Vermessenes Land, verkaufte Ideale: Südafrika im Wandel

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Bild: Michael Flötotto

„Neil träumte vom Paradies. Er hatte ein schmales Buch fertiggestellt, in dem er seine Vorstellungen einer Idealgesellschaft erläuterte, das jedoch erst veröffentlicht werden konnte, wenn der Verbotserlass aufgehoben wurde. Aber es war fertig.

In einer Idealgesellschaft gäbe es keine Berufsgruppen. Keinen Platzwart. Keinen ordentlichen Professor. Keinen Studenten, der nicht gleichzeitig Lehrer, Forscher und Handwerker war, jemand, der mit Herz und Hand arbeitete. Es gäbe eine einheitliche Rechtschreibung. Mengen würden in Dezimalzahlen gemessen. In einer Idealgesellschaft gäbe es keine Währung, kein Erbe, kein Gehalt, keine Dividende. Es gäbe weder Konkurrenz noch Wettkampf. Jeder Mann und jede Frau könnten sich einen Platz an der Sonne suchen.“ 

Imraan Coovadia, „Vermessenes Land“, OA 2014, 2016 in der Übersetzung von Susann Urban erschienen im Wunderhorn Verlag, Heidelberg.

An einem Tag im Jahre 1976 spinnt sich der Philosophie-Dozent Neil beim Morgenschwimmen diese utopischen Gedanken aus. Wenige Stunden später ist der weiße Intellektuelle, der bei Sartre in die philosophische Lehre ging, tot. Erschossen von Schergen des Apartheid-Regimes.

Neil und seine erste Frau Ann, die sich später im Londoner Exil für die Anti-Apartheids-Bewegung engagiert, deren künstlerisch ambitionierter Sohn Paul, die Mitglieder einer indischen Großfamilie, ein Widerstandskämpfer, ein Dieb, Aufsteiger und Goldgräber, Widerständige und Nutznießer, Revolutionäre und Rabauken: Der im südafrikanischen Durban geborene Imraan Coovadia lässt in seinem Episodenroman „Vermessenes Land“ eine Vielzahl von Protagonisten die Bühne betreten. Ihre Schicksale sind jeweils mehr oder weniger lose miteinander verknüpft. Sie treten jeweils für einen Tag, der geschildert wird, in den Mittelpunkt einer Episode – zehn Tage, über vier Jahrzehnte verteilt, vier Jahrzehnte, in denen sich die neue Republik von Südafrika herausbildete.

Geschickt entfaltet Coovadia so das literarische Panorama eines Landes, das nach extremster Unterdrückung des zahlenmäßig überwiegenden Anteils der Bevölkerung vom Zweiklassensystem in eine junge Demokratie überführt wurde. „Vermessenes Land“: Der Titel wirkt dabei durchaus doppelbödig. Denn schon während das weiße Apartheid-Regime noch an der Macht ist, ist Südafrika eindeutig vermessen: Hier die Siedlungen der wohlhabenden weißen Elite, der Buren, dort die Townships, in denen die farbige Bevölkerung ihren alltäglichen Überlebenskampf führen muss.

20170104_133437_resizedDoch auch nach dem Ende des politischen und strukturellen Rassismus lebt die mentale, ideologisch verankerte Apartheid weiter, wie Coovadia zeigt. Und zudem ist das moderne Südafrika von einer weiteren Art der Landvermessung geprägt. Denn einher mit der Demokratie geht nicht, wie es sich der Philosoph Neil erträumte, eine Gesellschaft der Gleichen. Sondern auch die bis dahin Unterprivilegierten versuchen, am Raubtier-Kapitalismus teilzuhaben: Ob man hier auf dem Schwarzmarkt mit Mobiltelefonen, mit einem Mercedes oder U-Booten jongliert, bleibt sich fast gleich, Hauptsache ist, der Ertrag stimmt. So ist das Land auch nach der Apartheid bereits wieder vermessen, aufgeteilt unter jenen, die nach Jahren des Embargos am wachsenden Wohlstand teilhaben wollen. 

„Sie lebten in einem Land, das es eilig hatte, waren auf dem Weg irgendwohin und jeder wollte, so schnell es ging, reich werden.“

Es ist ein zugleich kritischer und desillusionierter Blick, den Coovadia in diesem Roman – wie durch die Augen eines Neils, der, wäre er nicht getötet worden, zugleich die Erfüllung und das Scheitern eines Traums hätte erleben müssen – auf sein Heimatland wirft.

