Edmund de Waal: Der Hase mit den Bernsteinaugen (2011).

Die Geschichte einer jüdischen Familie über Generationen und Lebenswege hinweg – von Odessa bis zum Exil. Edmund de Waal erzählt einfühlsam und intelligent.

16 Kommentare
2015-04-12 09.11.20
Bild: Birgit Böllinger

„Und Viktor saß auf einem Stuhl neben dem Küchenherd, der einzige Platz im Haus, wo es warm war. Jeden Tag verfolgte er in der Times die Nachrichten über den Krieg, an Donnerstagen las er die Kentish Gazette. Er las Ovid, besonders die „Tristia“, die Gedichte aus dem Exil. Beim Lesen strich er sich mit der Hand über das Gesicht, damit die Kinder nicht sahen, welche Wirkung der Dichter auf ihn hatte. Er las beinahe den ganzen Tag über, außer wenn er seinen kurzen Spaziergang die Blatchingdon Road hinauf und zurück unternahm oder ein Schläfchen hielt. Gelegentlich ging er den ganzen Weg ins Stadtzentrum in Halls Antiquariat, wo der Buchhändler Mr. Pratley besonders freundlich zu Viktor war, während der die Bände von Galsworthy, Sinclair Lewis und H. G. Wells befühlte.
Manchmal erzählte er den Buben, wenn sie aus der Schule heimkamen, von Aeneas und seiner Rückkehr nach Karthago. Dort sind an die Wände Szenen aus Troja gemalt. Erst dann, konfrontiert mit den Bildern dessen, was er verloren hat, kann Aeneas endlich weinen. „Sunt lacrimae rerum“, sagt Aeneas. Es sind die Tränen der Dinge, liest Viktor dort am Küchentisch, während die Buben ihre Algebra-Aufgaben erledigen.“

Edmund de Waal, „Der Hase mit den Bernsteinaugen“, 2012, Zsolnay Verlag

Die Tränen des Aeneas kann auch Viktor Ephrussi teilen – so unendlich viel hat er verloren im von den Nationalsozialisten angeschlossenen Österreich: Seine Frau, Freunde und Familienmitglieder, sein Vermögen, Haus und Besitz. Aber vor allem auch sein Vertrauen darin, trotz der jüdischen Herkunft als vollwertiges Mitglied in der Gesellschaft angekommen zu sein. Edmund de Waal erzählt die Geschichte seiner Familie über Generationen und Lebenswege hinweg – von Odessa über Paris und Wien bis hin zu den Exilorten in England und Japan. Leitfiguren dabei bilden 264 Netsuke, Miniatur-Schnitzereien aus Holz und Elfenbein aus Japan. Sie liegen in der Vitrine des britischen Keramikkünstlers Edmund de Waal, Nachkomme der jüdischen Familie Ephrussi.

Auf welchen – teilweise abenteuerlichen – Wegen sie dorthin gelangten, schildert de Waal in diesem Familienalbum. Angekauft von einem kunst- und feinsinnigen Vorfahren im Paris der Belle Epoque wird die Sammlung der filigranen japanischen Kostbarkeiten im Wien der Jahrhundertwende vom Dekorationsobjekt und Liebhaberei zum Kinderspielzeug, das ein arisches Stubenmädchen schließlich versteckt in einer Matratze vor der Beutegier der Nationalsozialisten rettet.

Dramatische Familiensaga

Die Netsuke – der titelgebende Hase mit den Bernsteinaugen ist einer davon – sind der Leitfaden für diese dramatische Familiensaga. Sie sind auch ein Symbol dafür, wie eine jüdische Familie, gleich wo, ob Paris, Wien oder andernorts, und gleich viel, wie hoch der Preis für die Assimilierung war, immer wieder auf Antisemitismus stößt. De Waal unterlegt dies mit fundiert recherchierten Informationen – erschreckend zu erfahren, wie auch anerkannte französische Künstler, beispielsweise die Goncourt-Brüder, verbal gegen das Judentum hetzten.

