Lesezeichen: Von Mir. Warum lese ich?

Zürich (27)
Leseraum im Landesmuseum Zürich

Vor einigen Wochen wurde auch ich von Sandro vom Blog Novelero mit der Frage konfrontiert, warum ich lese. Ich war gerade auf meinem eigenen Trip und hatte wenig Zeit und Muse, etwas dazu zu schreiben. Zudem sind seither so viele intelligente, witzige, schöne, kluge, vielseitige Beiträge von verschiedenen Bloggern – beispielsweise bei Jochen, Marina und Miriam erschienen – die mir aus der Seele und dem Verstand sprachen.  Alle Links findet ihr auf der Seite von Sandro.

 

So oft dachte ich mir beim Lesen dieser Beiträge: „Jawohl, das ist es!“ – Lesen als Vorbereitung auf die Welt, Lesen als Orientierungshilfe, Lesen als Horizonterweiterung. Ich fand mich so oft in diesen Beiträgen wieder, dass ich keinen Anlass sah, noch meine Gedanken zu formulieren.

Doch ließ mir die Frage seither keine Ruhe. Warum lese ich? Das bohrte weiter. Und letzten Endes muss ich einfach eingestehen: Ich kann das gar nicht eindeutig beantworten. Warum lese ich? Ganz platt: Weil es mir zunächst als die zweitschönste Nebensache in meinem Leben erscheint.

Lesen ist über die Jahrzehnte hinweg einfach ein selbstverständlicher Anteil meines Alltags geworden – so wie andere abends die Klamotten wechseln, um sich auf die Laufstrecke oder ins Fitnessstudio zu stürzen, so freue ich mich erst einmal auf eine ruhige Lesestunde nach dem Arbeitstag. So profan ist es zunächst – Lesen ist für mich eine alltägliche Gewohnheit.

Ich würde nie schreiben: Ich brauche es wie Essen, Trinken und den Schlaf. Ohne Essen und Schlaf werde ich sehr viel schneller grantig und am Ende gehe ich ein. Komme ich mal länger nicht zum Lesen, grantle ich zwar irgendwann auch, aber somatische Auswirkung hat das nicht. Ich könnte mir also in der Theorie vorstellen: Es gibt auch Lebensphasen ohne Bücher.

Manchmal stelle ich mir sogar sehr gewagt vor, was ich alles tun könnte, wenn ich in diesem Moment nicht gerade ein Buch vor der Nase hätte: Blusen bügeln, die Wohnung aufräumen, ein Jazzkonzert besuchen, auf eine Weltreise gehen, einen Schrebergarten mieten, einer Bürgerversammlung beiwohnen?

Manchmal habe ich sogar ein schlechtes Gewissen, wenn ich über diese egozentrisch verbrachte Zeit des Lesens sinniere: Leser sind im Moment des Lesens Einzelgänger. Man entzieht sich gesamtgesellschaftlichen Verpflichtungen.

Dann aber könnte ich wiederum von der Bedeutung einzelner Bücher für mein Leben erzählen – über das Buch, das meine Berufswahl indirekt mit beeinflusste, über Bücher, die mir in bestimmten Situationen die Augen öffneten, die ein Trost waren oder Freude brachten, über Bücher, die mich prägten. Über Bücher, mit denen mir jemand etwas sagen wollte. Bücher, die ich als Metapher weitergab. Bücher, die ich immer wieder lese … weil darin mein innerster Kern angesprochen wird, weil sie meine Äxte sind.

Und so löste diese scheinbar einfache Frage „Warum lese ich?“ in mir einen Strudel von Gedanken und Gegenfragen aus, die zur nächsten Frage führten und zur übernächsten und einen ganzen Rumor in mir verursachten – zu stoppen nur durch einen eindeutigen Imperativ: „So, jetzt lese ich was, und damit basta!“ (Lesen also auch als Vermeidungsstrategie?)

„Warum lese ich?“. Ich bitte nächstens um weniger schwierige Fragen.  

Veröffentlicht von

Das Literaturblog Sätze&Schätze gibt es seit 2013. Gegründet aus dem Impuls heraus, über Literatur und Bücher zu schreiben und mit anderen zu diskutieren.

