Anthony Doerr: Alles Licht, das wir nicht sehen (2014)

Das mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnete Buch konnte mich nicht überzeugen. Denn die Grenze zum Kitsch ist manchmal schnell überschritten.

35 Kommentare

2015-04-16 11.32.34

Bild: Birgit Böllinger

Ich nenne es eine Pulitzer-Preis-Verschwörung: Es muss in der Jury in den vergangenen Jahren insgeheim die Entscheidung gefallen sein, im Bereich Belletristik vor allem Bücher auszuzeichnen, die durch ihr Volumen bestechen. Seitenmasse vor literarischer Klasse. Nun haben sie wieder zugeschlagen, die Liebhaber des dicken Buches – die jüngste Auszeichnung ging an Anthony Doerr, dessen Roman bei C. H. Beck in deutscher Übersetzung vorliegt: „Alles Licht, das wir nicht sehen“.

Ähnlich wie die zuvor preisgekrönten Werke – Donna Tartts „Distelfink und Adam Johnsons „geraubter Waise“ – hat dieser Roman für mich vor allem ein großes Defizit: Die Geschichte zerfleddert, hat ihre Längen, nimmt mich über die lange Strecke hinweg gesehen nicht bis zum Ende hin mit. Ebenso wie seine Pulitzer-Vorgänger ist dieser Roman stilistisch überwiegend durchaus gut, wenn auch konventionell erzählt, hat eine außergewöhnliche Geschichte im Mittelpunkt, ist thematisch also zunächst fesselnd…aber sie zerläuft im Sande an der Küste bei Saint Malo.

In nicht wenigen Rezensionen wird die poetische Sprache des Buches gewürdigt – für mich hangelte sich der Autor da nah an der Grenze zum Kitsch-Verdacht entlang. Ein Eindruck, den auch Hans-Peter Kunisch, der das Buch in der Süddeutschen Zeitung auseinandernahm, hatte:

„Erblinden ist eine Entdeckung der Unsicherheit: „(. . .) ihre Finger sind zu groß, immer zu groß. Was ist Blindheit? Wo eine Mauer sein sollte, greifen ihre Hände ins Leere. Wo nichts sein sollte, läuft sie gegen einen Tisch. Autos brummen durch die Straßen, Blätter flüstern am Himmel, Blut rauscht durchs Innenohr.“ Kurze, aber emotionsgeladen lyrische Sätze mit Human Touch setzen den Grundton. Doch je dicker ein Autor aufträgt, desto näher liegt die Grenze zum Kitsch. Doerr, der gern Flugblätter und Landschaften poetisch verzaubert („ein Morgen Ende Februar, die Luft duftet nach Regen und Ruhe“), setzt auf einfühlsames Pathos. Bei Marie-Laure trägt das noch am ehesten. In Untiefen aber gerät seine Sprache, wenn sie Werners Erziehung in der Napola schildert. Doerr legt auch hier viel Emphase in Atmosphäre und Charaktere. Aber statt der märchenhaften Zerbrechlichkeit um Marie-Laure entsteht, als saftiger Kontrast, ein übler Schauerroman.“

Zudem lässt sich an den drei genannten Büchern eines festmachen: Sie treffen vor allem den Zeitgeist. Spielt der Distelfink durch sein Ausgangsszenario mit den Terrorängsten der US-Amerikaner, nimmt Adam Johnson den mystischen Erzfeind der USA, Nordkorea, ins Visier. Doerrs Roman über eine Geschichte zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges kommt zum richtigen Zeitpunkt, da die Welt dieser Katastrophe mit symbolträchtigen Jubiläumsereignissen gedenkt.

