Kurt Tucholsky: Deutschland, Deutschland über alles (1929).

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Augsburg (318)„Ein Bild sagt mehr als viele Worte“: Tucholsky war schon früh begeistert von dem Medium der Photographie als Mittel des Ausdrucks und der Satire. 1929 verwirklichte er das Vorhaben eines „Bildbandes“, aber Tucholsky wäre eben nicht Tucholsky gewesen, wäre dies ein „Photoalbum, das man auf den Geburtstagstisch legt“. 1929 erschien „Deutschland, Deutschland über alles“: Ein Bild-Text-Band, beinahe schon ein kleines Kompendium über den Zustand der Weimarer Republik, ätzend scharf, bissig, satirisch, anklagend und anprangernd, aber auch eine Liebeserklärung an die Heimat.

Beginnen wir mit der Liebeserklärung, die Tucholsky an das Ende seines Buches gestellt hat:

„Nun haben wir auf 225 Seiten Nein gesagt, Nein aus Mitleid und Nein aus Liebe, Nein aus Haß und Nein aus Leidenschaft – und nun wollen wir auch einmal Ja sagen. Ja-: zu der Landschaft und zu dem Land Deutschland. Dem Land, in dem wir geboren sind und dessen Sprache wir sprechen. Der Staat schere sich fort, wenn wir unsere Heimat lieben. Warum grade sie – warum nicht eins von den andern Ländern? Es gibt so schöne. Ja, aber unser Herz spricht dort nicht. Und wenn es spricht, dann in einer andern Sprache – wir sagen „Sie“ zum Boden; wir bewundern ihn, wir schätzen ihn – aber es ist nicht das.“

Dies schreibt Tucholsky, der selbst ab 1924 die meiste Zeit im Ausland verbrachte. „Deutschland, Deutschland über alles“ entstand, als Schweden bereits mehr und mehr zur Wahlheimat geworden war. Und doch formuliert der Autor:

„Wer aber weiß, was die Musik der Berge ist, wer die tönen hören kann, wer den Rhythmus einer Landschaft spürt…nein, wer gar nichts andres spürt, als daß er zu Hause ist; daß das mein Land ist, sein Berg, sein See – auch wenn er nicht einen Fuß des Bodens besitzt…es gibt ein Gefühl jenseits aller Politik und aus diesem Gefühl heraus lieben wir dieses Land.“

Tatsächlich war Tucholsky zu jener Zeit jedoch schon verzweifelt an dieser Liebe, verzweifelt vor allem an der Politik dieses Landes. Der Mann, der laut Erich Kästner „mit der Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten wollte“, begann zu resignieren – angesichts des jahrelangen vergeblichen Eintretens für eine Demokratisierung, gegen Militarismus und Despotie. Vom Prozess gegen Carl von Ossietzky – „Weltbühnen-Prozess“ – blieb auch Tucholsky nicht unberührt, auch gegen ihn wurde ermittelt, sein berühmtes Zitat „Soldaten sind Mörder“ von Ossietzky zugeschoben. „Deutschland, Deutschland über alles“ erscheint aus diesem Zusammenhang beinahe wie ein letztes Aufbäumen in einem bereits verlorenen Kampf.

Nun, was ist das für ein Buch, das an der Auflage gemessen, Tucholskys größter Bucherfolg werden sollte? Das der Börsenverein vor Erscheinen noch mit allen Mitteln verhindern wollte? Dessen Startauflage mit 15.000 Stück (aus der Tucholsky-Biographie von Rolf Hosfeld) sofort vergriffen war? Das Mitte 1930 die dritte Auflage mit 50.000 erreichte – auch für jene „belesene“ Zeiten eine ungeheure Zahl?

Zunächst hatte der Schriftsteller die Idee, das Wort durch die Macht des Bildes zu verstärken. Für die Zusammenarbeit gewann Tucholsky den Grafiker John Heartfield, der für den Malik-Verlag und die Arbeiter-Illustrierte in Berlin arbeitete. Tucholsky wollte aufklärerische und agitatorische Fotografie, ergänzt durch seine, größtenteils schon vorab in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichten Texte. Es entstand eine hochpolitische Satire, ein ganz neuer Buchtyp.

