Ferdinand von Schirach: Terror (2015).

19 Kommentare

Foto_florian pittroffFerdinand von Schirachs „Terror“ ist ein Buch von bedrückender Aktualität. Plötzlich hat man Paris wieder vor Augen. Der Text stellt die Frage, wie wir künftig leben wollen. Muss man sich in Zeiten wie diesen für die Freiheit oder für die Sicherheit entscheiden? Ist die Würde des Menschen trotz Terror unantastbar oder doch antastbar? Schirach macht die Leser zu Geschworenen.

Der Plot: Auf dem Flug von Berlin nach München bringt ein Terrorist eine Lufthansa-Maschine in seine Gewalt und will sie über der Allianz-Arena bei München abstürzen lassen. Und zwar während eines Länderspiels. Die Arena ist mit 70.000 Menschen restlos ausverkauft. Zwei Kampfjets der Luftwaffe versuchen, das Flugzeug zur Landung zu zwingen – ohne Erfolg. Sie eskortieren die Maschine und kurz vor dem Stadion beschließt einer der beiden Eurofighter-Piloten, den Airbus abzuschießen. Die 164 Insassen werden alle getötet – die 70.000 im Stadion werden jedoch durch den Abschuss alle überleben.

Aufgearbeitet wird die ganze Geschichte in einer Gerichtsshow. Das Spannende daran ist, dass der Leser als mündiger Bürger quasi im Saal dabei ist, in Entscheidungsprozesse eingebunden wird und Entwicklungen mitbekommt, in einem Moment noch den Verteidiger, im anderen Augenblick aber auch die Staatsanwältin versteht, sich in den Gewissenskonflikt  des Piloten einfühlen kann – oder eben nicht. Jeder kann für sich entscheiden.

Die Aufgabe des Lesers wird durch die Plädoyers des Verteidigers und der Staatsanwältin nicht leichter. Oft hat man Aha-Erlebnisse, ist sich plötzlich ganz sicher: „Ja so ist das – man kann niemals ein Leben gegen ein anderes aufrechnen“. Und nur einen kurzen Moment später denkt man: „Doch das kann man nicht nur, das muss man sogar“. Der Zwiespalt wächst, die Unsicherheit wird größer, der Gewissenskonflikt hat einen fest im Griff: Wie wiegt man Menschenleben gegeneinander auf? Ferdinand von Schirach hält uns mit seinem Buch genau diese Frage vor Augen.

Ein tiefgründiges Buch, in dem Nüchternheit groß geschrieben wird. Für Emotion und Gefühl ist der Leser zuständig. Schirachs Rede auf Charlie Hebdo ist ebenfalls in diesem Band enthalten. Alles unbedingt lesenswert!

In der dramatischen Fassung geht „Terror“ bereits um die Welt, das Theaterstück war und ist an zahlreichen Bühnen im In- und Ausland zu sehen. Und die Zuschauer werden jeweils direkt vor die Gewissensfrage gestellt: Was ist Schuld?
Und am 17. Oktober 2016 folgt die Fernsehpremiere in der ARD – auch diese interaktiv, auch dort sollen die Zuschauer anstelle eines Gerichtes entscheiden. Man darf gespannt sein.
Mehr Information dazu: http://www.schirach.de/category/neuigkeiten/

Mehr zum Buch beim Piper Verlag und weitere Pressestimmen finden sich hier: https://www.piper.de/aktuelles/buchblog/ferdinand-von-schirachs-terror

Ein Gastbeitrag von Florian Pittroff, www.flo-job.de

 

19 comments on “Ferdinand von Schirach: Terror (2015).”

