Judith Hermann: Aller Liebe Anfang (2014).

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Bild: Birgit Böllinger

„Sie erkennt ihn an seiner Haltung, an seinem Ausdruck, sie ist sich sicher und trotzdem überrascht, wie jung er ist, wie hübsch und wie müde. Er trägt einen schwarzen Kapuzenpullover. Keine Jacke mehr, trotz der frühabendlichen, frühsommerlichen Kälte. Sie kann nicht sehen, was in seinem Pappkarton drin ist, was er kauft. Er macht noch einen Schritt vor und stellt den Pappkarton aufs Förderband, dann schaut er auf, vielleicht weil er spürt, dass er angesehen wird. Sein Blick geht suchend über die Leute hin. Trifft Stellas Blick.
Mister Pfister sieht sie an.
Stella sieht Mister Pfister an, sie denkt, spürst du das, der ganze Weg, den man zum anderen hin auf sich nehmen kann, ist ja in diesem Blick. Der Weg hin, der Weg zurück auch.
Zorn, Höflichkeit, noch was anderes.“

Judith Hermann, „Aller Liebe Anfang“, 2014, S. Fischer Verlag.

Es gibt einen Judith Hermann-Sound. Die Schriftstellerin, die sich erfreulicherweise so viel Zeit lässt mit ihren Büchern, die zwischen den Werken stille Jahre einfließen lässt und nicht wie andere, die – wie sie auch – schon mit dem Debüt als literarische Sensation gefeiert wurden, dann eines nach dem anderen abliefern. Und doch, nimmt man nach diesen Pausen ein neues Buch von ihr in die Hand, erklingt da eine vertraute Stimme wieder, taucht man in diese unaufgeregte Sprache ein, eine ruhige Sprache, die selbst dann beruhigt, wenn sie von beunruhigenden Dingen erzählt. Wie in ihrem jüngsten Buch: „Aller Liebe Anfang“.

Drei Bände mit Erzählungen hat Judith Hermann, 1970 geboren, bislang veröffentlicht: 1998 „Sommerhaus, später“, 2003 „Nichts als Gespenster“, 2009 „Alice“ – beinahe im fünfjährigen Rhythmus, viel Zeit dazwischen, eine, die sich offenbar nicht vereinnahmen lässt von einem hektischen Literaturgetriebe, das immer und stets nach Neuem schreit. Doch nicht nur damit entspricht sie wenig dem Zeitgeist – auch in der Sprache, die in ihrer zarten Bedächtigkeit, mit dieser leisen Melancholie manches Mal beinah schon altmodisch klingt.

Dagegen waren manche ihrer Erzählungen jedoch durchaus in einem „zeitgeistischen“ Milieu angesiedelt, eine Mischung aus Studentenleben, Künstlerkreisen, ein bisschen Bohème und Biokost, irgendwo zwischen Prenzlauer Berg und Friedrichshain verortet.

Aus einer früheren, kurzen Besprechung ihrer Erzählbände hier auf dem Blog:
„Als „Sommerhaus, später“ 1998 erschien, wurden eine Viertelmillion Exemplare davon verkauft, eines auch an mich. Die Renaissance der deutschen Kurzgeschichte wurde gefeiert. (…) Judith Hermann schreibt viel über Menschen, die irgendwo während einer Reise, bevorzugt in nordische Länder, melancholisch Kaffee aus zerknitterten Plastikbechern trinken. Oder im Zug mit einem Freund sitzen, der Bier aus der Dose und den Parka aus der Kleiderkammer für modische Accessoires hält. (…) Bei Liebespaaren ist die Trennung – niemals dramatisch, sondern lapidar – schon vorgezeichnet, und selbst wenn die Menschen sagen, dass sie glücklich sind, klingt das ziemlich traurig. Soviel Melancholie kann in einem Erzählband ganz schön sein. In dreien wird es ermüdend.“

Jetzt also erstmals ein Roman. Ich war gespannt, ich war interessiert – würde dieser spezielle Hermann-Sound eine längere, rundere Geschichte tragen oder würde das Buch in schöner Melancholie versickern? Vorweggenommen: Der Sound trägt einen durch das ganze Buch, ein Sprach- und Lesefluss, der durchaus mitnimmt. Dazu trägt zudem der Plot bei, der durchaus Spannungsmomente in sich birgt. Ein schön geschriebenes, lesbares Buch, ein Roman, der Leichtigkeit und Schwere vereint – vielleicht kein Roman, der lange nachhallt, aber auch alles andere als verschwendete Lesezeit.

Die Figuren der Judith Hermann sind erwachsener geworden. Sie leben in einem Vorort, Mann, Frau und Kind, er wochentags auf Baustellen unterwegs, sie pflegt alte Menschen. Scheinbar eine Kleinstadtidylle.

