Von reisefreudigen Briten und einige Sätze in eigener Sache

2012-08-02 17.23.10

„Ich könnte sagen, daß mich keine menschliche Begegnung wirklich überrascht, wäre da nicht diese eine Sorte von Mensch, auf die ich fortgesetzt stoße und die in mir jedesmal ein belustigtes Staunen auslöst. Ich meine die alte Engländerin, die meistens mit entsprechenden Mitteln allein lebt und überall in der ganzen Welt zu finden ist, selbst an Orten, wo man sie am wenigsten vermutet. Man wundert sich schon kaum mehr, wenn man hört, daß in der Villa auf dem Hügel am Rande einer kleinen italienischen Stadt eine Engländerin wohnt, die einzige, die es weit und breit gibt, und wenn einem eine einsame Hazienda in Andalusien gezeigt wird, muß man beinahe darauf gefasst sein, daß dort seit vielen Jahren eine alte Engländerin lebt. Mehr ist man schon überrascht zu erfahren, daß die einzige weiße Person in einer gottverlassenen Stadt mitten im ländlichen China kein Missionar, sondern eine Engländerin ist und da für sich lebt, keiner weiß, weshalb.“

W. Somerset Maugham, aus der Erzählung „Die alte Engländerin“.

Es sind jedoch nicht nur die alten Engländerinnen, die an jeder Ecke des Globus auf einen lauern – auch deren männliches Pendant ist weit verbreitet. Eine Reise ohne Anekdoten von Zusammentreffen mit Engländern kann eigentlich nicht wahrhaft als Reise bezeichnet werden. Gleichwohl an welche Ecke der Welt es einen verschlägt, man kann sich sicher sein: Ein Angehöriger des Vereinigten Königreiches war bereits da, ist immer noch da oder wird gleich kommen. Als ob ihnen die eigene Insel immer wieder zu eng wird, zählen sie mit Sicherheit zu den reiselustigsten Völkern.
Unter Elizabeth I. & Co. eroberten sie die Welt noch mit ihrer Flotte, unter der heutigen Lizzie mit ihren Badelaken. Und nicht von ungefähr machte der Franzose Jule Vernes in seinem Klassiker „In 80 Tagen um die Welt“ einen britischen Gentleman, Phileas Fogg, zur Hauptfigur.
Mag man den „Playa del Ingles“ jedoch innerlich verfluchen und vermeiden, die Reisefreudigkeit der Briten hat auch ihre guten Seiten: Nicht nur die englische Küche, auch die englische Literatur wurde dadurch unendlich bereichert. Im literarischen Trio stelle ich heute drei Beispiele solcher reisender und schreibender Briten vor – drei Männer, drei Generationen, und doch durch eine literarische Tradition und freundschaftliche Bande miteinander verknüpft. Und zwischendrin schmuggle ich noch eine Information in eigener Sache rein, über die ich mich freue wie über jedes Treffen mit einem Reise-Briten…

William Somerset Maugham:
„Was kann einer von England wissen, der nur England kennt?“, diese Frage lässt William Somerset Maugham in einer seiner Erzählungen fallen. Maugham (1874-1965) selbst war ein Kosmopolit, wie er im Buche steht: Geboren als Sohn eines englischen Anwalts in Paris, studierte er später in Heidelberg, dann in London. Als Mitglied des MI5 kam er im Ersten Weltkrieg durch ganz Europa und die USA, aber auch als Zivilist unternahm er immer wieder ausgedehnte Reisen, unter anderem in die Südsee. Maugham, der als Kind zunächst nur französisch sprach und nach dem frühen Tod seiner Eltern erst im Alter von zehn Jahren zu Verwandten nach England kam, starb letztendlich in seiner wahren Heimat – an der französischen Riviera.

