Schlagwort: Flötotto

Vermessenes Land, verkaufte Ideale: Südafrika im Wandel

„Neil träumte vom Paradies. Er hatte ein schmales Buch fertiggestellt, in dem er seine Vorstellungen einer Idealgesellschaft erläuterte, das jedoch erst veröffentlicht werden konnte, wenn der Verbotserlass aufgehoben wurde. Aber es war fertig. In einer Idealgesellschaft gäbe es keine Berufsgruppen. Keinen Platzwart. Keinen ordentlichen Professor. Keinen Studenten, der nicht gleichzeitig Lehrer, Forscher und Handwerker war,

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Im Ministerium für öffentliche Erregung: Zwischen Konfuzius und Emanzipation

„Sie sang in der Hoteldusche in Penang. Die Badezimmertür war geschlossen, aber vom Bett aus konnte ich sie hören. Es war ein Doppelbett. Sie sang ein Medley aus Beatles-Refrains, aber sie hatte alle Texte verändert. Sie hatte die Stimme einer Frau, die tausend Zigaretten geraucht hatte. Sie kam heraus und sang „All You Need Is

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Von Katzen, Inseln und Zeppelinnen: Kinderbücher von Hilde Domin, Erika Mann und Marlen Haushofer

  Ihre Namen bringt man mit herausragender Lyrik in Verbindung, mit einem Klassiker der zeitgenössischen Literatur, mit engagiertem politischen Schreiben, mit Exilliteratur, mit Kabarett und modernen Romanen – kurzum mit Erwachsenenliteratur. Doch Hilde Domin, Erika Mann und Marlen Haushofer, sie alle drei schrieben auch ganz bezaubernde und bemerkenswerte Bücher für Kinder und Jugendliche. „Ich lebte

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Zelda Fitzgerald: Himbeeren mit Sahne im Ritz (1948/2016)

„Die Blätter der Ulmen schablonierten ein schwarzes Fries auf den Gehweg, und hemdsärmelige Männer ließen hohe, warme, nach Gummi riechende Wasserbögen auf Prunkwinden und Bermudagras niedergehen, bis die Luft von einem frischen Grasduft erfüllt war und die Damen hinter den dichten Blumenranken eine kurze Weile ohne Fächer auskamen. Die ganze Stadt wartete auf die abendliche

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Henry James: Die Europäer (1878). Die Gesandten (1903)

Es mag ein Zufall gewesen sein, aber zum 100. Todestag von Henry James veröffentlichten zwei Verlage zwei Romane in neuer Übersetzung, die am Anfang und Ende seines Schaffens stehen – und einen thematischen Kreis schließen. Zu Beginn seiner Karriere lässt Henry James die Europäer in die Vereinigten Staaten kommen – gegen Ende suchen die Amerikaner

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Richard Yates: Eine letzte Liebschaft.

„Betty“, sagte Miller. „Tust du mir einen Gefallen?“ Er beobachtete, wie sich ihr Stirnrunzeln im Licht der vorbeigleitenden Straßenlaterne in einen gekränkten Blick verwandelte. „Halt den Mund. Halt bitte einfach den Mund.“ Richard Yates, „Eine letzte Liebschaft. Short Storys“, Deutsche Verlags-Anstalt, 2016. Eins und doppelt möchte man sein. Die romantische Idee des Ineinander-Verschmelzens, die regelmäßig

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Joachim Geil: Ruhe auf der Flucht (2016).

„Als Jill vor wenigen Wochen sagte, mein Onkel und ihr Vater seien fällig, fragte ich mich, ob sie deren Tod meinte, Der Tod ist ein ausgetretener Pfad, den zu viele beschritten haben, als dass er noch erstrebenswert wäre (allein der Todestourismus in die Schweiz, und gegen die Todesstrafe bin ich auch, obwohl es seit der

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Amerikanische Tragödien – Sex, Geld und Macht einerseits, Nestbeschmutzer andererseits.

„Bis vor ein oder zwei Jahren waren auf den Schlachthöfen auch Pferde geschlachtet worden, angeblich zur Herstellung von Düngemitteln; aber nach langer Agitation hatte die Presse der Öffentlichkeit klarmachen können, dass die Pferde in die Fleischkonserven wanderten. Jetzt war es daher gesetzlich verboten, in Packingtown Pferde zu schlachten, und dieses Gesetz wurde sogar befolgt –

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Ein Debüt mit Schmackes: Dieser Roman macht Appetit auf mehr

Bei diesem Buch habe ich mir keine Notizen gemacht, keine Zitate angemerkt, keine Lesezeichen eingelegt. Wäre auch gar nicht gegangen. Denn: Ich wollte einfach nur lesen. Und in den Lesepausen hatte ich Appetit auf leckeres Essen.   „Die Geheimnisse der Küche des mittleren Westens“ ist allerbeste Unterhaltung. Ein erstklassiges Flutschbuch – locker geschrieben, leicht und

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Thomas Lang: Immer nach Hause (2016).

„Er verspürt kein Bedürfnis, seine stehen gebliebene Welt wieder aufzuziehen. Deshalb begegnet ihm auch nicht die Frage, ob er überhaupt den Schlüssel dazu besitzt. Ab und zu weht ein Hauch von der wärmeren Welt hinter den sieben Bergen herein, die er wieder verliert. Leichter Föhn, der den Wachsmann nicht zum Schmelzen bringen kann, ihn höchstens

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Sommergespräche: Braucht die Welt noch Intellektuelle?

Zugegeben, die Frage im Titel ist überspitzt und polemisch. Aber lenkt eure Aufmerksamkeit zielsicher auf den zweiten und damit letzten Teil unseres langen Sommergesprächs. Wolfgang Schnier, Matthias Engels und ich haben uns Gedanken gemacht über den Stellenwert von Schriftstellern und Intellektuellen in unserer Gesellschaft heute. Werden sie überhaupt gehört und wahr- bzw. ernstgenommen? Oder sind sie

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