Dee Brown: Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses (1970).

Dee Brown schrieb eines der meistverkauften Sachbücher in den USA. Er bezeichnete die Ausrottung der indianischen Bevölkerung als Völkermord.

19 Kommentare

2015-04-25 18.36.16Von Claudio Miller

Granger erklärte, Frieden könne es nur geben, wenn die Chiricahuas bereit seien, sich in einem Reservat niederzulassen. „Kein Apache würde die Erlaubnis erhalten, das Reservat ohne einen vom Agenten ausgestellten Passierschein zu verlassen“, sagte der General, „und es würde nie die Erlaubnis erteilt werden, die Grenze nach Old Mexico zu überschreiten.“

Cochise erwiderte in ruhigem Ton: „Die Sonne hat sehr heiß auf meinen Kopf geschienen und mich mit Glut erfüllt; mein Blut hat gekocht, doch jetzt bin ich in dieses Tal gekommen und habe von diesen Wassern getrunken und mich in ihnen gewaschen, und sie haben mich abgekühlt. Nun, da ich abgekühlt bin, komme ich mit offenen Händen zu dir, um in Frieden mit dir zu leben. Ich spreche aufrichtig und möchte dich nicht täuschen und nicht getäuscht werden. Ich möchte einen guten, starken und dauerhaften Frieden. Als Gott die Welt schuf, gab er einem Teil dem Weißen Mann und einen anderen den Apachen. Warum? Warum sind sie zusammengekommen? Jetzt, da ich spreche, sollen sich die Sonne, der Mond, die Erde, die Wasser, die Vögel und Tiere, ja selbst die ungeborenen Kinder über meine Worte freuen. Die Weißen haben lange nach mir gesucht. Hier bin ich! Was wollen sie? Sie haben lange nach mir gesucht, wieso bin ich so viel wert?
Die Coyoten streifen nachts umher und rauben und töten; ich kann sie nicht sehen; ich bin nicht Gott. Ich bin nicht mehr Häuptling aller Apachen. Ich bin nicht mehr reich, ich bin nur ein armer Mann. Die Welt ist nicht immer so gewesen. Gott hat uns nicht so wie euch gemacht; wie wurden wie Tiere geboren, in trockenem Gras, nicht in Betten wie ihr. Deshalb tun wir es den Tieren gleich und streifen nachts umher und rauben und stehlen. Wenn ich solche Dinge hätte wie ihr, dann würde ich nicht tun, was ich tue, denn dann brauchte ich es nicht zu tun. (…)
Ich zog in der Welt umher mit den Wolken und mit der Luft, als Gott zu meinen Gedanken sprach und mir sagte, ich solle hierherkommen und mit allen Frieden schließen. Er sagte, die Welt sei für uns alle da.“

Aus: „Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses“, Dee Brown, USA, 1970

Noch hat Barack Obama sein Versprechen aus dem Wahlkampf 2009, den Völkermord in Armenien auch als solchen offiziell zu bezeichnen, nicht einlösen können – in den Vereinigten Staaten erscheint dies politisch nicht opportun. Sicher auch, weil der Völkermord im eigenen Lande selbst noch ein großes Tabuthema ist – immerhin dauerte es ebenfalls bis 2009, bis sich eine US-Regierung bei den amerikanischen Ureinwohnern für die „Vorkommnisse“ entschuldigte. Ob es sich beim Niedergang der indianischen Stämme in Nordamerika jedoch um einen „Völkermord“ im eigentlichen Sinne handelt, darüber streiten sich bis heute die Historiker. Zu zersplittert seien die einzelnen Gruppen gewesen, ein geplantes administratives Vorgehen habe es nicht gegeben, oftmals habe es sich um regionale Konflikte gehandelt, so die Argumentation der Gegner einer Genozid-These. Fakt jedoch ist:

„Die rote Bevölkerung in Nordamerika wurde von ursprünglich etwa 890 000 auf 270 000 im Jahre 1901 dezimiert, also auf rund ein Drittel der autochthonen Bevölkerung. Im Kalifornien des Goldrausches zählte man 1848 noch 100 000 Indianer, 1859 waren es nur noch 30 000, 1895 noch 15 000, bis 1911 der letzte freie Indianer wie ein von weitem zugereistes Stück Wild, verstört vor Angst und Hunger, im Hof des Schlachthauses von Orville auftauchte.’ Anthropologen und Sprachforscher stürzten sich auf ihn. Er lebt seitdem unter dem Schutz eines Museums.“

Siegfried von Nostitz; „Die Vernichtung des roten Mannes“; Dokumentarbericht; Verlag Eugen Diederichs, Düsseldorf 1970

Einer der ersten Publizisten und Historiker, der die Völkermord-These ins Gespräch brachte, war in den USA Dee Brown. Sein 1970 erschienenes Buch „Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses“ ist bis heute eines der meistverkauften Sachbücher in den USA. Anlässlich seines Todes 2012 hieß es in einem Radiobeitrag:

„Acht Jahrzehnte wird Schulkindern in  den USA von der Heldentat der US-Armee am „Wounded Knee“ berichtet. Es ist der Schriftsteller Doris „Dee“ Brown, der die Bevölkerung in seinem Bestseller „Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses“ (1970) darüber aufklärt, dass dort vor allem indianische Frauen, Kinder und Alte getötet wurden: ein Trauma bis heute.“

Zwar ist mittlerweile einiges überholt, wurden weitere Faktenquellen erschlossen, manches wohl auch umgedeutet – aber dennoch behält dieses Buch seinen Stellenwert: Noch niemand hatte zuvor so akribisch und schonungslos über die massenhafte Ermordung des indianischen Volkes, über Massaker und Verfolgungen, über die Betrügereien und Lügen, mit denen den Indianern systematisch Land und Lebensraum geraubt wurde, geschrieben. In den USA führte es zu einer Neubetrachtung der eigenen Geschichte. „Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses“ ist eine erschütternde Anklageschrift, die den Leser nicht unberührt lässt und im besten Fall sensibilisiert im Umgang mit Menschen aller Hautfarben und Rassen.

19 comments on “Dee Brown: Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses (1970).”

    1. Gerne. Ich hatte es damals weggeben und jetzt vor ein, zwei Jahren neugekauft, als es wieder aufgelegt wurde – weil a) persönliche Erinnerungen (wir waren ja alle hellwach und für ALLES engagiert, sag ich mal mit altersmildem Spott), aber auch, weil es beim Lesen immer noch angreift.

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    2. Das ging mir ebenso. Ich habe noch heute zwei Ausgaben im Regal stehen. Habe in den letzten Jahren immer wieder mal überlegt, es wieder zu lesen. Jetzt tue ich’s!

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    1. Das ist zwar ein Zitat aus dem Film 🙂 Aber man kann es ins echte Leben übertragen: Frau und Kind sind allerdings doch etwas aufwändiger in der Pflege als der olle Familienhamster (x-te Generation).

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  1. Ja, starkes Buch. Hat mich bewegt und darin bestärkt, dass ich es als Kind intuitiv richtig gesehen habe; bin nämlich viel lieber im Indianer- als im Cowboykostüm herumgelaufen (na gut, vielleicht auch wegen der Kriegsbemalung im Gesicht – als Cowboy ging das nicht :-D).

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    1. 🙂 War bei uns so, erleb ich jetzt mit dem Nachwuchs wieder – alle kloppen sich ums Cowboy-Kostüm. Und die Schlauen mimen den Indianer. Fand ich auch besser, die hatten die schöneren Pferde…

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