A. L. Kennedy – gleissendes Glück, täuschendes Glück

20161022_101648„Waren Sie jemals glücklich? Sagen Sie ehrlich, waren Sie jemals wirklich glücklich, können Sie sich erinnern? So richtig, im Hier und Jetzt, durch Mark und Bein und Fleisch und Blut glücklich, kein Ende in Sicht? Hm?“

A. L. Kennedy, „Gleissendes Glück“, 2000

Schon bei der ersten Begegnung zwischen Mrs. Brindle und Professor Gluck (aufgemerkt: nicht Glück!) kommt es zu diesen Fragen – den wichtigsten, intimsten, persönlichsten Fragen, die man einem anderen Menschen stellen kann. The „the pursuit of happiness“: In den USA  verfassungsmäßig verankert, hierzulande zumindest Voraussetzung zur gesellschaftlichen Teilhabe. Wir sind zum Glücklichsein geradezu verdammt. Alle miteinander. Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Und wem das Meisterstück misslingt, der hat einfach noch nicht genug geübt, der hat seine Persönlichkeit noch nicht ausreichend optimiert.

Gut, dass Prof. Gluck Psychologieprofessor ist und Glücksvorträge hält. Damit lässt sich sattes Geld verdienen. Gluck ist also einer dieser modernen Glücksapostel, die den Unglücklichen in den Sattel helfen. Ein Herr von Hirschhausen, allerdings auf Nobelpreis-Niveau. Wobei die Art seiner Forschung, wie so manches andere auch in diesem Buch, im Ungefähren bleibt. Aber deutlich wird von Seite zu Seite: Der Glücksprediger hat sein eigenes Unglück. Und das ist von ganz schlechten Eltern: Sexuell erregen kann er sich nur noch durch Gewaltpornographie, eine normale Liebesbeziehung erscheint ihm unmöglich.

Gluck darf die Fragen nach dem Glück also kraft seiner Profession auch vor Publikum stellen. Dass sie für ihn und Mrs. Brindle zu einer besonderen Bedeutsamkeit gelangen werden, ahnen zunächst weder Gluck noch Brindle noch der Leser. Von Beginn an birgt dieses Buch etwas Irritierendes, etwas Verstörendes. Das immer wieder entgleisende Glück, das so „lautlos“, wenn man dieses vom geschriebenen Wort sagen kann, daher kommt, diese poetisch-lakonische Sprache, die Nüchternheit der Beschreibung, dies alles wird immer wieder durchbrochen.  Als ob die Autorin sagen möchte: „Liebe Leute, nistet euch nicht ein: Macht es Euch nicht gemütlich. Das ist keine nette Liebesgeschichte.“ Vielmehr: Ein düsteres Psychogramm, ein Psychothriller.

Wie mit einem Durchschlaghammer bricht die Gewalt ein

Dieses Buch ist ein Angriff. Zuerst findet man sich in der netten, durchschnittlichen Küche der netten, durchschnittlichen Mrs. Brindle wieder. Nach und nach kommen Einschnitte in dieses mittelständische Idyll. Wie mit einem Durchschlaghammer meißelt die Autorin Szenen verbaler, psychischer und physischer Gewalt dazwischen.

 „Fotze.

Mittwoch abend, nach dem Abendessen, das in jeder Hinsicht zufrieden stellend war, wollte sie ihm einen Kaffee ins Wohnzimmer bringen und ließ die Tasse fallen. Ihre Hand vergaß sich. Mr. Brindle hörte den Aufprall des Porzellans und des Inhalts, stand auf und sah einen Moment zu, wie die dunkle heiße Flüssigkeit in seinen Teppich einzog. Dann trat er auf sie zu und schlug sie. „Fotze.“ Schlug sie ins Gesicht, weil es ihm inzwischen egal war.“

Schläge mitten hinein in die mittelenglische Beschaulichkeit. Wenige Bücher haben mich nachhaltig  so irritiert, so verstört wie dieses. Die Figuren sind kaum fassbar – Alter, Herkunft, Entwicklung, diese Hilfestellungen gibt A.L. Kennedy nicht. Auch die Anordnung der geographischen Schauplätze bleibt eng, klein – ein Hotelzimmer, eine Abstellkammer. Das Buch ist beinahe wie ein Kammerspiel – drei Menschen, und sonst nichts.

