E. M. Forster: Die Maschine steht still (1909/2016)

27 Kommentare

20161213_175246„Es gab einen Knopf für Kaltbäder. Es gab einen Knopf für Literatur. Und natürlich gab es jene Knöpfe, die es ihr ermöglichten, mit ihren Freunden zu kommunizieren. Als Nächstes betätigte sie wieder den Isolationsknopf, und die Anfragen der letzten drei Minuten stürzten auf sie ein … Wie ist das Essen? Kannst du es empfehlen? Hast du Ideen gehabt in letzter Zeit?“

E.M. Forster, „Die Maschine steht still“, 1909, 2016 beim Verlag Hoffmann und Campe in neuer Übersetzung durch Gregor Runge erschienen.

Den britischen Schriftsteller Edward Morgan Forster (1879 bis 1970) hatte ich für mich als britischen Nachfolger von Henry James und Proust eingeordnet: Ein Meister im Abbilden gesellschaftlicher Verhältnisse, der ganz fein nachzuzeichnen weiß, wie die innere Erodierung von Menschen, die in Konventionen erstarrt sind, voranschreitet, wenn sie in neue Verhältnisse geworfen werden. Ein feiner Beobachter des britischen Kolonialreichs und dessen Klassenverhältnisse, im Fokus dabei die Mittel- und Oberschicht. Einer, der ebenso wie Henry James, die Innenwahrnehmung seiner Figuren und die Geschehnisse der Außenwelt schreibend meisterhaft verband.

Seine großen Romane „Zimmer mit Aussicht“, „Wiedersehen in Howards End“ und „Auf der Suche nach Indien“ eigneten sich zudem als Vorlagen für ganz großes Kino. Unter Verschluss hielt er lange das Werk „Maurice“, in dem er, literarisch verpackt, auch über seine eigene Homosexualität schreibt.

Als bei Hoffmann und Campe eine dystopische Erzählung Forsters angekündigt wurde, war ich zunächst neugierig – und skeptisch. Das Genre schien mir zu dem, was ich selbst von Forster kannte, wenig zu passen. Doch „Die Maschine steht still“ liest sich so überzeugend und auch verblüffend erschreckend, als habe Forster beim Schreiben schon ein paar Jahre Facebook-Mitgliedschaft hinter sich gebracht.

1909 schrieb Forster diesen Text, von dem er nicht ahnen konnte, dass er bereits ein Jahrhundert später schon Wirklichkeit werden würde. Die Geschichte, sie erinnert an Menschen, die wir vielleicht aus unserer eigenen Umgebung kennen – Menschen, die mehr soziale Kontakte in der virtuellen denn in der realen Welt pflegen, die kaum mehr aus dem Haus gehen, Aktivitäten scheuen und deren bester Freund ein Laptop mit WLAN-Zugang ist. Und wenn man beim Lesen sich selbstkritisch prüft, so stellt man fest – ein wenig von Vashti trägt man selbst in sich. Wie oft lasse ich mich aus Bequemlichkeit von den „sozialen Medien“, die im Grunde antisozial sind, zerstreuen, lasse mich auf sinnlose Diskussionen mit Menschen, die ich nicht kenne, ein oder lese irgendwelche Nachrichten, die mich ansonsten nicht die Bohne interessieren würden? Aber der Vorzug ist: Facebook, Twitter und Co. sind so leicht zu haben – während alles andere Eigenaktivität und Energie voraussetzt.

Etwas, was die Hauptfigur in Forsters Erzählung und mit ihr der Großteil der Menschheit auch, kaum mehr aufzubringen vermag: Vashti hat seit Menschengedenken ihre Wohnung nicht mehr verlassen, sie lebt wie andere in Waben (Bienenvölkern gleich, die jedoch nicht einmal mehr die Freiheit des Fliegens genießen können) unter der Erde, im Glauben, alles über der Erdoberfläche sei vernichtet und unbewohnbar. Doch selbst, wenn nicht: Menschen wie Vashti zieht es schon gar nicht mehr hinaus in die Welt, sozialisiert durch die Maschine, die alle Bedürfnisse der Grundversorgung erfüllt. Und für Sehnsüchte und Träume, die darüber hinausgehen, sind die Menschen bereits abgestumpft. Fühlt man einmal den Wunsch nach Kontakt, dann stellt man Bildtelefonate her – doch die Beziehungen bleiben im Unverbindlichen, verursachen weder Freud noch Leid, sind beliebig und austauschbar:

