Sophia&Nathaniel Hawthorne: Das Paradies der kleinen Dinge (1843/2014).

Nach ihrer Hochzeit bezogen Sophia und Nathaniel Hawthorne 1842 ein altes Pfarrhaus – ihr Paradies der kleinen Dinge. Davon zeugt ihr gemeinsames Tagebuch.

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2015-04-24 10.33.48
Bild: Birgit Böllinger

„Wie glücklich Adam und Eva waren! Niemand drängte sich zwischen sie, und all die Unendlichkeit, die sie umgab, diente nur dazu, ihre Herzen enger aneinander zu binden. Wir lieben einander ebenso sehr wie sie, doch für uns gibt es keinen stillen und lieblichen Garten Eden. Meine Liebste, willst du mit mir fortsegeln, um irgendeine Sommerinsel zu entdecken? – Glaubst du nicht auch, dass Gott seit Anbeginn der Zeit eine für uns reserviert hat?“

Nathaniel Hawthorne an Sophia Peabody. Boston, 21. April 1840

Das Zitat ist dem gemeinsamen Tagebuch von Nathaniel und Sophie Hawthorne vorangestellt. “Das Paradies der kleinen Dinge” erschien nun zum 150. Todestag des amerikanischen Autors.

Nur noch knapp zwei Jahre soll es währen, dann findet Hawthorne mit seiner Sophia seinen Garten Eden (allerdings weniger in lieblicher denn in rauer Natur), sein „Paradies der kleinen Dinge“. Wie es aber immer so ist mit paradiesischen Zuständen: Glück, von außen betrachtet, kann auf Dauer etwas monoton wirken. So monoton wie die Gräuselungen auf dem Concord River. Der nämlich ist, so lässt es ein Tagebucheintrag von Nathaniel Hawthorne vermuten, eine recht zähfließende Angelegenheit.

„Doch wenn ich den Fluss als Ganzes betrachte, finde ich nichts, was sich besser zum Vergleich eignet als einer dieser fast reglosen Würmer, die ich ausgrabe, um sie als Köder zu benutzen. Der Wurm ist träge, und ebenso der Fluss – der Fluss ist schwammig und ebenso der Wurm – man weiß kaum, ob sie lebendig oder tot sind, doch mit der Zeit gelingt es beiden trotzdem davonzukriechen.“

Bei solchen Stellen atmet man als Leser beinahe erleichtert auf: Da ist er wieder, der gute, altvertraute Miesepeter, der Skeptiker vor dem Herrn (Peter Handke spricht in seinem Vorwort von „Hawthornes geradezu elementarer Reizbarkeit und Verdrießlichkeit), der in diesem Tagebuch ansonsten eher in den Fluten seiner Liebesprosa untergehen zu droht. Denn: Anstrengend kann es mitunter sein, den Erzählungen frischverliebter oder angetrauter Paare zu lauschen. Man freut sich mit dem jungen Glück, doch spätestens nach dem zweiten Video von Traumhochzeit und Honeymoon fällt das geduldige Zuhören schwer. Und nun stelle man sich vor, es handelt sich hierbei um ein Flittern, das sich über beinahe anderthalb Jahre erstreckt, das sich zudem in ländlicher Zurückgezogenheit und dadurch bedingter Selbstgenügsamkeit des Paares abspielt – und dies alles in Tagebuchform festgehalten.