Ein Zitat aus Kindlers Neuem Literaturlexikon:

„Es ging Tucholsky im Jahr der Weltwirtschaftskrise mit seinem Deutschland-Buch um eine möglichst wirkungsvolle Beeinflussung von Wählermassen: gegen deutschen Militarismus, gegen soziales Unrecht und Klassenjustiz, gegen neuen deutschen Chauvinismus sowie gegen unfähige „Realpolitiker“ aller Couleur. Tucholskys Engagement in humanistischen, sozialistischen und pazifistischen Organisationen, das ihn vorübergehend sogar seine tiefe Abneigung gegen Gruppen und Vereine Überwinden ließ, genügten dem erfolgreichen, um politische Wirkung bemühten Publizisten nicht länger. Anders als „Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte“ sollte sein neues „Bilderbuch“ nicht amüsieren, sondern jenes Deutschland zur Besinnung rufen, das am Fließband stand, im Kaufhaus arbeitete oder an der Schreibmaschine saß. (…) Der in einer bald schon vergriffenen Startauflage von 20.000 Exemplaren gedruckte Band war das politische Resümee eines sensiblen Individualisten und radikalen Intellektuellen, der sich bewußt an die Seite der Unterprivilegierten, Rechtlosen und Ausgebeuteten gestellt hatte. Als kommunistische Funktionäre an ihm den Bürger und Schöngeist kritisierten, konterte Tucholsky: „Besser ein Anzug nach Maß als eine Gesinnung von der Stange.“ (…)

„Deutschland, Deutschland über alles“ ist ein provokantes Album zur Weimarer Republik. Als Motto ist dem Band der Satz aus Hölderins „Hyperion“ „So kam ich unter die Deutschen“ vorangestellt. Einzigartig in der deutschen Literatur zwischen den Weltkriegen ist an Tucholskys Deutschland-Buch einerseits das Niveau der einzelnen Texte, von denen viele bis heute nichts an politischer Brisanz verloren haben, andererseits die Vielfalt der literarischen Formen, neben zwanzig Gedichten und Chansons („Aussperrung“; „Start“) pointierte Bildunterschriften („Demokratie“) und provokante Fotostories („Statistik“; „Nie allein“). Charakteristisch sind für Tucholsky (zum Teil umgangssprachliche) Monologe und Gespräche („Herr Wendriner kauft ein“; Ich bin ein Mörder“), ein Dramolett zur deutschen Justiz („Wiederaufnahme“) sowie Aphorismen, Parodien und Parabeln („Feuerwehr“); der Band enthält Satire in Vers und Prosa („Götzen der Maigoto-Neger“), dazu klassische Feuilletons („Treptow“), kulturkritische Essays (zu Alltagskultur und Architektur), Polemiken, Reportagen, Rezensionen und Theaterberichte („Der Linksdenker“).“

Aus: Kindlers Neues Literaturlexikon

Der „politische Baedeker“ zu Lage von Staat und Nation greift allerdings auch Alltagsdinge auf, räsoniert wird beispielsweise über die Frage, warum die deutschen Postkästen so häßlich sind (was würde Tucholsky heute zu den gelben Boxen sagen?), über Ladenfassaden und über „Mutterns Hände“ – auch dieses, eines der anrührendsten Gedichte Tucholskys, ist in dem Band enthalten.

Mutterns Hände

Hast uns Stulln jeschnitten
un Kaffe jekocht
un de Töppe rübajeschohm –
un jewischt und jenäht
un jemacht und jedreht …
alles mit deine Hände.

Hast de Milch zujedeckt,
uns Bobongs zujesteckt
un Zeitungen ausjetragen –
hast die Hemden jezählt
und Kartoffeln jeschält …
alles mit deine Hände.

Hast uns manches Mal
bei jroßen Schkandal
auch ’n Katzenkopp jejeben.
Hast uns hochjebracht.
Wir wahn Sticker acht,
sechse sind noch am Leben …
alles mit deine Hände.

Heiß warn se un kalt.
Nu sind se alt.
Nu bist du bald am Ende.
Da stehn wa nu hier,
und denn komm wir bei dir
und streicheln deine Hände.

Nicht alle der rund 100 Foto-Text-Montagen haben heute noch die unmittelbare politische Wucht – manches wirkt 90 Jahre später natürlich auch technisch ungeschickt, manches ungehobelt bis unbedarft, manche Namen werden heutigen Lesern wohl kaum mehr etwas sagen. Und dennoch: Auch wenn man weiß, Satire darf alles, überspitzt und übertreibt, gibt dieser bissige Führer durch die Weimarer Republik ein eindrucksvolles Bild jener Zeit. Und viele von Tucholskys Texten, insbesondere über „die deutsche Seele“ sind schlicht und einfach zeitlos – vor allem, wenn man sieht, wie die „deutsche Seele“ in diesen Tagen wieder wallt und wabbert.

