Rose Ausländer – Wer wird sich meiner erinnern wenn ich gehe?

Wie es ist, Vaterland und Muttersprache zu verlieren, eine Überlebende zu sein: Immer wieder thematisierte Rose Ausländer dies in ihren Gedichten.

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Bild: Rose Böttcher
Bild: Rose Böttcher

Manche haben sich gerettet

Aus der Nacht
krochen Hände
ziegelrot vom Blut
der Ermordeten

(Aus „Schallendes Schweigen“)

Rose Ausländer (1901-1988)

Die Nächte der Rose Ausländer zwischen 1941 und 1944, ich mag mir sie nicht vorstellen. 1941 wird die jüdische Bevölkerung in Czernowitz von den Nationalsozialsten und deren rumänischen Schergen in einem Ghetto zusammengetrieben. Dem Transport in ein Arbeitslager und der Zwangsarbeit, die meist im Tod endete – wie bei der jungen Dichterin Selma Meerbaum-Eisinger – entkommt Rose Ausländer, weil sie im Ghetto in Kellerverstecken untertaucht. Unter den einstmals 60.000 Juden in Czernowitz ist sie eine der wenigen Überlebenden.

Wir feiern das Fest der Abwesenden
mit verschollenen Freunden

(Aus „Das Fest)

Gedenktafel am Geburtshaus in Czernowitz
Gedenktafel am Geburtshaus in Czernowitz

Hunger, Arbeit, Todesnot – der Gruppe um Rose Ausländer und Paul Antschel, der sich später Paul Celan nennt, helfen Gedichte, um diese Zeit zu überstehen. Rose Ausländer, die Älteste unter ihnen, hat da bereits veröffentlicht, Lebens- und Welterfahrung gesammelt. „Schreiben war Leben. Überleben!“ notiert sie später.

Sie wird 1901 als Rosalie Beatrice Scherzer im damals noch österreichischen Czernowitz geboren. Schon als Schülerin kommt sie mit ihren Eltern nach Budapest und Wien, kehrt aber immer wieder in ihre multikulturelle, geistig blühende Heimatstadt zurück, wo sie 1919 ein Gaststudium der Literatur und Philosophie an der Universität beginnt.

Die frühen Gedichte beschreiben eine einzigartige Geistesatmosphäre in dieser Stadt, die heute in der immer noch gebeutelten Ukraine liegt:

Der Spiegelkarpfen
in Pfeffer versulzt
schwieg in fünf Sprachen

(Aus „Cernowitz“)

„Warum schreibe ich? Vielleicht weil ich in Czernowitz zur Welt kam, weil die Welt in Czernowitz zu mir kam. Jene besondere Landschaft. Die besonderen Menschen. Märchen und Mythen lagen in der Luft, man atmete sie ein“, so äußert sie sich später über ihre geistige Heimat. Sie erinnerte sich an die jiddischen Dichter Elieser Steinberg und Itzig Manger, die deutschsprachigen Autoren Paul Celan und Alfred Margul-Sperber, der sie entdeckte. Und an eine einmalige Kulturlandschaft, eine blühende, multikulturelle Metropole, die zerschlagen wurde im Wahn des Krieges und des nationalsozialistischen Terrors.

Aus „In jenen Jahren“:

In jenen Jahren
war die Zeit gefroren:
Eis so weit die Seele reichte.

Bereits mit 17 schreibt Rose Ausländer Verse, Ideen in ihr Tagebuch, steht fest, „dass Lyrik mein Lebenselement war“. Doch zunächst kommen die Erfahrungen, dann die Literatur. 1920, nach dem Tod des Vaters wandert sie gemeinsam mit dem Studienkollegen Ignaz Ausländer in die USA aus. Dort arbeitet sie als Redakteurin und veröffentlicht bereits ihre ersten Gedichte. 1926 erhält sie die amerikanische Staatsbürgerschaft – die sie 1937 wegen ihrer langen Abwesenheit von den USA wieder verliert. Ob die Staatsbürgerschaft sie vor dem Ghetto bewahrt hätte? Und schließlich die Frage, die einen seltsamen, beinahe zynischen Unterton hat – was hätte dies für ihre Lyrik später bedeutet, ein Betrachten des Wahnsinns aus der Ferne?

