Drei Romane von Jeffrey Eugenides – drei Flutschbücher

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2014-01-26 16.25.14

Das „Flutsch-Buch“: Das sind Bücher, die man so richtig schön (und nicht ohne Vergnügen) durchflutscht, und die – manchmal mit der letzten Seite, manchmal später – wieder vollkommen aus dem Gedächtnis flutschen. Einer aus der Creative-Writing-Schule der USA beherrscht diese Flutscherei zwischen Unterhaltung und ein bißchen Anspruch ganz gut: Jeffrey Eugenides.

Seit seinem ersten Roman wird der in Detroit geborene Eugenides gefeiert – nicht nur in den USA, auch hier hat er mittlerweile eine große Fangemeinde. Ein wenig erinnert er in der Flüssigkeit des Stils an weitere US-amerikanische Autoren, die sich durch große Produktivität und reiche Fantasie auszeichnen, beispielsweise John Irving und T.C. Boyle. Man liest das gern, fühlt sich gut unterhalten, streckenweise amüsiert, manchmal zum Denken animiert – flutscht meist in einem Rutsch durch die Handlung, um sie dann flugs bald wieder zu vergessen. Vorteil des Flutschbuches: Man kann es, mit einem gewissen zeitlichen Abstand, wiederlesen, als sei es das erste Mal.

Die drei Romane von Jeffrey Eugenides in näherer Betrachtung:

Die Selbstmord-Schwestern

Der Erstling, „Die Selbstmord-Schwestern“ (von Sofia Coppola verfilmt), erschien 1993, ist noch schön schmal, aber für mich das am wenigsten Unflutschige. Mag auch sein, dass sich Buch und die gelungene Verfilmung von Coppola überdecken, dass Text und Bilder dadurch eingeprägt bleiben. Ganz kurz der Plot (Plot = ein wichtiges Wort bei Eugenides!): Fünf Schwestern, die Älteste 17 Jahre alt, nehmen sich innerhalb kürzester Zeit nacheinander das Leben. In der Nachbetrachtung rätseln einige Jungen über die „suicide sisters“. Eine konkrete Antwort auf die Selbstmordserie will das Buch nicht geben, dies bleibt der Interpretation der Leser überlassen – die engstirnige, bigotte Atmosphäre in dem Fünf-Mäderl-Haus mag mit ein Grund für die Selbsttötungen gewesen sein.
Der Autor psychologisiert oder philosophiert jedoch nicht. Hintergründe, Ursachen und auch eine Reflexion über die individuelle Freiheit (bis in den Tod) oder die moralischen Aspekte des Freitodes – sie interessieren ihn nicht. Der Roman ist im eigentlichen Sinne ein Entwicklungsroman. Es zeigt, wie die Jungen, die dieses Drama miterleben, sich entwickeln (oder auch nicht). Es zeigt auch, wie ein Autor sich entwickelt – hier noch in einer knappen, sparsamen Sprache, die doch vermag, zumindest vieles an ernsthafterem Denken anzudeuten.

Middlesex

Da ist der Nachfolger, das 2002 erschienene und mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnete „Middlesex“ schon deutlich anders: Ein Wälzer, der vor Sprachkapriolen, Andeutungen, Metaphern, Gleichnissen strotzt. Der 41jährige US-amerikanische Diplomat Cal erzählt seine Geschichte – in Vor- und Rückwärtssprüngen, durch die Geschichte seiner Familie und seine Lebensgeschichte mäandernd. Cal, eigentlich Calliope, ist ein Hermaphrodit, dessen Zweigeschlechtlichkeit jedoch erst in der Pubertät erkannt wird. Das ist die erzählerische Frage im Vordergrund: Was prägt einen Menschen mehr – die Biologie oder die Erziehung?
Der zweite erzählerische Strang schlängelt sich um die Nemesis: Cal ist der Enkel zweier griechischer Einwanderer, die eigentlich Bruder und Schwester sind. Ist der Hermaphrodit die Rache für diesen Inzest? Ist er die fleischgewordene Mahnung, dass man der Hölle (hier dem Brand von Smyrna) nicht um den Preis verkaufter Seelen entkommen kann? Und im dritten Strang entwirft „Middlesex“ zudem ein sehr gelungenes Bild über die Situation von Einwanderern, hier am Beispiel der Griechen in Amerika: Zwischen Heimweh und Überanpassung schwankend, mit dem Willen, „es zu schaffen“, es zu beweisen, dass man kein Amerikaner zweiten Ranges ist.