Von ungefähr erinnert es an „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ und „Szenen einer Ehe“. Die alltägliche Selbst- und Gegenzerfleischung mancher Paare, allerdings in weniger glamourösen oder intellektuellen Setting. Der Roman ist in der Normalität, in der durchschnittlichen Welt verankert – dort wo alles so geregelt schein, wo aber auch, wie die Statistiken zeigen, die Hölle der ehelichen Gewalt hinter den Fassaden tobt. Und beim Lesen dieses Buches ging es mir wohl wie jemanden, der den täglichen Krieg bei den Nachbarn nicht mehr überhören kann oder will: Man ist schockiert, man will reflexartig wegstreben, man fühlt sich hilflos.

Mrs. Brindle jedoch ist, auch wenn sie zu Beginn so bieder, so langweilig und in ihrer Gotteshysterie leicht neurotisch wirkt, so hilflos nicht. Am Ende findet sie mit dem Professor eine seltsame Form des Glücks – nachdem Mrs. Brindle beinahe von ihrem Ehemann zu Tode geprügelt wurde. Eine der am schwersten erträglichen Szenen in diesem Buch. Und es schwer erfassbar ist, ja, eigentlich nicht zu fassen, warum die Protagonistin nach einigen Wochen bei ihrem Liebhaber zum prügelnden Ehemann zurückkehrt. Bis es zur letzten Eskalation kommt.

 Wenig nachvollziehbare Wendungen

Dies war jedoch eine der für mich weiteren nicht nachvollziehenden Wendungen in diesem eigentlich schmalen Roman. Vieles erschien mir unlogisch: Eine unterdrückte Ehefrau, die zu einem Psychoseminar nach Stuttgart reist? Ein Erotomane, der sich nur durch Handansichselbstanlegen befriedigen kann, aber in eine Dame in Tweed verliebt?

Ich mochte die Figuren dieses Romans nicht. Ich verstand ihre Obsessionen nicht. Ich konnte ihre Entscheidungen nicht teilen. Ich konnte nichts von dem, was Mrs. Brindle tat, nachvollziehen. Doch bei allem Widerstreben – losgelassen hat mich diese Dreiecksgeschichte nicht. Da gräbt sich etwas beim Lesen ins Unterbewusste ein. Man rätselt auch nach der letzten Seite weiter.

Eines ist der der Autorin ganz offensichtlich gelungen: Zu vermitteln, dass „das Böse“ auch unter der scheinbar heilen Schicht lauert. Dass Gewalt nicht nach Gründen suchen muss. Sie ist einfach da – so wie hinter der Haustür der ordentlichen Mrs. Brindle.

2016 kam eine deutsche Verfilmung des Romans in die Kinos. Zur Kritik in der FAZ hier:
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/video-filmkritiken/filmkritik-zu-gleissendes-glueck-14487268.html

Der Roman wurde bei dtv 2016 neu aufgelegt, Informationen zum Buch:
https://www.dtv.de/buch/a-l-kennedy-gleissendes-glueck-8652/

Veröffentlicht von

Das Literaturblog Sätze&Schätze gibt es seit 2013. Gegründet aus dem Impuls heraus, über Literatur und Bücher zu schreiben und mit anderen zu diskutieren.

6 thoughts on “A. L. Kennedy – gleissendes Glück, täuschendes Glück

    1. Oh ja! Das Buch haut einen in die Magengrube. Und: Danke für Deinen Vorschlag – das wäre für mich ein ganz unbekannter Klassiker, Boyd ist NOCH unbelesenes Terrain. Hast Du Lust, was zu schreiben – das fände ich toll! LG Birgit

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