William Faulkner: Schall und Wahn (1929).

Heidelberg (207)„Als der Schatten des Fensterrahmens auf die Vorhänge kroch, war es zwischen sieben und acht Uhr, und als ich die Taschenuhr ticken hörte, lag ich wieder in der Zeit. Sie hatte Großvater gehört und als Vater sie mir schenkte, sagte er, ich schenke dir das Mausoleum jeglicher Hoffnung und jeglichen Begehrens, wie furchtbar passend, dass du sie benutzen wirst, um die reducto absurdum* aller menschlichen Erfahrung zu erlangen, und sie wird deinen individuellen Bedürfnissen kein bisschen besser entsprechen als seinen eigenen oder denen seines Vaters. Ich schenke sie dir, nicht damit du immer an die Zeit denkst, sondern damit du sie ab und zu für einen Moment vergisst und nicht im Versuch, sie zu erobern, deinen letzten Atem verschwendest. Weil keine Schlacht je gewonnen wird. Schlachten werden nicht einmal geschlagen. Das Schlachtfeld offenbart den Menschen nur seinen eigenen Wahn, seine Verzweiflung, und der Sieg ist eine Illusion der Philosophen und Narren.“

*Falsche Form der lateinischen Wendung „reductio ad absurdum (wörtlich: Zurückführung auf das Widersinnige), der sogenannte Widerspruchsbeweis aus der Logik. Eine Aussage wird dadurch widerlegt, dass aus ihr der Widerspruch zu einer anerkannten These folgt.

„Schall und Wahn“, William Faulkner (OA: 1929) in der Neuübersetzung von Frank Heibert, 2014, Rowohlt Verlag.

Ähnlich wie sein Vater wird auch Quentin nicht versuchen, den Kampf gegen die Zeit aufzunehmen – am Ende dieses Tages, den Faulkner aus der Perspektive Quentins in einem mitreißenden Bewusstseinsstrom erzählt, wird der junge Mann sich das Leben nehmen, wird die Zeit damit nicht überwinden, aber vermeiden, er durch den Freitod, sein Vater, der sich zu Tode trinkt, zuvor durch Selbstmord auf Raten, durch das Ausschalten der Zeit im Rausch. Das Ticken der Uhr, das Läuten der Kirchenglocken ist ein Leitmotiv dieses grandiosen Romanes, von dem Faulkner selbst sagte, er sei ihm der liebste seiner eigenen Werke: Die Zeit, sie ist über diese Südstaatenfamilie, deren Niedergang der Nobelpreisträger aus vier Perspektiven beschreibt, hinweggegangen. Die Zeit der Compsons, deren einstmals grandioses Herrenhaus verlottert, sie ist vorbei. Schall und Wahn, Niedergang und Verzweiflung: Die Buddenbrooks auf amerikanisch, nur mit weitaus mehr Fleisch, Blut und Tränen.

„Das Leben ist an Gut und Böse nicht interessiert…Das moralische Gewissen des Menschen ist der Fluch, den er von den Göttern anzunehmen hatte, damit er von ihnen das Recht bekam, zu träumen.“

Dieses Faulkner-Zitat stellt der Verlag seiner Buchbewerbung voran – eine Essenz dessen, was auch die Figuren in „Schall und Wahn“ prägt, gebeutelt vom Leben, Opfer ihres Lebens, aber nicht frei von Träumen, auch wenn es vielleicht die falschen Träume sind, auch wenn sie vielleicht zum Scheitern verurteilt sind.