„Middlesex“: Ein Flutsch-Buch, das durchaus noch in der Lage ist, Spuren zu hinterlassen. Durchaus spannend, originell, gut zu lesen. Hier eine Leseprobe: http://www.rowohlt.de/fm/131/Eugenides_Middlesex.pdf

Die Liebeshandlung

Und dann: „Die Liebeshandlung“. Erschienen 2011. Bin durchgeflutscht und war enttäuscht – welch ein Absturz im Vergleich zu den beiden Vorgängern. Der „Marriage-Plot“ – so der Titel im Englischen – ist trotz seiner 620 Seiten schnell erzählt: Madeleine, eine gut betuchte und verwöhnte WASP-College-Studentin, verliebt sich in den armen, aber manisch-depressiven Leonard. Mitbewerber Mitchell, eher ihrer Klasse entstammend, hat keine Chance und stürzt sich in religiöse Experimente, die ihn sogar zu Mutter Teresa führen. Das Konstrukt ist: Madeleine ist eigentlich Anhängerin des viktorianischen Romans à la Jane Austen, wo Stolz und Vorurteil, Vernunft und Gefühl, Sinn und Sinnlichkeit zwar auch zu mancherlei Verwicklungen führen, aber letztendlich in den Hafen der Ehe leiten. Was Eugenides wohl beweisen will, ist, dass dies in den 1980er Jahren keine denkbaren Konstrukte mehr sind (an der Universität trifft Madeleine demnach auch an die Anhänger der französischen Dekonstruktion à la Derrida). Keine Frage, das alles ist schmissig geschrieben. So schmissig und flutschig, dass die Augen über ganze Textpassagen hinweghuschen – weil hier das Mäandernde, die Nebeninformationen, die Einführung zusätzlicher Figuren (Warum? Wieso? Wozu?) noch ausgeprägter zu finden sind als in „Middlesex“. Vom ökonomischen Schreiben seit den Selbstmord-Schwestern hat sich Eugenides in diesen 20 Jahren eindeutig entfernt.

Und ich fragte mich am Ende: Diese ganzen Irrungen und Wirrungen – wozu? Zumal die eigentliche Hauptfigur, Madeleine, eigenartig blass bleibt – trotz ihrer existentiellen Erfahrung in der Ehe. Die weibliche Hauptfigur entwickelt sich nicht, bleibt eigentümlich passiv, bleibt das Ziel der Entscheidungen anderer: Leonard ist es, der sie verlässt, um sie von seiner Erkrankung zu entlasten. Mitchell, der Freund, ist dann für sie da – als Freund, entscheidet aber, die Lücke als Liebender, Liebhaber, nicht zu füllen. Madeleine, so scheint es, bleibt in ihrer Jane-Austen-Welt. „Die Liebeshandlung“ wirft zu viele Fragen auf und beantwortet zu wenige. Am Ende des Buches klappt man die Deckel zu und denkt sich nach Shakespeare: „Viel Text um Nichts“. Und dies ist der Haken an Büchern mit hohem Flutschigkeitsfaktor: Man bleibt dabei. Bis zum bitteren Ende. Oder wie Madeleine in guten und in schlechten Tagen, ohne eigentlich zu wissen, warum.

Die Augen habe ich mir etwas gerieben über den Klappentext von Daniel Kehlmann: „Nur Jeffrey Eugenides konnte daraus etwas so schwebend Schönes komponieren, ein so helles, vollkommenes Werk.“. Hell ja, aber vollkommen? – das ist etwas anderes.

32 comments on “Drei Romane von Jeffrey Eugenides – drei Flutschbücher”

  1. Daniel Kehlmann hat eine Schwäche für angelsächsische Schreibschulen-Handwerker. Das weiß ich. Irgendein Detail wird ihm gefallen haben. Bleibt nicht etwas Enttäuschung, nach so einer so wenig nachhaltigen, langen Strecke?

