Erich Kästner: Pünktchen und Anton (1931)

Augsburg (277)Jeden Tag, wenn ich zur Arbeit gehe, komme ich an dieser Vespa vorbei. Und ich weiß nicht, wieso – aber ich sah den Roller, und mir fiel Erich Kästner ein:

„Pünktchen und Vespa,
frei nach Erich Kästna.“

Manchmal braucht es solche Assoziationen, damit man an die Bücher seiner Kindheit erinnert wird. Und die Kästner-Kinderbücher wieder liest. „Pünktchen und Anton“ war immer einer meiner Favoriten: Es erzählt von Freundschaft, von Zusammenhalt – auch über Schranken hinweg -, von dem gemeinsamen Eintreten für die richtige Sache, aber auch davon, dass manche Menschen „mehr Familie“ sein können als die Anverwandten. Von einer Vespa erzählt das Buch freilich nicht. Aber wie solche Assoziationen entstehen, das ist sowieso eine ganz andere Geschichte.

Luise Pogge, wegen ihrer Zierlichkeit Pünktchen genannt, wächst in äußerlich ziemlich guten Verhältnissen auf – ihr Vater ist Spazierstockfabrikantendirektor, die Wohnung so groß, dass Pünktchen schon auf dem Weg vom Mittagessen zu ihrem Zimmer wieder Hunger bekommt. Sie lernt Anton und damit eine ganz andere Welt kennen: Er ist Halbwaise, die Mutter krank, Anton muss nicht nur im Haushalt helfen, sondern auch Geld erbetteln, damit man über die Runden kommt.

Erich Kästner arbeitete so, wie in etlichen seinen anderen Kinderbüchern, den Hintergrund der Wirtschaftskrise und der zunehmenden Proletarisierung in der Weimarer Republik ein. „Pünktchen und Anton“ ist zugleich ein Plädoyer für Toleranz, Solidarität und Mut: Die beiden Kinder lernen es, sich für einander einzusetzen.

Als Kind, kann ich mich erinnern, mochte ich die Geschichte, fand aber die Einsprengsel dieses Herrn Kästners irgendwie lästig. Denn Erich Kästner hat einzelnen Kapiteln einige Extraseiten hinzugefügt, sogenannte „Nachdenkereien“. Da spricht er über Phantasie, Mut, Lüge, Respekt, Familienglück – bei dem schreibt er, ihm fiele auf, dass dieses eigentlich von Erwachsenen gelesen werden müsse.

Jedoch nicht nur dieses – heute, scheinbar erwachsen, lese ich Kästners „Nachdenkereien“. Lästig sind sie immer noch, aber auf eine andere Art und Weise: Weil man beim Lesen merkt, wie wenig man doch vorwärts kommt, wie viel man meint gelernt zu haben, über das Menschsein und Menschliches, und dann doch auf der Stelle tritt. Aber der Kästner war ein skeptischer Optimist – und das steckt an. So schreibt er:

Die sechzehnte Nachdenkerei handelt:
Vom glücklichen Ende

(…) Wir hatten einmal einen Mitschüler, der schrieb regelmäßig von seinem Nachbar ab. Denkt ihr, er wurde bestraft? Nein, der Nachbar wurde bestraft, von dem er abschrieb. Seid nicht allzu verwundert, wenn euch das Leben einmal bestraft, obwohl andere die Schuld tragen. Seht zu, wenn ihr groß seid, daß es besser wird! Uns ist es nicht ganz gelungen. Werdet anständiger, ehrlicher, gerechter und vernünftiger, als die meisten von uns waren!

Die Erde soll früher einmal ein Paradies gewesen sein. Möglich ist alles.
Die Erde könnte wieder ein Paradies werden. Alles ist möglich!

Veröffentlicht von

Das Literaturblog Sätze&Schätze gibt es seit 2013. Gegründet aus dem Impuls heraus, über Literatur und Bücher zu schreiben und mit anderen zu diskutieren.

24 thoughts on “Erich Kästner: Pünktchen und Anton (1931)

    1. Ja, sie liest noch – das ist einer der Autoren, die bei Kindern nach wie vor populär sind. Und für Erwachsene zu empfehlen (aber nicht nur): Fabian. Was bedauerlich ist, ist, wie die Kästner-Erben sich zum Teil restriktiv aufführen und damit verhindern, dass Kästner noch mehr ans Kind, an den Mann und die Frau kommt.

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      1. ‚Fabian‘ hab ich mal vor Jahren gelesen, war klasse. Davon gibt es doch auch eine Verfilmung, wenn ich mich recht entsinne. Das mit den Erben wusste ich nicht, interessant & ärgerlich. Meine Jungs haben sich wenigstens noch „Emil und die Detektive“ reingezogen…

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      2. Vom Fabian kam vor zwei Jahren eine aktuelle Fassung – also die Urfassung raus. Mit Stellen, die der Lektor oder Zensor strich – ich habs hier liegen und freue mich aufs Wiederlesen. Den Film (irgendwann in den 80ern) habe ich nicht gesehen, muss mal schauen.