In seiner hervorragenden Biographie „Tucholsky – ein deutsches Leben“ schreibt Rolf Hosfeld:

„Schon (…) 1925 entdeckte er die Möglichkeiten der Tendenzfotografie. „Die Wirkung ist unauslöschlich und durch keinen Leitartikel zu übertreffen. Eine knappe Zeile Unterschrift – und das einfachste Publikum ist gefangen.“

Es gehört zur Ironie der Literaturgeschichte, dass ausgerechnet das Medium, das durch einfachste Aussagen Millionen Leser fängt, nicht nur ebenso diese Mittel nutzt, sondern 2013 gar Tucholskys Buch in einer Reihe der von den Nationalsozialisten verbotenen Bücher wieder auflegte. Was hätte er dazu wohl gemeint, der große Spötter? BILD Dir deine Meinung.

Tucholsky äußerte sich später selbstkritisch über dieses Buchprojekt: Es sei als künstlerische Leistung klobig. „Und zu schwach. Und viel zu milde.“

Dazu Rolf Hosfeld:

„Tucholsky ist mit „Deutschland, Deutschland über alles“ tatsächlich der Verführung eines Mediums unterlegen, was ihm selbst schnell klar geworden ist, nachdem das Buch einmal vorlag.“

Aber welche Mängel es auch immer hat – es ist das Buch eines großen Kämpfers, der seine Heimat schmerzlich liebte:

„Und in allen Gegensätzen steht – unerschütterlich, ohne Fahne, ohne Leierkasten, ohne Sentimentalität und ohne gezücktes Schwert – die stille Liebe zu unserer Heimat.“

18 comments on “Kurt Tucholsky: Deutschland, Deutschland über alles (1929).”

      1. Finde das toll, dass du dich an ihm festgelesen hast. Denn Tucholsky steht schon SO LANGE auf meiner Liste und immer schieben sich andere Bücher davor. So hilfst du meiner Ahnungslosigkeit ein wenig ab und mahnst mich, ihn nicht zu vergessen. Also, ich bade das gern auch weiter noch aus. LG, Anna

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      2. Liebe Anna,
        mit dem Segen…aber er hat ja auch geschrieben wie ein Besessener…da werde ich auch nur Bruchstücke lesen können. Zudem liegt bei mir schon zweimal Jakob Wassermann…womit wir wieder beim Thema wäre: so viele Bücher, so wenig Zeit. LG Birgit

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  1. „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ – Bei den Unmengen von Bildern welche heute auf uns ein – und meist folgenlos – abprasseln, oder höchstens mit einem voyeuristischen Blick beachtet werden, sagt ein Wort doch wieder viel mehr als alle – oft manipulierten Bilder – zusammen.

    Ich mag das Buch nicht besonders, Die Holzhammerphotomontagen Heartsfields, auf Plakaten durchaus wirkungsvoll, (die Nazis haben es darin ja zu Perfektion gebracht), passt irgendwie nicht zu den meist feinnervigen Texten von Tucholsky

    Wobei Heartfield (der ja nicht nur beigeordneter Illustrator war, sondern einen wesentlichen Anteil an der Wirkung des Buches hatte) und Tucholsky nicht immer einer Meinung waren, wie Tucholsky in einem Brief an Jakob Wassermann schrieb (Auf dem Blatt werden übrigens Portaits von Weltkriegsgenerälen gezeigt):

    „Das Blatt ‘Tiere sehen dich an’ ist nicht von mir. Es stammt von dem Bildermann John Heartfield, der das Buch ausgestattet hat.
    Herr Heartfield hatte, was vereinbart war, auch selbständig einige Bilder mit Unterschriften montiert, wie man sagt – und als ich die Druckbogen bekam, war noch nicht alles fertig. Dann hielt ich das fertige Buch in der Hand, sah jene Seite und bekam einen Klaps vor den Magen.
    Mein erster Gedanke war: “Schade, daß dir das nicht eingefallen ist” – mein zweiter war: “Hm …” und dabei ist es denn bis jetzt geblieben.
    Das ist nicht meine Satire. Es ist mir zu klobig; ich habe mit Ihnen nicht das leiseste Mitgefühl für die dargestellten Typen, die mir in ihrer Wirksamkeit hassenswert erscheinen. – aber ich hätte das nie so formuliert. Die Beleidigung der Tiere schmeckt mir nicht, und das trifft es auch nicht: unter “tierisch” verstehe ich in solchem Zusammenhang etwas Dumpfes, Animalisches – also etwa einen brutalen Henker … nicht diese da“

