Ryszard Kapuściński: Meine Reisen mit Herodot (2004).

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Die Reportagen des
Die Reportagen des „Kapu“: Ein Fenster zur Welt. Bild: Rose Böttcher

„Irgendwann würde ich gern ins Ausland fahren.“
„Ins Ausland?“ sagte sie verwundert und leicht erschrocken, denn damals war es noch keine Selbstverständlichkeit, ins Ausland zu fahren.
„Wohin? Wozu?“ fragte sie.
„Ich habe an die Tschechoslowakei gedacht“, antwortete ich. Es ging mir nicht darum, etwa nach Paris oder London zu reisen, o nein, solche Ziele versuchte ich mir gar nicht erst vorzustellen, und sie interessierten mich auch nicht, ich wollte nur irgendwo die Grenze überschreiten, egal, welche, denn wichtig war für mich nicht der Ort, das Ziel, das Ende, sondern der beinahe mystische und transzendentale Akt des Überschreitens der Grenze.

Ryszard Kapuściński, „Meine Reisen mit Herodot“.

Ein knappes Jahr nach diesem Gespräch mit seiner Chefredakteurin ist es für den jungen polnischen Journalisten soweit – „Wir schicken Dich ins Ausland. Du fährst nach Indien.“ Und als Reisebegleiter gibt sie ihm mit: Herodot, dessen Historien.

Ein Buch, das Ryszard Kapuściński durch sein ganzes weiteres Reporterleben begleiten wird, das ihm, den späteren weltberühmten Reisenden, unverzichtbar wird. Herodot, der erste aller Reisereporter, wird ihm zum Freund, zum Begleiter und Unterstützer, mit dessen Schriften er sich auf allen seinen eigenen Reisen auseinandersetzt, an denen er sich, so scheint es, auch festhält an Orten, an denen er Fremder und Beobachter bleibt.

„Meine Reisen mit Herodot“ ist ein mit viel Bedacht und bedächtig geschriebenes Buch – nach der Lektüre von P. J. O`Rourkes „Reisen durch die Hölle“ (Die andere Bibliothek) musste ich mich an dieses ganz andere Tempo wieder gewöhnen – vom rasanten Höllentrip zur philosophischen Wanderung durch die Welt. Beide Bücher lohnt es sich jedoch, zeitlich in Abfolge zu lesen – gelten beide Autoren doch auch als großartige Reporter und Reiseschriftsteller. Ihre Ziele waren zum Teil – wenn auch zeitversetzt – dieselben. Die Welt ist vielfältig – auch, weil jeder sie mit anderen Augen betrachtet.

 Die Vielfalt der Welt ausloten

„Herodot erkannte als erster, dass die Vielfalt der Welt immanenter Bestandteil ihres Wesens war. „Nein, wir sind nicht allein“, sagt er den Griechen in seinen Historien, und um das zu belegen, unternimmt er seine Reisen in die Welt. “Wir haben Nachbarn, und die haben Nachbarn, und alle zusammen bewohnen wir einen Planeten“. Für einen Menschen, der bis dahin in seiner kleinen Heimat lebte, die er problemlos zu Fuß durchmessen konnte, war das neue, planetare Ausmaß der Wirklichkeit eine Entdeckung, die sein Bild von der Welt vollständig veränderte.“

Wenn „Kapu“ hier von Herodot schreibt, so schreibt er eigentlich auch von sich selbst: Für einen jungen Polen zu Zeiten des Kalten Krieges war es eine Unwahrscheinlichkeit, ja Ungeheuerlichkeit, reisen zu dürfen, einen Blick hinter den Eisernen Vorhang werfen zu können. Und so tapst beinahe unbeholfen der Reporter aus dem Osten durch ein Indien, das ihm zunächst fremd bleibt – ein bisschen mit den staunenden Augen eines Kindes, die Kapuscinski auch im hohen Alter nicht verlieren wird.

