Julian Barnes: Eine Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln (1989).

2015-04-16 11.33.48„Aber letztendlich, was können wir dafür, wir sind halt Holzwürmer.“

Julian Barnes, „Eine Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln“

Und manches Mal sind Holzwürmer vielleicht sogar die besseren Menschen – auf diesen nihilistischen Gedanken könnte man durchaus kommen bei der Lektüre dieses wundersam-eigenartigen Buches. In zehn Kapiteln schreibt Julian Barnes über die Arche Noah, Wale und im Wal Gefangene, Schiffbrüchige, Piraten, Untergehende, solche, die sich gerade noch über Wasser halten und solche, die sich in diesem treiben lassen. Und er schreibt über Holzwürmer, die halt dann doch den längeren Atem haben als diese seltsame Spezies Mensch, die es fertigbringt, den Ast, auf dem sie sitzt, selber abzusägen. So dumm wäre ein Holzwurm denn doch nicht.

Man kann über dieses Buch vieles schreiben. Auch so:

„Eine Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln beantwortet die Frage nach Fortgang und „Ziel“ der Menschheit sowie nach der Möglichkeit, sie wahrhaft und eindeutig zu erzählen. Im Sinne der postmodernen Theorie negativ: Geschichte zerfällt in Geschichten, die sich negativ widersprechen, relativieren oder auch kommentieren und ergänzen können. Charakteristisch für Barnes ist jedoch die Einbettung dieses theoretischen Gehalts in überraschende Handlungen und einen ironischen Erzählton.“ (Quelle: „Harenberg. Das Buch der 1000 Bücher).

Man könnte aber auch sagen: Charakteristisch ist für Julian Barnes, dass er sich bei allem Weltzweifel und Skeptizismus, den er gegenüber der Fortschritts- und Entwicklungsfähigkeit seiner Mitmenschen hegt, einen Glauben bewahrte – den, das die Liebe manches heilt. Und die dem ganzen Treiben auf Archen und Schiffen letzten Endes einen Sinn gibt.

„Und so ist es auch mit der Liebe. Wir müssen daran glauben, sonst sind wir verloren. Vielleicht erreichen wir die Liebe nicht, oder wir erreichen sie und stellen dann fest, daß sie uns unglücklich macht; trotzdem müssen wir daran glauben. Tun wir das nicht, dann kapitulieren wir einfach vor der Geschichte der Welt und vor anderer Leute Wahrheit.“

Ein großes Wort, ein naiver Gedanke, mag man meinen. Aber diesem Glauben hat der Leser schließlich das zehneinhalbste Kapitel zu verdanken. Jenes Kapitel, übertitelt „In Klammern“, das insbesondere jetzt beim Wiederlesen zu einem der berührendsten und schönsten Texte von Julian Barnes wird. Denn: 2008 verlor der englische Schriftsteller seine Frau Pat, mit der er über 30 Jahre lang zusammen war, nach einer Tumordiagnose innerhalb weniger Wochen. 2014 erschien sein Buch „Levels of life“ (eine ausführliche Besprechung findet sich bei den Zürcher Miszellen).

Ein Verlust, ein Einschnitt im Leben dieses Mannes, dessen Bedeutung für Barnes bei der Lektüre von „In Klammern“ deutlich wird. Denn dieses Kapitel ist eine der schönsten Liebeserklärungen, die ich bei einem männlichen Schriftsteller an seine Frau gelesen habe. Nur der Beginn davon:

„Ich erzähle Ihnen jetzt mal was von ihr. Es ist dieser mittlere Abschnitt der Nacht, wenn kein Licht durch die Vorhänge dringt, das einzige Straßengeräusch das Gequengel eines heimkehrenden Romeos ist, und die Vögel noch nicht mit ihrem routinemäßigen und doch aufmunternden Geschäft begonnen haben. Sie liegt auf der Seite, von mir weggedreht. Ich kann sie in der Dunkelheit nicht sehen, doch nach dem gedämpften Auf und Ab ihres Atems könnte ich Ihnen einen Plan von ihrem Körper zeichnen. Wenn sie glücklich ist, kann sie stundenlang in der gleichen Stellung schlafen. Ich habe in den kloakigen Teilen der Nacht immer schön auf sie aufgepasst, und ich kann bezeugen, daß sie sich nicht bewegt. Natürlich mag das einfach an guter Verdauung und ruhigen Träumen liegen; aber für mich ist es ein Zeichen von Glücklichsein.“