Unter den zahlreichen Erzählungen, die er neben seinen Romanen (zu denen mit „Der Menschen Hörigkeit“ einer meiner Favoriten zählt) schrieb, dominieren jene, die in die weite Welt entführen. Allerdings: Ein Zuckerschlecken, so scheint es, ist der Aufenthalt in tropischer Hitze oder der Südsee-Sonne für die meisten seiner Protagonisten nicht. Da sieden die Leidenschaft, da kocht das Blut. Mord, Mesalliancen und Malaria strecken reihenweise Ladies&Gentlemen nieder, es wird geliebt, gelitten, gestritten, gemeuchelt, gemordet und dazu vor allem viel gesoffen, um der Langeweile des Kolonialalltags zu entkommen. Neben den Kolonialgeschichten dominieren das erzählerische Werk des W. S. Maugham die Erzählungen rund um den Schriftstellerspion Ashenden: Einige der schreibenden Kollegen und Nachfolger Maughams haben sich da abgeguckt, wie man wirklich schön schreibt. Denn William Somerset Maugham war nicht nur ein lakonischer, aber immer auch freundlich gestimmter Beobachter menschlicher Umtriebe, sondern daneben auch einer, der ebenso elegant wie bissig-humorvoll schreiben konnte.

William Somerset Maugham, „Gesammelte Erzählungen“, Zwei Bände in Kassette, Diogenes Verlag, ISBN 978-3-257-06490-2

Zwei Kostproben:

Aus der Erzählung „Das runde Dutzend“:
„So ist das mit dem Ruhm“, meinte er bitter. „Wochenlang war ich der Mann in England, über den am meisten gesprochen wurde. Schauen Sie mich doch an. Sie müssen meine Fotografien in den Blättern gesehen haben. Mortimer Ellis.“
„Tut mir furchtbar leid“, sagte ich und schüttelte den Kopf.
Er machte eine kleine Pause, um seiner Eröffnung Wirkung zu verleihen.
„Ich bin der berühmte Bigamist.“

Aus der Erzählung „Der schöpferische Impuls“:
„Denn es muß festgestellt werden, daß es bei Mrs. Albert Forrester ungewöhnlich gutes Essen, ausgezeichnete Weine und vorzügliche Zigarren gab. Jedem, der literarische Gastfreundschaft genossen hat, muss dies bemerkenswert erscheinen, denn literarische Menschen denken in der Regel hoch und leben einfach; ihre Seele ist mit geistigen Dingen beschäftigt, und sie bemerken nicht, daß der Braten hart ist und die Kartoffeln kalt. Das Bier mag noch angehen, aber der Wein ist eher ernüchtern, und sich an den Kaffee heranzuwagen ist nicht ratsam.“

Patrick Leigh Fermor:
Wie William Sommerset Maugham war auch Patrick Leigh Fermor (1915-2011) ein Reisender, ein Schreibender und ein Spion – er arbeitete für den SOE (Special Operation Executive). In Griechenland gilt er bis heute noch als Held – Fermor organisierte aus dem Untergrund heraus den Widerstand gegen die Nazis und war 1944 wesentlich beteiligt an der Entführung des dortigen Befehlshabers Heinrich Kreile nach England.

Fermor, Sohn eines Geologen, reiste schon früh durch die Welt – auch ihm war die Wanderlust in die Wiege gelegt worden. Die Wanderlust pflegte er im buchstäblichen Sinne: Sein Hauptwerk sind jene drei Bücher, in denen er seine Fußwanderung nach Konstantinopel festhält. Die Reisebücher, allesamt erst lange nach der Wanderung geschrieben und erschienen, sind nicht nur für Wandervögel ein Genuss. Bereichert durch das immense politische und kulturelle Wissen des Schriftstellers sind sie wahrhaftige Literaturreisen, auf die man gerne mitgenommen wird.