Die Ephrussi, von denen de Waal erzählt, waren einst an Reichtum und Einfluss den Rothschilds ebenbürtig. Mit dem österreichischen Anschluss setzte der Niedergang ein – das Bankhaus und das gesamte Vermögen wurden arisiert, Teile der Familie ermordet, andere in die ganze Welt verstreut.

„Der Hase mit den Bernsteinaugen“ gleicht einem literarischen Netsuke: Auf kleinstem Raum komprimiert de Waal die Wanderungen einer Familie durch Europa, kombiniert Kunstreflektionen, Zeitgeschichte und Biographisches, zeigt die Entwicklung des europäischen Judentums exemplarisch an einer, an seiner Familie auf. Dies macht das Buch nicht unbedingt leicht lesbar – aber auch der Wert eines Netsuke erschließt sich nicht auf den ersten Blick.

Edmund de Waal, 1964 in Nottingham geboren, studierte in Cambridge. Er ist Professor für Keramik an der University of Westminster. „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ erschien 2011 im Original, die deutschsprachige Ausgabe dann beim Zsolnay Verlag und als Taschenbuch bei dtv.

16 comments on “Edmund de Waal: Der Hase mit den Bernsteinaugen (2011).”

  1. Vielen Dank, liebe Birgit, für das Erinnern und die ausführliche Beschreibung. Ich hörte seinerzeit eine Rezension im Deutschlandfunk, glaube ich, beschloss, das Buch zu kaufen und versäumte es dann doch. Neuer Vorsatz!

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  2. Liebe Birgit,
    die „Zerbrechlichkeit des Seins“ – eigentlich haben wir sie immer vor Augen, nur manchmal übersehen wir sie. Vielleicht erinnern uns die „Tränen der Dinge“ hin und wieder unbewusst daran und wir wissen dann gar nicht so richtig, wo die plötzliche Traurigkeit herrührt, die uns irgendwie erfasst…

    Der Tag beginnt trüb, naja ein Versprechen auf Sonne kann man wohl heute nicht bekommen, aber es ist ja schon fast herbst, da sollte man auch nicht mehr mit ständigem Sonnenschein rechnen (und kitschig, wie ich es manchmal liebe, 😉 könnte ich jetzt anfügen: Außer mit dem im Herzen…)
    Liebe Grüße,
    Birgit

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    1. Liebe Claudia,
      wir – Claudio und ich – haben vor einiger Zeit mal darüber gesprochen, wie rasant und manchesmal auch überfordernd der Buchmarkt für Leser ist: Man wird überrollt von einer Lawine an Neuerscheinungen. Aber obwohl es immer mehr Bücher gibt, meldete die dpa für 2014, dass da ein eindeutiger Bestseller (à la Harry Potter oder so) gefehlt habe, dass es keine Spitzentitel gab. Vielleicht, weil die Masse alles erschlägt. Und bei den Blogs ist das ja auch nicht anders: Man stellt ein Buch nach dem anderen vor, aber die vom vorletzten Jahr sind vielleicht vergessen…Weil einige Rezensionen von Büchern, von denen ich wirklich überzeugt bin, so vor sich hinschlummern, haben wir uns entschieden, einiges nochmals aus dem Keller zu holen – in der Hoffnung, dass das auch anderen Lust macht, aus der Masse die „guten“ Bücher (von denen wir jedenfalls meinen, dass sie empfehlenswert sind) herauszuheben. Schon eine ziemliche Ansage – ich weiß 🙂
      Viele Grüße, Birgit

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    1. Lieber Tobias,
      einfühlsam ist das richtige Worte – es liest sich, als habe sich de Waal selber ganz behutsam an seine Familiengeschichte herangetastet.
      Eine andere Frage: Ich habe Dein Email verschusselt. Ist die Anfrage noch aktuell?
      Hezrliche Grüße, Birgit

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