Dieses Behüten und Beobachten in der Nacht bringt Barnes auf Reflexionen über die Liebe und die Unmöglichkeit, darüber in Prosa zu schreiben:

„Aber es gibt kein Genre, das auf den Namen Liebesprosa hört. Das klingt unbeholfen, fast wie ein Widerspruch in sich. LIEBESPROSA – EIN HANDBUCH FÜR TRANTÜTEN. Zu finden in der Abteilung Laubsägearbeiten.“

Barnes ist ein Schriftsteller, der Worte abwägt, seziert, ihren Einsatz durchdenkt. Und so philosophiert er über das Wesen der Liebe, fordert auf „bei der Liebe, ihrer Sprache und ihren Gesten“ präzise zu sein.

„Wenn sie unsere Rettung sein soll, müssen wir sie so klar betrachten, wie wir lernen sollten, den Tod zu betrachten.“

Um dennoch feststellen zu müssen: Das Geheimnis der Liebe, das Geheimnis von Paaren, es ist nicht zu ergründen. Gelänge es, bräuchte man nicht mehr darüber zu schreiben. Gelänge es, wäre es das Ende der Welt – was gäbe es dann noch zu tun? Gelingt die Liebe jedoch nicht, so hat Barnes einen guten Rat:

„Trotzdem müssen wir an Liebe glauben, genau wie wir an Willensfreiheit und objektive Wahrheit glauben müssen. Und wenn die Liebe eine Enttäuschung ist, sollten wir der Geschichte der Welt die Schuld geben.“

Barnes musste in diesen Nächten – in denen er dies dachte und den Schlaf seiner Frau bewachte – der Welt keine Schuld geben. Er konnte schreiben: „Für mich ist SIE der Mittelpunkt der Welt.“

Sein Mittelpunkt ist von ihm gegangen – und dies macht dieses wunderschöne Kapitel in der Geschichte der Welt jetzt zu etwas ganz Neuem, nun beim Wiederlesen. Und das Wort von Philip Larkin, das Barnes zitiert, – „Die Liebe ist, was von uns überlebt“ – bekommt nochmals eine andere, eine besondere Bedeutung.

Angaben des Verlages zum Buch: Hier.

Veröffentlicht von

Das Literaturblog Sätze&Schätze gibt es seit 2013. Gegründet aus dem Impuls heraus, über Literatur und Bücher zu schreiben und mit anderen zu diskutieren.

22 thoughts on “Julian Barnes: Eine Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln (1989).

  1. „Und so ist es auch mit der Liebe. Wir müssen daran glauben, sonst sind wir verloren. (…)“
    Dieses Zitat gefällt mir persönlich am besten. Ich danke Dir – wieder einmal – für eine Besprechung! LG, mick

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    1. Sehr gerne. Ja, und das Zitat mag ich auch besonders. Umgekehrt gilt es auch: Wer die Liebe (zu sich, zu anderen) verloren hat, der glaubt auch an nichts mehr.
      Aber die meisten Menschen wissen solche Weisheiten und kriegen es dennoch nicht hin…LG Birgit

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  2. Es wäre nach meiner Ansicht schon viel erreicht, wenn die nicht das Endprodukt sehen würden, sondern die Fehler bei sich und bei anderen als menschlich entdecken könnten und so die Sache einfach Schrittweise angehen würden. Zu mindest wären sie dann nicht so abgrundtief enttäuscht, wenn es mal nicht nach ihren Vorstellungen geht.

    In diesem Zusammenhang habe ich gestern einen bemerkenswerten Film im Bayrischen Rundfunk gesehen. GRENZGÄNGER: So wie du bist. Ein leichter Film zu dem schwierigen Thema. Filme funktionieren wohl so.

    „Die Liebe ist, was von uns überlebt“. Bestimmt erschaffen wir damit einen Reichtum den niemand besitzen oder horten kann.