Ich muss zugeben: Für mich sind die Auszeichnungen der 2010er-Jahre, Jennifer Egan ausgenommen, bislang eher enttäuschend. Literarische Konfektionsware. Die Fähigkeit, eine Geschichte stringent voranzutreiben, einfach und knallhart zu erzählen, die Kunst der Beschränkung auf das Wesentliche – sie sind verloren gegangen. Wurden geopfert auf dem Altar der ausufernden Erzählweise. Pulitzer-Preisträger früherer Jahre wie Steinbeck, Faulkner, Sinclair – sie besuchten die Schule des Lebens. Die Pulitzer-Preisträger unserer Tage studieren kreatives Schreiben. Vielleicht macht das den Unterschied.

Zur Verlagsseite mit weiteren inhaltlichen Angaben geht es hier.

35 comments on “Anthony Doerr: Alles Licht, das wir nicht sehen (2014)”

  1. Dieses Buch liegt bei mir auch schon auf dem Kurzzeit-SuB. Von vielen Seiten wurde es mir empfohlen. Dicke Bücher mag ich zwar recht gern lesen, aber Kitsch mag ich nur in absoluten Ausnahmefällen. Nun bin ich noch ein wenig neugieriger. Vielen Dank für das Teilen deiner Meinung zum Buch. LG Heike

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    1. Liebe Heike,
      auch wenn es so rüberkommt: Ich mag dicke Bücher auch gerne – das ist nicht mein Qualitätsmassstab 🙂 Immerhin habe ich einstmals den Idioten und den Spieler, Krieg und Frieden und andere dicke Russen sowie den dicken Dickens durchaus goutiert. Aber die letzten Pulitzerbücher fand ich einfach schwach (und das wird durch das Volumen sicher nicht besser). Ich bin jedenfalls sehr gespannt, wie Dir das Buch gefällt. Liebe Grüße Birgit

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      1. Es ist schon richtig bei mir angekommen. Dicke Bücher sind gut, wenn der Autor viel zu sagen hat. Wenn die Seiten mit Plattitüden und Herz-Schmerz gefüllt werden, bevorzuge ich auch eher die dünneren. Da sind wir uns wohl einig. So ein Preis, egal ob Pulitzer, Deutscher Buchpreis, Nobelpreis oder welcher auch immer, ist für ich maximal ein Lesetipp. Die damit ausgezeichneten Bücher können mir gefallen, müssen es aber nicht. In den letzten Jahren habe ich mit allen ein kleines Problem. Einzig Patrick Modiano habe ich recht gern gelesen. Aber die Preise werden ja nach subjektivem Ermessen vergeben und dem steht mein Lesegeschmack entgegen. Manchmal passt es, manchmal eben nicht.

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      2. So Preise geben natürlich die Chance, Neues kennenzulernen (insbesondere beim Nobelpreis auch Literaturen anderer Kontinente). Aber ich bin in den letzten Jahren, insbesondere was den Pulitzer und andere anbelangt, doch auch immer wieder enttäuscht gewesen – ich hatte mir literarisch da mehr erwartet.

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  2. So, mal ein like ohne den Beitrag vorher gelesen zu haben, einfach weil ich gerade in dieser Minute an der Rezension des gleichen Buches schreibe und versuche mich nicht beeinflussen zu lassen. Lustiger Zufall und wenn ich fertig bin lese ich den Beitrag auch, versprochen 😉

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  3. Ich kann’s nicht beurteilen, da nicht gelesen, aber da Du in Sachen Literatur Mastermind bist (ein Anglizismus von diesen Musik-Deppen, war ja klar ;-)), wird’s schon stimmen, was Du schreibst !! 😉
    Viele Grüße,
    Gerhard

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    1. Lieber Gerhard, jetzt hör aber mal auf, das Münchner Musikgenielicht so unter den Scheffel zu stellen. Danke für den Chen heute, by the way. DER Musikmastermindman bist schließen Du und ich nur ein kleines Literatur Licht mit Tunnelblick. 😈

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  4. So gerne ich diese Seite auch mag, aber diese Rezension erinnert mich stark an meinen Deutschlehrer, der „Wer die Nachtigall stoert“ als Trivialliteratur bezeichnete.
    Warum sollten Autoren nur einfach, stringent und knallhart erzaehlen? Wir muessten auf unzaehlige lebenswichtige Buecher verzichten: Die Strudlhofstiege, Die Murmeljagd, Ada oder das Verlangen, Gargantua und Pantagruel, etc.