Äußere Beschreibungen wie bei einer Kamerafahrt:
„Ein Haus aus Backstein mit einem moosigen Ziegeldach. Eine Haustür mit eingefassten Bleiglasscheiben, zur Linken eine Bank aus Holz, neben der Bank ein Olivenbäumchen in einem Tontopf, unter der Bank Avas Gummistiefel, Stella weiß gar nicht, wie die da hingekommen sind, seit wann sie schon da stehen. Rechts von der Haustür das Panoramafenster, deutlich sichtbar der Sessel, die zerknautschte Decke über der Armlehne, die Bücher in Stapeln und auf dem breiten Fensterbrett Kissen, ein Stoffzebra und ein Teeglas, eine Flasche Wasser und etwas Kleines, von dem Stella glaubt, dass es Jasons Brillenetui ist. All das ist zu sehen, einen Augenblick lang ist sie fassungslos über diese Ausstellung von Privatem, über ihre Gedankenlosigkeit.“

Würde nicht bereits angedeutet, dass nicht hinter, aber vor der Fassade nicht alles stimmt – so wäre dies beinahe ein wenig zu viel Idyll, knapp am Kitsch vorbeigeschrammt: Öko-Links wird bürgerlich, richtet sich ein in der Behaglichkeit. Doch eben so leise, wie Hermann als Autorin wirkt, so leise schleicht sich auch die Unbehaglichkeit, das langsam zum Grauen wird, in das Vorstadtidyll ein, in Person des Mr. Pfister. Ein Stalker, der beginnt, in Stellas Alltag zu dringen, aber schlimmer noch, in ihre Gedanken. Der plötzlich Raum einnimmt und eindringt vor allem in die Beziehungen zu anderen – zum Ehemann, zur Tochter, zur Kollegin, zu ihren Patienten. Stella kommt an ihre Grundfesten – erinnert sich an die Anfänge ihrer Liebe zu Jason, muss sich auch dieser Liebe immer wieder vergewissern, erinnert sich an alte Zeiten, als alles noch unbelastet war, erinnert sich an Träume vom Leben, die verschüttet wurden vom Alltag. Die positive Botschaft: Letztendlich setzt diese Grenzerfahrung wieder Prozesse frei, ermöglicht einen Re-Start, einen neuen Anfang aller Liebe.

Dennoch: Stalking ist ein Phänomen unserer Zeit, das oftmals Betroffene, aber auch deren Umwelt in Rat- und Hilflosigkeit versetzt. Judith Hermann beschreibt den Ablauf, vom ersten unerwünschten Kontakt, dem Klingeln an der Haustür, dem Wunsch nach einem Gespräch mit Stella, bis zur Eskalation (ungewöhnlich spektakulär für Hermann`sche Verhältnisse) in ihrer zurückgenommenen Sprache so, als habe sie es beinahe selbst erlebt. Sie muss die Gefühlswelten, die Stella durchlaufen muss, nicht „ausschreiben“, um ein Bild dessen zu malen, was im Inneren der Betroffenen vorgeht. Hermann, „Meisterin der Beschneidungskunst“, lässt Stella die ganze Gefühlspalette durchleben – Angst, Verunsicherung, Wut, Zorn, das Bemühen, zu verstehen: „Warum gerade ich?“. Wie erstaunlich viele Menschen, die dies erleben, gibt es keinen Anlass, der das Verhalten eines Stalkers rechtfertigt, ist das Ziel oftmals nur zufällig ausgelöst – bedingt durch einen einmaligen Kontakt, durch eine zufällige Nähe (hier die Nachbarschaft), das Opfer eine Folie für die unerfüllten Lebensziele und Träume des psychisch angeknacksten Verfolger.

Zunächst hatte ich mich über das Thema dieses Romanerstlings gewundert – vieles hätte ich von Judith Hermann erwartet, aber keinen Roman über Stalking. Doch beim Lesen wurde mir klar: Gerade das passt. Weil dies eine zwischenmenschliche Grenzerfahrung ist. Weil es Gefühle auslöst, die so schwer fassbar sind. Weil sich diese Erfahrung des eigenen Lebens bemächtigen könnte. Und weil ein Stalker Unerklärbares tut, sich selbst wahrscheinlich auch kaum erklären könnte.

Das Unerklärbare in den Beziehungen zwischen Menschen – genau das ist Judith Hermanns Metier.

10 comments on “Judith Hermann: Aller Liebe Anfang (2014).”

  1. Nun also ein Roman mit einem Inhalt, den ich mir von Judith Hermann auch kaum vorstellen kann, aber so wie du das Buch rezensierst, scheint es gelungen zu sein. Mit deinen Besprechungen kann ich immer viel anfangen, sie heben sich wohltuend von anderen ab. Ich habe damals „Sommerhaus, später“ gelesen und fand es nicht schlecht, aber auch nicht besonders, nicht herausragend, eher zu leicht-lapidar, wie sie das Zwischenmenschliche schildert, irgendwie „cool“, das war mir etwas zu oberflächlich-abgeklärt, andere Worte finde ich dafür nicht.

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  2. Jetzt hast du mich neugierig gemacht auf eine Autorin, von der ich noch nichts gelesen habe. Von Zitaten in Blogrezensionen lese ich oft nur den ersten Satz, vielleicht zwei. Hier hat mich die Stimme durch die ganzen Absätze getragen.

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  3. Ich habe das Buch auch schon verschlungen. Komischerweise dachte ich, dass die Geschichte eine komplett andere Richtung einschlägt – bis es offensichtlich war, dass es sich um Stalking handelt. Aber ihre Sprache ist wirklich außergewöhnlich. Hat mich ein bisschen an Bánk „Die hellen Tage“ erinnert.

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  4. Liebe Birgit, ein Thema, interessant und doch so unterschwellig bedrohlich. Ich fange wohl lieber mit den Kurzgeschichten an. Aber erst einmal melde ich mich zurück, oder so ähnlich 🙂
    Liebe Grüße und einen schönen Dienstag
    Birgit

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