Pierre Bost: Bankrott (1928/2015).

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2015-04-25 09.13.40„Sie aßen nun zusammen, und Brugnon zeigte nun eine ganz andere Haltung, ruhig, sanft. Man erriet, daß sich dahinter eine große Leere verbarg, aber die Fassade schien solide, als hätte sich Brugnons Schutzmantel plötzlich verhärtet und sei nun undurchdringlich. Es war kein Schleier, sondern ein Panzer. Brugnon war nicht geheilt, aber eingesperrt. Er sprach ruhig und es war zu spüren, dass er sein ganzes Leiden tief in sich vergaben hatte und davon nicht mehr sprechen, es schweigend in einer Ecke verenden lassen würde. Poussain sagte sich sehr wohl, dass das vielleicht noch schlimmer war, aber dennoch freute er sich, egoistisch und ermattet, wie er war, darüber, Brugnons Weinen und Klagen nicht mehr zu hören.“

Pierre Bost, „Bankrott“, 1928.
In deutscher Übersetzung 2015 beim Dörlemann Verlag erschienen.

Und wieder eine Pretiose aus dem Hause Dörlemann: „Bankrott“ ist einer der früheren Romane des literarischen Tausendsassas Pierre Bost. Wie „Ein Sonntag auf dem Lande“ (1945) – übrigens der letzte Roman, den Bost schrieb, dann wandte er sich bis zu seinem Tode 1975 dem Film zu und war als Drehbuchautor erfolgreich – liegt nun auch dieses Werk in einer Übersetzung von Rainer Moritz vor, die die melancholisch-schillernde Eleganz dieses Romanciers präzise trifft.

Wie andere französischen Schriftsteller steht Pierre Bost in der Tradition des psychologischen Schreibens, des Aufblätterns seelischer Vorgänge en détail – ohne jedoch dabei in ein den Leser meist anödendes „Psychologisieren“ zu geraten. Das Abtauchen in die Abgründe einer Seele erfolgt hier mit Stil, die „Anatomie eines Untergangs“ in elegantem Setting mit Champagner und Grandezza. Vom „Setting“, vom Flair weht uns noch ein Hauch „Fin de Siècle“ an, und doch hält bereits auch die Moderne, die kalte, automatisierte Atmosphäre in diese Geschichte ihren Einzug:

„Oh, ihr Stenotypistinnen, um euch zu beschreiben, müsste man Worte verwenden, die nur für euch erfunden wurden. Der mechanische, kompliziert gebaute Körper, der den eurigen oberhalb eurer Fingernägel verlängert, hat eure weiblichen Formen verändert, eure Ellbogen zusammengepresst, aus euren Fingern Zorngeschrei hervorschießen lassen und hinter euren Köpfen eine offensichtliche Nackenlinie enthüllt. Die alten Floskeln, die man für Frauen, wie ihr keine mehr seid, verwendet hat, können euch nicht erfassen und umschreiben, aber auch die modernen Formeln, die dem Rhythmus der Maschinen und Hektik angepasst, diese Floskeln bei denen sich alle Sprachen der Welt ein Stelldichein geben, alle kurzlebigen Leidenschaften, alle eleganten Formen ohne Anmut, die uns heute gefallen, diese modernen Wörter, die man gern verabscheuen würde und die dennoch anziehend sind, auch die würden euch nicht angemessen beschreiben. Ihr seid eine verwirrende Mischung, ein hybrides Wesen, halb lebend, halb tot, halb Frau, halb Maschine.“

Aber auch Brugnon, der an sich und der Welt verzweifelnde Protagonist, ist ein Mensch der Zwischenzeit: Geprägt vom Berufsethos seines Vaters, übernimmt Brugnon dessen Handelsfirma und übernimmt sich dabei. Er, halb patriarchalischer Firmenleiter wie sein Senior, halb sich als modernen Manager sehend, kommt mit den Entwicklungen des Marktes nicht zurecht. Im Wunsch, die Firma, die Lebensmittelpunkt und Lebensinhalt ist, immer größer zu sehen, wachsen zu lassen, zu erweitern und an die Spitze zu treiben, lässt sich Brugnon auf Spekulationen und Fehlinvestitionen ein. Beinahe sehenden Auges treibt er in Konkurs – um diesen letzten Endes abzuwenden, fehlen dem bis dahin schon völlig apathischen Brugnon jegliche Widerstandskraft und Energie.