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    1. Die von Dir genannten Bücher – Strudlhofstiege, Murmeljagd sowie Nabokov – sind sicher nicht stringent und knallhart. Aber sie haben eine grandiose literarische Qualität (Claudio hat die Murmeljagd hier ja hochgelobt). Und die sehe ich bei dem vorliegenden Buch von Doerr nicht – ich fand es eher ermüdend. von Doderer und Ulrich Becher waren Sprachjongleure, das kann man Doerr nicht nachsagen.

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  5. Liebe Birgit, schon die „Pulitzer-Preis-Verschwörung“ gefällt mir sehr – mehr aber noch dein weiterhin unbestechlicher Blick in den Text. Mir geht zu dem Thema „Literarische Konfektionsware“ einiges durch den Kopf – ohne dass ich es bislang leider auf einen vernünftigen Punkt bringen könnte. Aber dein Beitrag ermutigt mich, zumindest weiter danach zu suchen 😉 Viele Grüße!

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    1. Liebe Jutta,
      ja, das sind finstere Machenschaften, die zu dieser Verschwörung führen 🙂 Spaß beiseite: Ich weiß nicht, ob mein Blick unbestechlich ist, aber ich habe halt meinen eigenen Geschmack/Kopf. Und da überzeugten mich die letzten Pulitzerbücher (Donna Tartt mit Abstrichen – aber das hatten wir ja schon) nicht. Vielleicht sollte ich nur noch Bücher lesen, die keinen Preis bekommen haben…:-)
      Oder Bücher, die einen Preis verdient hätten, die aber nicht so sehr die Runde machen, aus welchen Gründen auch immer. oder vielleicht einfach weiterhin geschmäcklerisch sein.
      In diesem Sinne – ein Hoch auf wiederholte Verdächtigungen, ganz verschwörungsfrei 🙂

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      1. Von mir gibt es ein unbedingtes Plädoyer für: „geschmäcklerisch sein“ und das Hoch auf die „Wiederholten Verdächtigungen“ freut mich natürlich sehr! (Ich denke gerade darüber nach, wie ich 100 Tage „WV“ gebührend feiern kann – dein Hoch ist da doch schon mehr als nur ein Anfang 😉

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  6. Liebe Birgit,

    ich habe es wie Sabine gemacht und geliket, aber noch nicht gelesen – ich sitze nämlich gerade selbst noch an meiner Besprechung und bin, wenn ich damit fertig bin, schon ganz gespannt darauf, mehr von deinen Eindrücken zu erfahren.

    Was die Pulitzer-Preis-Verschwörung, auf die ich in der Überrschrift gestossen bin, betrifft: ich kenne mich mit diesem Preis nicht sonderlich gut aus, hatte aber bei der Verleihung an Adam Johnson das Gefühl, dass da nicht nur literarische Aspekte eine Rolle spielten, sondern vielleicht auch politische. So gut hatte mir der dicke Nordkorea-Roman nämlich nicht gefallen.

    Liebe Grüße
    Mara

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    1. Liebe Mara,
      heute machen mir es die Kommentatorinnen (also Du und Sabine) echt schwer – das ist eine neue Herausforderung, nicht zu verraten, was man über ein Buch geschrieben hat. Und die Entscheidung zu begründen.
      Aber ja, bei dem Johnson ging es mir auch so: Ich hatte den Eindruck, da spielt auch die Politik mit. Oder die Amerikaner lesen diese Bücher ganz anders wie wir (was auch in der Süddeutschen die Meinung zu Doerr war, aber ich darf ja nix sagen 🙂 )
      Viele Grüße, Birgit

