John O`Hara: Begegnung in Samarra (1934)

2015-04-24 06.10.06„Solche Tage müßte es öfter geben, dachte er. Ohne den Kopf dabei zu drehen, schob er sich langsam in eine halb liegende, halb sitzende Stellung und griff nach der Schachtel Lucky Strike auf dem Tischbett zwischen seinem und Carolines Bett. Dabei blickte er in die Richtung von Carolines Bett. Konnte das wahr sein? Er sah noch einmal hin. Und er hatte sich nicht geirrt: Caroline hatte nicht in ihrem Bett geschlafen. In diesem Moment kam alles wieder in ihm hoch wie mit einem furchtbaren, alles erbeben lassenden Geräusch, als stünde er zu dicht vor einer großen Glocke, die plötzlich, ohne Vorwarnung, angeschlagen wurde. Seine Finger und sein Mund steckten eine Zigarette an; sie wußten, wie das geht. Er dachte gar nicht an eine Zigarette, denn mit dem Glockenlärm kamen die Katerstimmung und die Reue. Er brauchte einen Moment, aber schließlich erinnerte er sich an das Schlimmste, was er je getan hatte, und es war wahrscheinlich schlimm. Er erinnerte sich, Harry Reilly einen Drink ins Gesicht gekippt zu haben, mitten in sein feistes, billiges, ekelhaftes, irisches Gesicht. Und jetzt war also Weihnachten und Frieden auf Erden.“

John O`Hara, „Begegnung in Samarra“, 1934

Dieser Roman atmet das Amerika der goldenen 1920er und der 1930er-Jahre, als die USA aus ihrem goldenen Traum, von der Weltwirtschaftskrise gebeutelt, erwachten. Er ist lakonisch in Hemingwayscher Manier, bietet die Eleganz und Subtilität eines F. Scott Fitzgerald, den Zynismus einer Dorothy Parker (die den jungen Autoren maßgeblich förderte). Er ist ein Abbild der Hangover-Generation – jene, die noch an all dem festhielt, was sie schon längst verloren hatte.

Das Buch umfasst nur einige wenige Tage an Weihnachten 1930 – genügend, um Abstieg und Fall eines seiner Protagonisten, das Erwachsenwerden und die Desillusionierung einer Frau sowie das Scheitern einer Gangsterkarriere unterzubringen. Julian English (der Name steht für das etablierte, weiße Bürgertum in den USA, den „weißen Adel“) beginnt die Weihnachtstage mit einem Skandal: In einem der gehobenen Clubs der fiktiven Stadt Gibbsville kippt er, aus einem Impuls heraus, dem Iren Harry Reilly einen Drink in das Gesicht. Es ist eine Geste des Überdrusses, der Langeweile, der Lebensunlust – eine Geste mit Folgen.

Angewidert von seinem Leben, das vor allem aus Trinkgelagen in diversen Clubs und Kneipen besteht, abgelehnt von seinem dominanten Vater, nirgends dazugehörend. Materiell und vom öffentlichen Status her gehört dieser Antiheld nicht zu den Underdogs, mit denen er in seiner Kindheit wilde Bandenspiele trieb, und auch nicht zu den Gangstern, die in Zeiten der Prohibition die Stadt beherrschen. Innerlich fühlt er sich jedoch ebenso wenig zu den oberen „Zehn“(tausend beherbergt eine mittlere Gemeinde nicht) zugehörig. Das Leben des Julian English ist im Grunde eine leere Hülle und eine anstrengende, alle Energie kostende Farce. English ist zugleich weltfremd und lebensuntüchtig, hoffnungslos dem Alkohol verfallen. Die Weihnachtstage 1930 bringen kein letztes Aufbäumen, keinen Überlebenswillen, keine Entscheidung, das Leben zu einem Besseren zu wenden. Sie gleichen vielmehr dem Bild vom Kessel, der unter zu großem inneren Druck platzt – der ausgeschüttete Drink, die Debatten mit seiner Frau, die nachfolgenden Prügeleien und manische Autofahrten, sie pflastern den Weg zum letalen Ende.