  1. Mich hat Schirachs „Terror“ und die darin geführte Dskussion zur Abwägung der Rechtsgüter „Würde des Menschen“ und „Sicherheit“ auch sehr beeindruckt. Hier werden ja nicht nur verschiedene Argumente aus verschiedenen Perspektiven absolut ernsthaft und seriös ausgetauscht, sondern eben auch gezeigt, was Rechtstaatlichkeit im besten Sinne bedeutet. (Eine ähnlich beeindruckende Gerichtsszene zeigt uns ja Ian McEwan in „Kindeswohl“). – Und nicht nur mich hat das Drama sehr beeindruckt, sondern auch meine letztjährige Abiturklasse, die, nach einem Referat über das Drama und eine Darstellung der rechtphilosophischen Hintergründe der Rücknahme des Gesetzes, das solche Abschüsse erlaubt (der Schüler wird Jura studieren), spontan und gemeinsam ins Theater gehen wollte, um das Stück mit eigenen Augen zu sehen. Das hat leider nicht geklappt, weil die Vorstellung in Düsseldorf langzeit ausverlauft war. Vielleicht denken die Schüler ja im Oktober an dieses Referat und schauen sich die TV-Produktion an. Ich bin darauf auch schon sehr gespannt. Und ich schließe mich an: Unbedingt lesen!
    Viele Grüße, Claudia

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    1. Hallo Claudia,
      an mir ging der Autor und das Buch bislang völlig vorbei – aber nachdem ich heute mittag nochmals mit Florian, der den Beitrag verfasst hat, darüber sprach, habe ich es mir sofort besorgt – bin auf den ersten Seiten und schon sehr beeindruckt. Das sind ja auch elementare Fragen, die von Schirach da aufgreift und nicht nur auf Terrorakte zu übertragen – irgendwann stellt sich das vielleicht jedem einmal im Leben: Ist eine unrechte Handlung dadurch gerechtfertigt, um ein anderes Unrecht zu verhindern. Und in der politischen Philosophie gibt es ja ganze Kurse zu einem ähnlichen Thema – dem Tyrannenmord. Ja, ich bin schon gespannt, wie das Drama weitergeht und hab mir den 17.10. schon mal vorgemerkt. Guter HInweis auch auf deine Abiklasse, das werde ich mal einer Lehrerinnen-Freundin vorschlagen. Einen schönen Abend! Birgit

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  2. Im Theater ist dieses Werk noch interessanter. Es gibt eine Pause nach den Plädoyers und die Besucher diskutieren die ganze Pause über das „richtige“ Urteil, bevor man sich dann beim Reingehen für schuldig oder nicht schuldig entscheidet. Wirklich beeindruckend.

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  3. Ich bedauer sehr, dass ich im Mai aus dem Landkreis Lüchow-Dannenberg abreisen musste, drei Tage bevor von Schirach zu einer Lesung in die von mir geschätzte Lüchower Buchhandlung kam.

    Danke für deins und herzliche Grüsse
    Ulli

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  4. Liebe Birgit,
    auch ich sprach Dienstag in meinem Blog über das Stück. In der Moralphilosophie an der Uni ist die „Flugzeugfrage ein Muss“.
    Ich habe meinen Sohn (im 7. Semester seines Jurastudiums) gefragt, ob wir uns das Theaterstück anschauen wollen. Er antwortete ganz trocken, er wüsste nicht warum, die Rechtslage in Deutschland sei ganz klar, es wäre gegen das Gesetz, das Flugzeug abzuschiessen. Ich bin in meiner Hausarbeit nach einigen Seiten zur selben Entscheidung gekommen, jedoch nicht aus Gründen des Gesetz‘ sondern aus Gründen meiner kantianischen Prägung. Du kannst dir meine Hausarbeit auf meinem Blog herunterladen, wenn du magst.
    Einen schönen Tag wünscht dir Susanne

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    1. Liebe Susanne,
      danke für den Kommentar und deine Hinweise, die Hausarbeit schaue ich mir gerne an.
      Ich hatte den Beitrag von Florian am Donnerstag abend eingestellt, am Freitag morgen holten mich die Nachrichten aus Nizza ein, am Abend dann jene aus der Türkei – ich bin, wie wahrscheinlich viele, erst einmal traurig, sprach- und hilflos. Es ist schwer in diesen Zeiten, zu einer Haltung zu finden, die nicht von Emotionen überlagert ist.
      Liebe Grüße Birgit

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      1. Ja, Birgit, mir geht es genauso. Ich denke auch, dass die Emotionen eine große Rolle spielen, es ist sofort der Unterschied zwischen Theorie und Praxis zu spüren. Ich bin von der vielen Gewalt in der Welt auch fassungslos und betrübt.
        Liebe Grüße zum Sonntag sendet dir Susanne
        P.S. Hast du meine Mail bekommen?