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    1. Als „Bildband“ würde ich das Buch auch nicht mögen – ich finde es zwar nicht ganz so „holzhammermäßig“, da ist man heute ja schon anderes gewöhnt, aber die Fotografien und Montagen reißen einen auch nicht vom Hocker. Insofern ist es eher ein interessantes Zeitdokument – so sieht man mal, wie Ludendorff aussieht, oder revolutionäre Szenen etc. Die Seite, die von Heartfield kam – sicher nicht die feine Satire (aber man muss auch hinzufügen, dass ja auch Tucholsky nicht immer nur mit feiner Klinge gefochten hat, er haute durchaus auch mal voll daneben).
      Ich fand das Buch als Ganzes zwar auch irgendwie unausgegoren – und man sieht heute, dass das Medium Photographie – wenn die Bilder denn nicht von herausragenden Meistern stammen – doch ein sehr flüchtiges, ein sehr zeitgebundenes ist. Aber die Texte Tucholskys bleiben – größtenteils jedenfalls, auch da ist nicht immer alles erste Sahne.
      Dennoch als Projekt an sich war das Buch ein interessanter Versuch und ist ein nach wie vor interessantes Zeitdokument. Und, was mir wichtig erscheint – und was zum Beispiel auch die Mann-Geschwister in ihrem Buch über die Kunst im Exil heraushoben: Tucholsky wurde ja aufgrund seiner kritischen Haltung und seines Lebens im Ausland oft genug als „Vaterlandsverräter“ etc. beschimpft (ähnlich wie vor ihm Heine). Das Buch, insbesondere sein „Nachwort“ zeigen, wie tief verwurzelt er hier war. Man kämpft nur um das, was man besonders liebt, könnte man als Fazit zu Tucholsky und seinem Deutschland-Buch sagen.

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      1. Dem Fazit stimme ich absolut zu, die Liebe zu D muss wirklich sehr gross gewesen sein, wenn einem so viel gutes widerfährt…“In Wiesbaden haben sie Steine auf den Auto geschmissen und einen Mann verhauen der so aussieht wie ich, und die Polizei hat die Leute verhauen…(an Mary, nach der Buchvorstellung)“

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  2. Schön so viel über ein Buch zu erfahren, das ich mir schon als Azubi bei der Büchergilde gekauft habe, und immer mal wieder aufgeschlagen habe. Ich liebte den Agit-Prop, den wir für die „Stoppt Strauß“-Kampagnen Anfang der Achziger eins zu eins übernommen haben. Damals wurde ja auch Brechts „Anachronistischer Zug“ exhumiert. Die Liebeserklärung an Deutschland habe ich nie gelesen, und hätt ich sie gelesen, nicht verstanden. Heute find ich sie anrührend und mir sehr nah.

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    1. Zu meinen Stoppt-Strauß-Zeiten hätte ich die Liebeserklärung innerlich vielleicht auch abgelehnt…man tut sich so schwer damit, auch heutzutage wieder, wenn man an manche „patriotischen“ fehlgeleiteten Strömungen denkt. Aber vielleicht gerade deshalb wichtig zu sagen: Das ist auch MEIN Land. Nicht das der Pegida-Anhänger allein. Und spontan fielen mir jetzt auch noch die Heine-Verse ein (zu Mutterns Hände): „Nach Deutschland lechzt’ ich nicht so sehr,
      Wenn nicht die Mutter dorten wär’;
      Das Vaterland wird nie verderben,
      Jedoch die alte Frau kann sterben.“

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  3. Ach, ist das schön, liebe Birgit, dass du dem wunderbaren Tucho hier gerade so viel Raum gibst! Auch wenn er mir als Wortkünstler bedeutend lieber und wichtiger ist, ist „Deutschland, Deutschland über alles“ doch in jedem Fall ein interessantes Zeitdokument.

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    1. Liebe Maren,
      ja ich mag und schätze ihn einfach, diesen „Tucho“ – und es freut mich, dass ich das vermitteln kann. Damit unsere Nachfahren ein wenig mehr kennenlernen als „nur“ „Schloß Gripsholm“ oder ein paar Zitate…wobei die Gripsholmerei einfach so schön charmant ist…

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