Jean-Philippe Toussaint: Fußball (2016).

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Bild: (c) Florian Pittroff, http://www.flo-job.de

Jean-Philippe Toussaint ist ein Schriftsteller (und Regisseur), der viel über die elementaren Dinge des Lebens schreibt – und das meist sehr lesenswert: „Das Badezimmer“, „Sich lieben“, „Fernsehen“, so lauten die Titel einiger seiner Werke. Zuletzt, 2013, „Nackt“. Und nun, fast logisch, folgt „Fußball“. Na ja, die Einführung hier ist jetzt nicht ganz so ernst zu nehmen – das „lesenswert“ jedoch auf jeden Fall. Selbst ich habe, obwohl wenig fußballaffin, in der Buchhandlung einen Blick in diese Neuerscheinung geworfen – und mich prompt festgelesen. Toussaint schreibt klug und unterhaltsam, eine runde Sache – finden auch Oliver Fritsch in der „Zeit“ und Florian Pittroff bei Sätze&Schätze.

 

Jean-Philippe Toussaint, „Fußball“, Frankfurter Verlagsanstalt, 2016

„Dieses Buch wird niemandem gefallen, den Intellektuellen nicht, die sich für Fußball interessieren, den Fußballliebhabern nicht, die es zu intellektuell finden
werden.“
So schreibt Jean-Philippe Toussaint zu Beginn seines Buches „Fußball“. Ich würde es ganz anders sehen. Dazu aber später mehr!

„Fußball“ ist sehr unterhaltsam und in erster Linie eine ganz große Liebeserklärung an die schönste Nebensache der Welt. Es geht nämlich nicht nur um Tore, Meisterschaften und Spielzüge. Jean-Philippe Toussaint ist seit Kindesbeinen an vom runden Leder und der Jagd danach angetan. Er brüllt aber keine ein- oder zweideutigen Schlachtrufe aufs Feld, sondern er erinnert sich an seine Kindheit und reflektiert über den Zauber und die Einzigartigkeit des Spiels. So schreibt Toussaint zum Beispiel über den Zauber der Farben des Fußballs, das Grün des Rasens und die Trikots der Nationalmannschaften.

Er schreibt über das besondere Verhältnis der Zeit während eines Fußballspiels.
Wir sind über die Dauer des Spiels in einem Zeitkokon eingesponnen, geschützt vor den Verletzungen der Außenwelt (…) In dem klar umrissenen Moment, in dem wir ein Fußballspiel sehen, ist das Ergebnis unbekannt und der Verlauf ungewiss, es ist uns also nicht möglich, unsere Aufmerksamkeit auch nur für einen Moment fallen zu lassen und uns von unserem Platz zu entfernen (…) Aus diesem Grund verliert Fußball sofort all seinen Reiz, sobald das Resultat bekannt ist.“

Fußball ist also nur in Echtzeit genießbar. Man müsse ihn sofort verzehren, „wie Austern, Meeresschnecken, Langustinen oder Garnelen“. Der Leser erfährt keine bloßen Fußball(binsen)weisheiten, sondern besondere Dinge über das Gesamterlebnis Fußball – feinsinnig und leise erzählt. Manchmal fast lyrisch, aber immer spannend. Eine wunderbare Huldigung an den Fußball. Und da sind wir wieder am Anfang – das ist ein Buch sowohl für Fußballliebhaber also auch für Intellektuelle.

Letztlich kann man es nicht besser beschreiben als Jean Birnbaum von der Zeitung „Le Monde“: „In seiner unvergleichbaren Art, ebenso sensibel wie schelmisch, erschafft Jean-Philippe Toussaint Bilder vom Fußball, die von der Begeisterung der Kindheit, seiner Beschwörungsmacht und seiner fragilen Klarheit erzählen. Bilder, die Toussaint entstehen lässt, um der Literatur ein Fest zu bereiten.“

Florian Pittroff 

www.flo-job.de

11 comments on “Jean-Philippe Toussaint: Fußball (2016).”

  1. Das hört sich gut an. In dem „klar umrissenen Moment“ liegt für mich seit Jahrzehnten die Faszination dieses Sports. In einer immer komplexer werdenden Welt ist es einfach herrlich, ein klar umrissenes Spielfeld, auf dem 22 Kurzbehoste einem Ball nachlaufen und nach einfachsten Regeln tanzen, als geistigen Anker zu haben, der wenigstens für 90 Minuten (+ Verlängerung + Elfern gegen England) das Leben simpler macht.
    In den Schmöker muss ich glaub ich mal reinschauen.
    Liebe Grüße,
    Gerhard

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      1. Die Freude ist schon ansteckend. Und verbindend, wenn der Grundton friedlich ist – als bei einem der letzten Turniere Deutschland gegen die Türkei spielte, war das hier in Augsburg ein gemeinsames Fest, trotz unterschiedlicher Interessen.

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    1. Elfern gegen England – schöne neue Kategorie :-). Ja, das verstehe ich schon, dass dieses Spiel – zusätzlich den Komponenten „elf Freunde“, Teamgeist unter Individualisten, der Schiri als der potentiell Doofe usw. – fasziniert. Aber das mit den einfachen Regeln nehme ich Dir nicht ab – erklär hier bitte mal verständlich das mit dem Abseits 🙂

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      1. Die Profi-Gucker sind meistens sogar dümmer, sonst wären sie ja keine Profi-Gucker, sondern würden alternativ was Gescheites treiben in den 90 Minuten ;-)) Aber das ist schon ok so 😉

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  2. Wie brandaktuell, liebe Birgit. Ich fürchte nur, ich werde es vor dem Auftakt nicht mehr schaffen, es zu lesen. Ich selbst habe mich bislang immer nur während der Endspiele zu EM oder WM mitbegeistern lassen. Aber dieses Jahr ist der Kleine Entdecker im Sticker-Fieber. Er klebt schon fleißig in sein Panini-Heft, das er in der Schule oder im Hort bekommen hat. Daher werden wir vielleicht schon am Samstag Nachmittag das erste Spiel schauen. Blöd nur, dass England und Deutschland immer so spät spielen, wenn er schon im Bett ist.

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  3. Liebe Birgit,
    ich gucke gerade mit meiner Jüngsten Fußball. Nicht weil wir Frauen so viel Ahnung hätten (im Gegenteil), aber wir gucken ein bisschen des Events wegen, ein bisschen der Zweisamkeit wegen und ein bisschen, weil es so herrlich erlaubt faul ist, mitten am Tag ohne schlechtes Gewissen vor dem Fernseher sitzen zu können, denn – das haben wir gerade vorhin auch gesagt: Fußball ist nur in Echtzeit genießbar (auch wenn wir keine Meeresfrüchte essen, sehen wir das ganz genau so!)
    Herzlichst, B. und N.
    🙂

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