Ratgeber und Freund

Herodot ist ihm der Ratgeber, der weise, ältere Freund, der nicht nur das Reisen an sich lehrt, sondern auch eine moralische Haltung des Reisens vermittelt – eine Offenheit beizubehalten, die andere Völkern, andere Sitten nicht an der Folie der eigenen Herkunft misst, die beobachtet und weitergibt, nicht beurteilt, die den Maßstab der eigenen tradierten Werte zurückstellen kann.

Wo O`Rourke stürmt, tastet „Kapu“ sich heran, wo der Amerikaner einen sarkastischen, manchmal zynischen Blick auf das Geschehen wirft, wägt der Pole eher ab – für meinen Geschmack manchmal zu zögerlich und bedächtig – und nähert sich den Geschehnissen mit Herodot in der Hand.

„Herodot genießt die Lebensfülle, um das Fehlen von Telefon und Flugzeug weiß er nicht, er kann sich nicht einmal darüber grämen, dass er kein Fahrrad besitzt. Die Dinge werden erst Jahrtausende später auftauchen, und er kommt wunderbar ohne sie aus. Das Leben der Welt und sein eigenes Leben haben ihre eigene Kraft, ihre eigene Energie. Die spürt er, von ihr wird er beflügelt. Sicher war das ein Grund dafür, dass er so freundlich, offen und zuvorkommend war, denn nur einem solchen Menschen enthüllen Fremde ihre Geheimnisse. Einem düsteren, verschlossenen Menschen würden sie sich nicht anvertrauen, finstere Naturen wecken in anderen den Wunsch, sich zurückzuziehen, auf Distanz zu gehen, ja sie rufen Ängste wach. Mit einem solchen Charakter versehen, hätte er nichts in Erfahrung bringen können – und wir besäßen heute nicht sein Werk.

Daran musste ich denken, und dabei fühlte ich gleichzeitig, nicht ohne Verwunderung und sogar Beunruhigung, dass ich mich, je mehr ich mich in die Historien vertiefte, immer stärker emotional und gedanklich mit der von Herodot beschworenen Welt und ihren Ereignissen identifizierte. Die Zerstörung Athens beschäftigte mich mehr als der jüngste Militärputsch im Sudan, und die Versenkung der persischen Flotte erschütterte mich tiefer als die nächste Militärrevolte im Kongo. Die von mir erlebte Welt war jetzt nicht nur Afrika, über das ich als Korrespondent einer Nachrichtenagentur berichten sollte, sondern auch jene andere, die vor Jahrhunderten untergegangen war, weit weg von hier.“

Es scheint aber auch, als bräuchte der Journalist bei seinen Reisen im Herzen der Finsternis Herodot als Freund, der ihn beruhigt ob der Grausamkeiten, die Menschen anderen Menschen gegenüber auszuüben in der Lage sind. Im Kongo, diesem zutiefst zerrütteten Land, schildert „Kapu“, wie es ist, „allein einer sich straflos fühlenden Gewalt“ gegenüberzustehen. „In so einem Moment wird die Welt öde, menschenleer, sie verstummt und verschwindet.“ Herodot, dessen Historien ja auch eine Abfolge von Kriegen, Schlachten, Folterungen und Vergewaltigungen sind, erinnert ihn daran – auch wenn dies nichts relativiert – dass das Böse so alt ist wie die Menschheit. Herodot zeigt ihm aber auch auf, dass auch das Schöne, der Geist, die Wissenschaften so alt sind wie die Menschheit. Und er lehrt den Reisereporter genau hinzusehen und zu erklären: So wie die Kriege der Perser und Griechen ihre Wurzeln haben, so haben die Bürgerkriege im Kongo ihre Geschichte, geprägt von Sklaverei und Kolonialismus. Auch wenn dieses Wissen wenig hilfreich ist in dem Moment, in dem der Reporter einem Milizionär oder einem fremd gesteuerten Kindersoldaten machtlos gegenübersteht: Dieses Wissen um die Vergangenheit trägt für ihn dazu bei, die Welt zu verstehen.