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  2. Flutschbuch – super, gefällt mir gut. „Middlesex“ war großartig, aber „Liebeshandlung“ hat mich genervt, obwohl ich Eugenides sehr mag und die „Virgin Suicides“ echt gut fand, schön amerikanisch, irgendwie. Es flutscht, da hast du vollkommen recht und man muss manchmal aufpassen, das man vor flutschifu nicht aus-flutscht. Die Figuren der Liebeshandlung haben mich genervt, Madeleine war irgendwie verlogen und so eindimensional langweilig, dann die Theorie des Marriage Plot, ich weiß nicht. Das war alles bißchen viel gewollt und hat mich auch nicht mehr so üerzeugt. Middlesex halte ich wirklich für einen richtig guten Roman, gut erzählt, gut recherchiert und ein originelles Thema mit autobiographischem Bezug, der aber nicht im Vordergrund steht, sondern die Hermaphrodit-Thematik, die sehr spannend, unterhaltsam und ein bißchen wie im Kuriositätenkabinett betrachtet erzählt wurde … ich bin sehr gespannt auf Eugenides nächsten Roman, er braucht ja scheinbar Jahre um einen fertig zu kriegen. Wovon lebt der Mann bei dem miesen Autorenhonorar, was man heutzutage bekommt? Mafia? 😉

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    1. Hallo, da stimmen wir ja fast überein in der Bewertung der drei Romane. Und ich hoffe auch, dass der nächste Roman wieder besser wird 🙂
      Übrigens ist er glaube ich nicht Pate, sondern Dozent oder Prof. für Literatur…:-) Daher vielleicht der College-Roman. LG Birgit

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  3. Middlesex hat mir, wenn ich meiner besprechung glauben darf, ganz gut gefallen, die anderen romane von ihm kenne ich nicht. relative schlechte urteile im vorfeld haben mich vor der liebeshandlung bewahrt….

    Flutschbücher: ein schöner, sehr anschaulicher begriff, gratuliere zur Schlupfung… ähhh Schöpfung!

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  4. Liebe Birgit,
    auch mir hat die Liebeshandlung nicht gefallen, Lektüre und Rezension liegen schon eine ganze Weile zurück, in Erinnerung geblieben ist es mir jedoch als oberflächlich und trivial, bevölkert von Figuren, die eher Schablonen glichen. Hmmm, auch ich hoffe auf ein besseres nächstes Buch von ihm.
    Deine neue Kategorie des Flutschbuchs finde ich übrigens super. 🙂

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    1. Oberflächlich + trivial trifft es sehr gut – ja, und nachdem er vorher ja weitaus bessere Romane schrieb, ist zu hoffen, dass er wieder zur alten Form zurückfindet.
      Die Flutschbücher kommen also gut an – danke Dir! Trotzdem hoffe ich, dass ich mehr „Unflutschiges“ unter die Augen bekomme 🙂

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  5. Liebe Birgit, danke für die schönen Beschreibungen, ich kenne von Jeffrey Eugenides noch gar nichts, aber ich habe, wie immer nach deinen Beiträgen, Lust dazu bekommen. Belächle mich nicht, aber wenn, beginne ich mit dem Flutschbuch, da hab ich mal Lust drauf…

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende
    Birgit

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  6. Schöner Rubrik-Titel, Birgit! Und bei deinem Blog habe ich auch keine Sorge, dass flutschig zu einem Synonym für seicht werden könnte. 🙂 An Eugenides flutsche ich dennoch einfach mal vorbei, Pulitzerpreis hin oder her. Liebe Grüße!

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    1. Ach, der Pulitzerpreis ist eh schon ein wenig flutschig geworden, da schadet das vorbeiflutschen sicher nicht:-)
      Ein schönes Wochenende mit tollen Fotomotiven wünsche ich Dir! Liebe Grüße, Birgit

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  7. Wie, was, ich lese wohl nicht recht: Bei John Irving flutscht man durch die Handlung, „um sie dann flugs bald wieder zu vergessen“? Das müssen wir aber irgendwann mal ausdiskutieren. 🙂 Die neue Rubrik (und ihr Titel) ist toll. Freue mich auf weitere Beiträge. 🙂

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    1. Ups…das war doch der mit den Bären, dem Ringsport etc.? 🙂 Da bin ich wohl in ein Fettnäpfchen getreten 🙂 Nein, also im Ernst: Ich lese Irving seit Garp sehr gerne (und hab auch fast alle verschlungen), aber es bleibt bei mir nicht so nachhaltig hängen – irgendwas mit dem wilden Wassertrinker im Hotel New Hamsphire, der Gottes Werk leistete:-) Aber Irving ist NATÜRLICH erstklassiger Flutsch.

