Jeremias Gotthelf: Die schwarze Spinne (1843).

 Alleswahr (46)

Das Projekt: #LawAndLit, ein Literaturprojekt von 54books und texteundbilder. Recht und Literatur, Werke, in denen es um Recht und Gerechtigkeit geht – erlesen an einigen Werken der Weltliteratur, von lesenden Juristen und Nichtjuristen. Mehr zum Projekt, der Leseliste und den bereits erschienenen Besprechungen gibt es hier: http://www.buchguerilla.de/lawandlit/

Meine Wahl: „Die schwarze Spinne“ von Jeremias Gotthelf (1797-1854). Mit Fokus auf: Den rechtlichen Ausnahmezustand. Als Nichtjuristin meinte ich, diesen Rechtsbegriff evt. fassen zu können. Als Leserin schien es mir, eine Novelle wäre schnell umrissen. So kann man sich selber ein Bein stellen.

Die Novelle und ihr Autor: Jeremias Gotthelf (1797-1854) ist ein Pseudonym. Tatsächlich als Albert Bitzius geboren, studierte der Sohn eines reformierten Pfarrers ebenfalls Theologie und wurde Seelsorger. Sein erstes Buch veröffentlichte er erst als 40jähriger. In Romanen wie „Uli, der Knecht“ und „Uli, der Pächter“ beschreibt er eindringlich die Situation der Schweizer Bauern, deren Notlage und Knechtung. Sein literarischer Rang wurde von Gottfried Keller, Walter Muschg und Thomas Mann hervorgehoben. Seine (politischen) Folgerungen aus dem Elend der Landbevölkerung stehen jedoch auf einem anderen Blatt: Gotthelf sah seine Bücher als Teil einer Seelsorge, die christlich-karitativ-konservativ war. Sein Ideal war der fleißige, redliche und gottesfürchtige Landmann, dem in aller christlicher Demut geholfen werden musste. Auch fremdenfeindliche und antisemitische Tendenzen sind in Teilen des Werkes dieses dichtenden Priesters spürbar. Sehr deutlich wird diese Grundhaltung an der Rahmennovelle „Die schwarze Spinne“, die 1843 erschien.

Bild1Die Handlung:

Zunächst wähnt man sich in der idyllischen, behaglichen Schweiz. Eine Kindstaufe wird gefeiert, die Sonne lacht, alles ist festlich vorbereitet. Nach dem Kirchgang trifft sich die Taufgesellschaft zum Schmaus im schmucken Heim, die Tische biegen sich unter den leckeren Köstlichkeiten, man speist, man trinkt, man lässt es sich gut sein.

In diese wonnige Rahmenhandlung bettet Jeremias Gotthelf eine gruselige Legende ein, die beim Lesen durchaus auch zu packen vermag – die Schauergeschichte  von der schwarzen Spinne. Nachdem der alte Hofherr die Geschichte erzählt hat, will der Taufgesellschaft das Essen nicht mehr munden – so schauerlich ist die Mär:

 „Hell glänzten auf dem Tische, frisch gefüllt, die schönen Weinflaschen, zwei glänzende Schinken prangten, gewaltige Kalbs- und Schafbraten dampften, frische Züpfen lagen dazwischen, Teller mit Tateren, Teller mit dreierlei Küchlene waren dazwischen gezwängt, und auch die Kännchen mit den süßen Tee fehlten nicht. So war ein schönes Schauen, und doch achteten sich alle desselben wenig; aber alle sahen sich um mit ängstlichen Augen, ob nicht die Spinne aus irgendeiner Ecke glitzere oder gar vom prangenden Schinken herab sie anglotze mit giftigen Augen.“

Sechs Jahrhunderte zuvor wurden die Bauern dieses Tals von den Kreuzrittern eines Ordens, der sich dort niedergelassen hatte, zu harten Frondiensten gezwungen. Die Ritter „gingen mit andern Menschen um, als ob kein Gott im Himmel wäre“. Den Bauern selbst fehlt der „Mut zu rechtem Zorn, denn Not und Plage hatte den Mut ihnen ausgelöscht, so daß sie keine Kraft mehr zum Zorne hatten, sondern nur noch zum Jammer.“

In einer besonderen Notlage bietet der Teufel seine Hilfe an – nur dieser „vermaß sich zu schwerer Rache gegen solche Tyrannei“. Was er dafür will: Ein ungetauftes Kind.

