birgit

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  3. Ach Mensch, so viele gute Bücher – da reicht doch das Leben gar nicht aus wenn man auch ab und zu einfach mal in der Sonne sitzen will…
    Aber dieser Richter Di klingt verlockend und welch ein ungewöhnliches setting…
    und Willemsen hab ich mir nach deinem Artikel mal genauer auf youtube angeschaut, welch grossartiger und geradliniger Zeitgenosse, da macht das Menschsein gleich mehr Spass und Hoffnung 🙂

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      1. Oh ja, bitte 🙂 die Mail kommt gleich.
        Als Kind habe ich so gern von Willi Meinck Die Seltsamen Abenteuer des Marco Polo gelesen und wie sie 500 Jahre nach Di an der Seidenstrasse entlang nach China reisten…

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  4. Ach, die wunderbare Anna Enquist… zu ihren Büchern kann man blind greifen und zieht immer einen Hauptgewinn. Von Connie Palmen hatte ich bisher noch nicht einmal gehört. Besonders auf ihr „Logbuch“ bin ich jetzt sehr neugierig. Merci!

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    1. Das freut mich, dass Du Anna Enquist und ihre Bücher auch so magst – ich habe bisher jedes gern gelesen: Es spricht soviel Weiblichkeit, Souveränität, durchaus auch Ironie, aber ebenso Warmherzigkeit aus ihnen. Als ich das Video sah, dass ich im Beitrag verlinkt habe, kam ich sogar ins Schwärmen: So möchte ich in 20 Jahren auch sein 🙂

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    1. Gerne, Peggy! Alle wollen offenbar Richter Di 🙂 – da muss ich noch ein Wort für van de Wetering einlegen – er schrieb auch Bücher über den Zen-Buddhismus (und Kinderbücher), beispielsweise: Das Kōan und andere Zen-Geschichten

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  5. liebe birgit, danke für die erwähnung meiner buchvorstellung von connie palmen, es war damals eine sehr anstrengende lektüre dieser beiden bücher (I.M. habe ich ja auch vorgestellt).
    wenn es um niederländische autorinnen geht, müsstest du eigentlich auch jessica durchlacher erwähnen, die wunderbare romane schreibt…. es ist zwar schon jahre her, daß ich zwei titel von ihr vorgestellt habe, aber irgendwann demnächst werde ich mich ihr auch wieder widmen, ‚der sohn‘ liegt schon bereit!
    liebe grüße
    gerd

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  6. Liebe Birgit, eigentlich wollte ich ins Bett! Eigentlich nur noch mal kurz gucken, weil so viele Beiträge von dir noch ungelesen „angefallen“ sind. und dann lese ich mich doch wieder fest. Ich hätte es wissen müssen, ich hätte standhaft sein MÜSSEN. Besonders auf die Bücher der ehemaligen Konzertpianistin und Psychologin bin ich sehr gespannt!
    Herzliche Abendgrüße und vielen Dank!

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  7. Der ist mir doch tatsächlich durchgerutscht, dieser tolle Beitrag. Jetzt bin ich ganz froh und verstehe endlich deine Anspielung auf meinen Enquist-Urlaubslektüre-Hinweis 😉 Beste Grüße! (Vor vielen Jahren habe ich bitterlich geweint nach der Lektüre von I.M. – obwohl der Tod ja alles andere als überraschend kommt. Ansonsten geht es mir aber wie dir: Eher Enquist als Palmen … )

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    1. Tja, so ist es, wenn man Urlaub macht 🙂 Da rutscht einem manches durch … 🙂 I.M. ist wirklich ein Buch, das einen ganz tief ins Herz trifft … aber da sind wir auf der gleichen Wellenlänge – eher Anna, die bewundere ich einfach auch als „Gesamterscheinung“ (ich möchte im Alter diese Haare haben 🙂 )

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