Unter diesen Perlen ragt der einzige Roman, den der Autor, Spion im Dienste Ihrer Majestät, der 2004 geadelt wurde, wie ein kleines schillerndes literarisches Juwel hervor. „Die Violinen von Saint-Jacques“ (das englische Original erschien 1953) erzählt vom Untergang einer Antilleninsel Ende des 19. Jahrhunderts. Vom Vulkanausbruch, der eine französische Kolonialgemeinschaft mit sich reißt, berichtet Jahrzehnte später die einzig Überlebende. Ihren jungen Zuhörer entführt sie ebenso wie die Leser dieses Romans zu einem sprachlich opulenten Ausflug in eine buchstäblich versunkene Welt. Patrick Leigh Fermor schwelgt in Dekor und Details im Stil eines Oscar Wilde. Französische Eleganz, karibische Exotik, Liebe, Leidenschaft und Lavahitze: Eine kleine Geschichte (190 Seiten), ganz nah am Kitsch im positiven Sinne, die einen mit ihrer Anmut vollständig aus dem Alltag entreißen kann.

Patrick Leigh Fermor, „Die Violinen von Saint-Jacques“, Neuauflage 2013, Dörlemann Verlag, ISBN 9783908777977.

Bücher 002

Für mich als Bloggerin eine wunderschöne Sache – das Bücher Magazin (www.buecher-magazin.de) veröffentlichte meine Besprechung des Romans in seiner aktuellen Ausgabe. Die Anfrage, eine Rezension über ein Buch meiner Wahl zu schreiben, löste bei mir bereits helle Freude aus. Damit jedoch nicht genug – vorgestellt wird in einem eigenen Beitrag von der Redaktion auch der Literaturblog Sätze&Schätze. Ich fühle mich richtig gebuchpinselt!

Bruce Chatwin:
Am 18. Januar 2013 jährt sich sein viel zu früher Tod zum 25. Mal. Chatwin blieb wenig Zeit zu schreiben: Der 1940 in Sheffield geborene Schriftsteller starb bereits 1989 in Nizza. Mit 18 Jahren begann Chatwin als Botenjunge bei „Sotheby`s“ – und war wenige Jahre später dort verantwortlich für die Abteilung für impressionistische Kunst. Dort wie später bei seiner Stelle bei der Sunday Times hielt es ihn jedoch nicht lange. Ihn zog es auf Reisen und zum Schreiben: Sein Vorbild war Patrick Leigh Fermor, zu dem ihn eine enge Freundschaft verband. Chatwins Asche wurde neben einer kleinen Kirche auf der griechischen Halbinsel Peloponnes, wo Patrick Leigh Fermor lebte, beigesetzt.

Titel seines ersten Buches war „In Patagonien“, wo er sich nach der Kündigung bei der Sunday Times aufhielt, eine Besprechung seines bekanntesten Buches, „Traumpfade“, findet sich auf dem Blog unter diesem Link:
https://saetzeundschaetze.com/2013/11/23/bruce-chatwin-traumwandlerisch-schreiben-vom-reisen-und-der-ruhelosigkeit/

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Das Literaturblog Sätze&Schätze gibt es seit 2013. Gegründet aus dem Impuls heraus, über Literatur und Bücher zu schreiben und mit anderen zu diskutieren.

34 thoughts on “Von reisefreudigen Briten und einige Sätze in eigener Sache

  1. Ein wunderbarer Beitrag! Und gleich 2 Autoren, zu denen ich bisher einfach keinen Zugang hatte, Maugham und Fermor. Das hat sich jetzt geändert 🙂
    Und meinen Glückwunsch zu deiner Blogwürdigung, die ist absolut verdient.
    Liebe Grüße Petra

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    1. Liebe Petra,
      herzlichen Dank…ich hoffe, Du findest beim Lesen den Zugang bestätigt…die Erzählungen von Maugham kann ich als Einstieg nur empfehlen 🙂 Und danke für deine Glückwünsche, das ist sehr nett!
      Liebe Grüße Birgit

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  2. Oh, was für ein anregender Beitrag! Man möchte gleich mitlosziehen, mit einer Prise Kultur und einem Päckchen Abenteuerlust in den Hosentaschen. Fermor kannte ich noch gar nicht. Ist ja ein Ding. Danke fürs Bekanntmachen! Somerset Maugham ist mir persönlich ein ambivalenter Autor – einer von jenen, denen gegenüber ich positiv voreingenommen bin (so herum geht es ja auch manchmal), beim Lesen aber nicht alle Erwartungen erfüllt finde. Und Chatwin ist wirklich schon satte 25 Jahre lang tot? Oh my goodness. Wie die Zeit vergeht.

