Neil MacGregor: Shakespeares ruhelose Welt (2013).

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„Es liegt eine merkwürdige Kraft in Dingen: Sie können, einmal hergestellt, unser Leben verändern.“

Neil MacGregor, „Shakespeares ruhelose Welt“

Seltsam ist`s, im Nebel zu wandeln…seit Tagen hängt eine Nebelwand über der Fuggerstadt. Von der Straße dringen die Geräusche nur wie in Watte gepackt in mein Arbeitszimmer. Selbst das Augsburger Rathaus, sonst vom Bürofenster fast handgreiflich nah, bleibt in ein diffuses Licht gehüllt. Das Wahrzeichen der Stadt im Nebelkleid. Ich überlege, ob vor 400 Jahren, als der Grundstein für diesen Bau, der, so ein neuzeitlicher Slogan, „Bürgersinn und Bürgerstolz“ repräsentieren soll – und – so ist doch anzunehmen – auch in der freien Reichsstadt zum Repräsentationszweck der wenigen Privilegierten, der wenigen wirklich „Freien“, vor allem auf dem Rücken des städtischen „Unterbaus“ erhoben wurde, ein Bau, der wahrscheinlich Leben&Kraft der Handwerker, Arbeiter, Arbeitssklaven kostete – gut, ich überlege, ob dieser Bau auch schon vor vierhundert Jahren wochenlang im Nebel versank. Und warum sich die Augsburger Patrizier darin überschlugen, Florenz, die mächtige Konkurrentin im Handel, durch Kopieren des Renaissancestils zu übertrumpfen, statt Eigenes zu gestalten, und ob auch an der Themse heute Nebel herrscht…

Vom nebeligen Augsburg 2014 zur Grundsteinlegung 1615 in der freien Reichsstadt sind es nur wenige Schritte zurück in das London der 1590er Jahre. Ein Denkmal wie das Augsburger Rathaus vermag immer noch Geschichten zu erzählen vom Ehrgeiz und den Ambitionen reicher Kaufleute, von Machtbewusstsein und Machtdemonstrationen, von Konkurrenz und Wettbewerb in einer bereits globalisierten Welt.

Einer, der solche Geschichten ebenfalls trefflich wiedergibt, ist Neil MacGregor. Der Kunsthistoriker war Leiter der National Gallery in London, seit etlichen Jahren ist er der oberste Hüter des Sammelsuriums im British Museum. Bereits mit seiner „Geschichte der Welt mit 100 Objekten“ landete er einen Bestseller. Zum Shakespeare-Jubiläumsjahr kam nun ein „Sequel“ – bewusste Wortwahl, denn dieses Buch lebt mit und vom Medium Bild und der multimedialen Weiterverwertung als Radioreihe und Hörbuch. „Shakespeares ruhelose Welt“, ein schön aufgemachter Bildband, der am Beispiel von 20 Objekten mitten hineinstößt in das turbulente, von der Pest gebeutelte, von den Iren und Schotten in die Zange genommene, den Spaniern und Katholiken unterwanderte, Magie-gläubige, nach Italien schielende und von aufständischen Lehrlingen gerüttelte London unter Elisabeth I.

Neil MacGregor erhebt nicht den Anspruch, Shakespeares Dramen zu analysieren oder Neues aus dem Dichterleben zu enthüllen.

„Vom Charisma der Dinge bewegt, unternimmt dieses Buch zwanzig Reisen in eine vergangene Welt – dies aber nicht in der Absicht, uns irgendeinem bestimmten Heiligen oder Helden näher zu bringen, schon gar nicht der Gestalt im Zentrum des Geschehens selbst, William Shakespeare. Wir wissen über das, was er tat, recht wenig, können nicht hoffen, mit auch nur annähernden Sicherheit aufzudecken, was er dachte, woran er glaubte. Shakespeares innere Welt bleibt, so bitter das ist, im Dunkeln. Stattdessen aber erlauben uns die Objekte in diesem Buch, an den Erfahrungen seines Publikums teilzuhaben (…).“

Wahren Shakespearianern bietet dieser opulente Bildband also keine neuen Erkenntnisse zu Leben und Werk. Es ist aber auch weitaus mehr als nur ein „coffee table book“, das sich im Jubiläumsjahr hübsch auf dem Wohnzimmertisch ausmacht. Kein „biopic“ auf Papier to go ohne inhaltlichen Anspruch – sondern ein fundiert und lebendig geschriebener Führer durch die englische Geisteswelt und Geschichte dieser dramatischen Zeit. Das Buch eröffnet einen Blick auf die Welt, in der der Dichter und seine Anhänger lebten. Unterstützt von den Shakespeare-Kennern des British Museums, das im vergangenen Jahr die Ausstellung „Shakespeare: Staging the world“ zeigte, verknüpft Neil MacGregor historisches Geschehen, Zeitkolorit, Dokumentiertes mit den Dramen und der Gedankenwelt Shakespeares. Und zeigt damit auch auf, wie modern der Dichter zu seiner Zeit war…

Ein Beispiel: Noch die Eltern des Dramatikers, mutmaßt Neil MacGregor, hatten wohl nie das Ticken einer Uhr gehört. Zimmeruhren waren um 1590 etwas Neues, ein Statussymbol. „Zeit des Wandels, Wandel der Zeit“ ist dieses Kapitel überschrieben. Mit den Uhren wird das Diktat der Zeit ein anderes, wird sich der Alltag der Menschen verändern. Reflektionen über die Zeit – sie sind auch ein fester Bestandteil Shakespearscher Werke. MacGregor verknüpft dieses geschickt, zeigt, was die Stunde geschlagen hat – sowohl im Alltag der Leute, als auch auf der Bühne des „Globe“.

