Ernest Hemingway: Paris, ein Fest fürs Leben (1964).

Wenn es eine Hymne auf das Paris der 1920er-Jahre, das Paris der amerikanischen Bohème, auf die Liebe und die Literatur gibt, dann ist es wohl dieses Buch.

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Buchhändler in der Pariser Altstadt. Bild: https://pixabay.com/de/users/Adolesco-2053753/

„Paris hat kein Ende, und die Erinnerung eines jeden Menschen, der dort gelebt hat, ist von der jedes anderen verschieden. Wir kehrten immer wieder dorthin zurück, ganz gleich, wer wir waren oder wie es sich verändert hatte, oder unter welchen Schwierigkeiten oder mit welcher Mühelosigkeit man hingelangen konnte. Paris war es immer wert, und man bekam den Gegenwert für alles, was man hinbrachte. Aber so war das Paris unserer ersten Jahre, als wir sehr arm und sehr glücklich waren.“

Ernest Hemingway, „Paris – ein Fest fürs Leben“, Rowohlt Verlag.

Wenn es eine Hymne auf das Paris der 20er-Jahre, das Paris der amerikanischen Bohème zu dieser Zeit, auf das Leben, die Liebe und die Literatur gibt, dann ist es wohl dieses Buch: „Paris – ein Fest fürs Leben“. Ernest Hemingway beschreibt darin seine Pariser Jahre von 1921 bis 1926: Ein junger Schriftsteller mit dem eisernen Willen zum Erfolg, vom Ehrgeiz getrieben, vom Staunen überwältigt. Mit Hadley, seiner ersten Frau, und dem Baby Bumby lebt er arm, aber glücklich. Streunt durch die Stadt, auf der Suche nach gelebter Literatur – und stößt so auch auf „Shakespeare and Company“:

„Damals hatten wir kein Geld, um Bücher zu kaufen. Ich borgte mir Bücher aus der Leihbibliothek von Shakespeare and Company; das war die Bibliothek und der Buchladen von Sylvia Beach in der Rue de l`Odéon 12. Auf einer kalten, vom Sturm gepeitschten Straße war hier im Winter ein warmer, behaglicher Ort mit einem großen Ofen, mit Tischen und Regalen voller Bücher, mit Neuerscheinungen im Fenster und Fotografien berühmter Schriftsteller, sowohl toter wie lebender, an der Wand. (…)
Als ich zum ersten Mal den Buchladen betrat, war ich sehr schüchtern, und ich hatte nicht genügend Geld bei mir, um der Leihbibliothek beizutreten. Sie sagte mir, dass ich den Beitrag jederzeit, wenn ich Geld hätte, bezahlen könnte, und stellte mir eine Karte aus und sagte, ich könnte so viele Bücher mitnehmen, wie ich wollte.“

In den Erinnerungen, die zwar erst posthum veröffentlicht wurden, ist nachzuspüren, wie Hemingway zunächst mit beinah großen Augen im Salon der Gertrude Stein sitzt und das „spezielle“ Pariser Flair aufsaugt. „Endlich angekommen!“, scheint er den Lesern in den ersten Kapiteln zu erklären. Selbst die Probleme werden eher poetisch verbrämt:

„Aber Paris war eine sehr alte Stadt, und wir waren jung, und nichts war dort einfach, nicht einmal Armut noch plötzliches Geld, noch das Mondlicht, noch Recht und Unrecht, noch das Atmen von jemand, der neben einem im Mondlicht lag.“

Willi Winkler schrieb dazu in der Süddeutschen Zeitung:
„Vom Glück, vom reinen, kindlichen Glück handelt dieses Buch, und es teilt sich jedem Leser mit, der mit dem jungen Autor in einem noch nicht fashionablen Viertel aufwacht, wenn die Sonne die nassen Fassaden der Häuser trocknet.“

Hemingway schwärmt von den Begegnungen, ist überwältigt, gibt seiner fast ehrwürdigen Bewunderung – vor allem für Joyce – ihren Raum. Nur nach und nach wandelt sich der Ton, kommt der spätere, ältere, großmäuligere „Hem“ durch. Beispielsweise in den Kapiteln zu seinem wohl engsten Schriftstellerfreund F. Scott Fitzgerald. Hemingway geht wenig gnädig mit dessen Ehefrau Zelda um, nimmt den Kumpel spürbar in Schutz.

