Richard Yates: Eine strahlende Zukunft (1984).

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Bild: (c) Michael Flötotto

 

„Scheiß auf die Kunst“, sagte sie. „Das meine ich ernst, Michael. Scheiß auf die Kunst, okay? Ist es nicht witzig, daß wir ihr ein Leben lang nachgejagt sind? Daß wir unbedingt all denen nahestehen wollten, die sie zu begreifen schienen, als könnte uns das weiterhelfen; daß wir nie aufhörten, uns zu fragen, ob sie nicht hoffnungslos unseren Horizont übersteigt – oder vielleicht gar nicht existiert? Denn das ist eine interessante These für dich: Was, wenn sie nicht existiert?“

Richard Yates, „Eine strahlende Zukunft“, 2014.

Gäbe es die Kunst nicht, müsste Michael Davenport sich eine Kugel durch den Kopf jagen – dies ist es auch, was er, der Dichter ohne Ruhm und Anerkennung seiner Ex-Frau Lucy bei diesem Treffen, rund dreißig Jahre nach ihrer ersten Begegnung, antwortet. „Eine strahlende Zukunft“ (1984 unter dem Titel „Young hearts crying“ erschienen – was in mir erneut die Frage aufwirft, warum der DVA-Verlag, der das Gesamtwerk Richard Yates herausgibt, zwar für hervorragende Übersetzungen sorgt, aber die Romantitel verkitscht) gilt als eines der schwächeren Werke des amerikanischen Romanciers. Auch Yates-Biograph Rainer Moritz bemängelt in „Der fatale Glaube an das Glück“ gewisse Schwächen, Längen, ermüdende Dialogszenen und eine weniger gelungene psychologische Zeichnung der Hauptfigur. Ganz klarer Widerspruch meinerseits und damit in guter Gesellschaft von Shortlists.com:
http://shortlist.com/entertainment/books/10-underrated-novels-from-great-authors

„Frankly, we’re spoilt for choice when it comes to Richard Yates. Sadly overlooked during his life, it was only years after his death that he was finally given the appreciation he truly deserved. While it doesn’t have the devastating emotional impact of Revolutionary Road, Young Hearts Crying makes an excellent companion piece, telling the story of a similarly hopeful couple who fall apart over the years. Wonderfully prescient in its depiction of hipster culture all the way through to its forward-thinking take on divorce, it’s still a horribly well-observed look at how difficult maintaining one’s own dreams can be when in the constraints of a couple. Bitter at times sure but realistic to the end.“

Ob in „Eine besondere Vorsehung“ oder „Eine gute Schule“ oder in seinen Erzählungen: Immer wieder arbeitet Richard Yates (1926-1992)  in seinem Schreiben die Traumata seines Lebens auf. Die Künstlerin-Mutter, die keinen Halt geben konnte, weil sie selbst haltlos war. Die gescheiterten Beziehungen. Die – nach kurzem Ruhm – mangelnde Anerkennung als Schriftsteller. Die Psychiatrieerfahrung, der Alkoholismus, die Armut, die Isolation. Unter all diesen Büchern halte ich „Young hearts crying“ für sein persönlichstes Werk, für eine Art Bestandsaufnahme gegen Ende seines Lebens. Und trotzdem auch dieser Roman in vielfacher Weise ein Monument des Scheiterns ist – am Ende des Buches klingt etwas wie Hoffnung, wie Ruhe an, ein, zwei Sätze, die vielleicht auch zeigen, warum Richard Yates selbst durchhielt.

Die Schlussszene zeigt ihn nach dem Gespräch mit seiner Ex-Frau Lucy, er schlendert zu seinem Hotel, denkt an Sarah, seine zweite Ehefrau, an die Partnerschaft, die vielleicht am Zerbrechen ist:

Vielleicht würde sie kommen und mit ihm leben, vielleicht auch nicht; und es gab noch eine dritte, schreckliche Möglichkeit: Vielleicht würde sie kommen, im Geiste zögerlicher Willfährigkeit nur ein Weilchen bleiben und darauf warten, dass ihr gesunder Menschenverstand sie befreite.

