Lesezeichen von: Paul Auster

24 Kommentare

20160620_175734_resized„Also blieb ich bei meiner Schreibmaschine, und die achtziger Jahre gingen in die neunziger über. Einer nach dem anderen stiegen meine Freunde auf Mac oder IBM um. Allmählich kam ich mir vor wie ein Fortschrittsfeind, der letzte heidnische Posten in einer Welt voller digitalen Konvertiten. (…) Bis dahin hatte ich mich meiner Schreibmaschine nicht sonderlich zugetan gefühlt. Sie war einfach ein Werkzeug, das mir erlaubte, meine Arbeit zu tun; aber jetzt, da sie zu einer gefährdeten Spezies geworden war, zu einer der letzten überlebenden Gerätschaften des Homo scriptorus des 20. Jahrhunderts, begann ich eine gewisse Zuneigung zu ihr zu empfinden.“

Paul Auster/Sam Messer, „Die Geschichte meiner Schreibmaschine“, Rowohlt Verlag, 2005, Hardcover mit zahlreichen Bildtafeln.

1974 ersteht Paul Auster von einem Freund für 40 Dollar eine Olympia-Reiseschreibmaschine, „hergestellt in Westdeutschland. Dieses Land gibt es nicht mehr, aber seit jenem Tag im Jahr 1974 ist jedes Wort, das ich geschrieben habe, auf dieser Maschine getippt worden“. Wahrscheinlich gilt diese Aussage auch heute noch, 14 Jahre nach Erscheinen des amerikanischen Originals dieses kleinen Bildbandes: Denn Auster erstand vorsorglich 50 Farbbänder für seine Olympia. Technisch unbegabt, scheute der Schriftsteller die Anschaffung eines Computers. Das allein ist jedoch nicht der Grund für die immer intensiver gewordene „Beziehung“ zu seinem Schreibgerät: „Ich hatte nie die Absicht, meine Schreibmaschine zu einer Heldin zu machen. Das ist das Werk von Sam Messer, einem Mann, der eines Tages in mein Haus kam und sich in die Maschine verliebte.“

Der New Yorker Künstler begann „Portraits“ der Olympia zu malen, manchmal durfte auch Paul Auster mit ins Bild. Und so ist „Die Geschichte meiner Schreibmaschine“ vor allem eine bildhafte, schöne Liebeserklärung an diesen Gegenstand, der immer mehr aus unserem Alltag verschwindet.

Mit 17 Jahren – also vor mehr als drei Jahrzehnten – machte ich meine ersten Schreibversuche noch auf einem Modell namens „Gabriele“. Ein grässliches, klappriges Ding. Regelmäßig riss ich mir die Nagelhaut auf, weil die Tasten so seltsam standen. Erst später bekam ich die oben abgebildete Schreibmaschine meines Großvaters vererbt – eine Lust war es, darauf zu schreiben, die Tasten angenehm leise, das Klingeln am Rücklaufhebel gab mir das angenehme Gefühl, schon wieder etwas – sprich eine Zeile – geschafft und geschaffen zu haben.

Mir gibt das heute manchmal einen kleinen Schock, wenn ich daran denke, dass es in meinen ersten Berufsjahren selbst in den Redaktionen noch keinerlei Computer gab. Geschweige denn Emails. Plötzlich komme ich mir dann richtig steinzeitlich vor, wie ein Relikt – „weißt Du noch, damals, als wir noch Klebeumbruch machten …“. Und dennoch kam täglich eine Zeitung zustande – irgendwie.

Die Schreibmaschine meines Großvaters ist nicht mehr in Einsatz – und ich habe mich, im Gegensatz zu Paul Auster, längst schon an den PC gewöhnt. Aber dennoch: Computer und Laptops habe ich inzwischen schon einige verbraucht – und alle sind irgendwann in den Elektromüll gewandert, ohne großes Sentiment. Meine „Erfurt“ dagegen, sie steht als stillgewordene „Heldin“ immer noch in meinem Buchregal: Zu viele Erinnerungen verbinde ich mit ihr. Und manchmal lasse ich sie einfach so noch klingeln.

Den Bildband von Paul Auster und Sam Messer gibt es übrigens auch als ebook (Link hier). Das kann ich mir nun gar nicht vorstellen.

