Edgar Hilsenrath: Das Märchen vom letzten Gedanken (1989).

2015-04-08 11.05.13„Es war ein heißer Junitag, als ich, der Märchenerzähler, dem allerersten Transport von fünftausend Armeniern hinterherflog. Ich war nicht durstig, denn ich hatte keinen Körper, aber ich hörte das Brüllen der Opfer, die schon am frühen Nachmittag, nach wenigen Stunden Marsch, anfingen, nach Wasser zu schreien. Je länger ich dem Transport hinterherflog, umso mehr fiel mir auf, wie sich die Reihen der Opfer lichteten. Mehr und mehr Alte und Schwache, Kranke und Krüppel, Erschöpfte und Verzagte blieben zurück und wurden von den Saptiehs erschossen. Was habe ich doch gesagt: Es war ein heisser Junitag? Gewiß, es war heiß. und allzu lange sollten die Toten nicht mehr auf der Straße herumliegen. Aber Allah, in seiner Weisheit und Voraussicht, hatte vorgesorgt. Denn er hatte die Geier der Luft und herrenlosen Hunde des Festlands auf die Fersen des Transports gehetzt. Und die waren zur Stelle, um den Toten die Kleider aufzureißen und das Fleisch von den Knochen zu nagen, ehe die Verwesung begann. Denn es war eine große Hitze.“

Edgar Hilsenrath, „Das Märchen vom letzten Gedanken“, 1989

Heuer jährt sich zum 100. Mal der Völkermord an den Armenieren. Bis zu 1,5 Millionen Menschen sind diesem systematisch geplanten Genozid in den Jahren 1915 und 1916 zum Opfer gefallen. Schon zuvor hatten die christlichen Armenier im Osmanischen Reich unter Pogromen und Verfolgung zu leiden. Doch ausgerechnet unter den Jungtürken, von denen sich diese bedrohte Minderheit im Vielvölkerreich Schutz erhofft hatten, kam es zur systematischen Ausrottung. Bei Massakern in den armenischen Gemeinden und auf den Todesmärschen kamen Hunderttausende Menschen um ihr Leben – ein Völkermord, der heute nach wie vor von vielen nicht als solcher bezeichnet wird, insbesondere nicht von der türkischen Regierung (aber nicht nur diese allein verweigert hier die Bezeichnung Genozid).

Edgar Hilsenrath, der immer streitbare Literat, hat ausgerechnet über dieses tieftraurige Ereignis sein eigentlich schönstes, poetischstes Buch geschrieben. Wer Hilsenrath und seine Bücher kennt – beispielsweise „Der Nazi & der Friseur“ oder „Fuck Amerika“ – der weiß, dieser Autor ist kein Mann der Zimperlichkeit. Das Groteske, oftmals auch das Derbe, das Überzeichnete, Satire, die ein Lachen hervorruft, das im Halse stecken bleibt, sind sein Metier. Und zugleich auch die schonungslose Abrechnung mit Systemen und Diktaturen, die oftmals auch kühl-detailliert geschilderte Grausamkeit, die in Verwandtschaft steht zu „Der bemalte Vogel“ von Jerzy Kosinski oder so auch in „Das große Heft“ von Ágota Kristóf zu lesen ist.

Der Blick auf das, was Menschen in der Lage sind, anderen Menschen anzutun, bleibt einem auch in diesem Roman über den Massenmord an den Armeniern nicht erspart. Zugleich aber ist die Geschichte gewandelt in ein orientalisches Märchen, üppig, mäandernd, farbenprächtig, voller Lebensglut und voller Poesie.

Der letzte Gedanke reist durch die Welt

Märchenhaft an sich ist schon die Erzählkonstruktion: Der letzte Gedanke eines Menschen steht außerhalb der Zeit, heißt es in einem orientalischen Märchen. Und so wird der letzte Gedanke des Armeniers Thovma Khatisian zum allwissenden Erzähler, der, praktisch als letztes Überbleibsel dieser Familie, gemeinsam mit dem Märchenerzähler Meddah zurückgeht in die Vergangenheit. Zurück zu den Wurzeln der Familie in den Bergen, zum Dorfleben in Yedi Su „dessen Bewohner verschwunden und deren Namen ausgelöscht wurden“, zurück in die Geschichte der Familie, geprägt von der Liebe und dem Zusammenhalt, aber auch der Armut, dem Willen zum Überleben und den ständigen Knechtungen durch die Türken. Der Gedanke fliegt in die Folterkammern des türkischen Militärs, belauscht die Beschlüsse der Machthaber, die den Genozid vorbereiten und begleitet schließlich die Familie auf ihrem Todesmarsch. Eine typische Hilsenrath-Volte: Thovma ist ein Kind dieses Marsches, kommt während dieses Marsches zur Welt, um später als Märchenerzähler „nach dem Zweiten Großen Kriege in den Kaffeehäusern von Zürich“ herumzusitzen und dort den „satten und behäbigen Bürgern dieser Stadt seine seltsame Geschichte“ zu erzählen. Denn Hilsenrath, selbst ein Überlebender der Shoah, führt den Vater Wartan direkt aus den Klauen der Jungtürken hinein in das Polen des Jahres 1943, wo Wartans letzter Gedanke auf dem Schornstein eines Verbrennungsofens zu sitzen kommt.