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  7. Oh, und ich habe mich so auf den Doerr gefreut. Aber ich werde ihn lesen. Vielleicht ist gerade die Spannung jetzt größer, wenn es nich nur positive Stimmen gibt. By the way: Der „Distelfink“ und der Johnson-Roman haben mir nicht so gefallen, dass ich ihnen jetzt einen großen Preis geben würde. Bei dem einen ging mir die Drogensucht des Helden irgendwie auf den Keks, der Korea-Roman hatte eine etwas humorvolle Stimmung, die ich irgendwie nicht nachvollziehen konnte. Viele Grüße

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    1. Liebe Constanze,
      wie gesagt: „nur“ meine Meinung. Ich bin gespannt, wie Dir das Buch zusagt – zumal Du ja auch beim Distelfink und dem Johnson kein Pulitzer-Preis-Buch sahst. Mir war der Doerr zu „flach“. Ich freue mich auf Deine Rezension – bin sehr neugierig darauf! Viele Grüße Birgit

      PS: Und hier die Rezi zum Johnson, damit startete der Blog…https://saetzeundschaetze.com/2013/11/10/adam-johnson-das-geraubte-leben-des-waisen-jun-do-2012/

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  8. Dieser Post kommt mal wieder genau zur rechten Zeit – ich hatte schon damit geliebäugelt … nun lasse ich es vorerst sein. Eine mal wieder außerordentlich fundierte Rezension – gut begründet … zerfasern ist etwas, was mir auch gar nicht gefällt, mir aber in letzter Zeit auch ab und an unter kam.
    LG, Bri

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    1. Liebe Bri,
      danke sehr! Also ich meine, Du verpasst nicht so sehr viel…es zerfasert, schleicht manchmal so dahin, manches Mal zuviel Poesie, dann wieder ein magenkrebskranker böser Nazimensch (also unpoetisch ein anderes Klischee bedient) usw…freuen wir uns lieber auf den nächste Bryson oder Alire Saenz 🙂

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      1. wie öffentlich 😉 so ist das eben … man trifft sich immer … mehrmals 😉 Ja also der Poschenrieder der schreibt nicht nur gut, der hat das auch noch super konzeptioniert … bin auf deine Rezension gespannt, wird doch hoffentlich eine geben oder?

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      2. ich bitte darum!!! Intelligente Unterhaltung – das ist es. Auf jeden fall. ABer warte mal ab, bis Du durch bist … das ist noch mehr als Unterhaltung 😉

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  9. Liebe Birgit, dann bin ich beruhigt, zwar wollte das Buch in einer Buchhandlung mit mir anbandeln, aber mich überkamen angesichts des Klappentextes schon ernste Bedenken, von wegen überladen, nachempfunden etc.
    Im Übrigen finde ich es gerade schön, wenn wir unsere eigenen Lesevorlieben ausbilden und pflegen, sonst werden alle Blogs zu einer Einheitssoße. Und so lange die Meinungen begründet werden und fair bleiben, ist doch alles in Ordnung. LG, Anna

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  10. Liebe Birgit,
    ach, wie schön – erst die Pulitzer-Preis-Verschwörung und dann der kritisch erhobene Finger. Deinen Beitrag zu lesen hat Spaß gemacht, da braucht es dann den dicken Wälzer nicht. Umso gespannter bin ich auf die Meinungen der anderen Leserinnen, die ja bereits Beiträge angekündigt haben. Ist ja auch mal schön, sich ein Buch über diesen Weg zu erschließen 🙂
    Viele Grüße, Claudia

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    1. Liebe Claudia,
      nein, wenn Du jetzt schon Deinen Spaß hattest, brauchst du das Buch nicht mehr lesen 🙂
      Aber wo ist der kritisch erhobene Finger??? 🙂 (Spaß). Das erinnert mich immer nur so an diesen Lehrer bei Wilhelm Busch…
      Viele Grüße, Birgit

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