Da hab ich ein Leben lang Angst vor dem Sterben gehabt, und jetzt das!

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20161101_115123_resizedKunst ist schön, macht aber viel Arbeit.

„Und plötzlich schweifte mein Auge ab, vorn in der ersten Reihe saß noch einer, den hatte ich bisher nicht bemerkt, und das war: ER.
Ein zaundürrer, langer Geselle, mit stakigen, spitzen Don-Quichotte-Beinen, mit winkligen, spitzigen Knien, einem Löchlein in der Hose, mit blankem, abgeschabtem Anzug. Sein Löchlein in der Hose – er reibt eifrig daran herum. »Das wird Ihnen nichts nützen!« sagt der gestrenge Orchesterchef. Er, leise vor sich hin: »Mit Benzin wärs scho fort!« Leise sagt er das, leise, wie es seine schauspielerischen Mittel sind. Er ist sanft und zerbrechlich, schillert in allen Farben wie eine Seifenblase; wenn er plötzlich zerplatzte, hätte sich niemand zu wundern.“

So begeistert berichtete Peter Panter alias Kurt Tucholsky am 9. Oktober 1924 in der „Weltbühne“ vom Auftritt eines Münchners in Berlin. Karl Valentin – das Unikum, der Wortverdreher.

Jedes Ding hat drei Seiten, eine positive, eine negative und eine komische.

Zerplatzt ist er nicht, der Valentin (1882 – 1948), aber irgendwie hat er sich denn doch wie eine Seifenblase ins Nichts verflüchtigt, beinahe aufgelöst – er starb, von der Unterernährung bereits schon körperlich arg angegriffen, an einer Lungenentzündung. Und die hatte er sich, irgendwie standesgemäß, auf den Brettern geholt, die ihm die Welt bedeuteten – nach seinem letzten Theaterauftritt wurde er aus Versehen eingeschlossen und verbrachte die Nacht in den unbeheizten Theaterräumen.

Ich habe Bildung nie mit dem Löffel gegessen, nur mit der Messerspitze.

An das Leben des „Linksdenkers“, wie ihn Tucholsky taufte, erinnert in München ein privat geführtes Museum: Hannes König, der selbst noch mit Valentin gearbeitet hatte, hat 1959 das Valentin-Karlstadt-Musäum im Isartor, einem Teil der ehemaligen Stadtmauer, eingerichtet. Nach meinem Besuch dort bin ich ein wenig hin- und hergerissen. Zwar hat das Ganze durchaus etwas Uriges: Die Ausstellung ist mit zahllosen Kuriositäten bestückt (so mit dem berühmten Nagel, an den Valentin seinen Brotberuf hängte) und gibt auch Liesl Karlstadt sowie der Tradition der bayerischen Volkssänger ihren Raum. Aber Raum ist eben relativ – die beiden Türme des Isartors sind knalldicht vollgestopft, vor den Schaustücken drängeln sich die Besucher beinah wie um einen Bierbankplatz auf der Wies`n. Soll heißen: Muse und Raum zum Gucken gibt es nicht.

Wissen Sie schon, dass München heute 76 Kinos hat gegen gar keine vor 100 Jahren?

Im Grunde wünschte man sich für Valentin, den „Schrecken der Au“, das „Münchner Kindl“ (das übrigens eine hessische Mutter und einen sächsischen Vater hatte) schon eine größere Bühne. Da bräuchte es jedoch wohl mehr öffentliches Engagement. In der Nachkriegszeit jedenfalls wollte die Stadt München erst einmal nicht viel von Valentin wissen – die Übernahme seines Nachlasses für wenig Geld lehnte die Stadt 1953 ab. Aber wer weiß, was wäre, wäre es anders gekommen:

Die Zukunft war früher auch besser!

Jedenfalls: So dichtgepackt und enggedrängt wie es ist, ist das Valentin-Karstadt-Musäum zwar mehr Kuriositätenkabinett denn Museum, aber besser als gar nix. Und für 2,99 Euro Eintritt kann selbst der sparsamste Tourist aus dem Schwabenland nicht meckern (oder müsste eben seinen 99. Geburtstag abwarten, dann gibt es in Begleitung der Eltern den Eintritt frei).

Das Musäum im Internet findet sich hier: http://www.valentin-musaeum.de/

Metaphysik ist der Versuch, in einem verdunkelten Zimmer eine schwarze Katze zu fangen, die sich gar nicht darin befindet

 

11 comments on “Da hab ich ein Leben lang Angst vor dem Sterben gehabt, und jetzt das!”

    1. Ja, eigentlich wollte ich das Eintrittsgeld sparen und noch ein Weilchen warten, aber mein Vater meinte, er hätte es langsam satt, dass er dauernd mit mir in Museen muss und ich solle mal lernen, auf eigenen Füßen zu stehen (sprich: Den eigenen Geldbeutel zu gebrauchen). Das fällt einer Schwäbin freilich schwer – aber für meine Leserinnen stürze ich mich ja sogar in Unkosten 🙂

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  1. „… wenn er plötzlich zerplatzte, hätte sich niemand zu wundern.“ Das ist toll!! Und, falls ich mal in München bin, muss ich da vorbei. Eventuell schaffe ich es vor meinem 99 Geburtstag und ohne die gewünschte Begleitung.

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