Nathan Hill: Geister (2016).

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Bild: Florian Pittroff, http://www.flo-job.de

Es ist wieder einmal an der Zeit für ein „Gemischtes Doppel“: Florian Pittroff,  der hier ab und an als Gastautor Bücher vorstellt und ich haben – zumal der Verlag auch die Bloggerlandschaft großzügig mit Leseexemplaren bedachte – zufälligerweise parallel „Geister“, den Debütroman des amerikanischen Autors Nathan Hill gelesen. Und wie es oft so ist: Es gibt ein Buch, zwei Leser und zwei Meinungen.

Florian:

„Ein beeindruckendes Debüt“, „Starke und gewichtige Literatur in allerlei Hinsicht“. Alle schwärmen von diesem Buch. Ich kann mich an diesen ganzen Lobeshymnen nicht unbedingt beteiligen. Ich finde das Buch „Geister“ von Nathan Hill an vielen Stellen zu ausführlich, langweilig und ausschweifend. Bis man im Thema drin ist, braucht man schon viel Geduld und Durchhaltevermögen. Die Lesezeit geht ins Unendliche!

Manchmal war ich nahe dran, das Buch einfach weg zu legen, denn der Autor kommt nur sehr langsam und langatmig auf den Punkt. Das kann bei 864 Seiten durchaus anstrengend sein.

An manchen Stellen hatte ich dennoch richtig Freude an dem Werk. Denn die sprachliche Ausdruckskraft ist – ab und an – durchaus überzeugend:

„Damals hatte womöglich nur ein Fluss die beiden Kontinente getrennt, und die Schildkröten legten ihre Eier in den Sand am gegenüberliegenden Ufer. Doch dann begannen die Landmassen auseinanderzutreiben, und der Fluss weitete sich jedes Jahr um zwei, drei Zentimeter, was für die Schildkröten nicht zu erkennen war. Also schwammen sie weiter zum anderen Ufer, jede Generation hatte ein winziges Stück mehr zurückzulegen, und nach Millionen von Jahren war aus dem Fluss ein Ozean geworden, ohne dass die Schildkröten es je bemerkt hätten. Das, dachte Samuel, war die Art, wie seine Mutter sie verlassen hatte. So war sie weggegangen, unmerklich, langsam, Stück für Stück. Sie reduzierte ihre Existenz, bis sie nur noch sich selbst entfernen musste.“

Darum geht es:

Ein Anruf der Anwaltskanzlei Rogers & Rogers verändert schlagartig das Leben des Protagonisten und Literaturprofessors Samuel Anderson. Nach einem Angriff auf einen republikanischen Präsidentschaftskandidaten verlangt man von ihm, die Integrität einer Frau zu bezeugen – seiner Mutter. Zuerst unvorstellbar für den jungen Mann, denn seit zwanzig Jahren besteht kein Kontakt mehr. Faye Anderson hatte ihren Sohn von heute auf morgen verlassen, als er elf Jahre alt war. Doch Samuel will auch endlich begreifen, was damals wirklich geschehen ist.

Und so erzählt Hill die Geschichten von der Beziehung zwischen Samuel und seinem Freund Bishop, die seiner Liebe zu dessen Zwillingsschwester Bethany. Die Lebensgeschichte der Mutter, die Herkunftsgeschichte des Vaters, die Geschichte einer Studentin, die Samuel den Lehrstuhl an der Universität kostet, die des Lebens des Polizisten und späteren Richters Charlie Brown und viele andere.

Puh! Und so verliert man dann doch ab und zu den Überblick über das große Ganze. Ich habe mich an manchen Stellen durch das Buch gequält und durchaus – ich gebe es zu – auch ein paar Seiten überblättert. So richtig fesseln mag einen das Buch leider nicht.

Birgit:

Langatmig? Nein, langatmig fand ich „Geister“ nicht, für mich hatte dieser Roman eher Pageturner-Qualitäten. Gut, an einigen Stellen war die Story mit Längen und Schleifen verziert – ich werde im Leben nicht ein Fan von Computerspielen mit Elfen und ähnlichen Wesen und auch in der Literatur vermag mich das kaum zu fesseln. Die entsprechenden Kapitel mit den Nerds habe ich „großzügig“ gelesen – geschadet hat es nicht, der Geschichte konnte ich dennoch folgen.

Denn Geschichten erzählen, das können sie einfach, die vielen amerikanischen Talente,  die durch die Schulen universitären Schreibens gegangen sind. Andere Beispiele dafür sind Adam Johnson, Philipp Meyer und weitere dieser Newcomer, deren „dicke Dinger“ hier schon auf dem Blog besprochen wurden – da kommen die irrsten lebensprallen Storys daher, zügig erzählt, packend geschildert. Doch häufig empfinde ich diese Produkte aus den amerikanischen Schreibschulen auch als etwas zu glatt, ohne Widerhaken, ohne inneren Kern. Das ist so glatt, so gängig erzählt, dass man es durchaus gerne liest und gut unterhalten wird – nicht weniger, aber eben auch nicht mehr. Da hat Mr. Hill durchaus mehr Verstörungspotential.

