#MeinKlassiker (25): Anna Karenina reloaded

Tolstoi, ganz der patriarchalische Landjunker, mit Enkeln um 1910. Bild via Wikimedia Commons.
Tolstoi, ganz der patriarchalische Landjunker, mit Enkeln um 1910. Bild via Wikimedia Commons.

Andrea Schopf-Balogh bloggt erst seit einigen Monaten, hat sich aber bei mir schon einen festen Stammplatz im Reader erobert: Ich mag ihre sehr persönlichen, klugen Texte über Literatur, Filme und Musik, über das Reisen und das Lesen. Ein besonderer Höhepunkt ist für mich ihre Reihe „Throwbackmonday“: Erstaunlich, welche Geschichten sich dabei rund um Schriftstellerinnen und Schriftsteller entfalten. Aber lest selbst: https://andreaschopfbalogh.wordpress.com/.
Und so ist ihr Klassiker „Anna Karenina“ auch ein Beispiel dafür, wie lebendig und frisch uns diese wunderbaren Bücher immer noch begegnen können:

Es ist immer ein eigenartiges Gefühl, Lieblingsbücher aus meiner Jugendzeit wieder zu lesen. Ich verbinde mit ihnen die Erinnerungen, Stimmungen, Gefühle, die sie vor 25-30 Jahren in mir ausgelöst haben. Nehme ich diese Bücher wieder in die Hand, ändern sich meine Reaktionen meistens. Ich betrachte die Geschichten, die Schicksale und vor allem die Gefühlsregungen mit ganz anderen Augen. Vor allem die Liebesgeschichten. Es macht eben einen Unterschied, ob die eigene, längste Beziehung 2 Jahre oder das Vielfache gedauert hat. Man hat einen anderen Blick auf Beziehung, Liebe, Ehe oder Trennung. Eine differenziertere Einsicht dahingehend, wie sich große Gefühle ändern, verflüchtigen oder wieder festigen können. Was es bedeutet, treu zu bleiben oder einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Wie es sich anfühlt, Verantwortung für Kinder zu tragen. Lauter Erfahrungen, die ein fünfzehn jähriges Mädchen, das das erste Mal Anna Karenina liest, nicht kennt.

Damals war ich fasziniert von ihrem Lebensweg. Wow! Das ist wahre Liebe! – dachte ich. So muss es sein, bedingungslos zu lieben. Und merkte nicht, was Anna auch nicht merkte, dass sie Liebe eben mit Leidenschaft verwechselte. Ein Gefühl, das sie wahrscheinlich das erste Mal, gefangen in ihrer lieblosen Ehe erfuhr. Und in dieser Situation zu rechnen – nein, das wollte sie wirklich nicht.

Hätte sie sich aber auf dieses Gedankenexperiment, auf eine Arithmetik der Liebe eingelassen, hätte sie sofort festgestellt, dass es nach ihrer Entscheidung, ihren Ehemann zu verlassen, keinen Weg für sie gab, keine wie auch immer geartete Chance, einen Ausweg zu finden –  nur eine Sackgasse. Denn wie sollte ihr jene Gesellschaft verzeihen, die auf Äußerlichkeiten, Konvention, Starre und die Unterdrückung individueller Lebenswege basierte? Und wie ihr Ehemann, der eifriger Diener und privilegierter Nutznießer dieser Gesellschaftsordnung war? Und was bedeutete diese Amour fou für ihren Liebhaber, der Karriere in ebendieser Gesellschaft machen wollte? Und was bedeutete sie für ihren Sohn, der keine Mutter mehr haben durfte?

Kann ein Paar glücklich sein, wenn man einander liebt aber alles, wirklich alles dafür aufgeben muss? Tolstois klare und diesmal, trotz seines oft so nervigen, erhobenen Zeigefingers einfühlsame Antwort lautet Nein. Eh klar. Anna hätte es wissen sollen. Aber sie wollte nicht rechnen.

Dafür aber Kitty und Lewin! Sie leben nach einigen kleinen Verirrungen glücklich, zufrieden und vor allem progressiv auf ihrem Landsitz. Eine glückliche Familie eben, über die Tolstoi im ersten, berühmten Satz des Romans schreibt, den ich jedoch – das habe ich mir fest vorgenommen – nicht zitieren werde. Sie erziehen ihre zahlreichen Kinder und helfen ihren Bauern, erste Schritte in Richtung eines höheren, menschlichen Bewusstseins zu unternehmen. Eine wirkliche nette, aber schwer moralingesäuerte Idealfamilie der Marke Tolstois Zeigefinger, gähn.

Überhaupt fällt es auf, dass man nach Tolstois Auffassung nur im patriarchalischen, etwas rückständigen Moskau oder am Land glücklich werden kann (sofern man an eine Erziehung zu Religion und Moral gebunden ist, wie die Familien von Levin und Scerbackij), während das mondän-liberale Leben in Petersburg unweigerlich ins Verderben führt (siehe Karenin und Wronskij).

Aber wirklich ärgern möchte ich mich nicht darüber. Ich habe mich selbst in Verdacht, dass ich aufgrund seiner Spätwerke etwas zu kritisch mit Tolstoi bin. Dafür erlebe ich jedoch beim Wiedersehen mit ihm und Anna Karenina eine sehr schöne Überraschung. Denn passiert da nicht etwas, kaum merklich, tief im Inneren des Romans verborgen?