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      3. ich finde, gerade seine Kinderbücher gewinnen, wenn man erwachsen ist und sie noch mal liest. Ich habe so viel tolles darin entdeckt, das mir als Kind gar nicht so bewusst war.

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  1. Guten Morgen, liebe Birgit! Was für ein fröhlicher Start in die Woche – eine Vespa, die mich wiederum an eine Müslischale erinnert (Assoziationen halt, die kann man nicht gut beeinflussen 🙂 ) und eine schöne Erinnerung an ein gutes Kinderbuch. Und ich kann es so was von nachvollziehen, die Sache mit den ‚allgemeinen‘ Einschüben. Schon als Kind wurde von mir alles, was in so eine Richtung ging, innerlich als „belehrend“ bezeichnet und sofort überlesen bzw. nur überflogen. Mit zunehmendem Alter kam dann mehr und mehr Vernunft meinerseits dazu und ich habe mich darauf eingelassen. Doch auch jetzt noch ertappe ich mich manchmal dabei, wie ich etwas fix als „Belehrung“ abtue, wenn es in meinen Augen zu allgemein gehalten ist und überblättere es einfach (so als sitzt immer noch ein widerborstiges Kind in mir, das unbelehrbar ist)

    Liebe Wochenstartgrüße an dich von
    Birgit

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    1. Liebe Birgit,
      ach, die Müslischale kenne ich auch 🙂
      Du hast recht – ich wollte als Kind die Geschichte und sonst nichts, keinen Typen, der da mit erhobenem Zeigefinger rumwinkt. Heute lese ich das anders: Kästner ist ja keiner von denen, die einem die Moral so ganz streng aufs Auge drücken – bei den Nachdenkereien ist es zwar schon ein wenig viel, aber das sind – so sehe ich es jetzt – mehr Denkanschübe für uns Alte.
      Wie gut, dass Du aber nach wie vor Dein widerborstiges Kind in Dir pflegst 🙂
      Herzliche Grüße, Birgit

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  2. Leicht, beschwingt, sorgenfrei: Ich musste bei der Vespa an das gepunktete Kleid von Liselotte Pulver in Billy Wilders „Eins, zwei, drei“ denken. Pünktchen und Anton haben bei mir auch bleibenden Eindruck hinterlassen: Mein Sohn hat den Namen dieses tapferen Jungen bekommen :-).

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    1. AHHHH! Das ist auch eine Spitzen-Assoziation. Ich liebe diesen Film und natürlich Lilo besonders (auch als Kohlhiesls Töchter und in der Zürcher Verlobung) – aber da von ihrer wilden Seite. Und den Horsti. Danke – da muss ich gleich in meinen DVDs kramen. Und dass Du sogar Deinen Sohn nach Kästner nennst – da wächst bestimmt ein witziger Anton heran 🙂

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  3. Morjen!
    Schön! Das weckt in mir Erinnerungen. – Meine Großeltern schenkten mir,als ich ungefähr 6/7 Jahre alt war, „Die lustige Geschichtenkiste“,herausgegeben von E.K.,gefüllt mit vielen bunten Geschichten von Otfried Preußler,Christian Morgenstern,Mira Lobe,A.A. Milne,Clemens Brentano u.v.a.Ich habe dieses Buch geliebt! (Ich besitze es heute noch) Ausgestattet mit tollen Illustrationen von Rolf Rettich war es eine Pracht und sehr geheimnisvoll. 🙂 Herrlich!
    Birgit,Du schreibst „Er war ein skeptischer Optimist.“ – Das passt gut zum Vorwort in „Die lustige Geschichtenkiste“…..“Liebe Kinder und Nichtkinder,da sitze ich nun also,wie fast jeden Tag,vor meinem sechs Meter und drei Zentimer breiten Gartenfenster,blicke ins Grüne und Bunte vor meinen Augen,und bin,gerade heute,ziemlich glücklich.Nur ziemlich glücklich? Man soll nicht zu bescheiden sein.Ich bin nicht nur ziemlich,sondern sogar sehr zufrieden.Mit der Welt? Mit der Politik? Bewahre! Sondern mit der Wiese und den Blumenbeeten,den Forsythien und den Fliederbüschen,den Tulpen,Stiefmütterchen und Primelrabatten,mit den Osterglocken,Narzissen und Hyazinthen,den Rosenknospen und Veilchen ( …. )“
    Und überhaupt,seine optimistischen,verspielten Vorworte! Den Blick immer hinwenden, auch zu den schönen Dingen im Leben, – das nehme ich als Botschaft gerne an. Auch als vielleicht notwendiges Gegengewicht, zum Hinschauen auf Mißstände.
    (Was würde er wohl über die schaurigen Entwicklungen in seiner Heimatstadt sagen?Über dies Pegida & Co Gestrüpps…. Schütteln würd’s ihn vermutlich.)
    Ich danke herzlich für eine Reise zurück in meine Kindheit,und amüsiere mich(als Erwachsene) auch über seine Fähigkeit ,über sich selbst zu blödeln.
    Liebe Grüße ,Päddra

    PS Klar liest die Jugend heute noch Kästner ,und auch die Kästner – Verfilmung eignet sich gut als Einstieg.