„…im Grunde ist jeder allein“, hatte sie gesagt, und er begann zu erkennen, dass darin viel Wahrheit steckte. Und außerdem: Jetzt, wo er älter war, wo er zu Hause war, spielte es vielleicht gar keine Rolle, wie die Geschichte am Ende ausging.

Tatsächlich sind die Liebesbeziehungen, die Ehegeschichten in diesem Roman – ebenso wie in seinem Pendant „Revolutionary Road“ (deutsch: „Zeiten des Aufruhrs“) – die Folien für eine zentralere Frage: Was ist, wenn der Lebenstraum, dem du nachhängst, zu groß für dich ist?

„Young hearts crying“ ist vor allem auch ein Künstlerroman und eine verhalten zynische, bittere Abrechnung mit dem Kunstbetrieb: Wie die zu Anerkennung gelangen, die die beste Anpassungsleistung erbringen, der arrivierte Maler, der seit Jahren mit Erfolg ein Thema variiert, der gescheiterte Schauspieler, der zum richtigen Zeitpunkt die Exploitation-Welle ausnutzt, um an Geld und eine jüngere Ehefrau zu kommen, die Tochter aus reichem Hause, die sich aneinander folgend in Schauspiel, Schreiben, Malen versucht. Letzteres ist Lucy, die Exfrau, deren künstlerische Gehversuche Yates mit Humor, aber auch viel Wärme und Respekt nachzeichnet. In ihrem Abendschreibkurs wird eine ihrer Erzählung so charakterisiert: Geschmackvoll, gut gezeichnet, Sätze mit Würde. Wie Lucy letztlich anerkennt, dass ihr Talent für nichts im Kunstbetrieb ausreicht – das tut sie mit Würde, wenn auch ein großer Rest an Traurigkeit verbleibt.

Etwas, das Michael, der von Beginn an mit mehr Wut und Eigenzorn ausgestattet ist,  aber auch mit mehr Talent, sich erst erarbeiten muss – mit der Wut, mit der Trauer aufgrund des Scheiterns, mit der Schwierigkeit, zu sich zu kommen, mit all dem zurecht zu kommen.

„Mit dreiundzwanzig hatte Michael Davenport gelernt, seiner eigenen Skepsis zu trauen.“

So wird der Dichter mit dem ersten Satz vorgestellt. Im Folgenden bewegt sich Michael durch diesen Roman, als habe er ständig die falschen Kleider an (auch an den anderen Künstlern bemerkt Michael im wörtlichen Sinne diese falschen Kleider, die aufgesetzt wirkenden abgetragenen Army-Klamotten, der Wandel vom abgerissenen Maler hin zum Khakihosen tragenden College-Dozenten). Das Leben, die Dichtung wird zum Ringen um „Authenzität“. Dies geht so weit, daß er es ablehnt, vom riesigen Vermögen seiner ersten Frau Lucy zu leben, sondern einen Gebrauchstexter-Job annimmt: Weniger aus einem Gefühl „männlicher Würde“ heraus, den Lebensunterhalt verdienen zu müssen, denn aus der Vorstellung, ein Leben in Wohlstand und der damit erkauften Freiheit sei falsch für sein Werk.

Dieses Ringen um Wahrhaftigkeit führt letztendlich zum Bruch der Ehe. Der Bruch der Ehe zum Verlust einiger angenommener Lebensvorstellungen. Der Verlust wiederum zum Bruch in Michaels Persönlichkeit. Wie Richard Yates selbst lässt er seinen Protagonisten Davenport mit einer unbezeichneten Diagnose in das New Yorker Bellevue einliefern. Für Yates war dies an sich die traumatische Lebenserfahrung. Eine ungefähre Ahnung vom Zustand der Psychiatrie dieser Jahrzehnte erhält man auch durch „Einer flog über das Kuckucksnest“ von Ken Kesey. Für einen Menschen in seiner psychischen Verletzlichkeit brachte diese Art der „Behandlung“ keine Heilung, sondern oftmals erst den unheilbaren Zusammenbruch.