24 comments on “Lesezeichen von: Paul Auster”

    1. Er schreibt davon, dass bei ihm die Angst vor der Delete-Taste (und die aus Versehen zu drücken), vor Datenverlusten, Stromausfall etc. zu groß ist – das kann man verstehen, wenn man selbst zu Beginn der Computerisierung noch so doof war, Hausarbeiten ohne Sicherung nur in den PC zu hacken … aber andererseits: welcher Computer braucht noch Tipp-Ex 🙂 ?

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  1. Ich sitz hier grad so melancholisch und sentimental obendrein auch noch vor mich hin und hab dabei meine erste Schreibmaschine, eine Reiseschreibmaschine Olympia, Modell Monica im Sinn. ..
    Da hast Du wieder etwas Feines gefunden. Paul Auster zählt zu meinen stilistischen Vorbildern, ich freue mir einen Knopf an die Backe, dass der auch auf einer Olympia schreibt. Das a hakte und das e blieb oben immer kleben, es handelte sich um eine kleine Reiseschreibmaschine in einem Koffer. Ich schrieb auch meine Bewerbungen darauf.
    So eine mechanische Schreibmaschine macht starke Finger.
    Danke für den äußerst interessanten Beitrag.
    Und für Paul natürlich.☺️
    Herzliche Grüße von der Fee ✨

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    1. „Ich freue mir einen Knopf an die Backe“: Allein schon für diesen Ausdruck, den ich noch nie gehört habe, hat sich der Beitrag gelohnt 🙂 Und ich freue mir, dass Dir das gefiel – das Buch gibt es übrigens auch als Buch, also nicht nur als ebook – falls das im Beitrag nicht richtig rauskommt – und ist für Paul-Fans schon was Feines, vor allem aber auch wegen der Olympia-Bilder von Sam Messer 🙂 Guten-Morgen-Grüße von Birgit

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  2. Liebe Birgit,
    dann haben wir ungefähr zur gleichen Zeit Schreibmaschine schreiben gelernt. Ich war 14 Jahre alt, als meine Mutter mich und meine Freundin zum Schreibmaschinen Kurs bei der Volkshochschule anmeldete. Drei Kurse besuchten wir und ich bin meiner Mutter dankbar, dass sie felsenfest überzeugt war, Töchter sollten Nähen und Schreibmaschine schreiben können. Auch wenn ich denke, dass eine Tochter auch ohne auskommen kann hilft es doch sehr, wenn Tochters Finger über die Tastatur des Laptops fliegen und schnell schreiben!
    Als Auster Fan werde ich mir das Buch kaufen, danke für den Hinweis!
    Liebe Grüße und einen schönen Tag von Susanne

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    1. Liebe Susanne,
      da haben wir wieder Überschneidungen in der Biographie: Volkshochschulkurs in Schreibmaschinenschreiben. Heute bin ich tatsächlich froh drum. Gegen das Nähen habe ich mich jedoch verweigert – aber ich brauche das ja auch nicht, Du dagegen als bildende Künstlerin schon. Liebe Grüße, Birgit

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    2. An die Schreibmaschine zum Geburtstag (keine Ahnung, welches Modell) und den Volkshochschulkurs habe ich auch noch Erinnerungen. Es war kurz nach dem Mauerfall und es war eine meiner Aufgaben, die Bewerbungen für alle Familienangehörigen zu tippen.
      Eine schöne Buchvorstellung, liebe Birgit, das werde ich mir auf jeden Fall notieren. Liebe Grüße, Peggy

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    1. Na, dann hätte ich eine „Georg“ haben müssen. Mit der Gabriele warst Du in guter Gesellschaft: Nora Gomringer verriet unter meinem Link auf FB, dass ihr Vater auf einer Gabriele schrieb, auch Johannes Mario Simmel tippte alle Romane auf „Gabi“.

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  3. Ich schätze, ich bin eine der letzten, die noch auf der Schreibmaschine tippen gelernt hat. Mein größter Albtraum damals: „Barbara“. Hab ich nicht gebacken bekommen. Heute lach ich drüber, mit den flachen Laptoptasten.
    Aber ich habe nie eine Schreibmaschine besessen, und bei einem Manuskript stelle ich mir das auch unübersichtlich vor… Aber sicher, jeder so, wie es ihm gefällt 🙂

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