Hella S. Haasse: Der schwarze See (1948)

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Jakarta in den 1920ern.

 Bildquelle: By Tropenmuseum, part of the National Museum of World Cultures, CC BY-SA 3.0

„Ich wollte nichts anderes, als einen Bericht über unsere gemeinsam verbrachte Jugend schreiben. Ich wollte das Bild dieser Jahre festhalten, die nun so spurlos vergangen sind, als wären sie nicht mehr gewesen als Rauch im Wind. Kebon Djati ist Erinnerung, auch das Internat und Lida; Abdullah und ich gehen schweigend aneinander vorüber, und Urug werde ich nie wiedersehen. Es ist überflüssig, einzugestehen, dass ich ihn nie verstanden habe. Ich kannte ihn, so wie ich den Telaga Hideung kannte – eine spiegelnde Oberfläche. Die Tiefe lotete ich nie aus. Ist es zu spät? Bin ich endgültig ein Fremder in dem Land, wo ich geboren bin, auf dem Boden, aus dem ich nicht umgepflanzt werden will? Die Zeit wird es lehren.“

Hella S. Haasse, „Der Schwarze See“, Lilienfeld Verlag, 2016

In der Reihe „Lilienfeldiana“ des Düsseldorfer Verlages gibt es immer wieder schöne, anspruchsvolle Entdeckungen zu machen. So der schmale Debütroman von Hella S. Haasse (1918 – 2011) der 1948 in den Niederlanden erschien. Die in den Niederlanden mit allen wichtigen Literaturpreisen ausgezeichnete Autorin schildert in ihrem Debüt eine Welt, die sie selbst aus eigener Erfahrung sehr gut kannte; wurde sie doch als Tochter eines Kolonialbeamten in Jakarta geboren und verbrachte ihre Kindheit und Jugend im stetigen Wechsel zwischen den Niederlanden und dessen Kolonien.

„Urug war mein Freund“: Mit diesen einfachen Worten beginnt der Roman, der die – deutlich einseitige – Freundschaft zweier Jungen irgendwo im heutigen Indonesien beschreibt. Der Sohn eines Niederländers schließt sich Urug, einem Jungen aus dem Dorf an: Er aus Einsamkeit (und Zuneigung), die Motive Urugs bleiben ungewiss. Die Erzählung setzt kurz vor dem Ersten Weltkrieg ein, Indonesien hat da bereits über drei Jahrhunderte Fremdherrschaft und Kolonialisierung hinter sich.

Gregor Seferens, der unter anderem Harry Mulisch, Anna Enquist und Maarten `t Hart übersetzt, skizziert in seinem Nachwort die Geschichte der niederländischen Kolonien:

„Nach den Jahrhunderten der Ausbeutung empfanden sich die Niederlande nun mehr als Partner und Freunde, deren Aufgabe es war, den Eingeborenen dabei zu helfen, auf eine höhere zivilisatorische, westlich geprägte Ebene zu gelangen, und sie dazu zu befähigen, möglicherweise irgendwann sogar einmal unabhängig zu werden. Doch während sich die Weißen mit ihrem nun durch Humanität kaschierten Überlegenheitsgefühl auf der richtigen Seite wähnten, wuchs bei der indigenen Bevölkerung das Bewusstsein für das Unrecht, das sie auch in der Gegenwart noch erdulden musste. In der Aussage „Urug war mein Freund“ steckt die ganze Asymmetrie des Verhältnisses zwischen den Kolonisatoren und der eingeborenen Bevölkerung.“

Denn, wie der namenslose Erzähler am Ende erkennen muss: Es hieß nicht „Urug und ich waren Freunde“. Ganz ruhig, ganz zurückgenommen, bis auf die eindrücklichen Naturschilderungen, erzählt Hella S. Haasse wie die beiden Jungen zwar noch eine gemeinsame Schulausbildung genießen, sich dann jedoch Stück für Stück voneinander entfernen. Der Einbruch des Zweiten Weltkrieges vollendet, was schon am Zerbrechen war. Als der Ich-Erzähler in das von den Japanern zerstörte Land zurückkehrt, begegnen sich die beiden jungen Männer nur noch einmal in einer angespannten, feindlichen Situation: Urug, als Mitglied einer militanten Befreiungsbewegung, kann in dem Freund seiner Kindheit nur noch einen natürlichen Feind sehen.