Die Welt ist ein Irrenhaus, und wenn du mit besonderem Pech gesegnet wirst, so wirst du in eine neurotische Familie hineingeboren: Schemenhaft, handlungsunfähig, in sich selbst verstrickt erscheint die ältere Generation – der Vater sich in den Alkohol flüchtend, die Mutter in ihr abgedunkeltes Zimmer oder wahlweise in unreflektiertes Jammern. Die vier Nachkommen wären sich selbst überlassen, blieben da nicht, gleichsam wie ein positives Gegenbild, die schwarzen Hausangestellten, vor allem in Gestalt von Dilsey, die für Liebe, Wärme, Fürsorge steht. Doch der moralische Bankrott ist unaufhaltbar: Quentin, der älteste Sohn, in Schuldgefühlen wegen der Liebe zu seiner Schwester Candance verstrickt, nimmt sich das Leben. Jason, Hauptfigur des dritten Kapitels, ist gefangen in seinen Minderwertigkeitsgefühlen. Er, der als jüngster weder studieren noch entfliehen konnte, ist der Ewig-zu-kurz-Gekommene, der aus Hader über sein Schicksal voller rassistischer und sonstiger Vorurteile steckt, der sich und anderen das Leben mit aller Macht noch vollends vergällt. Candance schließlich wird nach einer Schwangerschaft in eine ungeliebte Ehe getrieben, nach der Scheidung von der Familie verstoßen.

Lichtpunkte sind in diesen verstrickten Verhältnissen ausgerechnet die Underdogs, die scheinbar „Minderwertigen“: Der geistig behinderte Sohn Benjy, mit dem das Buch beginnt, die mütterliche Dilsey, mit der der Roman endet – eine Klammer, die dann doch etwas Trost spendet in einer heillos verfallenen Welt. „Schall und Wahn“ ist jedoch nicht nur inhaltlich ein herausforderndes Buch – sondern auch stilistisch ein Kunstwerk, eine Herausforderung, die zum Lesen im Fieberwahn führen kann und mit Nachschall belohnt. Philippe Djian schreibt in seinem Buch über seine maßgeblichen Schriftsteller („In der Kreide“, Diogenes Verlag) über Faulkner:

„Alle großen Werke haben mehrere Zugangsmöglichkeiten. Sie lassen nie jemanden vor verschlossener Tür. Sie führen uns immer auf die eine oder andere Weise dem Licht entgegen.“

Um Faulkner zu lesen, benötigt man eine Portion Unerschrockenheit. Die Orientierung am allein Schöngeistigen hilft da nicht weiter. Nochmals Philippe Dijan:

„Bei Faulkner stößt man auf viel Schweiß, viel Brutalität, viel Licht. Seine Protagonisten sind einfältige Menschen, gefallene Mädchen, Schwärmer, Rohlinge, Heilige und Märtyrer. Daher kann man sich leicht vorstellen, wie verdichtet diese berühmten Monologe sind, ihre düstere, von Blitzen erhellte Schönheit, ihre schwüle Atmosphäre, ihre schwindelerregenden Abgründe.
Faulkner ist ein Meister des Aufbaus. Darüber sollte man allerdings nicht das Wesentliche vergessen: die Macht seiner Worte, den poetischen Hauch, der sich wie ein undefinierbarer, unregelmäßiger leichter Wind erhebt, kommt und geht, sich um die eigene Achse dreht, zunimmt, bis er auf allen Seiten pfeift und heult und alles auf seinem Weg hinwegfegt.“

Dieser Windhauch, der zum Sturm wird: Er ist in „Schall und Wahn“ – unter allen Büchern Faulkners auch für mich das mitreißendste – besonders zu spüren. Welches Wagnis, einen Roman aus der Perspektive eines geistig Behinderten zu beginnen – doch schon dieser Monolog zeigt Faulkners ganze Kunst, seine Sprachmacht, sein Geschick im Aufbau. Es ist die leichte Brise, die Ruhe vor dem Sturm.

„Ich hab nicht geweint, aber ich konnte nicht aufhören. Ich hab nicht geweint, aber die Erde blieb nicht still, und dann hab ich doch geweint.“

Benjy ist der Seismograph, der in seiner ganzen geistigen Unmittelbarkeit (NICHT: Beschränktheit) die Strömungen aufnimmt und widergibt, die die Familie durchlaufen. Schon dieses Eingangskapitel eine tour de force, führt dann der Perspektivenwechsel zu Quentin zu einem inneren Monolog, der jenem Bewusstseinsstroms Mollys in „Ulysees“ durchaus vergleichbar ist (wenn auch weitaus kürzer). Sprach- und Perspektivenwechsel dann erneut hin zu Jason, das innere Auge des Tornados wird erreicht, Erschöpfung, Ruhe, vielleicht auch Neubeginn im Schlusskapitel.

