Kerstin Becker: Biestmilch (2016)

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Feature
Bild: Rose Böttcher

Ihre Sprache: Spröde, nüchtern, herb. Wie das Land, über das sie schreibt. Dort, wo man Erdäpfel aus dem harten Boden klaubt. Wo sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen.

hinterm Hof hinterm Dorf
hinterm Feld hört die Welt
auf im Wald bellt nichts

Ja, sie wagt es auch, Wörter wie „Scholle“, „Schnitter“, „Stammesbrut“ in ihre Gedichte zu weben. Kontrastmittel. Die sofort Bilder auslösen vom harten Land, vom beinahe archaischen Dorfleben. Die geographische Verortung spielt dabei eine gewisse Rolle, wenn vom Traktoristen der LPG die Rede ist – aber so eine Kindheit, sie könnte auch auf der Schwäbischen Alb stattgefunden haben oder im tiefsten Niederbayern. Die Landschaft, die Äcker, die Wiesen, der Wald: Rückzug- und Zufluchtsort, Nahrungslieferant, Spielwiese, gefährlicher Feind. Alles in einem.

wir spionieren Nester aus
wir können nicht auf Stangen stehen
wir streiten was zuerst da war das Tier
oder das Ei
wir schlagens auf

Kein Arkadien. Ganz nüchterner Umgang mit dem, was ist. Die Frage ist auch, was wen mehr prägt, das Land die Menschen oder die Menschen das Land. Diese Lyrik evoziert widersprüchliche Bilder, gegen den Strich gebürstet, von „Biestmilch“ getränkt: Das Land ist schön. Das Landleben ist hart. Die Natur so nah, mal Freund, mal Feind. Das Dorf eng, die Älteren von einer Strenge, die in Grausamkeit übergehen kann. Aber dann wiederum sprechen ihre lyrischen Bilder auch von einer ungebrochenen Zusammengehörigkeit, Zugehörigkeit, die andere Orte nicht bieten können. „verbunden“, so der Titel eines Gedichts, das diese Mischung zum Ausdruck bringt aus dem „Verbunden sein“ und sich ans Land „gebunden“, an das Leben dort beinahe gekettet fühlen.

desto tiefer treiben unsere Innenleben
in die sture Scholle aus
durch die Krumme durchs Geröll
wir kommen drauf

2016-07-19 16.30.11Diese Lyrik, die sparsam ist, beinahe karg anmutet, in den richtigen Momenten Auslassungen zulässt, sie lebt von den beschriebenen Kontrasten und jenen, die die Leser in ihren Köpfen ausspinnen. Der Bodenhaftung der Alten, jener mit den Knotenhänden, die das „Vater unser“ murmeln, denen der „gallige Nachgeschmack des Krieges“ noch die Träume bitter macht, setzt sie die „pulsende Wärme“ der Jungen, Sehnsüchte, Fluchtgedanken entgegen.

Schwesterlein komm flieh mit mir
vor Schelte Schimpf Maschinenstampf

Die Natur, das Land, sie stehen hier für Herkunft, für eine Prägung, die sich nicht wie ein Kleidungsstück ablegen lässt. Schuhe, aus denen man herauswächst, die man doch nicht ausziehen kann, obwohl sie drücken – ein entsprechendes Zitat von Szilárd Borbély hat Kerstin Becker ihrem zweiten Gedichtband vorangestellt. Die 1969 im sächsischen Moosheim geborene Autorin hat ihr klug durchkomponiertes Buch in vier Kapitel unterteilt – vier Lebenszeiten, von der Geburt des lyrischen Ichs hinein in diese karge Welt über die Kindheit, Pubertät bis zum Weggang aus diesem Lebensbereich. Mit jedem Wechsel ist auch ein Standortwechsel verbunden, gerät das Land in den Hintergrund, erzählt Kerstin Becker vom Leben in den Städten. Die Enge, der Mangel, die Nähe der Nachbarschaft – sie macht die Menschen nicht weiter. Die Stadt als guter Lebensort, eine kindliche Vorstellung:

wir werden einst in raffinierte Städte ziehn
und ahnens nicht
wir halten Wintereier in den klammen Händen
blind vom Inneren des Tiers

Prügelnde Ehemänner in der Nachbarschaft, Eltern, die im Zorn zu „Riesen mit der Peitschenhand“ wachsen, „wenn wir träumen setzt es was“. Man lebt weiter, geht seinen Weg, lässt den Geburtsort hinter sich, sucht sich eine neue Heimat. Und doch kommt manchmal wie ein Phantomschmerz, als spüre man die abgeschnittene Nabelschnur, eine Wehmut, das Gefühl einer Heimatlosigkeit zurück:

ich schwimm in meine Einzelzelln zurück
im Niemandsland

Fast schon lakonisch klingt gegen Ende des Gedichtbandes das „Volkslied“ nach:

es kommt die Zeit in der wir stark nach Kneipe stinken
und unsre Haut unsterblich in der Sonne glänzt
wir glühen voller Inbrust unter Linden
am Brunnen vorm Fabriktore im Lenz.

Aber auch diese sprachliche Spielerei fügt sich in die ganze Komposition gut ein. Ironie, so drückte es einmal Anatole France aus, „ist die letzte Phase der Enttäuschung“: Land oder Stadt, das Leben schenkt einem nichts – nur manchmal diese wunderbaren Momente, in denen wir ungehemmt kindlich „wildern“ dürfen:

wir taumeln
in Libellenwolken
mit unstabilem Körperkern
durchs nabelhohe Gras

Nicht nur ich bin von dieser rauen, spröden Sprache, die zwischendurch so zarte Momente, mitten in Libellenwolken birgt, begeistert – hier die Links zu zwei weiteren Besprechungen bei fixpoetry und literatur leuchtet.

 „Biestmilch“ erschien in der edition AZUR, Dresden: http://www.edition-azur.de/de/59/content/1152_kerstin_becker_biestmilch.html

6 comments on “Kerstin Becker: Biestmilch (2016)”

  1. Die Dichterin ist scheinbar einen ähnlichen Weg gegangen wie ich, das arbeitsreiche Landleben, der Traum von der großen Stadt und der Funke Wehmut, wenn ich mal wieder über altbekannte Wege fahre. Das und die eindrückliche Sprache machen das Buch für mich interessant.

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