Bild2

Besser verhungern, als mit dem Gehörnten solch ein Geschäft eingehen, meinen die Bauern zunächst – doch als gar nichts mehr geht, nimmt die Sache eine tatkräftige Frau in die Hand. Eine angeheiratete „Lindauerin“, die Verkörperung der Fremden also:

„Ein einzig Weib schrie nicht den andern gleich. Das war ein grausam handlich Weib, eine Lindauerin soll es gewesen sein, und hier auf dem Hofe hat es gewohnt. Es hatte wilde, schwarze Augen und fürchtete sich nicht viel vor Gott und Menschen.“

Sie, die Außenseiterin, ist die Einzige, die sowohl gegen die Grausamkeit der Ritter aufbegehrt als auch meint, den Teufel betrügen zu können – indem man mit ihm zum Schein den Handel eingeht, ihm den Lohn dafür, das ungetaufte Kind, jedoch vorenthält.

Es kommt, wie es kommen muss: Der Teufel lässt mit sich keinen Schabernack treiben. Als ihm ein Neugeborenes verwehrt bleibt, besetzt er die „Lindauerin“ – aus ihrer Wange schlüpft eine scheußliche Spinne, die schließlich umstandslos einen Großteil der Dorfbevölkerung meuchelt. Erst einer jungen Frau gelingt es, die Spinne im Loch eines Holzbalkens einzusperren, das Dorf bekommt Ruhe, erfährt wieder bessere Zeiten.

Die Moral von der Geschichte: Wer, auch in der größten Not, mit dem Teufel paktiert, bekommt eins auf die Mütze. Gotthelf ist es jedoch nicht genug, dies in der Novelle einmal zu betonen – er bettet eine zweite Erzählung ein, der Verlauf ein ähnlicher: Rund 200 Jahre später herrschen auf dem Hof Hoffart, Verschwendung, Faulenzerei, verursacht wieder durch Frauen und fremde Elemente. Die Spinne entkommt, das Grauen beginnt erneut, bis erneut einer den Mut und das Glück hat, das Monster in den Balken zu bannen.

Und dort verharrt das Böse auch zu Zeiten der Rahmenerzählung, die mit diesen Worten endet:
„Bald war es still ums Haus, bald auch still in demselben. Friedlich lag es da, rein und schön glänzte es in des Mondes Schein das Tal entlang; sorglich und freundlich bar es brave Leute in süßem Schlummer, wie die schlummern, welche Gottesfurch und gute Gewissen im Busen tragen, welche nie die schwarze Spinne, sondern nur die freundliche Sonne aus dem Schlummer wecken wird. Denn wo solcher Sinn wohnet, darf sich die Spinne nicht regen, weder bei Tage noch Nacht. Was ihr aber für eine Macht wird, wenn der Sinn ändert, das weiß der, der alles weiß und jedem seine Kräfte zuteilt, den Spinnen wie den Menschen.“

Fazit: Zwei Grundfragen stellten sich mir in dieser Novelle.

Erstens: Gibt es in einer Ausnahmesituation, in der die geknechteten Bauern zu Beginn der Binnenerzählung sich befinden, ein Recht auf Widerstand?

Zweitens: Ist dann jedes Mittel, auch ein betrügerisches Bündnis mit gefährlichen Partnern, recht und rechtens?

Bild3Gotthelf selbst beantwortet die erste Frage nur indirekt, aber negativ:Der Spinne fallen auch die Ritter zum Opfer, da „Gott mit gleicher Kraft über jedem sei, der von ihm abfalle, sei er Bauer oder Ritter.“ Allein Gott also ist es zugebilligt, zu richten – in der christlichen Auffassung Gotthelfs, davon muss man ausgehen, hätten die Bauern ihr Leid klaglos zu ertragen gehabt. Ein Recht auf Widerstand gibt es in diesem Sinne nicht, Gutes erfährt, wer sein Leben führt „in Gottesfurcht und Rechttun“.