„Damals kannte ich Zelda noch nicht, und deshalb wusste ich nicht, mit welchem Handicap er belastet war. Aber wir sollten es bald genug kennenlernen.“

„Zelda hatte einen furchtbaren Kater. Am vergangenen Abend waren sie in Montmartre gewesen und hatten sich gezankt, weil Scott sich nicht betrinken wollte. Er hatte beschlossen, so erzählte er mir, ernsthaft zu arbeiten und nicht zu trinken, und Zelda behandelte ihn, als ob er ein Störenfried und Spielverderber wäre.“

Jedoch – auch wenn bei Veröffentlichung des Paris-Buches Fitzgerald bereits lange verstorben war – manches erscheint wie ein posthumer kleiner Verrat an der Freundschaft, wie purer Klatsch, wenn auch auf literarischem Niveau. So die Episode „Eine Frage der Maße“, als Fitzgerald Hemingway in einer Bar gesteht, Zelda habe ihm seine körperliche Ausstattung vorgeworfen.

 „Komm raus, ins Büro“, sagte ich.
„Wo ist das Büro?“
„Das WC.“

Wir kamen zurück und setzten uns wieder an unseren Tisch.
„Du bist völlig in Ordnung“, sagte ich. „Du bist okay. Dir fehlt überhaupt nichts.“

Trotz solcher Aus- und Abschweifungen: „Paris, ein Fest fürs Leben“ ist ein must-read. Auch eine wichtige Quelle für all jene, die aus dem Blickwinkel eines der wichtigsten Autoren den literarischen Aufbruch in die Moderne miterfahren wollen.
„Dieses Buch ist nicht nur ein herausragendes literarisches Werk, sondern auch ein Schlüsseltext zur Kulturgeschichte der Moderne. Das legendäre Paris der zwanziger Jahre ist in dieser Prosa wie in klaren Bernstein gebannt. Und es ist ein grandioses Porträt des Künstlers als junger Mann.“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung).
Hemingway hatte seine Pariser Aufzeichnungen aus den 20er-Jahren bei einem späteren Aufenthalt im Pariser Ritz 1956 wiederentdeckt und begann mit den Überarbeitungen seiner handschriftlichen Notizen. Dies zog sich über mehrere Jahre bis zu seinem Suizid hin. Das Buch wurde letztendlich von seinem Literaturagenten und seiner vierten Ehefrau Mary noch vollständig editiert und 1964 veröffentlicht. Aus diesem Gesichtspunkt werden die Pariser Episoden auch zu den wehmütigen Erinnerungen eines älteren, kranken Mannes, an eine Zeit, als noch alles möglich schien:

„Ich habe dich gesehen, du Schöne, und jetzt gehörst du mir, auf wen du auch wartest und wenn ich dich nie wiedersiehe, dachte ich. Du gehörst mir und ganz Paris gehört mir, und ich gehöre diesem Notizbuch und diesem Bleistift.“

Hemingway, der trotz seiner Macho-Attitüde, dieser Jäger- und Kumpel-Fassade, wohl ein weicher, zerbrechlicher Mensch war, von ständigen Selbstzweifeln geplagt, gerade was sein Schreiben anbelangt, erzählt in diesem Buch noch aus der Perspektive eines literarischen „Frischlings“, der lernen und Erfahrungen sammeln will. Und vor allem einen Helden verehrt – seine erste schüchterne Frage an Sylvia Beach lautet denn auch:

 „Wann kommt Joyce her?“

Es dauert, bis er mit dem Schriftsteller, den er – wie so viele andere dieses Zirkels, siehe Sylvia Beach und Djuna Barnes, – vergöttert und verehrt, kennenlernt. Zunächst kann er ihn nur durch ein Fenster betrachten. Wie ein Kind, das sich am Süßwarenladen die Nase plattdrückt:

„Wir waren vom Gehen wieder hungrig, und Michaud war für uns ein aufregendes und ein teures Restaurant. Dort aß Joyce damals mit seiner Familie. Er und seine Frau an der Wand – Joyce hielt die Speisekarte in einer Hand in die Höhe und beäugte die Speisekarte durch seine dicken Brillengläser, Nora neben ihm, ein herzhafter, aber wählerischer Esser, Giorgio dünn, geziert, mit gestriegeltem Hinterkopf, Lucia mit schönem, lockigem Haar, ein noch nicht ganz erwachsenes Mädchen. Sie sprachen alle Italienisch.“

Trotz der Verehrung für Joyce – der Ire wird in dem Buch nur an wenigen Stellen erwähnt, während anderen literarischen Größen, denen Hemingway begegnet, ganze Kapitel und Absätze gewidmet sind: Gertrude Stein, Sherwood Anderson, Ezra Pound und Fitzgerald sowieso. Vielleicht – aber dies ist reine Spekulation – eine Art selbstschützende Schreibhemmung: Um den verehrten Literaturgott nicht durch die falschen Worte vom Sockel zu holen. Dabei haben Hemingway und Joyce durchaus ihre gemeinsamen Erlebnisse gehabt. In einer Anekdote heißt es, Joyce, ein „kleiner, dünner, unathletischer Mann“, habe sich, wenn er und sein Trinkkumpel Hemingway in eine Kneipenschlägerei gerieten, hinter „Hem“ versteckt. Um aus sicherer Position den Amerikaner anzufeuern: „Deal with him, Hemingway, deal with him!“.