„Wir treffen uns
hinter der Heimat
im Haus mit
gebrochenem Flügel“

(Aus: „Entfremdung“).

„Alle Dichter schöpfen in ihren Texten aus ihrem Erleben. Eine so enge Verknüpfung von Leben und Werk wie bei Rose Ausländer ist aber ungewöhnlich, selten, vielleicht einmalig“, meint Helmut Braun, Herausgeber ihrer Gedichte beim S. Fischer Verlag. Braun macht unter den fast 3.000 Gedichten, die Rose Ausländer in ihrem langen Leben schrieb, mehrere Hauptthemen, Kapitel, aus – Werke über die Kindheit und Jugend in der Bukowina, die Gedichte über das Judentum, über die Shoa-Erfahrung und das Exil, Texte über das Schreiben und die Heimat Sprache sowie Gedichte über wesentliche, existentielle Lebenserfahrungen – die Liebe, das Älterwerden, den Tod. Alles zusammengefasst an Lebenserfahrung findet sich in dem Gedicht „Ich vergesse nicht“, eine Aufzählung dessen, was prägte: Elternhaus, Mutterstimme, die Bukowina, New York, der erste Kuss, das Darben im Keller, das bittersüße Amerika.

Wir suchen
im Hudson eine bleibende Fabel
die Gesetzestafel im Steinreich

(Aus: „Manhattan Am Sonntag“)

Die Liebe zur Mutter, die auch Heimat ist, führt die junge Frau zurück nach Europa, bis 1941 veröffentlicht Rose Ausländer weiter, lehrt Englisch, arbeitet als Übersetzerin, reist nach Paris, New York, wird geschieden, verliebt und trennt sich erneut – das Leben einer jungen, emanzipierten Frau, so erscheint es. Der Krieg, die Rassenverfolgung setzt dem allem ein Ende.

Nach der Shoa-Erfahrung ist auch ihr Schreiben nicht mehr dasselbe. Rose Ausländer überlebt, kehrt zurück in die USA – und verfasst ihre Gedichte bis 1956 ausschließlich in englischer Sprache. Es scheint, als habe sie neben der geographischen Heimat und der Mutter, die 1947 verstorben ist, auch die Heimat der deutschen Sprache verloren. „Warum schreibe ich seit 1956 wieder deutsch? Mysteriös, wie sie erschienen war, verschwand die englische Muse. Kein äußerer Anlass bewirkte die Rückkehr zur Muttersprache. Geheimnis des Unterbewusstseins.“

Mein Vaterland
ist tot
sie haben es begraben
im Feuer

heißt es in dem Gedicht „Mutterland“. Dazu wird nun: Das Wort.

Die Annäherung an das Land der Täter kann nur wieder schrittweise erfolgen. 1957 unternimmt sie eine erste Europareise, Rumänien und Deutschland meidet sie. 1964 übersiedelt sie nach Wien, ein Jahr später dann in die Bundesrepublik. Ab 1972 lebt sie im Nelly-Sachs-Haus in Düsseldorf, dem Elternheim der jüdischen Gemeinde, wo sie nach langer Bettlägerigkeit am 3. Januar 1988 stirbt.

Der Dichter
fügt wieder zusammen
das zerstückelte Lied

Trotz ihrer angegriffenen Gesundheit im Alter zählen ihre letzten Jahre mit zu den produktivsten – das Schreiben ist ihr ein Bedürfnis, „ein Trieb“. Helmut Braun, der ihren literarischen Nachlass verwaltet und Rose Ausländer ab den 70er Jahren einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht hat, war fasziniert von der ungeheuren Kreativität und Kraft dieser Dichterin, die auch angesichts des Sterbens dem Tod noch Worte abtrotzte. „Rose Ausländer lebte in der verzweifelten Hoffnung, das Schreiben noch möglich sei“, so Braun, „sie leitete ihre gesamte Identität aus ihrem Schreiben her.“

„Warum schreibe ich?
Weil ich, meine Identität suchend, mit mir deutlicher spreche auf dem wortlosen Bogen.“

Die Werkausgabe erscheint bei den S. Fischer Verlagen: http://www.fischerverlage.de/autor/rose_auslaender/183

Weitere Informationen zur Dichterin bietet die Rose Ausländer-Stiftung:
http://www.roseauslaender-stiftung.de/

37 comments on “Rose Ausländer – Wer wird sich meiner erinnern wenn ich gehe?”