Ganz eindeutig beantwortet die Erzählung die Frage nach den Mitteln: Falsch, falsch, falsch. Wer Böses mit Bösem zu bekämpfen versucht, auf den lässt Gotthelf nicht nur die Spinne los, sondern auch Blitz und Donner kommen. In der fürchterlichsten Szene sausen, brausen und tosen die Naturgewalten, „als sollten diese Töne zusammenschmelzen zur letzten Posaune, die der Welten Untergang verkündet.“ Denn: „Wer mit dem Bösen sich einlasse, komme vom Bösen nimmer los und wer ihm den Finger gebe, den behalte er mit Leib und Seele. Aus diesem Elend könne niemand helfen als Gott; wer ihn aber verlasse in der Not, der versinke in der Not.“

Weniger die Frage nach den Rechten zur Gegenwehr und Widerstand, denn die Schuldfrage wird also thematisiert: Dem Dorf wird nicht das Recht zugestanden, gegen das Übel der Unterdrückung vorzugehen. Schon durch das Aufbegehren macht man sich schuldig. Zudem führt eine unrechte Handlung zur nächsten, am Ende sind alle in Schuld verstrickt. Das Kollektiv, zunächst noch hinter der „Lindauerin“ stehend, bricht rasch auseinander, als die ersten Übel geschehen. Die Fremde ist der geeignete Sündenbock, ein Muster, das sich auch in der zweiten Erzählung gewissermaßen wiederholt. Letztendlich liegt die Lösungskompetenz in Gotthelfs Augen allein bei einem – seinem christlichem Gott, dem obersten Richter.

Dass die Novelle in ihrer Zeit zu sehen ist, dass zudem Herkunft und Haltung ihres Verfassers zu berücksichtigen sind – das ist keine Frage. Würde sie man daher nur aus literarischer Sicht betrachten, wäre sie tatsächlich recht bemerkenswert, allein wegen der Sprachgewalt, mit der das Schrecklich-Schaurige über den Leser hereinbricht.

Was ihre inhaltliche Substanz anbelangt: Trotz anfänglicher Lese- und Schreibhemmung bin ich nun denn doch froh, am #LawAndLit – Projekt teilgenommen zu haben.

Die Frage nach dem Recht im Ausnahmezustand habe ich in der Auseinandersetzung mit der engen Auffassung Gotthelfs in die Frage nach dem Recht auf Widerstand umgewandelt. Dieser konservative Kodex, der den Bauern letztendlich keine Gegenwehr gegen die Ausbeutung durch willfährige Gutsherren zugesteht, fügt sich schlecht in die Auffassung von der Gleichheit der Menschen. Das Dorf befindet sich in einem Notstand – wenn Menschen- und Grundrechte jedoch ständig missachtet werden, dann ist auch ein Recht auf Widerstand gegeben.

Mit dem Bewusstsein, was heute in der Ukraine geschieht, was sich seit 2011 in Syrien abspielt, was in Ägypten geschah oder – fast schon wieder aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden – 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens, aber auch zurückdenkend an die Ereignisse, die zum Fall der Mauer führten: Das Recht auf Widerstand gegen unerträgliche Verhältnisse kann und darf, wie der Schweizer es schreibt, nicht nur „gottgegeben“ sein.

Die zweite Frage jedoch, die die Novelle aufwirft, ist meines Erachtens noch schwieriger zu beurteilen: Wenn Widerstand vonnöten ist, welche Mittel sind erlaubt?

Zur Beitragsübersicht im Rahmen von #LawAndLit:
http://www.buchguerilla.de/uebersicht/

Veröffentlicht von

Das Literaturblog Sätze&Schätze gibt es seit 2013. Gegründet aus dem Impuls heraus, über Literatur und Bücher zu schreiben und mit anderen zu diskutieren.

20 thoughts on “Jeremias Gotthelf: Die schwarze Spinne (1843).

