Roger Willemsen: Die Enden der Welt (2010).

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LEBENSZEIT: „Ich habe meine Frist. Ich erfülle sie.“ Dies sagte Roger Willemsen in einem Interview mit der KNA vor einigen Jahren. Die Lebensreise dieses großartigen Denkers und feinsinnigen Essayisten ist zu Ende gegangen, wie heute bekannt wurde.

Willemsen, ein Reisender, der wusste: Reisen beinhaltet auch die Möglichkeit des Verlorengehens.

2013-05-19 14.57.29

„Der Reisende muss neben allen anderen Gefahren auch die Skepsis gegenüber der Anhäufung des Nutzlosen überwinden. Die Neugier findet ja immer auch dies. Vom eigenen Ich muss sie sich ab-, der Welt muss sie sich zuwenden und weiß nicht einmal, was sie finden wird. Trotzdem kann es geschehen, dass sie schließlich den Horizont erweitert.“

Roger Willemsen, „Die Enden der Welt“, S. Fischer Verlag, 2010

Zu Beginn seiner, einer faszinierenden Lesereise an die Enden der Welt, begegnet Roger Willemsen einem  achtjährigen Jungen im Krankenhaus, der an einem bösartigen Hirntumor leidet und nur noch wenige Monate zu leben hat. Ungeachtet des nahenden Endes – für das Kind besteht der Klinikalltag aus Routine, ihm ist langweilig. Und so beginnt die erzählerische Reise – indem Willemsen mit dem Jungen in Gedanken reist, indem er dann für sich selbst die Welt durchmisst, die das Kind wahrscheinlich nie mehr sehen wird. Und zeigt: Die mächtigste Grenze ist der Tod. Aber auch aus anderen Gründen stößt man mitunter beim Reisen an „Die Enden der Welt“.

„Wenn Menschen eine Aura haben, warum sollten Städte keine haben? Eine Anmutung zumindest, manchmal Verheißung, manchmal Einschüchterung. Im Namen fasst sich der Nimbus einer Stadt zusammen: Kinshasa. Angereichert von Zeitungsfotos und Reportagefetzen der jüngeren Zeit, Begegnungen mit Menschen von dort, die zum Namen der fernen Heimat einen Gesichtsausdruck annehmen, schmerzlich, betrübt, entsagend, fatalistisch, voller Ärger, mit sich ringend.

Kinshasas Aura ist eine dunkle, in der die Kolonial- und die Militärfarben das Spektrum bestimmen. Auch Kinshasa stand einmal für Schlaghosen, für den „Rumble in the Jungle“, für „Soukous“, den „Rumba-Rock“. (…) Doch hat der jüngste Krieg auch diese Bilder fast getilgt und die seinen darüber gelegt, die verborgener Leichen in Straßengräben, die marodierenden Banden in den Außenbezirken, die der Plünderungen, Vergewaltigungen, Verstümmelungen und Morde, die der Entfesselung von Gewalt, die des blutigen Sturms auf die Hauptstadt an dessen Ende ein Gewaltherrscher namens Kabila die Regentschaft übernahm.“

Reisen an die Enden der Welt. Das sind nicht nur die Orte, an denen die Welt scheinbar ins Meer fällt. Oder Orte, an denen der Hund begraben ist. Es sind auch die Landschaften, in denen der Mensch untergeht vor ihrer Naturgewalt. Oder ein Menschleben – so im Kongo – schlicht und einfach nicht viel Wert hat. Willemsen hat in diesem ungewöhnlichen Reisebuch die Erfahrungen aus drei Jahrzehnten versammelt – Erfahrungen, so scheint es, die mehr sind als aus nur einem Menschenleben.

Wo Sonne ist, ist auch Schatten

22 Stationen auf fünf Erdteilen besucht, ja seziert beinahe auf literarische Weise Roger Willemsen in diesem Expeditionsbericht, der jedoch nicht geschrieben wurde, um auch noch den letzten Winkel des Globus auszuleuchten. Die dunklen Ecken bleiben dunkel, denn, so wird deutlich: Die Welt, das ist der Mensch. Und wo es Sonne gibt, wird es immer auch Schatten geben – Schatten, vom Menschen gemacht, Schatten, vom Menschen erduldet, die dunkle Aura, die auch am Licht nicht vergeht.