Das Ende der Rassentrennung wurde blutig erkauft: 

„Wenn du verhaftet wurdest, durften die Zeitungen nicht darüber berichten. Hattest du Glück und kamst wieder frei, ob du gesungen hattest oder nicht, wolltest du nichts mehr sagen. Manche erholten sich nie wieder. Der Freiraum, den Mutter und ihre Schwestern ihrem Helden einräumten, war ungewöhnlich. Unter den Naidoos und Naickers herrschte die Meinung, wer sich in die Politik einmischte, bekam, was er verdiente. Wenn sogar ein Weißer wie der angesehene Professor Hunter in seinem eigenen Haus erschossen wurde, konnte sich ein Inder erst recht nicht aus dem Fenster lehnen.“

Und auch nach der Zeitenwende in Südafrika geht das Bluten weiter. Coovadia beschreibt, ohne jemals seine ruhige Erzählebene zu verlassen und etwaige Sensationsgelüste seiner Leser zu kitzeln, die alltägliche Gewalt, die sich in den Townships entlädt; das Aufkommen der AIDS-Katastrophe, die von der Politik negiert wird; die Kriminalität, die auf den Straßen (auch zu Zeiten der Fußball-Weltmeisterschaft, die wirtschaftlichen Aufschwung bringen sollte) herrscht. 

„Vermessenes Land“ macht deutlich: Dieses Land Südafrika hat noch lange an seiner Vergangenheit zu knabbern. Gerechtigkeit kann nicht ausschließlich politisch hergestellt werden, die Wunden, die das Buren-Regime schlug, sie brauchen noch ihre Zeit zur Heilung.

Interessant an dem Episodenroman ist es, dass er die spezielle Sicht der indischen Bevölkerung in den Blick stellt – für mich war das neu, bislang kannte ich nur die Romane von Nadine Gordimer und J. M. Coetzee sowie das biographische Buch von Breyten Breytenbach („Wahre Bekenntnisse eines Albino-Terroristen“). Zudem lässt der Autor fiktive und reale Figuren auftreten – im Hintergrund fallen natürlich die Namen von Nelson Mandela und Bischof Tutu, Präsident Mbeki, der tatsächlich die AIDS-Seuche ignorierte, kommt in einer Episode als Boss vor. 

Um allen Hinweisen folgen zu können, sind gewisse Kenntnisse notwendig – hier kann man sich beispielsweise bei www.suedafrika.net über den historischen und politischen Hintergrund informieren. 

Literarisch ist der Stil Coovadias zwar (noch) nicht mit dem der beiden Literaturnobelpreisträger seines Landes vergleichbar. Doch Coovadia, der an der University of Cape Town Literaturwissenschaft und kreatives Schreiben unterrichtet, ist ein guter, stringenter Erzähler, der die verschiedenen Fäden seiner Episoden souverän in der Hand hält. Vor allem Dialoge beherrscht er perfekt, sie beleben diesen im Grunde zutiefst politischen Roman und verdeutlichen, dass das auch geht: Engagierte Literatur lebendig schreiben.

Erschienen ist „Vermessenes Land“ in der Reihe „AfrikAWunderhorn“, die deutschsprachigen Lesern zeitgenössische afrikanische Literatur näherbringt. Herausgeberin ist Indra Wussow.

Eine weitere Besprechung findet sich hier:
https://storiesonpaper.net/2017/01/02/10-tage-in-suedafrika-vermessenes-land-von-imraan-coovadia/

Mehr Informationen zum Buch beim Verlag:
http://www.wunderhorn.de/content/buecher/pool/978_3_88423_533_1/index_ger.html

11 comments on “Vermessenes Land, verkaufte Ideale: Südafrika im Wandel”

  1. Die Vermessung der Welt mithilfe der Literatur geht also weiter. Ich war im letzten Jahr kurz vor den Ferien in einer Ausstellung im British Museum über die Entwicklung der Kunst in Südafrika. Ich will mich noch ein bisschen tiefer mit den Informationen beschäftigen, bevor ich dazu etwas schreiben kann. Es ist ein Land mit einer sehr komplexen Geschichte. Es gibt viel Schlechtes, aber gleichzeitig fand ich es immer bewundernswert, dass das Land nie in die gleichen Tiefen abgestürzt ist wie andere afrikanische Länder. Das stimmt mich auch irgendwie hoffnungsvoll. Liebe Grüße und einen schönen Tag, Peggy

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    1. Liebe Peggy, auf diesen Beitrag über die südafrikanische Kunst freue ich mich jetzt schon sehr … ich habe Mitte/Ende der 80er viel über Südafrika gelesen, jetzt hole ich gerade einiges nach … da passt ein Beitrag von Dir hervorragend. Herzliche Grüße, Birgit