Kein niedliches Märchen

Täuschen darf man sich bei Edgar Hilsenrath nicht: Er schont seine Leser nie, niemals. Selbst ein als Märchen verkleideter Roman – immerhin auch als Taschenbuch-Ausgabe ein Märchen von weit über 600 Seiten – lässt der gnadenlosen, grausamen, brutalen Realität, mit der armenische Männer, Frauen und Kinder abgeschlachtet wurden – ausreichend Raum. Aber: Wer hat hier schon versprochen, das Märchen niedlich sind. Man führe sich nur die Nacherzählungen der Brüder Grimm vor Augen.

Edgar Hilsenrath, 1926 geboren, Sohn einer jüdischen Familie, erlebte Verfolgung und Massenmord, Genozid und Auslöschung eines, seines Volkes mit – zwar gelang 1938 die Flucht der Familie in die rumänische Bukowina, 1941 wurden sie jedoch von den rumänischen Helfershelfern der Nazis in ein Ghetto verschleppt und erst drei Jahre später von der Roten Armee befreit. Hilsenrath emigrierte schließlich nach Palästina, ging nach Frankreich und die USA. Mit seinen ersten Romanen hatte er in seinem Geburtsland wenig Erfolg – „Nacht“ und „Der Nazi & der Friseur“ wurden zunächst von deutschen Verlagen abgelehnt. Besonders seine Hitler-Satire stieß auf Ablehnung – so könne man über dieses dunkle Kapitel nicht schreiben, wurde dem Schriftsteller bedeutet. Man konnte es aber in englischer Sprache veröffentlichen – das Buch wurde zum Welterfolg, Hilsenrath wurde plötzlich auch in der deutschsprachigen Literaturszene zum Begriff. 1975 kehrte er nach Deutschland zurück – auch der Sprache wegen, in der er schrieb. Dennoch winkten zunächst auch bei „Das Märchen vom letzten Gedanken“ größere Verlage wie Hanser, S. Fischer und andere ab. Für den Piper Verlag machte sich der Mut bezahlt: Das Buch erhielt im Jahr seines Erscheinens den Alfred-Döblin-Preis und wurde mit etlichen weiteren Auszeichnungen bedacht. Hilsenrath wurde später zudem mit dem Armenischen Nationalpreis für Literatur ausgezeichnet und genießt in der Republik Armenien Kultstatus.

Wer sich dem Thema anlässlich der Erinnerung an den Völkermord auch literarisch annähern möchte, für den ist – neben „Die Vierzig Tage des Musa Dagh“ von Franz Werfel – dieses Buch eine meiner überzeugt ausgesprochenen Lektüreempfehlungen.

Von Claudio Miller

Mehr Information und eine weitere Leseprobe finden sich hier: http://www.eulederminerva.de/Verlag/Hilsenrath_Maerchen.html

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Das Literaturblog Sätze&Schätze gibt es seit 2013. Gegründet aus dem Impuls heraus, über Literatur und Bücher zu schreiben und mit anderen zu diskutieren.

18 thoughts on “Edgar Hilsenrath: Das Märchen vom letzten Gedanken (1989).

  1. Schön, die Vorstellung vom letzten Gedanken. Letzte Sätze können ja manchmal sehr – hm – aus dem Zusammenhang gerissen sein. Ein ganzer Gedanke dagegen. Von Edgar Hilsenrath kannte ich bislang nur die Buchtitel. Er steht jetzt auf meiner Leseliste. Schon die Beschreibung des Todesmarsches: kein Wort zu viel, kein Pathos, kein Recht haben. Vielen Dank für den Lesetipp!