Eine Herausforderung für den Leser, erst recht eine für den Übersetzer. Frank Heibert erläutert in einem Nachwort zur Neuausgabe beim Rowohlt Verlag seine Herangehensweise, beispielsweise den Verzicht auf Dialektanleihen:

„Zu Faulkners beherzten literarischen Wagnissen gehört auch seine Art, mündliche Sprache zu verschriftlichen. Wann immer schwarze Figuren zu Wort kommen, notiert er, sozusagen in ausgeschriebener Mimikry, ihre Aussprache, fast eine Transkription: ein auffälliges Mittel, um die Eigenständigkeit der Sprecher und ihren Abstand zu den weißen Herren zu markieren, und eine weitere ästhetische Qualität dieses an literarischen Höhepunkten reichen Romans. (…).
Dass William Faulkner das Black American English der schwarzen Underdogs zur Literatursprache erhebt, ist politisch wie sprachlich ein starker Effekt. Für die Übersetzung ist es die größte Herausforderung. Es handelt sich um eine regional wie sozial geprägte Variante des Englischen, also Dialekt und Soziolekt zugleich. Das übersetzerische Dilemma ist offensichtlich: Wie lässt sich Dialektales übersetzen? Dialekte sind an Regionen geknüpft. (…). „

Christopher Schmidt nannte in einer Besprechung in der Süddeutschen Zeitung die Übersetzung durch Frank Heibert „titanisch“. Tatsächlich ist sie im Vergleich zu der älteren Übertragung von Helmut M. Braem und Elisabeth Kaiser (erhältlich beim Diogenes Verlag) kunstvoller, näher am Original, trotz des Verzichts auf Dialektismen. Und allein schon wegen Heiberts Gedanken zur Unübersetzbarkeit des Titels „The Sound and the Fury“ lohnt sich diese Ausgabe. Entlehnt hat Faulkner dieses aus Shakespeares „Macbeth“. Das Leben,

„a tale told by an idiot, full of sound and fury, signifying nothing“.

Mehr gibt es nicht zu sagen.

Veröffentlicht von

Das Literaturblog Sätze&Schätze gibt es seit 2013. Gegründet aus dem Impuls heraus, über Literatur und Bücher zu schreiben und mit anderen zu diskutieren.

27 thoughts on “William Faulkner: Schall und Wahn (1929).

  1. Was für eine Besprechung, so schön auf den Punkt, so begeistert. Und wie so oft: Auch ich brauche ein bisschen Unerschrockenheit für deine Texte, setzen sie mir doch wieder längst Vergessenes auf die Lesewunschliste.

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  2. Liebe Birgit,
    .

    Danke!

    Fast jeder neue Deiner Beiträge ist wie ein bisschen mehr Sauerstoff für meine Atemluft, doch dieser ganz besonders, hab Dank dafür.

    Félix

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  3. Liebe Birgit, das ist ganz famos, wie du wieder einmal die Neugier-Fäden knüpfst. So einen „Seismographen, der in seiner ganzen geistigen Unmittelbarkeit … die Strömungen aufnimmt und wiedergibt, die die Familie durchlaufen“ (sooo schön beschrieben!), habe ich gerade erst erlebt. „Schall und Wahn“ landet schon deshalb auf der Leseliste. Und das Buch von Djian, aus dem du zitierst, gleich mit. Was habe ich „Betty Blue“ geliebt!

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    1. Liebe Maren,
      das freut mich, den Faulkner ist ja kein leichter Brocken. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass er Dir gefällt. Hoffe ich jedenfalls. Ach ja, Betty Blue…möchte ich endlich mal wieder lesen und dazu den großartig verstörenden Film sehen.

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      1. Oh ja…ähnlich wie die Liebenden von Pont-Neuf. Ich pendle mich jetzt besser wieder ein, bevor ich heut noch französische Filme gucken tue…:-) Dir auch einen schönen Sonntag!