Und es gibt ein weiteres Band, das den Reporter des 20. Jahrhunderts mit dem Reporter der Antike verbindet. Nico Bleutge meinte in der Neuen Zürcher Zeitung: „Er schätzte die Offenheit Herodots und seinen Sinn für die Flüchtigkeit der Erinnerung. In Kapuściński gibt es eine große Sehnsucht nach einer „umfassenden Sprache“, die nicht nur Wörter, sondern auch das Minenspiel, die Gestik und die Bewegungen des Körpers umfasst. Diese winzigen Regungen versucht Kapuściński in seinen Reportagen einzuholen. Und sie sind es auch, die sein Schreiben über Herodot bestimmen.“

Ryszard Kapuściński (1932 – 2007) bereiste zwischen 1956 und 2006 mehr als 100 Länder, hielt die Folgen der Dekolonisation, von Bürgerkriegen, Aufständen und Revolutionen fest, dokumentierte aber auch Alltägliches und Alltagsleben. Er gilt als Reporter des Jahrhunderts und als Poet der Reisereportage, seine Bücher wurden in fast 40 Sprachen übersetzt.

11 comments on “Ryszard Kapuściński: Meine Reisen mit Herodot (2004).”

  1. Ich bin ehrlich: zu diesem Buch hätte ich nicht so ohne weiteres gegriffen. Deine wunderbare Besprechung hat mich aber sehr neugierig gemacht. Und den Satz von Herodot, dass wir alle Nachbarn haben auf einem (einzigen) Planeten, sollten sich die Despoten und Umweltvernichter und die Ich-schau-nur-auf-meinen-Teller-und-nicht-über’n-Tellerrand mal über’s Bett hängen.

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    1. Ehrlich währt am längsten 🙂 Also, jetzt im Ernst: Ich weiß, solche Bücher sind eher so nicht interessant für die Allgemeinheit, aber ich habe einen Hang zu Reisereportagen – auch wenn ich selbst an viele dieser Orte selber nicht mehr kommen werde und vielleicht auch besser nicht hin sollte. Aber man erfährt durch diese Art Berichterstattung einfach vieles, was ansonsten in unserer schnelllebigen medialen Welt untergeht bzw. auch überdeckt wird. Reiseberichte sind für mich Literatur und politische BIldung – und da ist Kapucinski ein ganz hervorragender Reporter, ein gescheiter Mann.

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  2. Liebe Birgit,
    eine schöne Besprechung und jedes Lobeswort zu Kap ist berechtigt. Wenn man sich darauf einlässt, dann sind fast alle seine Bücher nicht nur Reisereportagen, sondern sozusagen Geschichtsbücher für Teilnehmer. Ich finde ihn grossartig – und ziemlich einzigartig dazu. Man muss sich halt Zeit nehmen – aber das ist ja beim Reisen genau so.
    Liebe Grüsse
    Kai

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    1. Lieber Kai,
      danke Dir für Deinen Kommentar – ich freue mich immer, wenn Du eines der vorgestellten Bücher kennst und meine Einschätzung teilst: Das macht sicher noch mehr Leser neugierig auf dieses tolle Buch, das eben nicht jeder sonst auf dem Radar hätte. Ja, und die Reportagen sind moderne, lebendige und intelligente Geschichtsberichte. Und ersetzen mir beim Lesen die ausgedehnte Zeit, die ich fürs Reisen leider nicht mehr habe…
      Herzliche Grüße, Birgit

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  3. Ach, was freue ich mich, hier so eine schöne Vorstellung von Kapuscinski zu lesen! Ich mag ja gerade auch seine „bedächtige“ Art. Und „freundlich, offen und zuvorkommend“ auf das „Fremde“ zuzugehen, hilft wirklich ungemein, seiner teilhaftig zu werden. 😉

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      1. Was soll ich darauf antworten, liebe Birgit? Leicht abgewandelt vielleicht dies: Ich wünsch‘ mir eine Farm in Afrika, am Fuße der Erongo-Berge… 😉 Liebe Grüße!

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