„Sie hatte Abertausend Bekannte. In gewissen Bereichen konnte die menschliche Kommunikation erhebliche Fortschritte verzeichnen.“

Selbst als ihr Sohn Kuno ihr von einer anderen möglichen Welt erzählt, in der es Licht und Gras gibt, selbst als er sie bittet, einmal ihre Wabe zu verlassen und ihn zu besuchen, zögert Vashti, überlegt einen Kontaktabbruch. Schließlich aber wagt sie sich dennoch an die Reise – just in dem Moment, als die Maschine, die einer Gottheit gleicht, stillsteht und die Welt auf eine Katastrophe zusteuert: Denn ohne die Maschine, die alles lenkt und regelt, sind die Menschen hilflos und überfordert…

Auf 89 Seiten wird in der Übersetzung von Gregor Runge eine Alptraum-Vision von einer Welt beschrieben, von der wir nicht allzu weit entfernt sind: Friedenspreisträger Jaron Lanier wird auf der Rückseite des in Leinen gebundenen Bändchens damit zitiert, dies sei „die früheste und wahrscheinlich auch heute noch treffendste Beschreibung des Internets“.

Johannes Boie stellte die Erzählung in der Süddeutsche Zeitung in einer Rezension („Als Facebook in Leinen gebunden war“) vor, die mit ihren drei Spalten Länge ungewöhnlich ist für eine Vorlage von so schmalem Format. Doch wenn auch Forsters Erzählung nur wenige Seiten hat – diese haben es eben in sich:

„Die Maschine steht still“ zu lesen, bedeutet, im Schnitt alle drei Seiten verblüfft zu sein und zu grübeln über den sanften Horror, der dem eigenen Alltag viel näher kommt, als einem angenehm wäre. Denn da folgen Sätze um Sätze, die, heute gelesen, lakonische, entlarvenden Anmerkungen zum Zustand der Welt im Facebook-Zeitalter sind.“

Das stimmt. Und man fragt sich beim Lesen, warum die Menschen – die doch, wie Kuno ausruft, das Maß aller Dinge sind, und nicht eine Maschine – sich doch so unablässig und freiwillig unter die Herrschaft solch einer Maschine begeben. Ein dystopischer Text, der nachdenklich macht: Wie schwer würde es mir selbst fallen, die „sozialen Medien“ zu kappen, außerhalb des Blogs offline zu gehen, nicht mehr regelmäßig nach neuen Nachrichten und Informationen zu schauen?

Sapere aude: Das ist der Leitspruch der Aufklärung, die Aufforderung Kants, den Mut zu haben, sich des eigenen Verstandes zu bedienen. Wie Forsters Erzählung auch zeigt – ausgerechnet im digitalen Informationszeitalter klärt sich immer weniger auf, wird die Welt immer verwirrender und der Mensch zugleich geneigter, seinen Verstand an die Maschine abzugeben.

Verlagsinformationen zum Buch:
http://www.hoffmann-und-campe.de/buch-info/die-maschine-steht-still-buch-8040/

27 comments on “E. M. Forster: Die Maschine steht still (1909/2016)”