    (http://www.br.de/fernsehen/bayerisches-fernsehen/programmkalender/ausstrahlung-351924.html)

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    1. Ja, den Film habe ich auch einmal gesehen. Vielleicht funktionieren Filme so, aber manchmal braucht man sie auch als Mutmacher. Oder schaffen sie Illusionen (also nicht dieser, aber der ganze Hollywood-Kitsch), die es den normalen Menschen unmöglich machen, das zu erfüllen: Jemanden so lieben, wie er ist? Oder ist es einfach ein Glücksfall, so wie Julian Barnes jemanden zu finden, bei dem das möglich ist (er schreibt über die zwei großen Lieben, die er gehabt hat, eine glückliche und eine unglückliche, letztere habe ihn aber eigentlich alles über das Lieben gelehrt). Auch wenn das Thema vielen das wichtigste erscheint, auch in der Literatur, ist es doch das schwierigste – vor allem im Leben. Weil es immer auch um Nähe, Distanz, Geben, Nehmen, Lieben vs. Selbstaufgabe, Grenzen und um ein Sich-Öffnen bis zur Verletzbarkeit geht (siehe das schöne ZItat bei Claudios Besprechung zum positivsten Wort in englischer Sprache). Es gibt so wenige, denen das YES! gelingt.

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    1. Ja, die Duffy-Reihe. Ich war ganz perplex, als ich erfuhr, dass die von Barnes sind – als würden da zwei verschiedene Personen schreiben. Übrigens hat er dafür den Nachnamen seiner Frau, von der im Beitrag die Rede ist, angenommen: Kavanagh.
      Grüße und mach nicht zulange Pause…Claudio hat sich ja schon beschwert 🙂

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      1. Interessant, das mit dem Nachnamen seiner Frau wusste ich noch nicht. Gibt ja auch einen irischen Dichter namens Pat Kavanagh (von dem ich bis dato nix kenne), dachte immer, vielleicht lehnt er sich an den an. Man lernt nie aus ;-))
        War am Wochenende weg (davon demnächst), morgen geht’s weiter, viele Grüße, auch an Claudio ;-))
        Gerhard

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    1. Liebe Anna,
      Dir als Kennerin der englischen Literatur kann ich Julian Barnes allgemein, aber insbesondere dieses Buch ans Herz legen. Vielleicht ist es ja was für die Sommerferien 🙂 Halt gut durch! Und lass Dich nicht zu sehr von der Schule ärgern! Liebe Grüße, Birgit

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  3. Liebe Birgit,
    nachdem ich mich nun amüsiert und irritiert (Liebe, Hiebe, Prügeltrachten) durch die Kommentare gelesen habe, doch noch ein Wort zum Buch und Deiner Besprechung, die mir sehr gefallen hat, weil es nicht wirklich einfach ist, dieses Buch, das ja ein bisschen wie ein Puzzle gebaut ist, viele Perspektivwechsel hat und Erzählformen hemmungslos vermischt, gut erlebbar zusammenzufassen und zu interpretieren. Das ist Dir super gelungen!

    Für mich war Deine Besprechung mal wieder ein wunderbares Déjà Vu . Julian Barnes ist einer meiner geschätztesten britischen Gegenwartsautoren, seit dem Papagei und Metroland.
    Er ist so ernsthaft wie ironisch und bisweilen sehr komisch – und er benutzt immer wieder gerne die von mir so geliebte Hölzchen-auf-Stöckchen-Methode, mit der man thematisch so schön Kreise ziehen und die wundersamsten Dinge zusammenbringen kann. Und da sind die 10 1/2 Kapitel in meinen Augen ein besonders schönes Beispiel. Und wie du schreibst, ein höchst wundersames.

    Dein Verweis auf die Liebe als eine Art Knotenpunkt des Buches

    “ Man könnte aber auch sagen: Charakteristisch ist für Julian Barnes, dass er sich bei allem Weltzweifel und Skeptizismus, den er gegenüber der Fortschritts- und Entwicklungsfähigkeit seiner Mitmenschen hegt, einen Glauben bewahrte – den, das die Liebe manches heilt. Und die dem ganzen Treiben auf Archen und Schiffen letzten Endes einen Sinn gibt.“

    ist für mich übrigens, so, wie Du argumentierst sehr schlüssig und ich habe damit wieder einen von mir bisher in dieser Deutlichkeit nicht wirklich wahrgenommenen Aspekt des Buches gelernt (und heute versteh ich nicht, wieso ich das nicht wirklich wahrgenommen habe).

