Benjamin Alire Sáenz: „Alles beginnt und endet im Kentucky Club“ (2012).

Grenzerfahrungen: Juárez und El Paso – zwei Städte in Sichtweise an der mexikanisch-amerikanischen Grenze. So nah und doch so getrennt. Auch ohne Trumps Mauer.

10 Kommentare

 

San

Bild: Birgit Böllinger

Von Claudio Miller

Einst war er, als in den USA die Prohibition und später die Prüderie herrschte, die erste Anlaufstelle nach der Grenze: Der berühmte Kentucky Club in Juárez. Es heißt, Marilyn Monroe habe hier eine Lokalrunde geschmissen, um ihre Scheidung von Arthur Miller zu feiern. Andere sprechen von Elizabeth Taylor gegen Eddie Fisher. Wie auch immer. Verbürgt ist, dass Liz Taylor mit Ehemann und Saufkumpan Richard Burton hier abhängte, Bob Dylan auf der Suche nach Inspiration war und Ronald Reagan nach Abkühlung von der mexikanischen Hitze. Angeblich wurde auch die Margaritha in dieser Lokalität erfunden. Kurzum: Der Kentucky Club war ein Ort, an dem man gerne war. Bis die Drogenkartelle kamen. Und Juárez zu einer der tödlichsten Städte Mexikos wurde. In Sichtweite: das texanische El Paso, Ort der Ruhe und – Bigotterie.

2012 wurde in der „Welt“ über die groteske Verschiedenheit der Nachbarorte, die nur durch eine Grenzbrücke getrennt sind, geschrieben:

„Der Krieg diverser Gangs und Drogenkartelle hat aus Juárez eine der gefährlichsten Städte der Welt gemacht. In El Paso herrscht Ruhe und ein fast gespenstischer Wohlstand. Es ist eine der sichersten Städte der USA.“

Die Grenze: sie ist auch in sieben Erzählungen, die der amerikanische Schriftsteller Benjamin Alire Sáenz unter dem Titel „Everything Begins and Ends at the Kentucky Club“ zusammenstellte, immer präsent. Das Buch erschien 2012 in einem kleinen Verlag in El Paso, blieb zunächst kaum beachtet, bis der Erzählband 2013 den renommierten Pen/Faulkner Book Award erhielt. Seit 2014 liegt er in deutscher Übersetzung vor.

Die Geschichten vom Leben an der amerikanischen-mexikanischen Grenze, das Gefälle von Reichtum und Armut, die Spirale aus Drogenkriminalität, Gewalt und dem Auswanderungswunsch jener, die sich befreien wollen aus den Krakenarmen der Kartelle, diese Geschichten treffen in das amerikanische Herz und in den mexikanischen Geist. Denn die Kehrseite der Medaille ist die Gewalt an Immigranten – so „markieren“ einige US-Boy einen jungen Mexikaner mit dem Messer -, der aggressive Versuch, sich abzuschotten, der Flucht in die Sucht, die Bigotterie auf der einen Seite der Grenze. Alire Sáenz erzählt von Paaren, die damit rechnen müssen, dass der, der auf der „falschen“ Seite lebt, eines Tages spurlos verschwindet.

Er erzählt von Menschen, die sich lieben, obwohl einer für die Kartelle arbeitet – und damit in ständiger Lebensgefahr schwebt.

Er erzählt von Jungen, die ihren Vätern nachtrauern – Dealern, die selbst in die Abhängigkeit verschwinden, Rednecks voller Homophobie, Männern, die eines Tages einfach nicht mehr da sind.

Die Gewalt beschreibt Alire Sáenz dabei nicht explizit. Vielmehr sind dies beinahe zurückgenommene, stille Erzählungen. Einzelschicksale, die den Zustand einer zerrissenen Gesellschaft widerspiegeln. Grenzgänger, verloren zwischen zwei Welten, ohne große Perspektiven, ohne Hoffnung. Wenn, dann tritt die Gewalt als Reflektion über die Gewalt in das Buch:

„Dann lösten sich meine Gedanken von der Unterhaltung und ich fragte mich, wie es wäre, jemanden eine Knarre an den Kopf zu halten, jemanden zu entführen, einen Menschen zu foltern. Wie es wäre, jemanden die Hände abzuhacken? Ich wusste, dass es eine Mailingliste für die Zählung der Toten gab, weil ich diese Mailingliste abonniert hatte. Das Problem war, dass die Toten keine Namen hatten. Manchmal dachte ich mir Namen für sie aus.
Ich hatte eine ganze Liste mit diesen Namen.
Das alles, dachte ich, das alles kam durch Männer wie meinen Vater.“

Es sind leise, beinahe schon melancholische Geschichten, geprägt von einer stillen Trauer. Und über diese sowie über die Einsamkeit tröstet sich mancher im Kentucky Club hinweg – die Bar spielt keine Hauptrolle, ist aber Anlaufpunkt in jeder der einzelnen Geschichten.

Inzwischen, im Jahr 2015, hat sich die Lage in Juárez wieder etwas beruhigt – die Gefahr ist nicht mehr so hoch, zufällig Opfer von Querschlägern inmitten eines Bandenkrieges zu werden.

Die Menschen kommen zurück in den Kentucky Club.

Das Leben ist wieder da – was Alire Sáenz, der auch gegen den Niedergang seiner Region anschrieb, sichtlich freut:

We’re people who feel and breathe and die and suffer and hope for salvation and yearn for love,“ he says. „We’re not just a newspaper headline.“

Das Buch wurde von Sabine Hedinger übersetzt und erschien 2014 beim Ripperger & Kremers Verlag unter dem Titel „Alles beginnt und endet im Kentucky Club“. Eine Leseempfehlung für Fans amerikanischer Literatur!

10 comments on “Benjamin Alire Sáenz: „Alles beginnt und endet im Kentucky Club“ (2012).”

  1. Ein absolut lesenswertes Buch, das ich nur langsam und Erzählung für Erzählung lesen mochte, da es so eindringlich ist, so dicht erzählt, so wunderbar berührend. Es hat viele Leser verdient – ab mit euch in den Buchhandel – und wenn euch diese tolle Rezension hier nicht überzeugt hat, dann guckt mal hier: https://feinerbuchstoff.wordpress.com/2014/10/17/grenzgange/ – das mache ich sonst nicht, aber dieses Buch ins ein absolutes MUST HAVE! LG, Bri

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      1. Erlaubt ja, aber … naja 😉 Ich mache es einfach nicht oft. Aber ja, ich bin ein großer Fan dieses wunderbaren Stils und kann nur empfehlen, auch den Jugendroman zu lesen … er ist ebenso großartig. LG, Bri

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