An der Oberfläche ist alles wie gehabt: Pflicht, Arbeit, Familienleben, Treue und Untreue, das große Geld, luxuriöse Bälle, Tradition, verhängnisvolle Beziehungen, Moral und Verkommenheit, Schuld und Haltlosigkeit – das alles, wie verwoben in ein riesiges, wunderschönes Gemälde, an dem man, je länger man es betrachtet, immer mehr faszinierende Details entdeckt.

Denn natürlich kann Tolstoi schreiben und natürlich macht es Freude, gemeinsam mit ihm in die Höhen und Tiefen seiner glanzvollen und gleichzeitig so niederträchtigen Epoche einzutauchen. Nach 100 Seiten hat endlich auch Anna ihren Auftritt. Sie ist hübsch und lebensfroh – wenn auch etwas desillusioniert und liebt ihren Sohn. Aber dann nimmt das Verhängnis seinen Lauf und Tolstoi erhebt seinen legendären Zeigefinger, denn das geht doch wirklich nicht, auf Erziehung und Religion und Moral und Tradition zu vergessen und sich einer unbändigen Leidenschaft hinzugeben. Das Unglück wird losgetreten, Gerüchte machen die Runde, Anna wird schwanger, stirbt fast bei der Geburt ihrer Tochter, das Liebespaar hält zusammen, verliert jedoch ihre gesellschaftliche Stellung, Anna darf ihren Sohn nicht sehen, wird in der Isolation von Eifersucht gequält und verfällt Wahnvorstellungen.

Während ich ihren Lebensweg und jenen der zahleichen weiteren Protagonisten verfolge, keimt in mir jedoch das Gefühl, dass Tolstoi im Laufe der Geschehnisse immer mehr Verständnis für Anna entwickelt. Dass er mit seiner Figur, die er moralisch ablehnt und die als abschreckendes Beispiel dienen soll, immer mehr mitfühlt, dass er, während er sie beschreibt, eine gewisse Akzeptanz für ihre Handlungen zulässt, dass er sie sogar insgeheim dafür achtet, sich einer verlogenen, erstickenden Gesellschaftsnorm zu entziehen – auf die Gefahr hin, von dieser zerschmettert zu werden. Anna wird im Laufe der Geschichte zu einer richtig differenzierten menschlichen Figur inmitten dieses Panoptikums gesellschaftlich durchgenormter Wachspuppen. Als würde Tolstoi durch sie erst entdecken, dass es auch außerhalb der allgemein akzeptierten Moralvorstellungen noch wirkliche Menschen gibt und nicht nur Bösewichte und absolut durchtriebene Höllenfiguren. Er begleitet Anna und staunt… und irgendwann lässt er den erhobenen Zeigefinger fallen und streichelt mit seiner Hand sanft über ihre Haare. Und heute, mit 45, finde ich diese Liebesgeschichte, die aufkeimende Liebe Tolstois zu Anna, faszinierender, als Wronskijs Leidenschaft für sie.

Aber auch Tolstois Liebe bringt ihr nicht viel, denn auch von ihm kann keine Rettung kommen. Anna hat es verabsäumt, zu rechnen und die unerbittliche Arithmetik gesellschaftlich akzeptierter Vorgangsweisen ist nicht außer Kraft zu setzen.

Andrea Schopf-Balogh
https://andreaschopfbalogh.wordpress.com/

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Das Literaturblog Sätze&Schätze gibt es seit 2013. Gegründet aus dem Impuls heraus, über Literatur und Bücher zu schreiben und mit anderen zu diskutieren.

10 thoughts on “#MeinKlassiker (25): Anna Karenina reloaded

  1. Wow – Andrea, ich liebe Deine Texte … und bin dankbar, sie entdeckt zu haben, weil sie, wie Birgit bereits schrieb, stets persönlich gefärbt aber eben sehr klug und genau beobachtend sind. Einzigartig schön. Danke für Deine Sicht auf diesen großen Roman, den ich – und jetzt kommt das schon wieder – mit ca. Mitte zwanzig tatsächlich zum ersten Mal nicht gelesen, sondern wieder als Radio-Hörspiel genießen durfte und danach natürlich lesen musste. Tragisch war für mich diese Liebe, verstehen konnte ich Anna, fand sie mutig – damals. Wie es heute wäre, muss ich erst noch rausfinden. Vielen Dank für diesen wunderbaren Beitrag!

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  2. Ich las diese Werk als ich mit einer knieoperation im Krankenhaus lag. Ich weiß noch wie wütend ich war, als die Krankenschwester hereinkam, als ich gerade die letzten Sätze las. So gefesselt war ich. Das war vor 25 Jahren. Würde ich die Lektüre heute anders empfinden? Mal ausprobieren.

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  3. Ich schwanke je nach Rezension schon seit Jahren hin und her, dieses Buch endlich zu lesen oder sein zu lassen. Deine schöne Rezension hat die Waage rapide in Richtung „Lesen“ zurückgedrückt. Danke dafür. Du beherrschst das, was ich für mich selbst Empathisches Rezensieren nenne, mit sehr großer Fertigkeit, ohne in all die Fallen zu tappen, die emotionale Buchbesprechungen so mit sich bringen.

    Gefällt 2 Personen

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