Willemsen ist an Orten wie Gibraltar, Hongkong, Timbuktu, Minsk, Orvieto, selbst im Himalaya und am Nordpol nicht auf der Suche nach herausragenden optischen oder sprachlichen Bildern. Ihn treibt die Neugier, selbst an diesen extremen Orten im Alltäglichen einzutauchen – wie ein Reporter, allerdings sprachlich und philosophisch über die Reportage weit hinausgehend.  Mitten im Buch deutet Willemsen an, dass das Reisen auch mit Verschwinden verbunden ist, mit der Auslöschung des Ichs – der Tod ist ein Leitmotiv, sei es bei einem zufälligen Zusammentreffen in einem Krankenhaus in Minsk, sei es als Zeugnis eines Suizids auf der Expedition an den Nordpol.

Der Auslöschung entgegen

„Statt neue Erkenntnisse über die Welttopographie einzusammeln, fährt dieser Erzähler der Auslöschung entgegen. Das Ziel heißt Ich-Verlust, nicht Selbstbestätigung, und deshalb ist das Werk als Fahrtenbuch annähernd unbrauchbar, als Roman aber fulminant“, schrieb Daniel Haas in der FAZ. „Überall spürt der Erzähler anthropologische Extreme auf, kulturelle Kuriositäten, soziale Bizarrerien. In Indien lässt er sich von Eunuchen segnen, im Kongo gerät er in die Mühlen kafkaesker Behörden, in Katmandu hat er ein Tête-à-tête mit Geistern und Scheintoten. Aber als touristisches Panorama taugen diese Texte ebenso wenig wie ein Armutsbericht der UN oder eine Doktorarbeit zum Thema ethnische Diversität.“

Als was taugen – wenn Tauglichkeit ein literarisches Kriterium wäre – diese Reiseerfahrungen dann? Auch wenn es Roger Willemsen nicht um die Bedienung des mit dem Reisen verbundenen Klischees der Selbsterfahrung durch Grenzüberschreitung geht, sondern um dessen Gegenteil – des Verschwindens, der Zurücknahme des Ichs: Eine Selbsterfahrung macht der Autor, die ich gut teilen kann. Ausgerechnet in Hongkong, im technologisiertesten, im luxoriösten aller seiner Reiseziele überkommt ihn das heulende Elend. Dort, inmitten der aufgerüsteten Zivilisation, überfällt ihn das Alleinsein. Man mag noch soviel reisen, am Ende der Welt steht man alleine da.

Hier: Roger Willemsen im Interview.

33 comments on “Roger Willemsen: Die Enden der Welt (2010).”

  1. Es ist schon viele Jahre her, da wurde Roger Willemsen in einer Weise als Vorzeige-Intellektueller „gehypt“, dass ich ihm nicht mehr zuhören mochte. Dein eindrucksvoller Beitrag weist mich darauf hin, dass es wohl höchste Zeit ist, diese Einstellung aufzugeben … Besten Dank dafür! J.

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    1. Liebe Jutta,
      ja, die andauernde Medienpräsenz kann einem manchmal so Menschen des öffentlichen Lebens verleiden…wobei man RW damit auch ein wenig Unrecht täte. Er hat sein Niveau gehalten, wie ich meine (ich lese derzeit auch sein aktuelles Buch über das Jahr im Bundestag). Und ich höre ihm gerne zu. Andere, die als Intellektuelle gehandelt werden, erweisen sich früher oder später als Vertreter einer „Philosophie light“ – so beispielsweise Herr Precht, da geht es mir so – ich kann ihn EINFACH NICHT mehr sehen. Für RW kann ich dagegen nur Fürsprache einlegen. Auch, weil er sich, wie ich jetzt wieder von einer Zeitungskollegin erfahren habe, persönlich als sehr netter und umgänglicher Mensch erweist. Auch das spricht für ihn: Keinerlei Divengehabe. Ich muss zugeben: Ich bin begeistert von ihm. BB

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      1. Liebe Birgit, also so weit wäre ich auch nicht gegangen, RW mit Herrn Precht in einen Topf zu stecken … Über das Bundestags-Buch habe ich auch schon viel Gutes gelesen und deine Begeisterung ist so ansteckend, dass mir klar wird: die Hybris war wohl ganz auf meiner Seite;-) Beste Grüße! J.