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  8. Wunderbar. Deine Wortschöpfung wird ab sofort in meinen aktiven Bloggerwortschatz übernommen. Und der Satz „Irving ist natürlich erstklassiger Flutsch“: köstlich und in Anbetracht meiner leider hohen Korrekturstapel und dementsprechend wenig Lesezeit finde ich Flutsch auch toll, denn dann müssen die nicht auch noch auf die WWW (wild wuchernde Wunschliste). Trotzdem wünsche ich dir natürlich mehr Freude und Tiefgang bei deinen nächsten Büchern. LG Anna

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    1. Liebe Anna,
      eben – Flutsch ist doch gerade in Stresszeiten das richtige. Oder bei Zugfahrten. Oder ähnlichem. Und man kann so schön schnell drüber schreiben. Ich wollte eigentlich für morgen etwas über W.G. Sebald machen – alles andere als Flutsch – aber ich entlaste Dich und andere mit WWW und SUB, in dem ich es unterlasse. Weil das wieder so ernste Literatur ist, dass das Schreiben momentan so gar nicht flutscht…

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      1. Ich erblasse vor Neid und deinem Pensum, selbst wenn du den Sebald noch ein wenig verschiebst 🙂 Hast du ein Geheimnis? Ich komme zur Zeit gar nicht zu Potte und finde das total schade, dass ich kaum neue Beiträge schreibe. Aber ein bisschen bin ich auch selbst schuld, ich lese gerade ein 400-Seiten-Buch, Kurzgeschichten wären bei Zeitmangel vermutlich schlauer… LG Anna

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      2. Mein Geheimnis: Ich bespreche auch Bücher, die ich vor längerer Zeit mal gelesen habe – die Eugenides-Lektüre liegt etwas zurück…also zur Zeit komme ich auch wenig zum aktuellen Lesen, anderes hat Priorität. LG Birgit

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  9. Flutschbuch – wie herrlich!
    Wäre beinahe an mir vorbei geflutscht, irgendwie bekomme ich zur Zeit nicht jede Benachrichtigung zu neuen Beiträgen, nicht nur von Dir, auch von anderen Blogs. Muss wohl an mir liegen.
    Middlesex klingt toll, kommt sofort auf den WWW (was für ein wundervoller Ausdruck). Und natürlich ist Irvin erstklassiger Flutsch!
    Schönen Sonntag!

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  10. HIhi, der Ausdruck ist wirklich lustig, auch wenn ich mit deiner Bewertung diesmal nicht übereinstimme : ) Eugenides‘ Erstling fand ich damals unglaublich langweilig, den Film dagegen großartig. Middlesex ist eines meiner Lieblingsbücher und meiner Ansicht nach absolut preiswürdig (im Jahr davor gab’s den Preis, glaube ich, für die Korrekturen, einen Roman, der mich wesentlich weniger begeistern konnte). Den Marriage Plot fand ich sehr unterhaltsam, aber vielleicht liegt es daran, dass ich ein Faible für Campus Novels habe und mich die Uni-Situation von Madeleine in nostalgische Stimmung versetzt hat. So sieht man mal wieder: Die Meinungen sind durchaus geteilt. Macht aber nichts, wäre ja sturzlangweilig, wenn sich alle immer einig wären : ) Liebe Grüße & einen schönen Sonntag!

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    1. Liebe Petra,
      wie Du schreibst – ständige Übereinstimmung wäre langweilig, die Meinungen sollen ja nicht ständig in dieselbe Richtung flutschen…und deshalb bleibe ich dickschädlig bei meiner Beurteilung der Liebeshandlung. Vielleicht habe ich jedoch ein „Unfaible“ für Campus Novels – kennst du die Charlotte Simmons von Tom Wolfe. Fand ich auch extremst flutschig 🙂 Liebe Grüße Birgit

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  11. Also, hier muss ich mal kurz einhaken xD. Ich habe von Eugenides bisher nur Die Selbstmord-Schwestern gelesen, aber das ist doch relativ hängen geblieben. Klar, ich habe es relativ schnell gelesen, es ist also schon „geflutscht“, aber ich denke doch, dass es interessante Aspekte aufweist, die man so schnell nicht vergisst. Aber das mag auch daran liegen, dass ich normalerweise solche Bücher nicht lese ;-).

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