Weil man vom Schöpfer von „Romeo und Julia“, „Othello“, „Hamlet“ und „Macbeth“ so wenig wissen kann, bringt der MacGregor die Welt, in der Shakespeare lebte, auf andere Weise nahe – mit Gabeln, Mützen, Kelchen, Spiegeln. In einem, dem letzten Kapitel macht der Kunsthistoriker das Shakespear`sche Werk zum Objekt: Denn nicht nur die Dinge haben die Macht (siehe Eingangszitat), das Leben der Menschen  zu verändern.

Auch die Worte, die Sprache können es auf den Kopf stellen, uns zu Taten bewegen, eine Welt zum Einsturz bringen. So mancher ist in ein Shakespeare-Stück gegangen und kam, wie nach einem Sommernachtstraum, als ein anderer heraus. Und auch  450 Jahre nach seiner Geburt ist der große Dramatiker und Lyriker William Shakespeare immer noch ein großer Weltveränderer – der Zauber und die Macht seiner Worte ungebrochen. Sein Werk hat die Jahrhunderte überlebt, und viel mehr als das: Es ist immer noch in uns lebendig. Dies verdeutlicht Neil MacGregor eben vor allem im letzten Kapitel „Shakespeare erobert die Welt“. Lauten könnte es auch: „Shakespeare hilft, in der Welt zu bestehen“. Denn selbst in den dunkelsten Winkeln hilft und trägt das Dichterwort weiter – sei es bei der Trauung von Marcel Reich-Ranicki im Warschauer Ghetto, sei es im Gefängnisalltag auf Robben Island. Für ein einziges Buch durften sich die Gefangenen rund um Nelson Mandela für die lange Dauer der Haft entscheiden – die Wahl fiel auf Shakespeares gesammelte Werke.

Neil MacGregor, „Shakespeares ruhelose Welt“, C. H. Beck, 2013, 347 Seiten mit 125 farbigen Abbildungen, 29,95 Euro.

22 comments on “Neil MacGregor: Shakespeares ruhelose Welt (2013).”

  1. Hach, schön, bei mir liegt es ja auch schon auf dem Stapel : )
    Wo du die Sache mit den Uhren erwähnst, fällt mir ein: Kennst du zufällig Bill Brysons At Home? Kann ich nur empfehlen, am besten auf Englisch, wenn’s geht (http://phileablog.wordpress.com/2011/08/08/bill-brysons-reise-um-das-zuhause/). Und wo ich schon am Bryson-Preisen bin, empfehle ich auch seine herrlich unprätentiöse Shakespeare-Biographie, in der er sich Spekulationen weitgehend enthält (http://phileablog.wordpress.com/2012/09/13/brysons-shakespeare/). Liebe Grüße
    Petra

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    1. Von ihm habe ich gelesen die kurze Geschichte von fast allem – das machte einfach einen Riesenspaß…Und „Shakespeare wie ich ihn sehe“ habe ich vor einigen Wochen zufällig aus dem Wühltisch gezogen 🙂 Da kommt dann demnächst auch noch was – vielleicht in Kombi mit Urs Widmer, der die Königsdramen nacherzählt 🙂

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    1. Das freut mich…mir ist leider immer noch so nebelig, innerlich wie äußerlich. Auf Dauer ist dieses Wetter eine Zumutung für die Seele.
      Ich hoffe, ich finde jetzt raus aus der Nebelwand – wenn hier die Watte hängt, ist es zwanzig, dreißig Kilometer weiter sonnig, unter Garantie 🙂

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  2. Vielen Dank für den schönen Beitrag, tatsächlich schön und lesenswert (ganz nebenbei wie alle Beiträge auf dem blog) von der ersten bis zur letzten Zeile. Schmunzeln musste ich bei der Beschreibung des Wetters als Zumutung für die Seele…in der Tat!
    Allerbeste Grüße,
    Birgit

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      1. doch (ich zumindest) bin ebenfalls eingenebelt, seit heut morgen…..
        ich weiß einfach nicht, ob der oder das blog richtig ist 😦 versuche eigentlich immer den Artikel zu vermeiden (ähnlich der Situation, wenn man nicht mehr weiß, ob man mit jemandem per du ist und die Anrede versucht zu umgehen….)
        Liebe Grüße von Birgit zu Birgit

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  3. Neulich habe ich schon eine sehr positive Besprechung des Buches in der Süddeutschen gelesen, aber die Rezension versehentlich „entsorgt“, so dass ich das Buch etwas aus den Augen verloren habe. Gut, dass ich jetzt wieder daran erinnert werde.

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  4. Von McGregor ist ein lesenswerter Artikel zu Shakespeare in der aktuellen ‚Zeit‘: „Derb und gebildet – Shakespeare bot eine raffinierte Kunst für ein Massenpublikum. Lässt sich diese britische Tradition in andere Länder tragen?“ – liebe Grüße, Gerhard

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  5. Sehr schön dein Bericht zu Shakespeare und Neil Mac Gregor. Ich denke, dass die Menschen, wie zu Shakespeares‘ Zeiten noch immer z.B.von Eifersucht oder Hass getrieben werden! „Geschichte der Welt mit 100 Objekten“ fand ich sehr beeindruckend.Cari saluti Martina

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  6. Also hier an der Themse gab es zwar heute ein paar dicke Wolken und den ein oder anderen Schauer, aber vom berühmt berüchtigten Nebel sind wir verschont geblieben.
    Deine Buchbesprechung ist ja ein wahres Kunstwerk, bei dem alles zusammen passt. Wenn das Buch nicht schon auf meiner Liste stehen würde, würde es sofort dort aufgenommen werden. Liebe Grüße aus Greenwich, Peggy.

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