Magda Szabó: Hinter der Tür (1987).

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„Unsere wechselseitige Zuneigung war fast so etwas wie Liebe, obwohl wir enorm viele Zugeständnisse machen mußten, um uns gegenseitig zu akzeptieren. Jede Arbeit, die nicht mit den Händen und dem Einsatz körperlicher Kraft verbunden war, kam Emerenc wie Nichtstun vor, ja sogar wie ein Schwindel. Ich meinerseits habe die Leistung körperlicher Arbeit immer anerkannt, konnte sie aber gegenüber geistiger Tätigkeit nie als höherwertig begreifen (…).
Bücher waren das Fundament meiner Welt, Buchstaben waren meine Maßeinheit, doch empfand ich sie keineswegs als alleinseligmachend, wie für die alte Frau die eigene Vorstellung vom Leben das Maß aller Dinge war.“

Magda Szabó, „Hinter der Tür“, 1987, Suhrkamp Taschenbuch (hier die Verlagsangaben zum Buch).

Zwei Frauen, zwei Leben, zwei Welten. Die Schriftstellerin trifft auf die alte Hausmeisterin, man nähert sich zögernd an, gelangt mühsam zu einer Vertrautheit, eine Zuneigung zwischen der Weichen und der Harten entsteht. Beinahe ein Kammerspiel, ein Herz-Kammerspiel. Denn der wesentliche Raum des Romans liegt hinter einer Tür. Dort hält Emerenc, die Hausmeisterin, Zeugnisse einer traumatischen Vergangenheit verschlossen. Ein Zimmer, das von Flucht, Vertreibung, Verfolgung, Verlusten erzählt. Zu viele Verluste, ein verstummtes Herz, das sich der jüngeren Frau nur zögerlich öffnet. Bis der Bruch kommt: Emerenc liegt, vom Schlaganfall gefällt, hilflos in der Wohnung. Will nichts anderes, als alleine und in ihrem Begriff von Würde sterben. Der Einbruch in die Wohnung ein Vertrauensbruch, eine falsch ausgeführte Geste des Helfens. Das Innerste wird entblößt, das Zimmer den Voyeuren geöffnet, ein Herz, das – zur Schau gestellt – mit einem Schlag zerbricht.

„Ich bin schuld an Emerencens Tod. Daran ändert auch nichts die Tatsache, daß ich sie nicht umbringen, sondern retten wollte.“

Eva Haldimann schreibt im Nachwort der Suhrkamp-Ausgabe, die Romane von Magda Szabó seien Trauerarbeiten. (Nicht zu vergessen die politische Dimension dieses Buches: Wie sehr prägt die Geschichte das Leben eines Menschen?). „Hinter der Tür“ liegt die Trauer über die missverständlichen Gesten der Liebe. Die größte Traurigkeit von allen: Wenn Zuneigung misslingt.

Eine Leseempfehlung für diesen Roman der ungarischen Autorin (1917-2007), der 2011 von István Szabó mit Helen Mirren als Hausmeisterin Emerenc und Martina Gedeck in der Rolle der Schriftstellerin verfilmt wurde.

Zum vertieften Einlesen: Bei „Zeilenkino“ werden in einer fundierten Rezension Buch und Verfilmung verglichen und besprochen.

10 comments on “Magda Szabó: Hinter der Tür (1987).”

  1. Liebe Birgit,
    es klingt wie der Konflikt zwischen mir und meinem Vater. Ich habe beim googeln gesehen, dass das Buch auch mit Helen Mirren verfilmt wurde. Hast du den Film gesehen?
    Liebe Grüße von Susanne

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    1. Liebe Susanne, das wird zwischen den beiden Frauen auch wie ein Mutter-Tochter-Verhältnis: Viel Zuneigung, aber auch viel Nicht- Verstehen. Der Film ist gut, Helen Mirren hervorragend.

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  2. Das Buch hört sich großartig an, liebe Birgit. Wie viele Grenzen werden ungefragt überschritten, aus Zuneigung, im Namen der Liebe…Dass mir nicht jedenfalls der Film bereits begegnet ist, ist mir bei den beiden Hauptdarstellerinnen völlig schleierhaft. Danke sehr fürs Aufmerksammachen!

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    1. Meiner zeitweiligen Computerunfähigkeit geschuldet: Ich, Claudio, Zweitblogger und Anhängsel, habe mich hier in den Administratoren-Editionsrechten geübt, um bei zweitweiliger Abwesenheit der Chefin ihre Beiträge unter ihrem Namen bringen zu können. Aber jetzt ist das im Hintergrund geklärt. Bevor also noch mehr Verwirrung aufkommt: Dieser Beitrag ist von mir, gelesen und gesehen habe ich Buch und Film, zunächst auf Betreiben meiner Frau, die oftmals vorher schon besser weiß, was mir gefallen wird. Ich, eben doch auch ein Vertreter meiner Spezies, sah auf die Darstellerinnenliste und meine zuerst, „ein Frauenfilm“. War aber sehr angetan, mehr noch vom Buch, das direkt und indirekt zwischen den Zeilen die Schicksale an die politischen Umstände in Ungarn verortet, von der Nazidiktatur über die Enge und eiserne Zeit im Kommunismus bis zum Auftauen (was sich vor allem an der zunehmenden Publikationstätigkeit der Schriftstellerin bemerkbar macht). So ist der Roman aus Sicht einer Frau geschrieben, die immer wieder in den Konflikt gerät, das eigene Arbeiten rechtfertigen zu müssen, abwägen zu müssen, ob sie beispielsweise einen TV-Auftritt wahrnimmt oder sich um die alte Frau kümmert, während der ebenfalls schreibende Gatte sich sehr zurückhält. Gab viel Denk- und Diskussionsstoff auch bei uns zuhause. Viele Grüße Claudio

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      1. Noch mehr Hintergrund: Magda Szabó war selbst auch mit einem Schriftsteller verheiratet, also wie die Figur im Buch. Ob das sehr viel autobiographisches beinhaltet, weiß ich allerdings nicht. Da müsste ich noch mehr lesen von und über sie, aber die Ungarn sind so ein kleines Projekt, dem ich mich ganz langsam annähere.

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