  1. Ich habe das Buch vor zwei Jahren auf einem Flohmarkt entdeckt und habe es vermutlich aufgrund der schönen Illustrationen mitgenommen. Ohne überhaupt zu wissen, wovon das Buch handelt, habe ich es in mein Regal gestellt und da befindet es sich auch heute noch… ungelesen. Nun hast du mich aber wirklich neugierig gemacht. Danke dafür und für die Leitfragen, die ich mit großer Wahrscheinlichkeit beim Lesen des Textes im Hinterkopf haben werde.
    Liebe Grüße
    Kef

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    1. Liebe Annegret,
      danke Dir für die Rückmeldung. Für mich war die Ausseinandersetzung mit der Novelle auch deshalb spannend, weil Gotthelf ja tatsächlich für Reformen eintrat, die der Landbevölkerung helfen sollten – aber eben nur in diesem engen Rahmen, den er sich selbst in seiner Gottergebenheit gestattete. Aber: In manchen Situationen hilft auch auch Beten nichts…LG Birgit

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    1. Leider ist das Projekt vorbei, liebe Jutta, aber ich hoffe, es wird mal wieder was ähnliches aufgelegt – fand ich so spannend wie die Novelle, vor dem Schreiben – wissend dass es Juristen lesen – hat es mich gegruselt.(Und mich gruselt so leicht nichts).

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  2. lawandlit – ha! diese Abkürzungen. Ich dachte: was Französisches, obwohl das w darin untypisch ist. Jetzt ist aber die tatsächliche Bedeutung wirklich ein spannendes Thema. Fragt sich, ob wir inzwischen das Stände-denken hinter uns gelassen haben. Ich bezweifel es. Sprachlich fand ich den Gotthelf auch lesenswert und bekomme Lust, ihn wieder zu lesen. In Murdochs Buch „The Nice and The Good“ geht es auch um juristisch-menschliche Dilemmen im Zusammenhang eines gewaltsamen Todes und den Verwicklungen, die dieser mit sich zieht, – von wegen kleiner Finger … Hebt Gotthelf eigentlich die dualistrische Sicht auf in einen runden Weltenplan Gottes?

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    1. Qui, qui je lis…oder so: Mein Schulfranzösisch, lange her. Du empfiehlst immer wieder Murdoch stelle ich fest…mal sehen, ob ich irgendwann einen Zugang zu ihr finde. Und: Nein Gotthelf hebt die Weltsicht nicht auf, rund ist die Lösung am Ende nicht.

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  3. Daniel Kehlmann schrieb einen interessanten und erhellenden Essay über „Die schwarze Spinne“ Gotthelfs, der mit den Worten beginnt: „Meine Eltern hätten mir nicht erlauben sollen, mit neun Jahren Die schwarzen Spinne zu lesen. Noch nie habe ich mich so gefürchtet. Nie hatte ich solche Albträume, nie so eine Intensität der Angst.“ Der lesenswerte Essay Kehlmanns („Elben, Spinnen, Schicksalsschwestern“) findet sich in seinem Buch „Kommt, Geister“ (Frankfurter Poetikvorlesungen). Nachdem ich den Essay nun gelesen habe, in dem es dann auch noch um die Spinnenszene im Herrn der Ringe geht, reicht es mir aber auch schon mit den Spinnen-Gruselgeschichten (für heute jedenfalls…)
    Interessant und bemerkensswert finde ich folgenden Satz von Kehlmann – vor allen Dingen für alle Schreibenden:
    „Vielleicht der einzige creative writing-Rat, der wirklich etwas zählt: Ein Schrifsteller sollte sein wie Pastor Blitzius. Er sollte die Spinne anfassen.“
    Pastor Blitzius war der bürgerliche Name des frommen Pastors und Autors Gotthelf…

    Herzliche Grüße,
    Hannah

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  4. Die schwarze Spinne habe ich auch noch hier liegen und freue mich auch drauf, aaaaaber es ist in der ollen Sütterlinschrift geschrieben und da tue ich mich so schwer mit. Geht furchtbar langsam, aber da kämpfe ich mich nochmal durch …. 🙂

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