In dieser Hinsicht ist das Debüt von Nathan Hill eine angenehme Überraschung. „Geister“ ist ein satirisches Abbild amerikanischer Gegenwart, das giftig aufzeigt, was in der amerikanischen Gesellschaft (und nicht nur dort) schräg läuft in Politik, Wirtschaft, Privatleben. Ein kleinerer Makel am Roman ist es für mich, dass dieses kraftvolle Erzählen nach über 800 Seiten etwas verpufft – der Protagonist zieht sich in stiller Resignation zurück, vage deutet sich ein Happy End mit seiner Kinderliebe Bethany an. Ich hätte mir da eigentlich eine knallige, laute, satirische Untergangsszene gewünscht …

Das ist vielleicht die Crux dieses Schmökers – er kann sich nicht so recht entscheiden, was er eigentlich ist und was er sein will: Ist es nun die Geschichte einer gescheiterten Emanzipation? Eine Aufarbeitung verratener Ideale der Anti-Vietnam-Generation? Eine Satire auf den gegenwärtigen Medien- und Politikzirkus? Die Geschichte vom verlorenen Sohn? Oder Kapitalismuskritik? Hier stimme ich Florian zu – es besteht durchaus die Gefahr, dass man den einen oder anderen Erzählstrang aus den Augen verliert (Wieso bewarf Mum nun eigentlich den Kandidaten mit Kieseln? Und was macht der Computer-Nerd überhaupt in  der Geschichte?). Andererseits hat der Roman wunderbare Szenen, die mir noch länger im Kopf herumGEISTERnwerden: Allen Ginsberg, der prügelnden Polizisten in Chikago ein „Oooooooooooommmmmmmmmmmmmm“ entgegensetzt: Köstlich.

Auch wenn die „Geister“ bei mir keine BeGEISTERungsstürme auslösten – klug und exzellent unterhalten hat Mr. Hill mich schon.

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.piper.de/buecher/geister-isbn-978-3-492-05737-0

23 comments on “Nathan Hill: Geister (2016).”

  1. Ich kann hier noch nicht lesen – oder liken, denn ich muss selbst noch rezensieren – und da brauche ich einen freien Kopf 😉 Ich glaube aber, dass der Roman, den ich selbst im übrigen großartig finde, etwas braucht: Zeit, um am Stück zu lesen. LG – ich komme wieder 😉

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  2. Hmh. Interessant, Euer Gemischtes Doppel! Jeder hat etwas zu loben und zu kritisieren, wenn auch an unterschiedlichen Stellen. Meine Neugier ist auf jeden Fall geweckt.
    Ich habe irgendwo gehört, wer verstehen will, warum Trump gewählt wurde, sollte dieses Buch lesen. Seht Ihr das auch so?

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    1. So weit würde ich nicht gehen: Es zeigt zwar auch die Mechanismen von Politik und Wirtschaft, in denen Werte wenig zählen, die „Verkaufbarkeit“ aber viel – also diese Verknüpfung, die auch zu Populismus führt, wird satirisch klasse dargestellt. Aber das ist sicher nur ein Aspekt der Wahlen in den USA, die Trump zur Folge hatten – die Unzufriedenheit offenbar vieler Menschen, aber auch dieser typische Patriotismus amerikanischer Färbung, der zu Ressentiments und Fremdenfeindlichkeit führt, ist weniger Thema des Buches. Ich meine sogar, dass der Autor schon ein wenig aus der liberalen, linken, universitären Ecke schreibt – wenn auch mit sehr kritischem Blick auf deren Protagonisten und Veteranen. Herrlich beispielsweise der Erzählstrang, der einer jungen Studentin – faul und etwas doof – gewidmet ist, die aber soviel Cleverness mitbringt, dass sie das universitäre System durch das Auspielen der „politischen Korrektheit“ für ihre Zwecke bestens manipuliert.

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      1. Hmm, Birgit, da widerspreche ich Dir jetzt mal in Teilen – es wird schon ganz deutlich aufgezeigt, wie sehr gesteuert wird in den Medien. Sei es 1968 in den studentischen Schriften oder später die Beratung eines Politikers … man bedenke nur, wer das tut. Aber wenn ich hier aushole, spoilere ich zu sehr. Die Mechanismen der Politik, die Allmacht des Staates, die Ohnmächtigkeit des Einzelnen gegen die willkür von Menschen, die gewisse Macht haben … das ist zentral. Und das ist meines Erachtens nach nicht satiriisch dargestellt, sondern ganz klar und nah an der Realität. Und deshalb ist das mehr als nur kritischer Blick auf die Vorgänge 68 und für mich nicht so sehr aus der liberalten universitären Ecke sondern einfach aus dem prallen Leben geschrieben.Und was die Studentin angeht: die ist nicht doof, die ist komplett hinterhältig und durchtrieben. Sie laviert sich durch alles durch und weiß genau, wo sie welche Hebel ansetzen muss. Das ist absoluter Vorsatz, was die da macht … gruselig.
        Also für mich durchaus ein Buch, das vieles darstellt, erklärt, unseren Umgang mit den Medien aufzeigt … absolut lesenswert, aber verdammt schwer zu rezensieren … ;))) Ihr habt es schon geschafft, ich muss noch.