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  2. Liebe Birgit,
    RW finde ich auch toll, das Buch über das Jahr im Bundestag steht auch auf meiner Liste, ich bin gespannt, was du dazu schreiben wirst. Wenn du mal die Möglichkeit hast auf eine seiner Veranstaltungen zu gehen, mach das, ich kann es nur empfehlen. Selten habe ich so gelacht wie als er zusammen mit Dieter Hildebrandt das Buch „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort“ vorgestellt hat. Nicht nur ein guter Autor, sondern auch ein guter Entertainer (auch wenn ich das Wort nicht leiden mag)
    Liebe Grüße
    Stefanie vom ef-Team

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    1. Liebe Stefanie,
      ich habe das Vergnügen, ihn zu sehen, schon mal gehabt und kann das nur bestätigen, was Du schreibst. Ein Spitzentyp. (Und, hier ganz unter uns: Auch was fürs Auge). Leider geht das Doppelpack mit Hildebrandt ja nicht mehr – das hätte ich auch gerne erlebt!
      Wegen Bundestag: Jetzt lege ich mich ins Zeug 🙂
      Herzlichst Birgit

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      1. Liebe Birgit,
        oh ja, da hast du recht, Herrn Willemsen hört man sich nicht nur gerne an sondern schaut auch gerne zu 😉 Doppeltes Vergnügen sozusagen!

        Liebe Grüße aus Köln,
        Stefanie

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  3. Das ist spannend, liebe Birgit. Mein Verhältnis zu Roger Willemsen ist mittlerweile ziemlich getrübt. Willemsens Woche im Fernsehen habe ich geliebt, die Neugier und Zugewandtheit, mit der er dem Zuschauer seine Gesprächspartner wirklich nahe brachte, damals auch noch Willemsens typische Atemlosigkeit, die mich heute eher ermüdet. Seine Quartalsberichte zur Zeit im ZEIT-Magazin lese ich nach wie vor mit großem Vergnügen. Aber ein Buch habe ich von ihm schon lange nicht mehr beendet (und begonnen habe ich die meisten). Ich starte regelmäßig ganz begeistert, verschlinge die ersten x Seiten und sinke nach einer Weile ermattet im Lesesessel zusammen: zu verschwurbelt, selbstverliebt und – ja: geschwätzig – erscheint mir Willemsens Schreibe, die ich eben noch (und seltsamerweise auch immer wieder) individuell und elegant empfand, ab irgendeinem Punkt. Auch die Enden der Welt habe ich nicht beendet, obwohl es kaum ein Thema gibt, das mich im wörtlichen wie übertragenen Sinn mehr interessieren könnte (das Lesezeichen steckt immerhin auf Seite 161, in Patagonien war ich also noch mit ihm, auch wenn ich mich nicht mehr erinnere). Aber ich werde mich von deiner Begeisterung anstecken lassen und es noch einmal versuchen mit diesem Buch. Ein schönes Wochenende wünsche ich dir!

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    1. Liebe Maren,
      es würde mich freuen, wenn Du dem Buch nochmals eine Chance gibst 🙂
      Verschwurbelt – ja, vielleicht manchmal, aber bei den Reisen empfand ich das nicht so. Aber selbstverliebt? Finde ich jetzt weniger – v.a. weil er sich in diesem Buch ja nebst dem Reisen mit ganz elementaren Themen wie Abschiednehmen, Tod etc. auseinandersetzt. Aber auch wenn Du es nicht mehr packst mit ihm und dem Buch – es können ja nicht alle das gleiche gut finden, zumindest hast Du es ja schon (und nicht wegen einer meiner Empfehlungen einen Fehlkauf getätigt). So, ich reise jetzt übers WE noch etwas mit Paul Bowles…- die nächste Besprechung naht. Liebe Grüße und auch Dir gute Tage, Birgit

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  4. Liebe Birgit,
    ich hab mich sehr über Deinen Artikel zu Roger W. und sein Buch gefreut. Ich mag die Arbeiten von RW sehr – übrigens auch seine Moderationen. Ich finde, er ist einer der intelligentesten und klischeefreiesten Autoren und Moderatoren in unserer Medien- und Kulturlandschaft, dabei relativ frei von den sonst üblichen Redundanzen. Das ist immer wieder erstaunlich, weil er schon so lange auf die unterschiedlichsten Arten präsent ist, aber ich glaube, das liegt an einer grossen Offenheit und Freiheit im Denken, die dem Mann zu eigen ist. Das Buch ist jetzt jedenfalls auf meiner Liste.
    Liebe Grüsse, Kai