20 thoughts on “Lesezeichen: Von Mir. Warum lese ich?

  1. Danke für deine Gedanken zu dem Thema! Endlich spricht es mal jemand an: Ich denke auch oft, daß ich anstatt zu lesen mehr Zeit mit Menschen verbringen sollte und daß Menschen doch wichtiger als Bücher sind. Aber leider gehen Gespräche mit Menschen oft nicht so in die Tiefe, wie es Gespräche mit Büchern vermögen. Und so flüchte ich häufig nach Treffen mit Menschen schnell wieder zwischen meine Buchseiten.
    Herzliche Grüße.

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    1. Beim Nachdenken über Deine Antwort fiel mir auf, dass ich eigentlich nur mit zwei sehr nahestehenden Menschen auch sehr gut über das, was Bücher in mir auslösen, sprechen kann – und das dann oft noch einmal weiterführt … Bücher ersetzen mir keine Menschen, nicht die vertrauten Freunde. Aber Bücher lösen in mir manchmal Gespräche mit mir selbst aus – und das mit anderen zun reflektieren, das ist dann ein weiterer, schöner Schritt.
      Auch ganz herzliche Grüße an Dich, Birgit

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  2. Danke für Deine Gedanken zum Lesen und auch für den Verweis zu Sandro. Spannend sich auf diesem Weg durch die unterschiedlichen Gedankengänge von Menschen zu diesem Thema zu lesen.

    Bringe Dir gerne meine Gedanken dazu mit, die ich vor einiger Zeit einmal zu einer Geschichte zusammen geführt habe. Es stimmt, einen Auslöser braucht es, um den Zugang für das restliche Leben zu finden.

    Sehr gerne lasse ich mir allerdings auch vorlesen.

    Lege mal den Link zu meiner Geschichte her. Vielleicht macht sie Dir Freude.
    https://sandayblog.wordpress.com/2016/03/23/die-seele-der-buecher/

    Liebe Grüße San

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  3. Seit ich die Frage das erste Mal bei Marion gelesen habe, geht sie mir auch nicht mehr aus dem Kopf. Warum lesen? Warum nicht lesen? Was würde ich mit der Zeit tun, getan haben, die ich verlese? – Ich komme aus Familien, die nicht gelesen haben. Keine Zeit spielte da eine große Rolle und natürlich ein fehlendes Selbstverständnis. Warum soll ich als Bäcker, als Verkäuferin, als Mutter, als Weinbauer lesen? Und wo kämen die Bücher her? Natürlich hätten sich meine Vorverwandte welche besorgen können. Aber – es gab einfach keinen rechten Ort. In der guten Stube wurde die Bibel gelesen, die Briefe von Angehörigen oder die Sonntagszeitung. Ein Kochbuch vielleicht in der Küche. Meine Eltern konnten mit mir als Lesender nicht viel anfangen. Sie scheuchten mich raus „an die frische Luft“, weder meine Mutter noch meinen Vater habe ich je etwas anderes lesen gesehen als Illustrierte (Mutter) und Tageszeitungen (Mutter und Vater). Wahrscheinlich habe ich in diesem Umfeld das Lesen als „Distinktion“ begriffen, als eine Tätigkeit, die meinen Wunsch, aus dieser Umgebung zu verschwinden, deutlich machte. Spätestens im Studium war ich zum Lesen verdammt, denn ich wusste so wenig, dass meine Lücken eben nur durch Dauerlektüre aufzufüllen waren. Auch heute noch unterscheide ich zwischen professionellem und freizeitlichem Lesen, schade eigentlich, aber es hat sich so in meine Lesevorstellungen eingeprägt. Wenn ich nicht lesen würde, vielleicht käme die Musik dann mehr in den Vordergrund. Oder ich würde viel spazieren gehen. Ob mir etwas fehlen würde? Ich will es (noch) nicht drauf ankommen lassen.