Eine literarische Wiederentdeckung

Passend zum 150. Todestag des amerikanischen Schriftstellers Nathaniel Hawthorne, der am 19. Mai 1864 in Plymouth verstarb, veröffentlichte der Verlag Jung & Jung nun eine literarische Wiederentdeckung: Das gemeinsame Tagebuch des Autors, der insbesondere für seine düstere Abrechnung mit den puritanischen Vorfahren in „Der scharlachrote Buchstabe“ weltberühmt wurde, mit seiner ihm frisch angetrauten Frau Sophia. Die beiden bezogen unmittelbar nach ihrer Hochzeit im Juli 1842 ein altes Pfarrhaus – „The Old Manse“ in Massachusetts, das auch heute noch als Museum zu besichtigen ist. Ihr gemeinsames Leben halten sie in einem gemeinsamen Tagebuch, „The Common Journal”, fest, das sich bis zum November 1843 erstreckt. Dank der Übersetzung durch Alexander Pechmann kann nun auch der deutschsprachige Leser in „Das Paradies der kleinen Dinge“ eintauchen. Und wird zunächst einmal überrascht. Denn Hawthorne, der ein ähnlich düsteres Menschenbild pflegte wie andere Vertreter der amerikanischen Literatur seiner Zeit – beispielsweise Melville, mit dem er vorübergehend befreundet war, und Edgar Allan Poe – zeigt sich privat von einer helleren Seite. Statt dunkler Literatur-Romantik helle Liebes-Romanze. Es ist die „kleine Frau“, die Frieden seiner Seele bringt, die wilden Blumen zu zarten Gebinden ordnet und das karge Pfarrhaus wohnlich macht. Wäre nicht so viel echtes Gefühl aus diesen Zeilen zu lesen, was wiederum sehr anrührend wirkt – so wäre mancher Tagebucheintrag auch nahe am Kitsch. Oder von unfreiwilliger Komik, so Sophias Seelenerguss vom 9. Mai 1843:

„Liebster Gatte, du solltest nicht arbeiten müssen, vor allem nicht mit den Händen, & du hasst es zu Recht. Du bist ein Engel, der kam, die noch schlafende Natur & die Menschen zu beobachten, ohne dazu gezwungen zu sein, doch mit Fortpflanzung oder dem Wegräumen von alten Abfall abzumühen. Apollo inmitten seiner Herden hätte nicht so deplatziert aussehen können wie du mit Säge&Axt&Rechen.“

Mittelpunkt der amerikanischen Literatur

Man wünschte sich ab und an mehr vom Skeptizismus, der Hawthornes Werken ansonsten innewohnt, mehr von den kritischen Betrachtungen, die sich allerdings, mangels menschlicher Begegnungen, vor allem in den Reflexionen über die Natur Bahn brechen. Hawthorne, der am Rande dem Kreis der Transzendentalisten angehörte, hatte schon Erfahrungen mit back-to-the-roots gemacht, als er für ein halbes Jahr auf der Brook Farm lebte, einem frühen Kommune-Projekt. Dass dem nicht sein Lebensstil war, wurde dem schüchternen Mann relativ schnell deutlich. Die Zweisamkeit, so vermittelt es auch das Tagebuch, lag dem Schriftsteller mehr. Allerdings war „The Old Manse“ kein unbedacht gewählter Ort – in unmittelbarer Nähe lebte Ralph Waldo Emerson, Margaret Fuller kam häufig vorbeispaziert und Henry David Thoureau wurde ein beliebter Gesprächspartner von Hawthorne. So ist das Tagebuch ein Fundus für alle, die an dieser literarischen Epoche interessiert sind. Oder die die Geduld haben, einem schwärmerischen Paar zu folgen.

Man weiß es jedoch nicht, ob in dem „Common Journal“ nicht irgendwann doch Sprengkraft steckte – den Sophia hat es, nach Nathaniels Tod, streng zensiert, ganze Seiten darin vernichtet. So sind etliche private Einträge für immer verloren – so (verständlicherweise) ihre Gedanken nach ihrer Fehlgeburt. Aber vielleicht auch der eine oder andere Hinweis auf kleine Zwistigkeiten im Paradies. Wenn auch der Ton streckenweise zu elegisch anmutet, so betont Peter Handke im Vorwort zum Tagebuch zu Recht:

„Ihrer beider Liebesgeschichte ist in zweifacher Hinsicht eine Dreiecksgeschichte, erst einmal im Dreieck mit der Natur, und dann im Dreieck mit den Menschen, mit den Verwandten, stärker wohl noch mit den Freunden, insbesondere Emerson und Thoreau, die zu dem einstigen Pfarrhaus auf Besuch kommen.“