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    1. Lieber Kai,
      da stimme ich Dir voll zu – aber (siehe die weiteren Kommentare) offensichtlich ist er vielleicht zu präsent in den Medien? mir jedenfalls kann er nicht zu oft erscheinen – einer der „Lichtgestalten“ im TV und der Medienlandschaft, eine der wenigen klugen, reflektierten Ausnahmepersönlichkeiten.
      Bin gespannt, wie Dir das Buch gefällt. Aufgrund Deiner derzeitigen Situation denke ich, es spricht auch einige Themen an, die Dich beschäftigen – soweit ich das von meinem Eindruck Deines Blogs behaupten darf/kann. Liebe Grüße, Birgit

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      1. Ich bin ganz deiner Meinung – mir kann er nicht genug erscheinen. Sobald er den Mund aufmacht, klebe ich ihm förmlich an den Lippen. Er ist für mich einer der ganz Großen in dieser „elitären Medienlandschaft“.

        Lg Petra

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  5. ich habe das buch schon sooo oft in Händen gehalten und wieder weggelegt; derweil mag ich Roger Willemsen total gerne.

    Ich danke dir daher, dass du das Buch aufgenommen hast, es zeigt mir wieder, dass ich es auch tun sollte.

    Lg Petra

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  6. Danke für den Bericht! Was ich beim Lesen dachte, wurde bereits geschrieben. Auch ich hatte mich durch seine mediale Omnipräsenz nicht weiter mit ihm beschäftigt. Dein Artikel zeigt, dass ich das nachholen könnte 😉 Danke dafür!

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    1. Ja, schade, dass viele sich von der medialen Präsenz abschrecken liessen – wobei die in den letzten Jahren schon deutlich gemildert war, da gibt es viel, viel Dümmere, die viel, viel öfter zu sehen sind 🙂 Ich würde mich freuen, wenn nun viele anfangen, ihn (wieder) zu er-lesen: Er hatte Gescheites zu sagen.

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  7. Ich habe den RW ja nur am Rande als weichgespülten Talkmaster erlebt. Jetzt gibst du mir von Ihm Sätze wie: “Der Reisende muss neben allen anderen Gefahren auch die Skepsis gegenüber der Anhäufung des Nutzlosen überwinden.“ und dazu ein Bild von einem zugewachsenen Bahnareal. Und schon sitze ich auf im Zug, nach Osten, und vielleicht auch sein Buch auf dem Schoß.. Danke

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    1. Als weichgespült empfand ich ihn nicht – es war, bis er sich aus dem Fernsehgeschäft zurückzog – nur manchmal „zuviel“. Den Satz aus der Süddeutschen heute finde ich gültig: „Er war ein besonders rares Phänomen: Das Fernsehen hat ihn nicht dümmer gemacht und nicht einmal milder.“
      Dies zeigte sich insbesondere bei seinen Interviews zum oben angesprochenen Bundestags-Buch. Ich kann nur empfehlen, nicht nur den „Medienmenschen“ Willemsen in den Blick zu nehmen, sondern vor allem den Buchmenschen. Und den Mit-Menschen: Ein kluger, feiner Mann und davon gibt es leider nicht allzu viele.

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  8. ‚…oede isses, wüst isses, unbehauste Menschen leben da weit von einander entfernt…‘ Auf die Interviewfrage: Woran erkennt man ein Weltende. Herrlich! Und klingt ein wenig wie die Apokalypse schlichthin.
    Danke für den Beitrag (schreib ich sitzend im Norwegerpulli 😉 )

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  9. Hallo,
    ich habe genau dieses Buch einmal bei einer Liaison mit einem Mann begonnen. Immer wenn ich bei ihm zu Besuch war und er sich gerade um etwas anderes kümmern musste, habe ich Die Enden der Welt aufgeschlagen und darin weitergelesen. Es war eine schöne Zeit, leider hatte sie damals nicht gereicht, um das Buch zu beenden. Dein Artikel hat mich daran erinnert, dass ich das seit dem Ende der Liebschaft nachholen wollte.
    Viele Grüße,
    Janine

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