#MeinKlassiker (24): Wolfgang Borchert und ein eindringlicher Appell an die Leser heute

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Als mich Birgit von Sätze&Schätze fragte, ob ich nicht auch einen Beitrag schreiben wolle, war ich zunächst ratlos. Ich hatte schon hin und wieder überlegt, welchen Klassiker ich wählen würde, bin aber nicht so recht einig mit mir geworden. Auch schien mir die Messlatte der vorgestellten Beiträge zu hoch, als dass ich da mithalten könnte.

Doch mit einem Mal war die Sache klar. Es gab keine Zweifel mehr. Kein dicker Wälzer, sondern die Kurzgeschichte von Wolfgang Borchert „Nachts schlafen die Ratten doch“ musste es sein.

Der Text wurde 1947 veröffentlicht und spielt am Ende des Zweiten Weltkriegs in den Trümmern einer deutschen Großstadt. Der kleine Bruder eines neunjährigen namenlosen Jungen liegt verschüttet unter einem zerbombten Haus. Um ihn vor den Ratten, die sich nach Aussage seines Lehrers von Toten ernähren, zu schützen, bewacht der Junge den Bruder und weigert sich beharrlich, den Platz zu verlassen. Er raucht – ein Hinweis, dass seine Kindheit schon zu Ende ist. Vor der Zeit gealtert. Hier trifft er auf einen ebenfalls namenlosen älteren Mann, der ihn mit dem (falschen) Hinweis beruhigt, dass nachts die Ratten schlafen und der übermüdete Junge deshalb abends nach Hause gehen und sich ausschlafen kann. Er verspricht ihm für den anderen Tag, ein Kaninchen mitzubringen. Das Tier als Symbol für das Leben – eine Zukunftsperspektive, die der Mann dem Jungen bietet.

Die Geschichte besteht überwiegend aus Dialogen, sehr knapp und lakonisch, sachlich, mit wenigen Erklärungen, und dennoch schwingen im Hintergrund so viele Emotionen mit. Für mich ist das ganz große Kunst – jenseits von Geschwafel die Dinge auf den Punkt zu bringen. Die Kriegsnachwirkungen ohne große Gefühlsausbrüche sichtbar zu machen. Und deshalb umso eindringlicher in seiner Wirkung.

Ich habe den Text, wie so viele, in der Schule kennen gelernt.
Im Gegensatz zu vielen anderen Schullektüren berührte mich diese Geschichte sehr. Im Laufe der Jahre kam sie mir hin und wieder ins Gedächtnis. Ich kann sie nicht vergessen. Auch meine Kinder lasen sie in der Schule. Alles wiederholt sich.

Auch jetzt wieder erinnere ich mich an sie. Wenn es um die vermeintliche Lügenpresse oder Ausländer geht, gibt es Demonstrationen. Andersdenkende werden nieder gebrüllt. Das Gespräch wird verweigert. Wo ist der Aufschrei auf den Straßen gegen die Kriegshölle von Aleppo? Was ist das für eine seltsame Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal von Kindern? Dieser Mangel an Empathie? Eine ganze Generation wächst mit Traumata auf, ohne Eltern, ohne Dach über dem Kopf, ohne Schule. Eine Untersuchung hat einmal gezeigt, dass sich Kriegstraumata vererben, selbst wenn nachfolgende Generationen in Frieden leben. Mangelnde Bildung macht den Weg frei für Verführer, für Terroristen, die sie für ihre Zwecke missbrauchen. Was kommt da noch auf uns zu? In welche Welt wird mein noch ungeborener Enkel ankommen?

Lasset die Kindlein zu kommen, heißt es in der Bibel. Er soll die Wertschätzung der Kinder im Christentum verdeutlichen. Man muss kein gläubiger Mensch sein, um diesen Satz zu bejahen. Die Kinder brauchen wieder eine Lobby. Deshalb muss dieser Text von Borchert weiter gelesen werden.

„Nachts schlafen die Ratten doch“ ist eine der bekanntesten Kurzgeschichten Wolfgang Borcherts. Wie alle Werke des Autors zählt sie zur Epoche der Trümmerliteratur. Sein Werk ist geprägt von seine Kriegserfahrungen und dennoch zeitlos. Sein Aufbäumen gegen den Krieg – „Sag nein!!“ – ist heute noch aktuell. Deshalb passt er als Klassiker in diese Reihe. Weil man seinen Text zu allen Zeiten wieder modern finden kann.

Er hat nur wenig hinterlassen. Mit 26 Jahren stirbt er an einer kriegsbedingten Krankheit.

Eine frohe Weihnacht wünsche ich allen! Trotz alledem. Und vielleicht als Lektüre unterm Tannenbaum „Das Gesamtwerk“ von Wolfgang Borchert, herausgegeben 2009 von Michael Töteberg, erschienen im Rowohlt-Verlag.

Marion Birkenfelder-Linn
https://gazelleblockt.wordpress.com/

11 comments on “#MeinKlassiker (24): Wolfgang Borchert und ein eindringlicher Appell an die Leser heute”

  1. Borchert mag ich sehr. Hab vor ein paar Tagen erst festgestellt, dass meine schöne Büchergilden-Ausgabe seiner gesammelten Werke weg ist. Keine Ahnung bei welchem Umzug die abhanden gekommen ist oder verliehen.
    „Nachts schlafen die Ratten doch“ ist unvergesslich. Haben vor Jahren mal ein Stück draus gemacht und es aufgeführt – war ganz gelungen sogar …
    Schönen Sonntag noch 🙂

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  2. Kannte ich bisher tatsächlich nicht. Dank WWW und der Kürze des Textes habe ich das aber sogleich nachgeholt. Wie schön, welche Anregungen man hier immer wieder bekommt. Ja, mir zerreißt es auch das Herz, wenn ich diese Kinder sehe, gerade auch, weil ich immer wieder von meinem Vater erzählt bekommen habe, wie Krieg für die ganz Kleinen ist. Warum hört das nie auf?

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  3. Der Besprechung dieses Klassikers stimme ich in den allermeisten Punkten zu. Nur die Bemerkung, er habe „nur wenig hinterlassen“, wundert mich „ein wenig“. Wolfgang Borcherts Schriften im Gesamtwerk empfinde ich als beeindruckend – für einen Autor, der tragischerweise mit 26 Jahren starb. Da ist „Draußen vor der Tür“, begleitet von den Gedichten und Geschichten. Aus meiner Lektüre vor 30 Jahren sind mir neben den Ratten besonders die Hundeblume und das Brot in Erinnerung.
    Wegen einer Selbstverletzung wurde er in Nürnberg angeklagt, wegen eines anderen Delikts verurteilt und saß in der Justizvollzugsanstalt, wo der Hofgang in die Erzählung „Die Hundeblume“ einging. Gut drei Jahre später saßen hier die Hauptkriegsverbrecher der Nationalsozialisten beim Internationalen Militärtribunal, den Nürnberger Prozessen, vor Gericht.
    Wolfgang Borchert hat seiner Generation der Teilnehmer des Zweiten Weltkrieges eine unverwechselbare Stimme verliehen, die den Zeitgenossen und Nachgeborenen vernehmbar war, und wie ich dankbar lese, auch aktuell wahrgenommen wird. – Kürzlich wurde hier ein ähnlich junger Autor als Klassiker beschrieben, Georg Büchner.

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