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      2. Da kommt dieser Zeit-Artikel passend: http://www.zeit.de/2016/50/nathan-hill-geister-roman Aber nochmals zu Petras Frage: Sie wollte wissen, ob der Roman erklärt, WARÙM Trump gewählt wurde. Und das finde ich in dem Buch nicht unbedingt wieder, das wäre auch zu komplex – das WIE wird geschildert, dies aber schon deutlich grotesk und satirisch: Auch wenn der Politikbetrieb und die Medien zum Teil nach solchen Spielregeln laufen, es gibt dort auch Menschen, die anders ticken und tatsächlich hat man als Einzelner immer auch Einflussmöglichkeiten – beispielsweise durch Wahlen, Abstimmungen und eigenes Engagement.

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      3. naja, die Strukturen dahinter … die kann man wohl nicht so ganz erklären. Irgendwo schreibt Hill, dass die Republikaner immer diejenigen sind, die eher dafür sind, dass jemand „den Hintern versohlt bekommt“ und es gibt Zeiten, in denen viele Leute so denken, also werden die Demokraten gewählt. Das ist natürlich genauer ausgeführt … aber klar, weshalb nun Trump tatsächlich gewählt wurde, kann er nicht klären, das Buch war ja vor der Wahl schon geschrieben …

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      4. Dazu ist ein Roman ja auch nicht das Instrument … aber so ganz plötzlich vom Himmel gefallen sind die Trump-Anhänger auch nicht, genauso wenig wie bei uns die Pegida-Leute und Co. In den USA besteht ein soziales Gefälle – und das wurde lange nicht ernst genommen bzw. nicht ernsthaft versucht zu schließen. Das aber ist nicht Thema des Romans, da würde man ihn, bei aller berechtigten Begeisterung, doch deutlich überhöhen …

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      5. Da gebe ich Dir Recht, es ist nicht DAS Thema des Romans. Meiner Meinung nach hat er versucht, und das ist ihm denke ich auch gelungen, das Leben heute einzufangen, und nach hinten zu sehen, um die Auswirkungen der Vergangenheit ein wenig einzufangen. Und ja, die Trump-Anhänger und unsere Verirrten waren immer da. Vielleicht ist es wirklich einfach an der Zeit, dass so etwas nicht mehr unter der Oberfläche wabert, sondern zu Tage tritt und man sich dagegen stellen kann.

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      6. Habe den Artikel mal überflogen – interessant das mit der Übersetzung … ich kenne ja das Original (noch) nicht … das Buch hätte also in einer flüssigeren Übersetzung noch besser sein können … wer weiß. Muss mal gucken, ob ich mich ans Original traue.

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  3. Was für eine großartige Rezension! Ersten gibt es eine Leseprobe (die wirklich sehr schön ist), die den Stil illustriert, das fehlt sonst leider viel zu häufig. Dann gibt es zwei Meinungen, das ist toll. So bekommt man einen viel besseren Eindruck. Weiter so!

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  4. Geister las ich fast in einem durch und war #beGEISTERt. Für mich ist der Roman von vielen unterschiedlichen Strängen durchzogen. Der tiefenpsychologische Grundton der völlig unaufgearbeiteten Mutter-Sohn-Beziehung zieht sich bis ans Ende. Dann amüsierte, ja erschreckte mich immer wieder der Kontrast zwischen den Zuständen in den 68er-Jahren und den überzeichneten Situationen mit den Figuren aus der Gegenwart.

    Hill spielt sich auch unentwegt mit der Sprache. Da gibt es ein Kapitel, das aus einem 17-Seiten-Satz besteht, dann wieder der dunstige Wortnebel eines Alzheimer-Patienten oder actionbetonte Szenen von wildgewordenen Polizisten im Grant Park.

    Ich lebte förmlich mit dem Roman mit. Mich haben die Schilderungen sehr berührt. Und dann noch die skandinavischen Geister, die ein Symbol für fehlgeleitete Wege, die Auswirkung von falschen Lebensentscheidungen sind. Hill will uns mit diesem Roman zeigen, dass es nie zu spät ist, neu anzufangen. Es gibt immer einen Weg zurück zu einem Neustart.

    Und dann diese wunderbaren Stimmungen. Hach, ich komme ins Schwärmen… Die Beschreibung der Situation wie Samuel Bethany, seine große Liebe, zum ersten Mal sieht und ihr dann eine Kassette mit einem Stück ohne Noten schenkt. Und wie er sein Geschenk auswählt. Das hat so viel unausgesprochene Deutungsebenen…

    Aber ich will nicht zu viel verraten.

    Mich hat dieser Roman voll erwischt 😉

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  5. Sehr schöne Idee mit den beiden Sichtweisen! Mit den Erzählsträngen hatte ich keine Probleme, den Roman habe ich so schnell verschlungen, dass ich mich gut an die Szenen erinnern konnte. Aber ich hätte mir, wie auch du, am Ende Untergangsszenen gewünscht. Für jede Figur ein Happy End finde ich etwas zu viel des Guten. Viele Grüße

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