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  2. Liebe Birgit, mal wieder ein Schätzchen, das völlig an mir vorbei gegangen wäre. Danke mal wieder – indische Bevölkerung in Südafrika, was ich nicht alles nicht weiß … es gibt noch so viel zu lesen. LG, Bri

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    1. Die Auswanderung der Inder nach Südafrika hat eine lange Geschichte – in dem afrikanischen Land leben die meisten Inder weltweit außerhalb Indiens, soweit ich weiß, bilden sie über 3 Prozent des Bevölkerungsanteiles. Gandhi verbrachte über zwei Jahrzehnte dort und entwickelte eigentlich hier sein Bewußtsein für Rassismus und gewaltfreien Widerstand: http://www.satyagrahahouse.com/de/Gandhi-in-S%C3%BCdafrika
      Über die indische Bevölkerung in Afrika kannst Du mal ein paar Basisinfos über Wikipedia holen, die scheinen mir relativ verläßlich: https://de.wikipedia.org/wiki/Inder_in_S%C3%BCdafrika

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      1. Ja, ich habe gerade mit meinem Süßen darüber gesprochen und der sagte sofort: Gandhi war doch lange in Südafrika als Anwalt tätig. Das weiß ich natürlich eigentlich schon, habe ich nur nicht in den Zusammenhang gebracht. Krass, wie sehr man die eigenen Schubladen verstauben lässt 😉 Danke für die Links!!

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      2. Man kann ja auch nicht das ganze Weltgeschehen im Kopf behalten … ich habe mich jetzt auch erst wieder an einiges, was ich mir vor 20 Jahren über Südafrika angelesen habe, erinnert. Aber dazu ist Literatur ja auch gut: Sie ruft aus den Tiefen unseres Gedächtnisses wieder einiges hervor 🙂

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  3. Danke für die interessante Empfehlung und Besprechung. Schon sehr lange her, 1982, reisten wir nach Südafrika mit einer Studiengruppe und lernten die Apartheid-Politik hautnah kennen. Im Team war eine „schwarze“ Südafrikanerin, mittlerweile mit deutschem Pass, und so gab es bittere und tränenreiche Szenen, als wir gemeinsam mit dem Zug fuhren, in ein Restaurant gehen oder am Strand baden wollten.
    In Johannesburg gab es einen Gerichtstermin zum Tod des Gewerkschaftars Neil Aggett in Polizeigewahrsam.
    Wir hatten unter anderen Alan Paton gelesen, „Cry, the Beloved Country“ („Denn sie sollen getröstet werden“). Es’kia Mphahlele traf ich, den Autor von „Down Second Avenue“.
    Gandhis Haus nähe Durban war eindrucksvoll, es ist wohl nicht das Haus bei Johannesburg aus dem obigen Link.
    Zuhause boykottierten wir die „Früchte der Apartheid“ und protestierten gegen die Finanzierung der Apartheid-Regierung durch deutsche, britische und amerikanische Banken.
    Dass das Apartheidregime Nelson Mandela freigab, schließlich fiel, und sich die Regenbogen-Nation mit einer neuen Verfassung bildete, war befreiend. Dass mit dem Ende der Rassenpolitik nicht alle Konflikte zu lösen waren, empfinde ich bedauerlich, gleichwohl teilweise verständlich. Landeigentum, AIDS-Politik und anderes sind zu lösen.
    Gleichwohl hoffe ich, dass das Modell der Wahrheits- und Versöhnungskommission von Desmond Tutu und anderen nachhaltig und aufklärend wirkt.
    Nkosi sikelel’i Afrika …

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    1. Danke für das Teilen Deiner Studienreise-Eindrücke … (und ja, das Buch von Paton las ich seinerzeit auch, das ist mir jetzt dank deines Kommentars wieder gegenwärtig). Eigentlich zeigt das aber auch, wie groß das Interesse an Südafrika hierzulande war, als die Apartheid noch existierte – ich erinnere mich auch an ähnliche Studienreisen, die mir in den 80ern auffielen, das Engagement in kirchlichen und anderen Jugendgruppen, etc. Bin ich vielleicht davon selbst schon zu weit entfernt und täusche mich oder ist es doch ein richtiger Eindruck: Mit Ende der Apartheid erlöschte auch das große Engagement, das Interesse? Dabei hätte Südafrika ebenso wie die anderen afrikanischen Länder nach wie vor auch unser Interesse an den politischen Vorgängen dort sehr, sehr notwendig. An Südafrika zeigt sich ja konkret: Jahrzehnte der Gewaltherrschaft lassen sich nicht, auch wenn die Hoffnung groß war, mit einer Verfassungsänderung wegwischen. Ich lese dazu derzeit auch den Roman „Die Hauswaffe“ von Nadine Gordimer, 1996, sehr beeindruckend…

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