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  5. Liebe Brigit,
    leider ist dieser Artikel, was den Terror betrifft, brandaktuell… (Nizza).
    Dies ist der Grund, warum ich gerade hin und her überlegte, ob ich hier einen Kommentar schreiben mag, oder nicht. Ich finde es gut geschrieben und es regt zum Nachdenken an- das auf jeden Fall, aber etwas anderes macht mich sehr unsicher: mit wie viel Terror sollten wir uns beschäftigen? Auf der einen Seite ist es wichtig, für Schreckliches Worte zu finden, um es zu verarbeiten. Doch auf der anderen Seite frage ich mich: ziehlt der Terror nicht auch genau auf die Verunsicherung der Menschen ab? Und löst die Beschäftigung mit Terror nicht auch eben diese Unsicherheit aus?
    Und während ich das schreibe, denke ich -nein- es ist besser, einen aktiven Umgang mit diesen Zeiten zu finden, als etwas in sich hineinzufressen und die Unsicherheit vermeintlich runterzuschlucken. Dadurch verschwindet sie auch nicht, sondern sie breitet sich- was viel gefährlicher ist- fast unbemerkt aus im Körper. Und dies gefährdet das Vertrauen in die Welt noch stärker. Ich stehe, so wie andere auch- dem Geschehen ohnmächtig gegenüber und würde gerne was tun, damit sich dieser Zustand ändert. Was hilft ist mit der Thematik kreativ umzugehen- Inneres nach Außen zu bringen. Mit der Vorstellung dieses Buches und des Theaterstücks, hast du einen Beitrag dazu geleistet. Danke!

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    1. Danke für Deine Gedanken, die ich so auch teile – manchmal möchte man die Nachrichten ignorieren oder daran appellieren, dem, was auf solche Vorfälle folgt (Angst, Wut, Zorn, Unsicherheit), nicht zuviel Raum zu geben. Aber das geht nicht, Ignoranz schon gar nicht – denn dadurch, dass wir nicht wahrnehmen, dass es an allen Ecken und Enden der Welt kracht und brennt, wird unsere nicht besser.
      Thematisieren muss man das, auch kreativ angehen – ja und nachdem ich das Buch jetzt durch habe (der Artikel stammt ja von Florian Pittroff, Autorenzeile), kann ich auch bestätigen: Von Schirach tut dies auf sehr klare, sachliche Weise.

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  6. Ein ähnliches Dilemma weist der reale Fall des ermordeten Jakob von Metzler auf. Der Täter, der den Bankierssohn entführt und ermordet hat, wurde vom Kriminalbeamten massiv unter Druck gesetzt – er drohte ihm Folter an, falls dieser nicht das Versteck des Jungen verrate. Man nahm damals an, dass der Junge noch lebte. Das Gesetz hat dazu eine klare Haltung: Folter und auch deren Androhung ist verboten. Auch wenn sie angewendet wird, um ein Leben zu retten. Der Kriminalbeamte wurde verurteilt.

    Der Rechtsstaat schützt eben auch den Täter oder den, der ihm Begriff ist, zum Täter zu werden. Ob es einem gefällt oder nicht. In diesem Fall schwer erträglich.

    Anders ist wohl der Fall der erlaubten Notwehr: nur wenn das eigene Leben direkt bedroht wird, darf man töten.