  1. Schön, dass du auch Czernowitz so erwähnst. Das ist für unsereinen wahrscheinlich gar nicht mehr nachvollziehbar, wie ein Ort beteiligt sein kann an „geistiger Hochkultur“. Ich wollt als Paul Celan „Fan“ schon lange mal dahin fahren. Es liegt über diesen Menschen eine ganz eigene irgendwie ruhige Tragik finde ich!
    Danke für den schönen Beitrag!

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      1. Fällt mir gerade ein bisschen schwer, diese Zuversicht aufzubringen, aber es bleibt uns ja nichts anderes übrig, als darauf zu hoffen und unseren Mini-Anteil dazu beizutragen … Und andererseits ist es ja auch großartig und berührend, wie unfassbar viele Menschen sich mit den unterschiedlichsten Aktionen engagieren! Also höre ich jetzt ganz schnell mit dem Jammern wieder auf … Beste Grüße!

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  2. Liebe Birgit, auch von mir ein Danke für diesen schönen, informativen Beitrag. Ich kenne sie und ihre Gedichte schon eine Weile, ich mag ihre Art zu schreiben und zu erzählen sehr. Eine schöne Auswahl an Versen hast Du gewählt. Liebe Grüße von Nebenan

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      1. Danke für den Tipp! Ich wandere für alles erst mal in die Öffentlichen Bücherhallen, wie diese prächtige Einrichtung bei uns heißt, und schaue, leihe/lese und staune.
        Wobei ich mich tatsächlich übrigens gefragt habe, ob du für deine Bibliotheken-Reihe auch an einem „Nordlicht“ Interesse hättest.

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  3. Nie dürfen sie in Vergessenheit geraten diese Dichter, die uns auf andere Art begreifbar machen, welchem Schicksal sie ausgeliefert waren. Das hatte ich neulich meiner Bloglyriksammlung hinzugefügt

    Nicht fertig werden

    Die Herzschläge nicht zählen
    Delphine tanzen lassen
    Länder aufstöbern
    aus Worten Welten rufen
    horchen was Bach
    zu sagen hat
    Tolstoi bewundern
    sich freuen
    trauern
    höher leben
    tiefer leben
    noch und noch

    Nicht fertig werden

    ich mag Deine Besprechungen sehr und lese immer, auch wenn ich nicht so oft kommentiere.

    mit liebem Gruß
    Karin

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  4. Wer bin ich

    Wenn ich verzweifelt bin
    schreib ich Gedichte

    Bin ich fröhlich
    schreiben sich Gedichte
    in mich

    Wer bin ich
    wenn ich nicht
    schreibe

    Liebe Birgit,
    wie schön, dass du Rose Ausländers Frage – wieder einmal – so klar beantwortet hast: Du, ich, wir werden uns ihrer erinnern. Danke für diesen schönen Beitrag!

    Gefällt 2 Personen

    1. Liebe Maren,
      da hast Du ein besonders schönes und aussagekräftiges Gedicht herausgesucht – danke Dir sehr! Eben, ihre Gedichte: Sie gaben ihr Identität, Gewissheit, sogar Überlebenskraft. Und es ist schön, dass wir (Du, ich und andere) uns daher an diese besondere Frau erinnern können – und dort, wo es geht, die Erinnerung weitertragen. Dann macht Bloggen Sinn. Liebe Grüße und einen schönen Abend!

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      1. Ja ich auch immer wieder, ich finde die Veränderungen die ständig gemacht werden machen alles schlechter, ich mag auch den reader gar nicht mehr und ständig ist man am suchen und muß soviel rumklicken 😦

        Gefällt 1 Person

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