  1. Von E.M. Forster habe ich das ‚Zimmer mit Aussicht‘ gelesen. Vorher hatte ich den Film gesehen. Weil er mir so gut gefiel, las ich anschließend das Buch. Das Buch allerdings zerschlug im Epilog die Aussicht zu gähnender Ehe-Langeweile und dem Leser schwant: Nach all den konversationstechnischen und umständlichen Verrenkungen, Ungebilden, Widerständen und Kuppelversuchen, wenn im Klang von den Florentinerglocken das romantische Herz verschnaufen will in purer Kitsch-Romantik, entlarvt Forster die Illusion vollkommenen Glücks und benennt epilogisch, was folgte:
    den Alltag als größten Feind der Beziehung.
    Das gefiel mir. Das war der Sturz aus der aufreibenden Liebe mit jeder Menge Trallala vorweg in das gelangweilte Siechtum übersteigerter Erwartungen. Auch dieser Roman erscheint mir zeitlos, noch jedes Mal wieder, wenn jemand mir erzählt, er habe endlich den oder die so genannte Richtige‘ gefunden. Tarnt sich die Resignation der Suchmüdigkeit in den Nimbus vermeintlich ‚Richtiger‘? Sind die anderen ‚falsch‘?

    In Zeiten der Virtualität, wenn Menschen nur noch mittels Medien kommunizieren, schrumpft der Mut, wächst die Angst auf andere zuzugehen. Niemals war es einfacher als heute, jemanden, der an einer Macke makelt, kurzerhand abzuservieren und zu vergessen. Antisoziale Netzwerke: trifft es in die Mitte!

    Zu vielen Gedankengängen bringt mich Mr. Forster wieder und diese dystopische Buchempfehlung ist für mich ein Muss. Lieben Dank also und herzliche Grüße✨

    P.S. Eine meiner liebsten Endzeitgeschichten ist ‚Die Straße‘ von Cormack McCarthy.

    Gefällt 2 Personen

    1. Im Grunde müsste man jedem, der online auf Partnersuche geht, zunächst diesen kurzen Text Forsters und dann ZImmer mit Aussicht in die Hand drücken 🙂 Ja, das gefällt mir an den Romanen von Forster so – wer da meint, ein wenig britisch gepflegte Tändelei zu bekommen, täuscht, den hinter dem ganzen Hin und Her legt er Beziehungsmuster, Mechanismen etc. frei. Ich lese ihn ausgesprochen gerne, der dystopische Text war mir ganz neu, passt aber irgendwie, wenn man es richtig bedenkt, gut zum „Öphre“: Er war ein sehr genauer Menschenbeobachter.

      Gefällt 1 Person

      1. Unbedingt! Vorher Zimmer mit Aussicht lesen! Und über Partnersuche online möchte ich irgendwann mal ein Buch schreiben, das sehr sehr lustig sein soll. Weil die Sache nämlich eigentlich das totale Gegenteil von lustig ist. Jedenfalls wenn man sich dabei auf Partnersuche befindet. Und genau was Du sagst: Forster ist ein sehr gut hinschauender und beobachtender Erzähler und seine Konversationen sind hinter ihrer Gestelztheit ganze Schlachtengemälde samt Untergängen mit Mann uns Maus. Das fand ich bemerkenswert an seinem Schreibstil, sehr fein gewebter Stoff, der auch mit ausgesprochenem Genuss die Sitten und Gewohnheiten der upper class illustrierte und lokalkolorierte. Wie erfrischend wirkte George’s Vater, Mr. Emerson, dieser liberale und weltoffene Mann. Er war mein wahrer Held in dieser Geschichte.

        Sehr sehr spannend fand ich unten weiter in dem Kommentar den Verweis zu den japanischen Hikikomori-Kids. Den Artikel, den ich bei wiki dazu las, fand ich erschreckend und doch wird hier auch nur eine Variante der Anonymisierung und Divergenz zwischen Menschen beschrieben, wie sie wohl überall in der Welt dank zu viel verbrachter Zeit vor dem Computer oder mit dem Handy, zu finden ist. Die Erzählung von Forster steht auf meiner Wunschliste bei einem zuverlässigen Mops. :-9
        Herzliche Grüße

        Gefällt mir

      2. Deine Forster-Beschreibung trifft es auf den Punkt! Das macht ihn aus – und ja, Mr. Emerson ist einfach ein Lichtblick, auch mein Lieblingsheld 🙂
        Über einen Werk von deiner Hand zum Online-Dating würde ich mich sehr freuen 🙂 Mach hin! Das bespreche ich unter Garantie 🙂 LG Birgit