    In meiner Wahrnehmung stand nämlich bisher – meine Erstlektüre begab sich zu Zeiten der Wende, also 1990 direkt nach Erscheinen des Buches bei Haffmans – das fünfte Kapitel ‚Schiffbruch‘. Das mit den Worten beginnt:

    „Es fing mit einem bösen Vorzeichen an.“

    Das Kapitel verhandelt die Geschichte einer 1816 stattfindenden französischen Expedition nach Senegal. Von den vier teilnehmenden Schiffen lief eines auf ein Riff auf und sank. Da auf den anderen drei Schiffen kein Platz mehr war, baute man ein Floß. Das Floß der Medusa. Und da kommt natürlich dann das Gemälde von Géricault http://www.schirn-magazin.de/Gericault_Floss_der_Medusa_1.html ins Spiel, das der haffmanschen Erstausgabe als Sonderdruck beilag. Kurz gesagt: Am Ende geht es darum, wie man (Die Geschichte der Welt) aus Katastrophen Kunst macht – und das schien mir immer der zentrale Punkt des Romanes zu sein.

    Aber natürlich liegst Du damit, den Schwerpunkt auf die Liebe zu setzen richtig, zumal sich beides bei näherer Betrachtung ja perfekt ergänzt. So wie in einem Puzzle eben. Natürlich, das halbe Kpitel, das 8 1/2 ste sozusagen. Mich hat es zwar damals schon sehr gerührt, aber heute fällt mir die Bedeutung quasi wie Schuppen aus den Augen – nachdem Du darauf hingewiesen hast. Und natürlich im Zusammenhang mit Lebensstufen, einem Buch, das nun tatsächlich von Liebe, Verlust und am Ende doch auch von der daraus entstehenden Kunst handelt. Und da ist das frappierende für mich, dass es sich im Grunde, wie die Geschichte der Welt, wenn auch nur in drei Kapitel/Teilen puzzleartig auf dieses Thema zuarbeitet.

    So, jetzt hör ich endlich auf mit meinem Sermon, aber ich habe das jetzt eine Weile mit mir rumgetragen, nochmal nachgelesen und wollte das hier anlässlich Deiner Besprechung doch gerne loswerden – auch auf die Gefahr hin, eine Tracht Prügel angedroht zu bekommen…

    Liebe Grüsse
    Kai

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  4. Lieber Kai,
    ich musste mir jetzt auch erst nochmals die Hiebe-Prügel-Kommentare vergegenwärtigen…aber ja, das ist Geflaxe. Jedenfalls danke für diesen tollen Kommentar. Erfüllt er doch auch, was von den Literaturblogs eingefordert wird: Dass man über Bücher diskutiert, Annäherungen an dieselben abgleicht, neue Sichtweisen gewinnt. Müsste ich nochmals ein zentrales Kapitel des Buches wählen, würde ich auch wie Du – neben dem halben – die Geschichte des Schiffbruchs und über die Entstehung des Gemäldes wählen. Übrigens eine der besten Kunstreflexionen, die ich bisher in einem literarischen Werk gelesen habe. Vielleicht ist das aber auch so ein Männer-Frauen-Ding, wobei ich das nicht zu überstrapazieren will: Das halbe Kapitel spricht natürlich ganz direkt die emotionale Komponente an, das Gericault-Kapitel auch ein wenig die Abenteuerlust, das Erkunden der und Aufbrechen in die Welt. Und das Scheitern. Aber ich habe es eben auch immer unter diesem Aspekt gelesen, wie sehr sich hier auch ein Künstler kompromisslos seiner Kunst verschreibt (auch einer Art Liebe), wie er praktisch auch eintaucht in dieses Bild, jedes Detail mit viel Liebe malt, sein Ding sozusagen durchzieht…
    Insofern ist es, wie Du ja auch schreibst, ein Puzzle oder auch ein Kreislauf – die Liebe, die Kunst, die Liebe zur Kunst: Vor allem die Kunst und das Erschaffen von ihr – das sind die Dinge, die den Menschen auch von anderen Lebenswesen unterscheiden, das ist es letztlich, was das Leben erst lebenswert macht und bereichert, das und die Neugier sind es, die Geschichte vorantreiben. Und zur Neugier gehört letzten Endes auch: Die Liebe zur Welt. Wer nicht liebt, ist nicht interessiert, ist nicht neugierig.
    Ich hoffe, ich konnte mich jetzt einigermaßen verständlich machen…Tracht Prügel kriegt hier übrigens keiner, da ging es nur um einen gleichnamigen Button bei Gerhard.

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