Einzig die Ehe mit Caroline hält Julian English noch am Laufen – doch am Ende dieser Tage ist sie, die den Absturz mit ihm fast bis zum bitteren Ende aus Liebe (die O`Hara nicht erklärt, sondern subtil herausschält aus der Entwicklungsgeschichte Carolines heraus, aus deren Vorgeschichte und Liebeleien zu Männern vor ihrer Ehe mit Julian) teilt, müde. Sie zieht sich zurück, verlässt ihn, aus Zorn und Hilflosigkeit.

John Updike schreibt in seinem Nachwort zu diesem Roman:

„Bevor sich jedoch Caroline in einem letzten, lautstarken Streit voller Sarkasmen und verklausulierter Hilferufe von ihm entfremdet, teilt sie Julians furchtbaren, plötzlichen Absturz, und eine Reihe intimer Begegnungen zeigt die Zärtlichkeit, die hier verschleudert wird.“

Am Ende allein, gebrochen, zerstört, mischt sich Julian English einen letzten, überdimensionierten Monsterdrink in einer Blumenvase, torkelt durch sein Haus, setzt sich in die Garage und seinem Leben mit Auspuffgasen ein Ende. Obwohl John O` Hara sprachlich vor allem die letzten Seiten des Buches nüchtern bis kühl konzipiert hat, bleibt nach dem Ende des Romans ein mehr als großer Hauch von Melancholie und Trauer um diesen lebensuntüchtigen, aber dennoch charmanten Antihelden zurück. Manche Menschen, dies scheint der Roman zu vermitteln, sind in ihrer Unentschlossenheit und Weichheit nicht für das Leben gemacht. Was English hätte retten können? Eine schwierige Frage Die Antwort wohl ebenso simpel wie komplex: Im Grunde nur er selbst.

John O`Hara (1905 – 1970) wußte wohl nur zu gut, wovon er in seinem Debütroman, der auf Anhieb zum Erfolg wurde, erzählte: Stammte er doch selbst aus einer Kleinstadt, litt selbst unter seiner Trunksucht, die ihn, den Journalisten, immer wieder zu Streitigkeiten und Zerwürfnissen mit seinen Auftraggebern führte. Die Romanstadt Gibbsville ist eine satirische Beschreibung seiner eigener Herkunft aus einer amerikanischen Kleinstadt, in der Engstirnigkeit, Bigotterie, Antisemitismus und Rassismus zum Alltag gehörten. Ein Freund schrieb O`Hara von der „Verbitterung, die du gegen all diese verklüngelten Arschlöcher hegen mußt“: Im Gegensatz zu seinem Romanhelden Julian English schrieb sich John O`Hara den Weg aus diesem Milieu jedoch frei.

Hans-Peter Kunisch meinte, als der Roman 2007 in deutscher Sprache wiederaufgelegt wurde, in der Zeit:

„Wichtig ist das Unerklärbare an dieser Tat (der verschüttete Drink, Anm. von SätzeundSchätze), einer Verwandten des »acte gratuit« . In Camus’ Der Fremde wird der Schuss des von der Sonne geblendeten Meursault auf einen Araber ein paar Jahre später geradezu klassisch. Gemeinsamer Hintergrund ist die Faszination, in den Zeiten der aufkommenden Alleserklärerin Psychoanalyse noch einmal das Unberechenbare menschlicher Existenz auszuloten. Jedes »wahnsinnige« Ausscheren bewahrt bei O’Hara seinen uneinholbaren Rest. Eindeutig ist, dass Julian Englishs ganze Existenz gegen die Enge der Kleinstadt Gibbsville rebelliert, doch warum hat er mit seiner hübschen Frau, den schönen Autos, der ordentlichen Herkunft bisher so gut in den Filz gepasst?

O’Hara wusste, wovon er sprach. Gibbsville ist Pottsville/Pennsylvania, wo er aufwuchs, nachgebildet. Was bei Erscheinen keine Einzelklage zur Folge hatte, sondern kollektive Pottsville-Wut. Jahrelang mied O’Hara seine Heimatstadt. Aber das hatte er sich gewünscht: ein Buch, das alle Brücken in Flammen aufgehen lässt, das ihn endlich rauskatapultieren soll aus der Kleinstadt.“

Die „Time“ zählte „Begegnung in Samarra“ zu den 100 bedeutendsten Romanen der englischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Leider konnte O`Hara in seinen nachfolgenden Büchern dieses Niveau nicht mehr ganz erreichen. Und leider blieb er, trotz der Neuauflage zweier seiner Bücher (neben Samarra auch „Butterfield 8“, beide erschienen bei C.H. Beck und als dtv-Taschenbuch), auch hierzulande im Vergleich zu anderen Autoren seines Niveaus (beispielsweise die etwas jüngeren Schriftsteller Cheever und Yates) eher unbekannt. Was, nicht zuletzt auch angesichts der hervorragenden Übersetzungen durch Klaus Modick, zu bedauern ist.