So hat Bost nur vordergründig einen Roman über einen wirtschaftlichen Bankrott geschrieben – es ist vor allem das Psychogramm eines Menschen, der einen seelischen Bankrott erleidet, der sein ganzes Leben falschen Werten, falschen Vorstellungen untergeordnet hat. Brugnons Leben spielt sich hauptsächlich zwischen den vier Wänden seines Büros (seine Wohnung wird im Buch nicht einmal tangiert) ab – das gibt ihm Sicherheit, das gibt ihm Gerüst. Vorstellungen wie die, einmal Urlaub zu machen, lehnt er entrüstet ab. Und die einzigen beiden Menschen, mit denen er eine engere Bindung unterhält, sind sein Sekretär Poussain (eher eine hierarchisch stark eingeschränkte Zweckgemeinschaft, Poussain wird als Seelentröster „missbraucht“) und die zu seiner langjährigen Geliebten Simone. Dies alles fällt in sich zusammen, als Brugnon in einer einseitigen „amour fou“ für die junge, kühle Stenotypistin Florence entbrennt. Die Zuneigung wird nicht erwidert, Brugnons mühsam errichtetes Lebenskartenhaus bricht zusammen. Dem Gefühl, eine wahre Leidenschaft zu erleben, hält er nicht stand.

„Poussain hätte gern etwas gesagt, aber wie sollte diese Flucht begreifen, dieses Verschwinden von Brugnon, der um sich herum nichts als Schranken aufbaute? Es schien so, dass ihn die Worte nicht erreichten und von einem harten, unsichtbaren Panzer abprallten, der von Minute zu Minute stabiler wurde. Poussain sah Brugnon, wie man im Traum diejenigen sieht, die sich entfernen, entfernen, von einem Fluss hinweggetragen, schon so weit weg, dass ihre Schreie gar nicht mehr ankommen, ihre Gesten vergeblich sind, dass man nicht einmal mehr weiß, ob sie in Lebensgefahr sind und rufen, da alles von nun an unvermeidlich und leicht ist, in einer ruhigen und verzweifelten Welt.“

Bost zeigt sich als ein feiner, feinfühliger Zeichner von Charakteren und Seelenregungen. Auch die – heute vielleicht altmodisch erscheinenden – Liebestaten und Handlungen von Simone, der Geliebten, die sich körperlich verweigert, aber dem langjährigen Freund und Vertrauten eine selbstlose Treue erhält, werden so selbstverständlich und nachvollziehbar:

„In ihr war nicht mehr genügend Kraft, dass sie sich anderem als ihrer eigenen Qual hätte zuwenden können. Es schien ihr nun, dass sie genug Leid angehäuft hatte, wie bei einem Schatz, mit dem man, ums sich verdientermaßen zu erholen, endlich allein sein will, um diesen Reichtum zu zählen. Sie wollte fliehen, weit fortgehen, ohne Brugnon.“

Sie bleibt, wider besseres Wissen.

In seinem Nachwort schreibt Rainer Moritz:

„Das Schicksal des alle Energie verlierenden Brugnon darf man als psychologisches Kabinettstück lesen, das die Zerrissenheit eines eindimensionalen Menschen aufzeigt. Die Art und Weise, wie Bost diesen glücklosen Unternehmer zeichnet, hat freilich auch mit der Zeit zu tun, in der Bankrott spielt. In kleinen Exkursen (…) zeigt Bost, wie der technische und wirtschaftliche Fortschritt in die Psyche der Akteure eingreift.“

Brugnon, der sich in einer Tradition von Unternehmern sieht, die sich „hocharbeiteten“, die Fleiß und Energie als wichtigste Grundlagen des Erfolgs werten, sieht sich vom Zeitalter der Maschinen überrollt: Sowohl der Markt als auch das Leben sind durch eigenes Handeln nicht mehr lenkbar. Der wirtschaftliche Niedergang geht mit dem seelischen Zusammenbruch einher: heute würde man von einem klassischen Burnout sprechen.

Mit Dank an den Dörlemann Verlag für das Besprechungsexemplar.

Gestoßen bin ich auf das Buch beim Blog von Muromez, seine Rezension hier.


Ein noch weitaus abgründigeres Werk der französischen Literatur:
„Gegen den Strich“ von Joris-Karl Huysmans.

13510832_2067798250111382_4790447834418688520_nIm Vergleich zu Floressas Des Esseintes, dem Helden dieses Romans aus dem Jahre 1884, ist Dorian Gray ein bodenständiger Pragmatiker. Mir ging dieses Vorzeigewerk der literarischen Dekadenz jedoch eher gegen den Strich: Lebende Schildkröten mit Goldrücken, seitenweise Dekorfragen, luxuriöse Langeweile – dafür muss man die Nerven erst mal haben.
Aus den Verlagsangaben: „Floressas Des Esseintes flieht vor der Grobheit und Banalität der Zeitgenossen ins Exil seines Landhauses, wo das Schlafzimmer als Mönchszelle gestaltet, seine Dienerin als Nonne verkleidet ist. Alles Natürliche, der Außenwelt Zugehörige wird konsequent ferngehalten, aus Kunst und Künstlichem schafft er sich sein eigenes Paradies.  Die Tage verrinnen in ausschweifenden Phantasien über symbolistische Gemälde und Literatur, Schwelgereien in Farben und Düften, Träumen, die ihm die Wirklichkeit ersetzen; nach immer morbideren Sinnesreizen verlangt es Des Esseintes.“

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