Die Naturbeschreibungen Hawthornes und seine Reflexionen dazu sind es, die dieses Tagebuch insbesondere lesenswert machen:

„Hohes Alter gibt Flieder, Rosenbüschen und anderen Ziersträuchern ein einmaliges Aussehen. Es scheint, als ob sie, die nur der Schönheit wegen wachsen, in ewiger Jugend gedeihen oder wenigstens sterben sollten, bevor sie hinfällig werden. Sie sind Paradiesbäume und deshalb naturgemäß nicht dem Verfall unterworfen, doch sie haben ihr Geburtsrecht verloren, als man sie hierher verpflanzte. Die Vorstellung eines altehrwürdigen Rosenbusches erscheint irgendwie lächerlich unpassend, und hierfür gibt es eine Entsprechung im Menschenleben. Menschen, die nur anmutig und dekorativ sein können – die der Welt nichts als Blumen geben können – sollten jung sterben und nie mit grauem Haar und Falten gesehen werden, so wie Blumensträucher kein Moos auf der Rinde und spärliches Laub haben sollten wie der Flieder unter meinem Fenster. Nicht dass Schönheit der Unsterblichkeit nicht würdig wäre – eigentlich ist nichts anderes dessen würdig -, und daher vielleicht das Gefühl der Unangemessenheit, wenn wir sehen, wie die Zeit über sie triumphiert. Apfelbäume andererseits werden tadellos alt.“

Zwischen dem Kampf gegen den Kürbiskäfer, der großen Raum einnimmt, Apfelernte und den Ziehen eigener Bohnen liegt die eigene schriftstellerische Tätigkeit jedoch brach, was ab und an zu reizbaren Ausbrüchen Nathaniels führt:

„Ich glaube, dass dieses Wetter Laune und Gemüt sehr ungünstig beeinflusst – es herrscht eine Verdrießlichkeit, eine Ruhelosigkeit, eine durchdringende Unzufriedenheit, in Verbindung mit einer absoluten Unfähigkeit, den Geist zu irgendeiner ernsthaften Anstrengung zu bewegen. Was literarische Produktion angeht, ist der Sommer für mich nutzlos und unrentabel gewesen, und ich kann nur hoffen, dass meine Kräfte sich für den Herbst und Winter erholen.“

Tatsächlich scheinen das Leben auf dem Lande, aber vor allem die Ehe mit Sophia auf lange Sicht heilsam für Nathaniel, der bis zu seinem 30. Lebensjahr etwa kaum Anerkennung für seine schriftstellerische Tätigkeit gefunden hatte, gewesen zu sein: Seine drei großen Romane, die ihn zu seiner Zeit berühmt machten, entstanden alle nach der Zeit in „The Old Manse“. Er fand und verstand, wo – so aus dem Verlagstext – das Paradies verborgen sein könnte: in den kleinen Dingen des Alltags.

6 comments on “Sophia&Nathaniel Hawthorne: Das Paradies der kleinen Dinge (1843/2014).”

  1. Ich habe kürzlich Nathaniel Hawthornes Roman „Das Haus mit den sieben Giebeln“ gelesen und rezensiert und finde in deiner Rezension vieles wieder, was auch den Kern dieses Romans ausmacht. So habe ich im Roman die ehrliche Zuneigung zu einfachen aber ehrlichen Menschen bewundert, und auch die Garten-Eden-Metapher ist allgegenwärtig. Nach dem Lesen deiner schönen Rezension scheinen mir die Themen, die du ansprichst essentiell für Nathaniel Hawthorne zu sein.

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    1. Hallo Frank,
      ja das sind sicher seine Kernthemen und, was im Tagebuch sowie dem scharlachroten Buchstaben stark hervortritt – die Auseinandersetzung mit der hyperpuritanischen Mentalität seiner Vorfahren sowie der Gründerväter der USA.

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