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    1. Meine Eltern hatten zwar Bücher, aber zum Lesen kamen sie eigentlich nicht. Es gab zuviel zu tun – Arbeit, Haus bauen, drei Kinder großziehen. Dennoch: Es gab zumindest Bücher.
      Ich überlege oft, ob das Elternhaus tatsächlich so ausschlaggebend auf einen Leserweg ist – sicher ist es gut und wichtig, wenn Lesekultur vorgelebt wird, aber auch nicht ausschlaggebend. Bestimmt gibt es dazu schon Untersuchungen. An meiner kleinen sozialen Kontrollgruppe meine ich festzustellen: Es muss ein angeborenes Leser-Gen geben.
      LG Birgit

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  4. Was so einfach geglaubte Fragen plötzlich alles auslösen….ich denke natürlich auch gleich darüber nach….:-) ! Danke dafür 😉
    Schön hast du deine Lesewelt beschrieben ❤ !

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  5. Guten Morgen, liebe Birgit,
    mit Hörbüchern schaffe ich zwei Dinge gleichzeitig, hören und zeichnen oder hören und kochen oder hören und putzen. Zum Glück gibt es die meisten Bücher inzwischen ungekürzt als Hörbuch. Hörspiele mag ich nicht. Ich spiele sie auf meinem Handy ab. Dadurch kann ich die Bücher immer mitnehmen. Wenn ich alleine bin, dann höre ich laut mit dem Handy das Buch, zum Einschlafen oder in der Öffentlichkeit benutze ich Kopfhörer.
    Es ist unglaublich, aber in der Onlinebücherei voebb24 ist es auch kein Problem, Hörbücher auszuleihen, sie sind dort sehr gut sortiert, alles was neu als Hörbuch herauskommt kann der Hörer sich runterladen und er erhält dafür eine Lizenz für 14 Tage.
    Nun schrecken mich auch volle öffentliche Buse, U- und S-Bahnen nicht mehr, mein Buch steckt mir klein als Knopf im Ohr.
    Und ist lesen wirklich etwas für Einzelgänger? So viele Menschen haben sich in der Bloggerwelt kennengelernt und über Bücher ausgetauscht!
    Liebe Grüße von Susanne

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    1. Stimmt, Bücher verbinden und schaffen Kontakte, beispielsweise in der Bloggerwelt oder in Literaturzirkeln usw. (ich freue mich derzeit ja auch sehr auf leibhaftige Begegnungen). Aber der Akt des Lesens an sich ist natürlich zunächst einmal nur für den Einzelnen möglich (mit Vorlesen/Hörbücher, ich schrieb es ja bereits einige Male, habe ich das Problem, dass ich da sehr schnell einschlafe).
      Und manchmal denke ich schon, dass ich mich damit auch Verpflichtungen oder anderen Möglichkeiten entziehe…
      Dir einen schönen Abend! LG Birgit

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      1. Ach ja, Birgit, 🙂 🙂 🙂 ich gebe noch nicht auf, dir die Hörbücher schmackhaft zu machen, vielleicht doch beim Bügeln? Bügelst du im Stillen, hörst du Musik dabei oder läuft der Fernseher?
        Manchmal, wenn ich abends zeichne, dann läuft mein Hörbuch und Micha hört auch zu, das mag ich eigentlich, denn wir können uns sozusagen sofort über bestimmte Bücherpassagen austauschen. Du hast aber natürlich recht – das Lesen an sich ist ein intimer Prozeß, den die Leserin, der Leser alleine begeht.
        Ich entziehe mich auf verschiedenen Arten Verpflichtungen, meine Arbeit zum Beispiel ist mir immer wichtiger als der Haushalt und da bleibt das Badezimmer gerne mal einen Tag länger als nötig ungeputzt. 🙂 🙂 🙂
        Einen schönen Wochen-End-Beginn sendet dir Susanne