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    1. Man kann diese Fragen nun wohl leider auch auf die Türkei anwenden: Kann ich mit Mitteln des Militärs einen Autokraten wie Erdogan, der jedoch demokratisch gewählt ist (der Form nach zumindest) stürzen?
      Und für #LawAndLit, ein Literaturprojekt, angestoßen von Juristen, habe ich zu einer ähnlichen Sache einmal einen Beitrag beisteuern dürfen: https://saetzeundschaetze.com/2014/01/31/lawandlit-die-schwarze-spinne-von-jeremias-gotthelf/

      Je mehr ich über die Vorfälle der letzten Monate nachdenke, desto deutlicher wird mir auch wieder: Es ist gut, dass „das Recht“ menschliche Emotionen in Bann hält. Bzw.: Keiner hat das Recht, das Recht in eigene Hand zu nehmen – man braucht „nüchterne“ Urteile, um das menschliche Zusammenleben zusammenzuhalten…

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      1. Wenn aber, wie für den Piloten, die Zeit fehlt, das eigene Handeln noch auf den Prüfstand der Rechtmäßigkeit zu stellen, kann er nur noch seinem subjektiven Gefühl für Recht nachgeben.
        Denen, die seine Handlung dann zu beurteilen haben, steht alle Zeit der Welt hierzu zur Verfügung.
        Ein wirklich sehr interessantes Thema.

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  7. Ganz sicher braucht man diese nüchternen knallharten Urteile, quasi nach mathematischen Regeln: Wenn du dieses oder jenes tust, dann folgt logischerweise das und das. Und das gilt für alle, ohne Ausnahme.

    Die Frage ist ja: Beinhaltet das Recht auf Widerstand gegen einen Unrechtsstaat auch das Recht zum Töten? Wie weit ist Widerstand gesetzlich vertretbar? Wenn dieser Unrechtsstaat zwar das Töten verbietet, aber nicht jedem? Also wenn das Gesetz kein Gesetz für alle ist. Würde also Stauffenberg – hätte er Hitler getötet – heute verurteilt werden? Wäre er ein Mörder oder „nur“ ein Totschläger? Bekäme er mildernde Umstände? Ein Mensch ist ein Mörder, wenn er aus niederen Beweggründen tötet … Was nun? Der Christ sagt: Du darfst nicht töten. Punkt. Wieso aber tötet ein „zivilisierter“ Staat, der sich in vielem auf die Bibel beruft, seine verurteilten Mörder?

    Ach, ich verliere mich gerade in den Fallstricken …Recht und Unrecht und gewaltfreier Widerstand und die andere Wange hinhalten …

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    1. Liebe Marion, das sind ja keine Fallstricke, sondern Aktualitäten – siehe den Putsch in der Türkei, die „Säuberungsaktionen“, das Nachdenken über die Wiedereinführung der Todesstrafe. Ich muss mal wieder von Elias „Über den Prozeß der Zivilisation“ lesen – es kommt mir vor, als machte die Menschheit da einen gewaltigen Salto rückwärts.

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  8. Eine so komplizierte Frage. Muss man das Flugzeug abschießen, oder darf man dies keinesfalls tun.
    Gesinnungs- oder Verantwortungsethik?
    Letztlich ist doch jedes Leben, auch das Todgeweihte, gleichviel wert. Wenn wir anfangen den Wert eines Lebens zu gewichten, blicken wir in eine düstere Zukunft.

    (Danke für die Gedankenanregung)

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    1. Es ist schwierig. Weil unsere Gesellschaft ja auch immer häufiger – und nicht erst seit 9/11 – damit konfrontiert ist, dass Einzelne bereit sind, sich selbst und damit auch ganze Massen von Menschen in den Tod zu reißen. Es gibt da, fürchte ich, eine richtigen und abschließenden Antworten. Ja, die Zukunft empfinde ich zunehmend sowieso als immer düster werdender, als ob man aus einer Spirale von Gewalt und Gegengewalt nicht mehr herauskommen kann.

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