Was zumindest gesichert ist: Beide, sowohl Hemingway als auch Joyce, hatten schwerwiegende Alkoholprobleme mit gesundheitlichen, psychischen wie physischen Folgen. Das Paris der 20er-Jahre war ein Fest fürs Leben. Der Preis dafür würde später bezahlt.

23 comments on “Ernest Hemingway: Paris, ein Fest fürs Leben (1964).”

  1. Ich habe dieses Buch damals verschlungen!
    Es hat nichts am Zeitgeist verloren …. ich liebe Hemingway; bei Joyce quäle ich mich eher.

    Lg Petra

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    1. Liebe Petra,
      man sollte es bei einem Paris-Trip dabeihaben und auf Hemingways Spuren wandeln – das wäre sicher interessant zu sehen, wie sich das alles auch verändert hat. Na ja, Joyce ist ja schon ganz anders im Stil als Hemingway – beide sind Größen für sich. LG Birgit

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      1. Das habe ich längst gemacht. 🙂
        Bin auch die Wege gegangen usw.
        Im übrigen, lies „Madame Hemingway“ da erfährst du viel über joyce und fitzgerald; das buch geht auf jedes Detail ein.
        🙂

        lg Petra

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    1. Liebe Susanne,
      der alte Mann und das Meer ist ein einmaliges Stück Literatur – selten hat jemand so den Kampf mit den Elementen, mit sich selbst, usw. so präzise beschrieben.
      Allerdings: Obwohl ich Phasen der Ruhe und Zurückgezogenheit brauche – diese Art der Einsamkeit ist natürlich eher existentiell. Das wäre mir, denke ich, zuviel und zu heftig.
      Liebe Grüße Birgit

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  2. Früher das eigentlich wahre Paris. Ein wenig mag man es vermissen und im Grunde nur noch in solchen Büchern finden. Es ist im Zentrum links und rechts der Seine schon sehr museal und touristisch und trotzdem -mir geht es so- kann er erspürt werden, dieser Geist von damals. Darf ich das sagen, ohne in Kitsch-Verdacht zu geraten: ich liebe diese Stadt. Sie ist ganz nach meinem gusto. Und ich kann noch nicht mal französisch…..

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    1. Hallo Herr Hund,
      es kann noch erspürt werden – das stimmt. Beispielsweise ganz früh morgens, wenn die Touristen noch in ihren Hotelzimmern schlummern. Was macht das Mysterium dieser Stadt aus? Ich bin immer noch nicht dahinter gekommen. Aber ich kann ja auch kein französisch 🙂

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  3. Ich beschäftige mich ja auch schon eine ganze Weile mit Hemingway und Paris und dem literarischen Leben der Zwanziger. Da kommt dein Beitrag gerade zur rechten Zeit für mich. Lustig ist ja die Vorstellung, dass Hemingway und Joyce in Kneipenschlägereien verwickelt waren. Danke auch für den Link zum Briefwechsel zwischen Hemingway und Fitzgerald, der interessiert mich sehr. Die meisten Porträts seiner Kollegen sind im Paris-Buch ja nicht gerade schmeichelhaft. Liebe Grüße, Claudia

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    1. Liebe Claudia,
      es freut mich, dass Dir der Beitrag gelegen kommt. Ich finde tatsächlich auch, dass er sogar etwas hämisch an manchen Stellen wirkt, wenn er über andere Autoren schreibt…aber ganz anders in den Briefen an Fitzgerald. Der Briefwechsel ist zwar nicht sehr gut editiert, aber die Briefe an sich sind wunderbar! Viele Grüße Birgit

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      1. Das ist ja schade für Dich…aber nächstes Jahr ist wieder Bloomsday (und evt. ist es eh entspannter, den Bloomsday nicht am 16.6. mit all den Touristen zu begehen). Also gut, vielleicht bleibe ich jetzt mal literarisch zuhause. Oder mach was wirklich ganz abschreckendes literarisches gegen Reisefieber. Da hätte ich schon was in petto 🙂

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  4. Ich bin sehr oft in der Stadt und ich kann dir versichern, dass es so viel mehr ist als „nur“ das Paris von damals.
    Ich darf mich wieder im Oktober mit ihr beschäftigen und darauf freue ich mich schon sehr.

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  5. Liebe Birgit, wir haben wohl alle wunderschöne Zeiten erlebt in Paris, die uns jetzt wahrscheinlich speziell in Erinnerung kommen! Ich habe nicht gewusst, dass Hemingway und Joyce sich so nah waren und, da “ A Moveable Feast“ eines der Bücher Hemingways ist, dass ich noch nicht gelesen habe, werde ich es auf meine Liste setzen.Cari saluti Martina

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