Annette Pehnt: Lexikon der Angst (2013).

Den großen wie den kleinen Ängsten widmet sich die Autorin in ihrem „Lexikon der Angst“. Schreibend hält sie die Ängste fern, verscheucht die bösen Engel.

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Augsburg (166)

„Mit dem Engel hat er schon Erfahrungen gemacht, als er noch ein Kind war. Er spielte so vor sich hin, gerade mal vier oder fünf, mit dem Krempel, den seine Eltern ihm gekauft hatten, da erschien ihm ein Engel, der kein Blatt vor den Mund nahm.
Du bist, sagte der Engel mit einer erstaunlich hohen Stimme, die kaum zu seiner stattlichen äußeren Erscheinung passte, seinen wie Kupfer gegossenen Flügeln und seinen leuchtenden bodenlangen Gewand, du bist aufgerufen. (…).
Ich will, dass du von nun an den Frieden des Herrn bringst, befahl der Engel, ein Friedensstifter sollst du sein. (…).

Du wirst ja nicht mal wütend, schimpfte die Freundin, hast du gar kein Feuer in dir. Kampfgeist, schon mal gehört.
Ich kann nichts dafür, sagte er schwach, das war der Engel, aber da hörte sie schon nicht mehr zu, vier Tage später war sie ausgezogen, und beruflich ging es auch nicht bergauf, man stellte ihm im Jobcenter für die Langzeitarbeitslosen ein, die er geduldig und erfolglos betreute. So lernte er, die Engel zu fürchten.“

„Lexikon der Angst“, Annette Pehnt, 2013, Piper Verlag, 176 Seiten.

Jeder kennt sie, diese kleinen, diffusen Ängste – das Bügeleisen, das unausgeschaltet in der verlassenen Wohnung vor sich hin schmort, das Unbehagen bei einer Autobahnfahrt, das Gefühl im Magen, kurz bevor das Flugzeug abhebt. Und es gibt die großen Lebensängste: Um das eigene Kind, vor dem Tod des Partners, vor den Erscheinungen des Älterwerdens, Existenzangst.

„Angst gehört zum Menschen“, weiß auch die 1967 geborene Schriftstellerin Annette Pehnt. Doch bei manchen wird das ureigene, urmenschliche Gefühl zur Störung: „Angst essen Seele auf“. Etwa 14 Prozent der europäischen Bevölkerung leiden an einer behandlungsbedürften Angststörung, so eine Studie 2011.

Den großen wie den kleinen Ängsten widmet sich die Autorin in ihrem „Lexikon der Angst“. Ein Buchtitel, der auf den ersten Blick eher einem medizinischen Fachverlag zugeordnet scheint. Doch so, wie das Lexikalische ein Spiel bleibt, so spielerisch-virtuos geht Annette Pehnt auch mit der ganzen Skala von Angstgefühlen um, die uns Menschen umtreiben kann. Man könnte auch sagen: Schreibend hält sie die Ängste fern, verscheucht die bösen Engel.

Die Skala des Unbehagens, das sich (auch auf sprachlich) leisen Sohlen durch eines jeden Menschen Leben schleichen kann, reicht von „A“ wie „Aal“ – eine junge Frau, die Angst beim Milchtrinken empfindet, nur leise angedeutet wird ein Kindheitstrauma – von „Z“ wie „Zirpen“, das von der älteren, einsamen Frau erzählt, die vergeblich auf den Anruf ihres Sohnes wartet. Das Spiel mit der Lexikonordnung besteht also aus kleinen Kurzgeschichten, unter deren lexikalischen Angaben wie „Federschmuck“ oder „Morgenlicht“ sich Überraschendes verbirgt. Kalendergeschichten seien es auch, schrieb Ursula März in ihrer Rezension in der Zeit. Tatsächlich erinnert die klare, nüchterne Erzählweise von Annette Pehnt von ungefähr an einen anderen großen Kalendergeschichten-Erzähler: Bertolt Brecht. Dessen Geschichten von Herrn Keuner kreisen ebenso beiläufig um die „großen“ Fragen und die Alltagsthemen – hier steht Annette Pehnt in einer guten Tradition. Auf die Frage, warum sie, wie in ihren Vorgängerromanen, unter anderem „Mobbing“ und „Chronik der Nähe“, immer wieder „ungemütliche Themen“ aufgreife, antwortete sie:
„Gemütlich kann man es sich vor dem Fernseher machen. Literatur ist etwas anderes. Sie erzählt von den Rissen in unserer glänzenden Oberfläche.“

Angst sei, so sagt sie weiterhin, ein „kraftvolles Gefühl“, aus dem man erzählerisches Material schöpfen kann. Und das ist ihr mit ihrem Lexikon durchaus gelungen: Erstaunlich die Bandbreite der Ängste, Phobien, Befürchtungen, des Unbehagens, die sie hier ganz sacht aufblättert. Und dafür trotzdem kein einziges Mal in die Horrorkiste oder Klischeeschublade greifen muss – weder die cineastisch umgesetzten Ängste vor Serienmördern, Aliens und Weltuntergang sind in diesem Lexikon zu finden, noch Klaustro-, Agora- und Coulrophobie. Vielmehr handelt es sich um jene Befürchtungen, die jeden von uns treffen könnten. Ursula März in der Zeit:

„Annette Pehnt, die sich mit einer Reihe von Romanen wie Mobbing und zuletzt Chronik der Nähe aus dem Jahr 2012 als luzide Beobachterin der deutschen Gegenwartsgesellschaft und empfindsame Phänomenologin des alltagsnahen Geschehens erwies – darin dem Schriftsteller Wilhelm Genazino von fern verwandt –, begibt sich in ihrem neuen Buch auf die Spuren jener schönen, im frühen 19. Jahrhundert kultivierten, minimalistischen Prosaformen, die vom Romanehrgeiz der derzeitigen Belletristik fast verdrängt wurden: die Kurznovelle und die Kalendergeschichte. Der Gefahr, die diese Formen mit sich bringen können, die Ausdünnung im allzu putzig Skurrilen, erliegt Annette Pehnt nur an wenigen Stellen.

Keiner der Texte, die sie in diesem Lexikon der Angst zu einem losen Reigen fügt, ist länger als zwei, drei Seiten. Gerade darin aber, im Reduzierten und Beiläufigen, liegt die Pointe des Buches. Es unterläuft den wuchtigen Begriff von der Angstepoche, in der wir angeblich leben, es lässt die aktuellen und globalen Riesenängste konsequent aus. Und es überbietet den Begriff zugleich. Es zeigt, wie Ängste in die unauffälligsten Nischen des Alltagslebens einwandern, wie sie zu selbstverständlichen Begleitern werden.“

Die schönste aller dieses Geschichten ist für mich jedoch jene, die vom Zustand „vor der Angst“ erzählt: „Nichts“.

„Sie ist fünf, im besten Alter, das es gibt. Sie ist wendig, schlank wie ein Strohhalm und immer warm. Wenn sie etwas lustig findet, einen selbsterdachten Witz, den niemand sonst versteht, lacht sie hemmungslos. Ihre Augen sind klar, sie schaut jeden direkt an und zwinkert selten. Wenn man ihr ein Buch vorliest, legt sie dem Vorleser eine warme Hand auf das Bein, ohne es zu merken. Sie kann im Handumdrehen wütend werden, ein schäumender Zorn packt sie dann, und sie brüllt aus Leibeskräften, bis ihr die Haare verschwitzt in die Augen hängen, sie fegt Bücher vom Tisch oder ein volles Saftglas.“

„Sie hat vor nichts Angst, außer davor, nicht mehr fünf zu sein.“

Schön wäre es manchmal schon, man wäre noch fünf oder siebzehn und frei von den Lebenserfahrungen, die auch Angst machen können. Sie sind subsummiert unter dem letzten Lexikoneintrag „Zittern“, der auch in der erzählerischen Form eine Ausnahme bildet:

Zittern
Hungrig sein im eigenen Hause.
Stinken, ohne davon zu wissen.
Nicht mehr aufhören können zu lachen.
Das eigene Kind nicht lieben.
Sich an den Rändern auflösen.
Nichts mehr hören können.
Nichts mehr schmecken können.
Nicht mehr gehen können.
Nicht mehr singen können.
Zu viel sehen müssen.
Jemanden lieben und es niemals sagen können.
Verspeist werden.
Keinen Tanzpartner finden.
Auch beim nächsten Mal keinen Tanzpartner finden.
Ein weiches Tier zertreten.
Soldat werden müssen.
Ein Tier schlachten.
Mitten auf dem See die Ruder verlieren.
Den eigenen Bruder mit dem falschen Namen begrüßen.
Den Hund in der Tür zerquetschen.
Schweigend beim Essen sitzen.
Streitend beim Essen sitzen.
Gar nicht beim Essen sitzen.
Im Restaurant deutlich hörbar furzen müssen.
Einen Körperteil abgetrennt bekommen.
Sich beim Verwelken zusehen.
Dem eigenen Kind beim Verwelken zusehen.
Schokolade essen und Braten schmecken, Braten essen und Schokolade schmecken.
Am hellichten Tag die Augen öffnen und nichts sehen.
Zittern, einfach so.

PS: Wer Ängste kennt und nachfühlen kann, der beschäftigt sich wahrscheinlich auch mit Fragen des Schicksals, der Sterne. Jedenfalls hat Annette Pehnt die Texte zu einem wunderbaren „Sternzeichen“-Buch geschrieben, an dem auch Bloggerin Susanne Haun mitgewirkt hat. Sowohl von Bild und Wort her ein ganz besonderes Schmuckstück. Mehr darüber zu lesen gibt es hier: http://faszinationsternzeichen.wordpress.com/


Weitere Bücher von Annette Pehnt:

„Briefe an Charley“ (2015).