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    1. Danke, gerne, bitte: -) Positive Voreingenommenheit – das ist hübsch. Naja, die Romane von ihm sind z.T. auch schwierig (den Magier mochte ich jetzt weniger), aber die Erzählungen finde ich klasse (90 Prozent davon). Tja und Chatwin: Wir werden alle mit unseren Schriftstellern älter 🙂

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      1. Ja, den Magier empfand ich als ziemlich langweilig, das einzig Spritzige daran war, dass Aleister Crowley nicht erfreut war, sich darin parodiert zu finden.
        Aber auch seine Kurzgeschichten packen mich nicht alle. Stilistisch ist er für meinen Geschmack zu trocken, zu schlicht. Gerade bei seinen Erzählungen mit „Post-Kolonial-Flair“ war ich da enttäuscht. Da hatte ich stilistisch sehr viel mehr Freude an George Orwell (Tage in Burma), Eric Ambler oder Graham Greene.

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      2. Jetzt aber 🙂 So schlicht finde ich ihn eigentlich nicht. Schwach eher bei den ganz kurzen Geschichten, die er im Auftrag für Cosmopolitan schrieb, wo er sich ja platzmäßig einschränken musste. Orwell ist zu lange her, da erinnere ich mich nicht mehr dran, Ambler d` accord, von Greene kenne ich nur ein paar Romane. Gibt es einen Band mit Erzählungen von ihm?

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      3. Ahh, ich sehe, ich habe Äpfel mit Birnen verglichen. Bei den Dreien hatte ich jetzt Romane im Kopf. Vielleicht sollte ich mal wieder einen Maugham in die Hand nehmen. Man ist ja lernwillig. Und nachdem ich über Faulkner auch schon hergezogen hatte … 😉

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      4. Das Buch kenne ich nicht (nur den Obristen und die Tänzerin, ging so…). Aber ich kanns mir denken…Chatwin war ja nicht unumstritten. Cees Nooteboom mäkelt dafür an Shakespeares Buch…so schließt sich der Kreis 🙂

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  3. Ein toller Beitrag!
    Ich gratuliere herzlich und freue mich mit Dir über die Würdigung Deines Blogs! (Nicht „umsonst“ bin ich hier gelandet! 😉 )
    So kann ich ein bisschen an Deiner Freude teilhaben!
    Liebe Grüße!

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  4. Man kann eben schlecht die Träume anderer Menschen/Kulturen kolonialisieren – die Briten als ein Beispiel für viele, die ihre Kultur überall hin mitnehmen (davon erzählt Maugham sehr schön). Und so können wir die Traumpfade vielleicht auch nur ansatzweise verstehen, wenn wir eine Vergleich zu unseren eigenen Erfahrungenziehen. Das schreibt der Herr Tischendorf ja sehr schön in diesem Beitrag, den Du gefunden hast: „In gewissen Umfang besitzen auch viele Menschen der westlichen Welt noch das Vermögen, sich wie die Ureinwohner an bestimmten Plätzen mit den Seelen der Ehemaligen auszutauschen. Ich denke dabei an die zahllosen stillen Zwiegespräche und Erinnerungen, die viele von uns an den Gräbern der Eltern oder anderer lieber Mitmenschen haben.“ Man reist ja in gewisser Weise selbst auf den Pfaden, die die eigenen Vorfahren beschritten haben (oder reißt davon aus).

    © by downunder-dago.de.

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  5. Auch von mir ein Dankeschön für den interessanten Beitrag und herzliche Glückwünsche zur Würdigung deines Blogs im Bücher-Magazin, liebe Birgit! Dem dortigen Feedback „Auf Sätze & Schätze stößt der interessierte Leser auf Literaten, die er nirgendwo sonst gefunden hätte“ kann ich mich nur anschließen. 🙂

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