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  4. D’accord! Bin sehr einverstanden mit Ihrer Besprechung. Bin selbst ein williges „Opfer“ des unwiderstehlichen Sogs von Faulkners Büchern, insbesondere dem von Ihnen Besprochenen gewesen. Und jetzt also eine neue Ausgabe? Wieder ein lohnendes Wagnis? Gott, was würde ich geben, fähig zu sein, es im Original lesen zu können?
    Ich liebe ihn sehr, auch, da ich ihn so wenig verstehe.

    Vielen Dank für den Beitrag.
    Ihr Herr Hund

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    1. Der letzte Satz: Hervorragend. Faulkner, der unverstandene Geliebte oder auch geliebte Unverständliche. Die Übersetzung ist herausragend. Das Original las ich kurz nach Erscheinen (1929), als meine Englischkenntnisse noch weitaus besser waren. Herzlich, Bö

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      1. 🙂 Spaß beiseite. Habe mich gerade über die SWR-Besprechung gefreut. Auch dort ein Bezug zu den Buddenbrooks, wenn auch gegenteiliger Meinung zu mir. Aber immerhin – ich wußte nicht, dass Faulkner Mann-Verehrer war (was aber nahe liegt), das kam bei mir rein intuitiv. Ein bißchen Selbstbebauchpinselung darf ich jetzt schon treiben, in meinem hohen Alter.

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    2. P.S. aber ich halte einen Vergleich mit den Buddenbrooks für nicht stichhaltig. Und das sage ich nicht, weil ich als Mann-Freund an den Buddenbrooks hänge und vielleicht zu empfindlich wäre bei angedeuteter Kritik. Ich sehe da einfach zwei Bücher, die nebeneinander bestehen. Es gibt mehr als zwei Bücher über (mißratene) Familien.

      Falls interessiert ein Link zum Buch:

      http://www.swr.de/swr2/literatur/buch-der-woche/faulkner-william-schall-und-wahn/-/id=8316184/nid=8316184/did=13897684/akf9ce/

      Freundlichst
      Ihr Herr Hund

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      1. Lieber Herr Hund,
        meine Thomas Mann-Sticheleien müssen Sie mir nachsehen. Oder kontra geben. Ich kann sie mir sowenig verkneifen wie den Morgenkaffee. Vielleicht ist der Vergleich wirklich nicht stichhaltig genug – aber einige Parallelen gibt es…wobei eine Zusammenstellung von Büchern über mißratene Familien mich so oder so reizen würde. Irgendwann mal. Danke für den Link! Sätzebirgit

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      2. Das war das Maximum an Contra, das Sie bei mir erwarten dürfen. Ich bin kein Jünger, kein Proselyt. Und Sie waren weit davon entfernt, zu sticheln.
        Aber im Übrigen, demnächst werde ich zum Zauberberg einen Beitrag verfassen, natürlich auf meine besondere Art.

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      3. Proselyt…da musste ich jetzt tatsächlich googeln. Danke für die Bereicherung meines Wortschatzes! Ich bekenne: Manchmal neige ich aus reinem Jux und Dollerei zu Proselytismus. Daher freue ich mich jetzt schon auf den angekündigten Zauberberg-Beitrag der anderen Art 🙂

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      4. Wenn Sie mehr wissen wollen, lesen Sie „Über Proselytenmacherei“ von Georg Forster; hat mich damals während des Studiums einige Zeit beschäftigt (die Hausarbeit dazu wurde nie fertig)….ich kam lange gar nicht mehr heraus aus dem 18.Jh..

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      5. Kann ich verstehen…dass man mit Forster da steckenbleibt im 18. Jh. Habe ich leider bisher nur kurzgestreift, auch für eine Hausarbeit (politische Reiseliteratur dt. Schriftsteller), die wurde aber fertig 🙂

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      6. Ich fand es ziemlich spannend, so dermaßen in das Werk eines Publizisten wie Forster mich zu versenken; ich habe wirklich alles gelesen, sehr unmethodisch, aber gründlich.
        Und die „Ansichten vom Niederrhein“ liebe ich noch immer.
        Hat jetzt nichts mit Faulkner zu tun, deshalb, ein andermal.

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