Irmgard Keun: Nach Mitternacht (1937).

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Bild: (c) Rose Böttcher
Bild: (c) Rose Böttcher

„Natürlich ist mein Leben hier eine Hölle“, sagt Heini, ernst und ruhig, „aber was soll ich denn draußen? Ohne Geld, ohne Möglichkeit, Geld zu verdienen. Ohne Glaube an Gott, ohne Glaube an die Menschen, ohne Glaube an Kommunismus und Sozialismus, ohne Glaube an Änderung und Besserung in den nächsten Jahrzehnten. Ich habe die Menschen geliebt, länger als ein Jahrzehnt habe ich mir die Finger wund geschrieben und den Kopf leergedacht, um sie vor dem Wahnsinn der heranbrechenden Barbarei zu warnen. Eine Maus, die durch Piepsen eine Lawine aufhalten will. Die Lawine ist gekommen, die Maus hat ausgepiepst.“

Irmgard Keun, „Nach Mitternacht“, 1937

Irmgard Keun, die mit „Gilgi“ und ihrer Doris beachtliche Publikumserfolge erzielt hatte, hatte auch nach der nationalsozialistischen Machtergreifung nicht „ausgepiepst“: Sie schrieb weiter, versuchte sich gegen das Verbot ihrer Bücher zu wehren, beobachtete und kommentierte spitzzüngig und satirisch die Vorgänge daheim „im tausendjährigen Reich“. Aber „das kunstseidene Mädchen“ ist in ihrem Schreiben auch reifer, erwachsener geworden: In die leichten, satirischen Töne mischt sich immer mehr ein dunkler Glanz ein, kommen Melancholie und Traurigkeit als Farben hinzu.

„Ich stehe auf der Straße, die Nacht ist meine Wohnung. Bin ich betrunken? Bin ich verrückt? Die Stimmen und Geräusche um mich herum fielen von mir ab wie ein Mantel, ich friere. Die Lichter sterben. Ich bin allein.“

Schon 1935 beginnt Irmgard Keun an ihrem Roman „Nach Mitternacht“ zu arbeiten. „Es ist ein richtiger Anti-Nazi-Roman – aus dem bürgerlichen Nazi-Deutschland, was noch keiner geschrieben hat“, berichtet Irmgard Keun im Juni 1936 – inzwischen lebt auch sie im Exil – an ihren ehemaligen Geliebten Arnold Strauss (der zu dieser Zeit bereits in den USA ist und sie nach wie vor drängt, nachzukommen). Die „Pariser Tageszeitung“ druckt das Buch vorab ab, 1937 wird es dann im Exilverlag „Querido“ veröffentlicht. Ihr erster Exilroman, ihr erster auch ausgesprochen politischer Roman.

Wieder wählt Irmgard Keun die Erzählperspektive einer jungen Frau, die – wie auch das kunstseidene Mädchen Doris – im naiven, jugendlichen Plauderton aus ihrem Alltag berichtet. Aber eben aus einem Alltag, der von Judenverfolgung, Diskriminierung, Denunziation und ständiger polizeistaatlicher Bedrohung gekennzeichnet ist. Die Handlung spannt sich über zwei Tage im Frühjahr 1936. Die 19jährige Sanna lebt in Frankfurt bei ihrem Halbbruder „Algin“, einem ehemaligen Erfolgsautor, der in Ungnade fiel und sich durch Volkstümliches zu rehabilitieren versucht, obwohl er das Landleben hasst:

„Trotzdem er in seinen Geschichten jetzt tut, als müsse man jedes Häufchen Kuhmist an sein Herz drücken, um ein anständiger Mensch zu sein.“

„Das Buch vom Algin liegt nicht mehr auf dem Tisch neben der Theke, weil die Nationalsozialisten es auf eine schwarze Liste gesetzt haben. Es ist nämlich zersetzend und vergeht sich an dem elementaren Aufbauwill des Dritten Reichs. Das hat die nationalsozialistische Zeitung in Koblenz geschrieben. Mein Vater war zunächst nicht Nationalsozialist, aber für einen elementaren Aufbauwillen“.

Irmgard Keun wendet einen subversiven erzählerischen Kunstgriff an: Indem ihre Hauptfigur zunächst scheinbar unreflektiert das Vokabular der Nazis nachplappert, entlarvt sie die Hohlheit und den Irrsinn dieses Jargons. Doch der Eindruck täuscht: Sanna durchaus nicht so naiv, wie sie zunächst wirkt. „Irmgard Keun stattet sie mit pragmatischen Verstand, mit wacher Beobachtungsfähigkeit, mit dem Bedürfnis nach Anerkennung und Liebe und einer gesunden Portion Ehrgeiz aus (…)“, so die Keun-Biografin Hiltrud Häntzschel. Und mit Mutterwitz: So vergleicht sie anfangs des Buchs eine Parade während eines Hitler-Besuchs in Frankfurt mit dem Kölner Karneval: Ein großer Aufmarsch, viel Volk, aber ohne Freude.