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    1. Liebe Petra,
      und Deine Erinnerung erinnert mich an meine alten Kinderbüchern mit dem typischen Kästner-Layout – das doppelte Lottchen, Emil und die Detektive etc. Sie sind inzwischen total abgegriffen und mehrfach geklebt, weil sich auch die Neffen und Nichten darauf gestürzt haben – er ist einfach immer noch ein Guter.
      Liebe Grüße, Birgit

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  4. Mit so einer Vespa macht bestimmt selbst der Weg zur Arbeit Spaß, hoffentlich. Dir verhalf die Vespa zu tollen Kindheits-Assoziationen, uns Leser erfreut das Bild (wird man doch direkt fröhlich) und Dein Kästner-Text und mir fällt auf, dass ich „Pünktchen und Anton“ wohl dem Titel nach kenne, aber vom Inhalt rein gar nichts weiß: riesengroße Leselücke! Hm, da muss ich wohl irgendwann einmal nachsitzen und nachlesen. Und alles wegen einer witzig gepunkteten Vespa.
    Viele gutgelaunte Grüße, Claudia

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    1. Witzig, bei wievielen Leuten eine gepunktete Wespe zu guter Laune führt…wenn das die Besitzerin (ich vermute, es ist eine Frau) wüßte!
      Und ja: Riesengroße Leselücke! Das kannst Du gut mal lesen, als Entlastung und Gutes-Laune-Pflaster von und nach den vielen sozialkritischen modernen Romanen, die Du uns immer wieder vorstellst 🙂
      Liebe Grüße, Birgit

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  5. Da muss ich wohl „Pünktchen und Anton“ doch noch mal lesen. Ich habe es in meinem Buchregal stehen aber erst im Erwachsenenalter gekauft. Vor längerer Zeit wollte ich es eigentlich als Vorlesebuch für ein „Elternangebot“ für Grundschüler in der Schule meines Sohnes auswählen, habe aber dann doch „Emil und die Detektive“ genommen. Beim Reinlesen haben mich die Belehrungen mit dem moralischen Zeigefinger erst mal auch abgeschreckt, aber die Geschichte scheint ja durchaus lesenswert zu sein. Übrigens musste ich auch bei den „Detektiven“ganz viel erklären, das Buch ist eben doch aus einer ganz anderen Zeit. Das hatte mich als Kind gar nicht so sehr gestört. Inzwischen ist eben noch mal mehr Zeit vergangen… Nicht nur die technischen Möglichkeiten (Handy usw.), auch die Kinder sind anders, der Umgang mit ihnen ist weniger autoritär. Die Gespräche mit den Kindern waren aber lustig und auch für mich bereichernd.

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    1. Aus der Perspektive eines KIndes heute sind die Bücher sicher zum Teil auch etwas überholt oder sagen wir manches aus der Zeit gefallen. Die Geschichten jedoch sind zum Teil wiederum sehr zeitlos. Oder können adaptiert werden. Bei Pünktchen und Anton haben die Kästner-Erben einer Übertragung fürs moderne KIndertheater zugestimmt – da ist Pünktchen ebenfalls aus einer wohlhabenden Familie (ich glaube Immobilien oder so was) und Anton ein Migrantenkind – das passt in die heutige Zeit.

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  6. Liebe Birgit,
    an die Lektüre von Pünktchen und Anton kann ich mich noch gut erinnern – und lustiger weise fand ich als Kind diese Nachdenkereien auch nervig, weil die Geschichte ja schliesslich weitergehen sollte. Ich werde wohl nun zumindest die Nachdenkereien mal nachlesen müssen.
    Was mich aber neben der Erinnerung an das Kästner-Buch genau so an Deinem schönen Beitrag gefreut hat, war das Bild von der Pünktchen-Vespa. Wunderbar diese Vesper, ich hatte insgesamt drei davon und habe sie geliebt. Mit einer davon, einer PX 80, bin ich als Student von Tübingen über den Brenner bis Venedig gefahren. Und zurück. Eine meiner schönsten Reisen – und alle Einheimischen, die wir trafen, waren wahnsinnig gastfreundlich und soooo stolz auf ihre Vespa. Hach!
    Liebe Grüsse und danke für diesen schönen Beitrag
    Kai

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    1. Lieber Kai,
      das ist schön, dass die Pünktchen-Wespe solche Urlaubserinnerungen wachrüttelt. Ich bekomme auch jedesmal Urlaubsgefühle, wenn ich sie sehe – das hat auch so was von 50ies, Conny Froebess usw…Liebe Grüße Birgit

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