Ein kleiner, schmaler Roman mit großen Nachwirkungen.

20161124_144938Ich möchte auch noch auf die liebevolle Gestaltung der Reihe „Lilienfeldiana“ aufmerksam machen: Jedes Buch erscheint in Fadenheftung, mit Leineneinband und Lesebändchen, die Titel werden in Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Künstlern gestaltet. Für „Der schwarze See“ wurde das Bild „Flora“ von Anke Berßelis verwendet. Homepage der Künstlerin: www.bersselis.de

Zu den Verlagsinformationen – hier die Infos zum Buch.


Der Klassiker der niederländischen Literatur zur Kolonialgeschichte:
„Max Havelaar“ (1860) von Multatuli

20160911_074419Das Pseudonym „Multatuli“ steht für „Ich habe viel gelitten“ – Eduard Douwes Dekker (1820 – 1887) wählte es, weil auch er mit seinem Gerechtigkeitssinn immer wieder in Konflikte geriet. Der Schriftsteller begann seine Karriere zunächst als Kolonialbeamter in Niederländisch-Indien, durch sein Eintreten für die einheimische Bevölkerung musste er sich jedoch aus dem Dienst zurückziehen. Wieder in den Niederlanden zurück, schrieb Dekker mit „Max Havelaar“ diesen sozial und politisch engagierten Roman, der bis heute als eines der wichtigsten niederländischen Bücher gilt. Das Buch führte zu heftigen Debatten um die Kolonialpolitik, die sich danach schrittweise änderte. Zudem wurde Dekker auch durch seinen Umgang mit Sprache und Stil – er wechselt die Erzählperspektiven, lässt die Erzähler in ihrer eigenen Sprache sprechen, baute Umgangssprache und Slang ein, mischte Fiktion und Dokumentation – zum Vorbild.
Das Buch, das stark autobiographische Züge trägt, zeigt das Scheitern eines jungen Kolonialbeamten auf, der sich gegen die Ausbeutung der Bevölkerung auf Java stemmt. Der junge Mann scheitert und wird mit seiner Familie zur Armut verdammt. Trotz der der Geschichte innewohnenden Düsternis glänzt „Max Havelaar“ auch mit einer ordentlichen Prise Humor – namentlich dann, wenn der geizige und bigotte Kaffeehändler Droogstoppel die Erzählerstimme hat. Ein Droogstoppel, das ist bis heute in der holländischen Umgangssprache der Ausdruck für einen Philister: Solch langlebigen Einfluss hat „Max Havelaar“.

1992 wurde die Max-Havelaar-Stiftung für fairen Handel gegründet:
https://www.maxhavelaar.ch/

Veröffentlicht von

Das Literaturblog Sätze&Schätze gibt es seit 2013. Gegründet aus dem Impuls heraus, über Literatur und Bücher zu schreiben und mit anderen zu diskutieren.

7 thoughts on “Hella S. Haasse: Der schwarze See (1948)

  1. „Das ist mein Hof“ lese ich gerade mit ebenso großer Begeisterung. Ich schwankte zwischen dieser Lektüre und anderen Entdeckungen von Autoren aus Flandern und den Niederlanden. Las ich doch alle (naja ein paar) Leseproben, auch die von „Der schwarze See“ und „Eine Hand voll Sekunden“. Für den Moment war ich verzaubert. Kommt Zeit kommt Rat, hatte ich gedacht. Das in Leinen gebundene Büchlein ist wirklich wunderschön. Und dann lese ich diese informative und schöne Besprechung und denke „SCHEI…BENKLEISTER“. Hätt` ich mal zugegriffen. Aber die Uhr tickt weiter, und plötzlich hat man ganz andere Bücher auf dem Schirm. Manchmal passiert mir das!

    Liebe Grüße,
    Tanja

    Gefällt 2 Personen

      1. Das stimmt, liebe Birgit. Nein, die genannten Titel sollten nur Aufschluß darüber geben, welche niederländische und flämische Autoren ich gerade entdecke, und dass du meine Neugier auf das Buch „Der schwarze See“ wieder – wie soll ich sagen…., neu entfacht hast. Ja, genau so!

        Gefällt 1 Person

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