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      2. Liebe Susanne,
        ich merke schon, dass Du mich da bekehren willst 🙂
        Aber als ich das letzte Mal beim Bügeln Hörbuch hörte, fackelte ich die Wohnung ab, weil ich eingeschlafen bin – quatsch, aber Bügeln hasse ich so sehr, dass ich es oft in der Früh auf den letzten Drücker und nur einzelstückweise mache – da lohnt sich ein Hörbuch gar nicht, das müsste schon eine Kürzestgeschichte sein. Früher nahm ich manchmal ein Hörbuch zum Laufen mit – allerdings geht das jetzt nicht mehr so (das Laufen). Eigentlich gibt es wenige Tätigkeiten, bei denen ich zusätzlich eine Geräuschquelle mag – ich schalte auch ganz selten das Radio ein. Und wenn ich Musik von der CD höre, dann beispielsweise beim Schreiben, wenn Freunde da sind, oder dann ganz bewußt als Akt des Zuhörens …
        Ja, und das mit der Haushaltverschieberei kenne ich auch nur allzu gut 🙂 Morgen putze ich dann mal 🙂 Auch dir ein schönes Wochenende, Birgit

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  6. Ich weiß es auch nicht. Ich las die Regale der Schulbibliothek leer, wahllos. Heute schüttele ich darüber den Kopf, was hat mich dabei so fasziniert? Die zur Sonne strahlenden sowjetischen Gutkinder, alle gleich, wie aufgereiht bei einem Morgenappell? Oder ihre unermüdlich von Werkrekord zu Werkrekord eilenden Eltern?

    Wenn ich als Teenager etwas besorgen musste, so gab ich das Wechselgeld immer für irgendein Buch aus, egal welches. Werke ausländischer Autoren bekam man gar nicht, sogar die russischen Klassiker wurden von den Buchhändlern unter der Hand im Bekanntenkreis verscherbelt. Ich suchte für die wenigen Kopeken etwas aus, Hauptsache ein Buch, mit Wörtern drin. Meine Mutter schimpfte nicht, wenn ich ihr stolz das neue Buch zeigte. Dabei war das Geld so knapp. Sie schimpfte auch nicht, wenn ich wieder mit einem Buch auf der Couch saß und sie in der Küche daneben Wäscheberge wusch. Ich habe zwölf Geschwister. Wenn ich danach die Großmutter besuchte und sie mir ins Gewissen redete, wusste ich, dass meine Mutter sich über mich beklagte. Ich maulte im Stillen: Was kann ich dafür, dass ich die Älteste bin!

    Meine erste Lektüre auf Deutsch waren Groschenromane, die wir vom Onkel aus Deutschland bekamen. Schon auf den ersten Blick so belanglos, dass sie jede Briefzensur passierten. Sobald die Süßigkeiten verteilt waren, teilten wir auch die Hefte und staunten. Wie weit war die Welt der Chalets, Chefärzte und Schlossdamen von unserer werktätigen Wirklichkeit entfernt 😉

    Auch heute gehe ich am liebsten in Buchhandlungen shoppen. Nur lese ich nicht mehr wahllos und auch nicht wie im Suff. Ich habe jetzt endlich Zeit. Auch zum Nachdenken. Warum mich Wörter so faszinieren, weiß ich aber immer noch nicht.

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    1. Liebe Ida,
      danke für Deine tolle Antwort, die ich heute bereits einige Male gelesen habe – wie anders man doch auch an die Frage herangeht, wenn es eben NICHT selbstverständlich ist, an Bücher zu kommen!
      Dass dies ein Privileg ist, ein Zeichen der Freiheit – dass wir eigentlich fast jedes Buch lesen könnten, das uns in den Sinn kommt, wird oft auch unterschätzt.
      Und das „Bekenntnis“ zu den Groschenromanen finde ich klasse – das würde gut zu meiner Reihe der Verschämten Lektüren passen 🙂

      Warum uns Wörter so faszinieren? Danke für das Ehrliche „Ich weiß es immer noch nicht.“ Im Grunde geht es mir ganz genauso!
      LG Birgit

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  7. Warum Lesen? Es gibt keinen Grund, es nicht zu tun, aber viele Gründe, es zu tun. Also, keine Frage, oder? 😀

    Ich hab als Kind vorgelesen bekommen (Märchen auf jeden Fall, daran kann ich mich noch erinnern), das war vermutlich der Grundstein für die Leselust. Daher bedaure ich alle Kinder, die nicht das Glück haben, in einem Umfeld aufzuwachsen, wo man Kindern eben vorliest. Meine Eltern waren keine Akademiker (Handwerker und Hausfrau), aber das hat sie (vor allem meine Mutter) nicht daran gehindert, mir vorzulesen.

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