        Gefällt 1 Person

      3. …das Buch ist auf seine Weise eine genauso fixe Idee wie sich die Partnersuche zu einer auswachsen kann. Da wimmelt es auf Plattformen nur so von Mingels, Räubern und Scharlatanen, Heiratsschwindlern und Marketenderinnen, einsamen Herzen, Mauerblümchen, Holden Jungfrauen und Frauchos, die absatzknallend jedes Date zum Nahkampfeinsatz mit lebenslanger Dienstvereidigung verwandeln. Ich las in den Foren Dramen in drei und mehr Akten, Tragödien und sehr selten auch mal vom großen Glück. Das Buch will die algorhytmische Ähnlichkeitpaarberechnungsmethode aber nicht verurteilen, denn wie bei allem, gibt es auch bei Online-Plattformen Vorteile was das Finden von Stecknadeln in Heuhaufen betrifft und manchmal findet sich zwar keine große Liebe, doch Freundschaft zu Menschen, die man aufgrund Unflexibilität, Alltag, Entfernung und begrenzter Zeit so niemals kennen gelernt hätte. Und das ist etwas sehr Schönes und hier breche ich virtueller Vernetzung eine Lanze.
        Wenn dieses Buch geschrieben sein wird, freue ich mich. Solltest Du es dann sogar noch besprechen wollen, wäre das für mich eine Ehre, denn ich mag die Art wie Du Bücher besprichst sehr und lese jeden Deiner Beiträge.
        Insofern jetzt schon Freude. Ich weiß noch nicht genau wie ich es angehe und sammle noch fleißig Geschichten und Material.

        Liebe Morgengrüße✨

        Gefällt 1 Person

  2. Als ich von dem Buch gehört habe, saß ich gerade im Auto auf dem Weg ins Büro. Ich höre da im Radio immer NDR Kultur. Bin dann gleich vom Parkplatz aus zum Buchladen und habe es mir bestellt.

    Gefällt 1 Person

      1. Ich musste erst einmal googeln: Aber ja, er beschreibt genau dieses Phänomen – aber in dieser Dystopie leben praktisch alle so – und es ist in dieser Erzählung die Normalität. Das Absurde, Pathologische ist es dort, Luft atmen zu wollen unter freiem Himmel, rauszugehen, sich mit anderen Menschen zu treffen.
        Ich denke übrigens, dass das ein Phänomen ist, das zwar in Japan als erstes offenbar und erforscht wurde, aber längst auch schon in Europa ankam – ich habe von ähnlichen Fällen erfahren, die hier in Augsburg von einer Onlinesucht-Beratungsstelle betreut werden: Leute, die monatelang das Haus nicht verlassen und alle KOntakte nur noch online pflegen.

        Gefällt mir

    1. Sci-Fi ist normalerweise auch nicht so ganz mein Genre, aber ich lese die Klassiker dieser Literatur (Wells, Verne etc.) sehr gerne: Es ist einfach erstaunlich, was sie an Entwicklungen vorausgesehen haben – Zeitenwanderer, Gedankenleser oder einfach nur gute Menschenkenner?

      Gefällt 2 Personen

    1. Das ist ja witzig … weil ich dank Wolfgang Schnier entdeckt habe, wie man im Netz an verloren gegangene Beiträge kommt (das unheimliche Internet, wie es zu Forster passt), und somit heute noch einen englischen Klassiker mit Zeitmaschine bringen kann, der nur ein paar Jahre älter ist als Forsters Text. Also: Wer weiß???

      Gefällt 1 Person

    1. Früher hieß es: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Dann: Wo ein Wille ist, gibt es auch Telefon. Heute: Das Internet sagt uns, was wir wollen sollen 🙂 Nein, nur ein Scherz – so düster wie E.M. Forster sehe ich es nicht: Es gibt Gefahren, ja. Aber ich glaube immer noch an die Fähigkeit zur Selbstbestimmung der meisten Menschen. Und das Internet bietet ja auch den Vorteil, dass man mit netten BloggerInnen Austausch pflegen kann über gute Bücher …

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s