„Und nachdem ich aus dem Bellevue raus war“, sagte er, „hatte ich ständig Angst. Angst, um Straßenecken zu biegen. Es gab keine Schlangen mehr, aber die Angst vor der Flak wollte nicht aufhören. (…) Aber der zentrale Gedanke, verstehst du, ist die Untrennbarkeit von Angst und Wahnsinn. Angst haben macht dich verrückt; Verrücktwerden macht dir Angst.“

Auch Yates versuchte, sein Leben lang mit dieser Angst zurechtzukommen, die Scherben zusammenzuhalten. Obwohl ihm die öffentliche Anerkennung versagt blieb, schrieb er einen Roman nach dem anderen, die zum Besten gehören, was die moderne amerikanische Literatur zu bieten hat.

„Die Arbeit mochte nicht alles sein, was es auf der Welt gab, doch sie war das Einzige, worauf Michael Davenport sich verlassen konnte. Wenn er sie jetzt schleifen, seine Gedanken je davon wegdriften ließ, dann konnte es zu einem dritten Schub kommen – und der konnte ihn, hier in New York, durchaus wieder ins Bellevue bringen.“

Das Schreiben, so formuliert es Rainer Moritz, war Richard Yates` Waffe gegen den Untergang.

28 comments on “Richard Yates: Eine strahlende Zukunft (1984).”

  1. Danke für die sehr ausführliche und schöne Besprechung. Da dieses Buch auf meiner Lesewunschliste steht, kommt diese Besprechung gerade recht. Einen schönen Sonntag noch.

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  2. Wow! Danke für den großartigen Beitrag! Wieder einmal mehr ein Autor, dessen Werk ich mir nun noch vornehmen muss. Das klingt schon fast nach einem atemlosen Buch, und genau das habe ich im Moment gesucht 🙂

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  3. Yates gehört für mich zu den persönlichen Entdeckungen der letzten Jahre. Jedes Buch intensiv und berührend. Dieses Buch fehlt mir noch, doch nach dieser schönen Besprechung wird es demnächst gekauft.
    Liebe Grüße,
    Mareike

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  4. Danke für diese absolut großartige Besprechung, liebe Birgit! :-). Richard Yates gehört bereits seit Jahren zu meinem absoluten Lieblingsschriftsteller, auch dieses Buch liegt hier bereits und wird in Ruhe nach der Buchmesse gelesen. Das Buch von Rainer Moritz habe ich übrigens auch sehr gerne gelesen, heimlich still und leise hoffe ich aber auch immer noch darauf, dass eine Übersetzung von Blake Baileys Biographie erscheinen wird. 🙂

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    1. Liebe Mara,
      danke Dir! Das freut mich, dass Dir als Yates-Fan die Besprechung taugt – und ich bin gespannt, was Du dann nach dem Lesen meinst und schreibst. Ja, die Moritz-Bio ist im Vergleich zu Bailey eher „dünn“ (inhaltlich), aber für Yates-Einsteiger sicher zu empfehlen…LG Birgit

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      1. Ja, für Einsteiger sicherlich empfehlenswert und ich habe das Buch auch gerne gelesen, viel Neues habe ich darin jedoch leider nicht gefunden. Als Yates-Fangirl ist man aber wohl auch nicht leicht zufrieden zu stellen. 🙂

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  5. Ich kenne bislang nur „Revolutionary Road“ das hat mir richtig gut gefallen. Möchte auch gerne noch mehr von ihm lesen. Ganz tolle Rezension 🙂 Liebe Grüße …

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