13312799_2049436481947559_396687848059136305_nEine Frau schreibt an den ehemaligen Geliebten, der sie vor Jahren verließ: Ein trauriges, trotziges, kluges Buch. Zudem eine Referenz an das Schreiben an sich. Schreibend sich der Vergangenheit versichern, Geschehnisse deuten, umdeuten, in der Schrift die Wirklichkeit überwinden, zurechtrücken. Emotionen verarbeiten. Annette Pehnt sagte zu ihrem „Briefroman“ in einem Interview: „Und deswegen ist es eigentlich auch ein Fest der Sprache und des Schreibens. Im Laufe des Buches gibt es eine Art Entwicklung. Sie löst sich zunehmend von diesem Charley. Irgendwann ist es fast schon egal, was jetzt mit dem war und was da gewesen sein könnte. Irgendwann geht es nur noch ums Schreiben. Und dann geht es irgendwann auch darum, damit wieder aufzuhören.“ (Quelle: Deutschlandradio Kultur)

Zugleich ist das Buch auch eine Verneigung vor der Lyrikerin Mayröcker. Empfehlenswert.
Zur Homepage der Autorin: http://www.annette-pehnt.de/

24 comments on “Annette Pehnt: Lexikon der Angst (2013).”

  1. Liebe Birgit! Ein sehr sensibler Beitrag über ein nicht minder sensibles Thema.Danke dafür. Ich finde es beindruckend Ängste beim Namen zu nennen .Das führt wohl am ehesten dazu,dass man sich ihnen stellen kann und bedeutet einen ersten Schritt in Richtung Genesung. Von Anette Pehnt habe ich noch ungelesen „Chronik der Nähe“ bei mir liegen und glaube das ist ein harter Brocken,oder?
    Meine Angst heute, im Wartezimmer der Arztpraxis : Alle anderen Wartenden könnten mein lautes Magenknurren hören! 🙂 Da bin ich doch ganz gut weggekommen bisher. 🙂
    Liebe Grüße Petra

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    1. Liebe Petra,
      die einfachen Themen greift sie nicht auf, die Annette Pehnt. Aber es lohnt sich sehr, sie zu lesen. In einem Interview sprach sie darüber, dass sie selber ein sehr „angstvoller“ Mensch sein. Z.B. Autofahren – das sei eine geradezu körperlich sich auswirkende Angst. Aber, sie sagt auch, wie Du schreibst: Darüber zu sprechen und in ihrem Fall zu schreiben, hilft und heilt. Ich hoffe, mit Deinem Bein wird es bald besser. Ich glaube, mir droht auch ein Miniskus. Bäh. Da werde ich dann aus lauter Unbeweglichkeit den Blog vollschreiben, zur Strafe 🙂 Bis denne, liebe Grüße an Päddra-mit-Stimme 🙂

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  2. Das hört sich spannend an, sehr schöne Vorstellung!
    Nur am Rande: Deine Produktivität während der letzten Tage vermittelt den Eindruck, als habe der Miniskus bereits voll zugeschlagen. Komme schon mit dem Lesen der Blog-Beiträge kaum noch hinterher. 😉 Auf jeden Fall: Gute Besserung und liebe Grüße!!!

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  3. Es ist ein besonderes Buch, Birgit, das finde ich auch. Natürlich steht es auch in meinem Regal. Danke für die Erwähnung unseres Sternzeichenbuchs. Ich mag die Geschichten von Annette zu den einzelnen Sternzeichenbilder auch sehr.
    Einen schönen Tag wünscht dir Susanne

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  4. Liebe Birgit, jetzt frage ich mich natürlich, ob ich mich der Angst stellen und über all diese Ängste lesen will? Ansonsten klingt das Buch schon verlockend. Seit ES kann ich Clowns übrigens auch nichts mehr abgewinnen. Seitdem weiss ich auch, dass ich für dieses Film- und Buchgenre zu ängstlich bin. Liebe Grüsse und auch von mir gute Besserung, Peggy

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    1. Liebe Peggy,
      ich finde vor allem die Form reizvoll sowie die Tatsache, dass die Autorin ein Thema formal variiert und damit spielt – ich finde es sehr gelungen. Übrigens: Ich bin nicht krank – der Beitrag stammt aus dem Archiv, ich habe ihn allerdings aktualisiert um den Briefroman, den ich inzwischen gelesen habe und aus „dem Keller“ geholt. Dennoch danke für Deine netten Besserungswünsche – ich schreibe die präventiv auf mein Erkältungskonto. Liebe Grüße, Birgit

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  5. Wie bin ich heute hier gelandet? ich weiß es kaum noch, von link zu link … ach ja, das Brecht-Gedicht von der Unzulänglichkeit führte mich hierher. Ich fand es nicht, dafür aber ein „Lexikon der Angst“ – sehr passend für mich, denn ich arbeite grad an einem „griechischen Alphabet des freien Denkens“ und taste mich vorwärts von A nach Ω. Vielen Dank für all die Anregungen und Liebe Grüße Gerda

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