Ruth Klüger: unterwegs verloren (2008).

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DSC00518„Die Überlebenden der KZ, mit Ausnahme von einigen, die man zu Märtyrern gestempelt hat, sind allen frei gebliebenen Menschen ein Dorn im Auge. Gelitten zu haben ist eine Schande, außer wenn man daran und dafür gestorben ist.

Ruth Klüger, „unterwegs verloren“, 2008

Ruth Klüger ist 61 Jahre alt, als 1992 im Literarischen Quartett ihre Erinnerungen „weiterleben“ vorgestellt werden. Mit einem Mal wird die amerikanische Literaturprofessorin und Germanistin auch einem breiten Publikum im deutschsprachigen Raum bekannt. „weiterleben“ erzählt von ihrer Kindheit in Wien, dem Überlebenskampf in den Konzentrationslagern, der Flucht mit der Mutter in die USA.

 „unterwegs verloren“ setzt Jahre später ein – ebenso ein Buch über das Weiterleben. Mit einer ruhigen Sprache, manchmal bis an die Grenze zur Emotionslosigkeit, erzählt Ruth Klüger von einer doppelten Diskriminierung: Als Jüdin und als Frau im amerikanischen Literaturbetrieb. Sie erzählt von weiteren Verlusten, der Entfremdung von den Söhnen, von der Familie, von Freunden. Bis hin zum Bruch mit Martin Walser, den sie als junge Frau noch vor der Emigration in die USA kennenlernete, in ihm einen engen, lebenslangen Freund sah, dem sie jedoch die Darstellung eines jüdischen Kritikers in dem umstrittenen Werk `Tod eines Kritikers´ nicht nachsehen kann.

Wie sehr die traumatischen Erfahrungen ein Leben lang prägen, auch das verdeutlicht diese Autobiographie. Und über alledem überwiegt dennoch eine anhaltende Liebe zur deutschen Sprache, zur deutschen Literatur.

Und bei allem, was Ruth Klüger „unterwegs verloren“ hat, bleibt ein Gewinn am Ende: Das Wissen, dass sie dort, wo Diskriminierung geschah – sei es ihr oder anderen gegenüber – den Mut und das Rückgrat hatte, dagegen einzutreten.

Ihre Bücher gibt es als Taschenbuch-Ausgaben beim dtv Verlag.

8 comments on “Ruth Klüger: unterwegs verloren (2008).”

    1. Es gibt und gab ja in „gods own country“ immer auch einen starken Antisemitismus – sie beschreibt dieses ebenso eindrucksvoll wie ihre Erfahrungen als Frau in einer männlich geprägten Universitätswelt, was ebenfalls zu Benachteiligungen geführt hat. Da du ja schon anderes von ihr gelesen hast, wird dir das bestimmt zusagen! LG Birgit

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  1. Die Überlebenden sind ein Dorn im Auge, gelitten zu haben ist eine Schande, außer wenn man daran und dafür gestorben ist. – Ich würde sogar „außer wenn man dafür gestorben ist“ weglassen, nach dem, was mir im Laufe meines langen Lebens in Zusammenhang mit dem Thema „Juden und Nationalsozialismus“ begegnet ist.

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  2. Bis ich durch Kai und seinen Blog skyaboveoldblueplace den großartigen Autor Boris Cyrulnik kennenlernte, war mir nicht bekannt, wie extrem wichtig es für die Überlebenden traumatischer Ereignisse ist, dass sie von dem, was geschehen ist, berichten können. In einer freundlichen und offenen Atmosphäre. Wie sehr dadurch die Chancen steigen, dass das Erlebte „verarbeitet“ werden kann, also in die Lebensgeschichte integriert werden kann.

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    1. Liebe Jutta, jetzt bin ich ja wohl zu spät dran, dir einen schönen Urlaub mit vielen guten Gesprächen zu wünschen…
      Ja, das Buch von Cyrulnik verdeutlich nochmals, wie wichtig es ist, dass traumatisierte Menschen sprechen können und erfahren, dass sie sprechen dürfen – aber im Grunde braucht das ja auch jeder Mensch.
      So, ich hoffe, Du erholst Dich am Meer, schaltest ab und kannst Dich nach Deiner Rückkehr über die guten Neuigkeiten freuen: Dein Roman war wohl in der NZZ (ich habs leider nicht gelesen).

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      1. Liebe Birgit, aber nein, du bist mitnichten zu spät dran, vielen Dank für die guten Wünsche! So ein Urlaub will ja von langer Hand geplant sein und am Wochenende gibt es erst noch vier Auftritte mit der „Schweinebande“ …
        Und die Rezension aus der NZZ schicke ich dir – verrate aber vorweg schon mal: „fesselnde Familiengeschichte“ und „treffsicher gesetzte Dialoge“ 😉

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