„Die Welt war groß und dunkelblau, die tanzenden Männer waren schwarz und gleichmäßig – ohne Gesichter und stumm, in schwarzer Bewegung. Ich habe in einem Kulturfilm mal Kriegstänze von Negern gesehen, die waren etwas lebhafter, aber der Tanz der Reichswehr hat mir auch sehr gut gefallen.“

Der Pragmatismus ist angesagt, denn in den zwei Tagen, die das Geschehen umspannt, fällt zugleich auch die kleine Welt der Sanna zusammen: Ihr Halbbruder und dessen Frau Liska haben sich auseinandergelebt, Liska wiederrum liebt den Schriftsteller und Journalisten Heini (wie das Eingangszitat verdeutlicht, trägt dieser ganz offensichtlich die Züge von Kurt Tucholsky), der Suizid vergeht, Sannas Geliebter Franz wird zum Mörder an einem Nazi-Denunzianten und das junge Pärchen muss das Land fluchtartig verlassen, ebenso wie der gutmütige jüdische Arzt Breslauer, der nicht verstehen kann, warum er trotz Assimilation und Patriotismus in Deutschland, seiner Heimat, nicht mehr sicher ist … so schmal der Roman, so konzentriert gelingt es Irmgard Keun doch Archetypen, Schicksale dieser Zeit, typische Personen – vom machtgierigen Blockwart über korrupte Parteigenossen bis hin zu den Vertretern der anpassungsfähigen, opportunistischen Halbboheme – unterzubringen.

Wegen der Präzision der Beobachtungen aus dem Innern der deutschen Wirklichkeit wurde „Nach Mitternacht“ nicht nur von den Kollegen im Exil, so Klaus Mann und Ludwig Marcuse, hochgelobt, sondern auch in zahlreichen Zeitschriften des Auslands vorgestellt und besprochen. Klaus Mann schrieb über das Buch:

„Da kommt nun eine begabte Frau und erzählt uns, wie es heute aussieht in diesem für uns unbetretbaren Land. Irmgard Keun hat es lange ausgehalten im Dritten Reich, sie kennt es, und der Roman, den sie uns nun vorlegt ist bis zum Rande voll von gescheiten Beobachtungen, oft sehr witzigen und sehr schaurigen Details, von kleinen, frappierend lebendigen Dingen (…).“

Die witzigen Details, sie sollen nicht unterschlagen werden. Denn „Nach Mitternacht“ ist auch heute nicht nur deswegen lesbar und empfehlenswert, weil der Roman das literarische Dokument einer finsteren Zeit ist. Sondern auch, weil die Keun-Texte mit ihrem eigenständigen satirischen Sprachduktus immer noch lebendig und frisch wirken, insbesondere dort, wo die Autorin ganz unnachahmlich frech Typen zeichnet:

„Diese Betty Raff kam mir von Anfang an noch gefährlicher vor als die Tant Adelheid, obwohl man ihr nur Gutes statt Böses nachsagen kann. Sie ist lang und dünn mit einem ganz kleinen Kopf. Sie hat eine grünlichbraune Hautfarbe, unerhört neugierige braune Quellaugen in einem spitzmäusigen Gesicht, aalglatt zurückgekämmtes braunes Haar und glibbrig kalte magere kleine Froschhände. Sie ist dreißig Jahre alt, reicht säuerlich und sieht auch so aus.“

„Nach Mitternacht“: Als Irmgard Keun mit diesem Roman begann, war es für sie in Deutschland schon fünf vor Zwölf. Wie ihrer Sanna bleibt ihr nur die Flucht, das Exil:

„Armer Emigrant. Glatt und hart wie eine Kastanie wird jedes Land für dich sein. Dir selbst wirst du zur Qual werden und anderen Menschen zur Last. Die Dächer, die du siehst, sind nicht für dich gebaut. Das Brot, das du riechst, ist nicht für dich gebacken. Und die Sprache, die du hörst, wird nicht für dich gesprochen.“

13 comments on “Irmgard Keun: Nach Mitternacht (1937).”

  1. „Glatt und hart wie eine Kastanie wird jedes Land für dich sein. Dir selbst wirst du zur Qual werden und anderen Menschen zur Last. Die Dächer, die du siehst, sind nicht für dich gebaut. Das Brot, das du riechst, ist nicht für dich gebacken. Und die Sprache, die du hörst, wird nicht für dich gesprochen.““ Wievielen Menschen es jetzt gerade wohl so geht!

    Danke für diesen Buchtipp.

    Und noch eine Frage: darf ich mir dein Bild für eine Collage nehmen, selbstverständlich mit deinem copyright ….

    liebe Grüsse
    Ulli

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  2. Vielen Dank für diese Empfehlung, Birgit! Aus welchen Gründen auch immer, habe ich bisher nur Das kunstseidene Mädchen gelesen – mehrmals – und liebe es in der Hörbuchfassung mit Fritzi Haberland. Jetzt hat Irmgard Keun mal wieder Einzug in meine Wunsch-Liste gefunden, samt ihrer Biografie.

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  3. Liebe Birgit, deiner I.Keun-Empfehlung bin ich schon einmal erfolgreich nachgegangen und werde es auch diesmal tun und danke dir sehr für diesen schönen Beitrag (ich wiederhole mich, aber es muss gesagt sein: Schon allein deine Beiträge und die sich entspannende Kommentarkommunikation sind bildend und unterhaltsam zugleich!)

    Ich wünsche dir ein schönes Herbstwochenende und sende liebe Grüße,
    Birgit

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  4. Ich habe „Nach Mitternacht“ vor ein paar Monaten gelesen und war begeistert und erschüttert. Auch rein literarisch begeistert, das ist so modern geschrieben dass es heute noch vorbildlich ist und einen mitreißt. Da merkt man erstmal, dass dieses Land tausend Jahre zurückgeworfen wurde und sich bis heute davon nicht erholt hat. Und was für ein Schicksal der Autorin. Aber so oder so absolut lesenswert.

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