Der Titel des Romans „Begegnung in Samarra“ stammt von einer arabischen Legende, die William Somerset Maugham erzählerisch verdichtete.

William Somerset Maugham, „The Appointement in Samarra“ (1933):

Death speaks:
There was a merchant in Baghdad who sent his servant to market to buy provisions and in a little while the servant came back, white and trembling, and said, Master, just now when I was in the market-place I was jostled by a woman in the crowd and when I turned I saw it was Death that jostled me. She looked at me and made a threatening gesture; now, lend me your horse, and I will ride away from this city and avoid my fate. I will go to Samarra and there death will not find me. The merchant lent him his horse, and the servant mounted it, and he dug his spurs in its flanks and as fast as the horse could gallop he went.
Then the merchant went down to the marketplace and he saw me standing in the crowd and he came to me and said, Why did you make a threatening gesture to my servant when you saw him this morning? That was not a threatening gesture, I said, it was only a start of surprise. I was astonished to see him in Bagdad, for I had an appointment with him tonight in Samarra.

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Das Literaturblog Sätze&Schätze gibt es seit 2013. Gegründet aus dem Impuls heraus, über Literatur und Bücher zu schreiben und mit anderen zu diskutieren.

18 thoughts on “John O`Hara: Begegnung in Samarra (1934)

      1. Vielen Dank, Birgit, aber ich hab momentan soviel Ungelesenes rumliegen, vielleicht komm ich zu einem späteren Zeitpunkt nochmal auf das Angebot zurück, das ich sehr zu schätzen weiß ! 🙂 Viele Grüße,
        Gerhard

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      2. Gerne, gerne. Aber ich habe gerade soviel Gelesenes rumliegen…also, falls jemand anderes hier Interesse zeigt, das Buch sucht einen neuen Leser und Besitzer! oder ich gebe es demnächst mal in den Bücherturm, falls Du es Dir dann nicht doch noch schnappst. So, muss jetzt mal turnen gehen 🙂

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  1. Ach, liebe Birgit, ich liebe deine Besprechungen! Auch wenn ich gerade mal wieder nicht zum Lesen des Buches komme, bleibt immer etwas hängen, das mich beschäftigt. Heute ist es der Gedanke daran, dass wohl jeder schon mal seine „Zärtlichkeiten verschleudert“ hat. Und ich denke über die Feststellung nach, dass manch einer sich wahrlich nur selbst retten kann.
    Danke und liebe Grüße zum Samstagnachmittag von
    Birgit

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    1. Liebe Birgit,
      danke Dir für die Rückmeldung – wobei das verschleudert von Updike natürlich nicht so negativ gesehen war: Die Liebe zwischen den beiden war richtig und echt, so kommt es im Buch schon raus, aber sie reichte nicht aus, um ihn vor dem Absturz zu retten. Das ist das Tragische an dieser Geschichte.
      Ich wünsch Dir noch ein schönes Pfingstwochenende – nicht so viel denken, mehr leben! Liebe Grüße Birgit

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  2. Das ist eines der Bücher aus meinem Regal, das ich nie, nie, nie hergebe – was eigentlich widersinnig ist, da ich mir wünschen würde, dass viele, viele, viele Leuten es läsen. Schön, dass Du auf Klaus Modick hinweist, ich fand die Übersetzung ebenfalls ganz großartig! Sonnige Pfingsttage wünsch ich Dir!

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    1. Das freut mich, dass hier nochmals eine O`Hara-Liebhaberin zu finden ist. Das Buch ist einfach grandios (ich gebe es jetzt trotzdem her, weil meine Regale krachen vor ungelesenen Büchern…) oder behalte ich es doch…ein fünftes Mal kann ja nicht schaden :-)Mal sehen – jetzt erst den Pfingstochsen jagen gehen! Auch Dir einen schönen Sonntag! Birgit

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