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  2. Eine tolle Buchvorstellung, lieber Claudio! Alleine schon der erste von Dir zitierte Satz ist zutiefst beeindruckend. Und die Erzählkonzeption ist es nicht weniger. – In der Zeitung war vor ein paar Tagen zu lesen, dass Papst Franziskus von der türkischen Regierung gerüffelt worden sei, wegen seines Hinweises auf den sich jährenden Völkermord an den Armeniern. Ihm wurde dabei u.a. Anstiftung zum Rassismus vorgeworfen. Da bleibt fast nur noch Sprachlosigkeit…
    Viele Grüße, Claudia

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    1. Dass dieser Genozid geplant war und systematisch durchgeführt wurde, dafür gibt es genügend Belege. Und dennoch wird er immer noch geleugnet. Das ist unverständlich. Ebenso unverständlich ist es auch, dass hier nicht mehr Druck auf die türkische Staatsregierung gemacht wird. Zum Thema empfehle ich ebenfalls den Film Ararat des armenisch-stämmigen Regisseurs Atom Egoyan.

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  3. Es ist lange her, dass ich das Buch gelesen habe, aber „Der Blick auf das, was Menschen in der Lage sind, anderen Menschen anzutun, “ verfolgt mich immer noch. Die Besprechung ist wirklich gut, weil es auch die Kunst des Autors würdigt. Ich würde das Buch empfehlen, damit man sich nichts vormacht, was menschliche Abgründe betrifft. Weil es um historische Begebenheiten geht, gelang es mir aber nicht, die schriftstellerische Leistung und den Märchenbezug recht zu würdigen, das verblasste bei der Lektüre angesichts des Grauens. Wenn ich gewußt hätte, was auf mich als Leser zukommt, hätte ich den Roman nicht gelesen. Ist vielleicht etwas konfus geraten, aber das Buch verstört mich immer noch. Es gibt Susan Sontags Essay: Regarding The Pain Of Others. Daran muss ich denken, die Grenze zwischen Mitgefühl und Faszination und all den anderen widerstreitenden Motiven und Grfühlen, über die sie so klug schreibt.

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    1. Danke für den wichtigen Hinweis: Hilsenrath ist verstörend, das Märchenhafte ist zwar im Buch auch vorhanden, aber es ist auch sehr verstörend. Andererseits wäre es ohne das kein Hilsenrath-Buch. Den Essay von Sontag kenne ich nicht, scheint interessant zu sein.

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      1. „Das Leiden anderer betrachten“ ist bei S. Fischer als Taschenbuch erhältlich (übersetzt von Reinhard Kaiser) und ich empfehle es sehr. Das Essay nimmt eher Bezug auf Bilder – Photos oder Gemälde, Grafiken – ist aber zu Hilsenraths Buch relevant. Von Hilsenrath würde ich auch den Rat herauslesen, das Grauen nicht zu titulieren (Genozid) oder an einer Nation oder Regierung oder sonstige ‚Körperschaft‘ zu binden (Nazis, Islam, Terroristen etc), sondern als eine menschliche Versuchung, Gefahr für die Gegenwart- für einen selbst und für die Gemeinschaft – zu verstehen, um die Sinne und das Gewissen wach zu halten. Die Lehren aus der Geschichte sollten als Vorlage dienen, heutige Verbrechen zu ahnden. Das sehe ich bisher nicht umgesetzt (jüngste Beispiele: Menschenrechtsverletzungen infolge von Großprojekten der Weltbank, Rolle von Verbündeten in bewaffneten Kriegsgruppen wie IS, Akteure in West- und Ost- Ukraine etc., Wiederaufrüstung Deutschlands und indirekte und direkte Teilhabe an Kriegen, bewaffnetem Aufruhr, gewaltsamen Revolutionen). Was die Armenier betrifft: wie steht es mit der Wiedergutmachung, wo liegt die Verantwortung? Welche Anstrengungen zur Aussöhnung und Annäherung werden unternommen?

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      2. DANKE SEHR! Genau: das Märchen vom letzten Gedanken geht über das historische Ereignis hinaus und ist eine Metapher für vergleichbare Fälle. Er spannt selbst schon gekonnt den Bogen vom Genozid an den Armeniern zur Judenverfolgung. Und es ging ungebrochen weiter – denken wir an den Kongo, beispielsweise. Die neuen Strömungen in Ungarn, Juden, Sinti un d Roma und andere außerhalb des Gesetzes zu stellen (das ist der erste Schritt). Aber auch die von Ihnen genannte Beispiele. Eine Wiedergutmachung gab es bislang bei den Armeniern nicht, auch die Rolle der Deutschen im 1. WK würde eine Mitverantwortung generieren – aber das wird stillschweigend übergangen.

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