Alfred Polgar: Marlene. Bild einer berühmten Zeitgenossin (1938/2015).

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Bild: Michael Flötotto
Bild: Michael Flötotto

„Es war die zweite von links, die, im kritischen Augenblick, den Revolver hob und die Kanaille niederschoss. Sie schoss von einer Treppe herab, die im Hintergrund sich wendelte, sie blieb dort stehen, als die Tat getan war, und sah auf das Opfer mit einem Blick, in dem Uninteressiertheit, kindliche Neugier, Müdigkeit und Gefühl schicksalhaften Unvermögens zu verstehen (wie es aus dem Tier-Auge trauert) sich mengten.“

Das war Mitte der zwanziger Jahre in Wien, und „die Dietrich“, damals noch ein kleines Sternchen, schoss nicht nur die Kanaille ab, sondern auch einen Amor-Pfeil mitten in das Herz eines Kritikers: Alfred Polgar. Ein Liebespaar wurden sie zwar nie, aber Polgar behielt sie im Augen und den Pfeil im Herzen – davon zeugt ein Text, der fast 80 Jahre brauchte, um an die Öffentlichkeit zu gelangen:

„Marlene. Bild einer berühmten Zeitgenossin“, Alfred Polgar, entstanden 1937/1938, herausgegeben 2015 von Ulrich Weinzierl beim Zsolnay Verlag.

Insgeheim dachte ich mir das immer schon: Die Wiener Kaffeehausliteraten um Karl Kraus – Egon Friedell, Peter Altenberg, Anton Kuh, um nur einige zu nennen – saßen nicht nur im Café Central und schrieben vor sich hin, feilten an ihrem Sprachwitz und debattierten über Politik. Denn selbstverständlich ging es wohl häufig auch um ein zentrales „Stammtisch“-Thema: Frauen. So muss es gewesen sein, als Alfred Polgar erstmals die junge Schauspielerin in Wien auf der Bühne saß. Sie wurde sofort Gesprächsstoff, ein Dietrich-Club wurde gegründet, und die Herren verzückten sich in juveniler Schwärmerei.

Ein literarisches Zeugnis davon wurde von dem Feuilletonisten Ulrich Weinzierl – gemeinsam bereits mit Marcel Reich-Ranicki Herausgeber der Werke von Alfred Polgar – wiederentdeckt: Die Auftragsarbeit „Marlene. Bild einer berühmten Zeitgenossin“. Das Portrait der Dietrich, das der ganz offensichtlich entflammte Polgar zwischen 1937 und 1938 verfasst hatte, wurde von Weinzierl Jahrzehnte später erst entdeckt und erschien nun, 2015, erstmals beim Zsolnay Verlag.

Was soll man über Polgars Text heute sagen? Ähnlich wie Peter Altenberg war er ein Meister der Prosaskizze, ähnlich wie Karl Kraus ein Sprachkünstler, ähnlich wie Joseph Roth ein begnadeter Feuilletonist, der über Kultur und Politik weitsichtig, scharfzüngig und offenherzig schrieb. Wer Alfred Polgar in seiner Tiefe und Bandbreite kennenlernen will, der greife besser zu den „Kleinen Schriften“, als rororo-Taschenbücher erschienen. Denn der Marlene-Text hat zwei Haken: Er ist eine „Auftragsarbeit“ und es fehlt die Distanz zum „Objekt“. Er war halt von Kopf bis Fuß auf Marlene eingestellt:

„Vor allem die Beine, die berühmt hohen, hoch berühmten Beine Marlenes, die seit dem „Blauen Engel“ rechtens Weltpopularität genießen. Es sind Beine, die dem modernen ästhetischen Anspruch an solche vollkommen gerecht werden. Elegante Beine, schlank und fest, überzeugend parallel, sehr zart in der Linie, die über die Kuppe des Knies in kaum merklicher, sanfter Rundung hinüberzieht…(…)“

Immer schön, wenn Beine parallel stehen – da weiß man nicht, ist dies schon Ironie oder immer noch Überschwänglichkeit. Der andere, reflektiertere Polgar kommt bei solchen Zeilen durch:

„Marlene liebt ein zurückgezogenes, stilles Leben im engsten Kreise. Natürlich ist Luxus nichts, woran sie litte; aber Überfluss zu entbehren bedeutet ihr keine Entbehrung. Nun gilt ja gewiss, dass die bescheidene Lebensform für den, der zu ihr nicht genötigt ist, einen anderen Akzent hat als für den, der sich in sie fügen muss; den kleinen Verhältnissen fehlt das Bittere, wenn die großen nur beurlaubt sind und jederzeit einrückend gemacht werden können.“

Solche Sätze entschädigen für jeden stilistischen Beinbruch.

Alfred Polgar, in Wien und Berlin der 1920er Jahre einer der bekanntesten Essayisten seiner Zeit, musste als Linksliberaler und Jude ab 1933 um sein Leben fürchten. Zunächst hatte er sich vor den Nazis aus Berlin zurück in die Wiener Heimat gerettet, auch dort war jedoch für ihn und seine Frau nach dem „Anschluss“ kein Bleiben mehr. Die Schweiz, Südfrankreich, Spanien, waren die ersten Stationen der Flucht, bis das Ehepaar 1940 in die USA emigrieren konnte.

Martin Meyer schreibt in der Neuen Zürcher Zeitung:

„In diesen Jahren entstand – auch im Sinne einer Kompensation verlorener Schreibgründe – das Projekt eines Essays über Marlene Dietrich für den Wiener Verlag von Wilhelm Frick. Marlene und ihr Mann hatten zugestimmt, ein Vertrag wurde unterschrieben, die Arbeit konnte beginnen. Aber wie? Polgar kramte in seinen Erinnerungen, entwarf ein Schema mit Kapiteln und Motiven und wurde von Marlene zu ersten Gesprächen empfangen, als diese im Sommer 1937 mit ihrem Hofstaat am Wolfgangsee ein paar Ferienwochen genoss. Hier der Kritiker in den Nöten seiner Existenz; dort die Diva in der Überfülle der Zuwendungen. Doch man verstand sich gut, einiges Material lief zusammen, auch wenn Polgar bald darauf bekannte, dass er keine «echte Stimmung» mehr empfinde und in eine «ironische Einstellung zum Thema» hineinzurutschen drohe.“

Von dem Abgleiten in das Ironische ist im Text wenig zu spüren. Zum einen fühlte sich Polgar wohl auch der Dietrich verpflichtet, die ihm – wie anderen Emigranten auch – öfter unter die Arme griff. Zum anderen ist er zu „dicht“ dran, das „verliebt in sie war ich schon auch“ ist zu spüren, manches Mal gleitet das Buch, bei aller Eleganz der Sprache, fast schon in jungenhafte Schwärmerei ab. Die Dietrich, deren Gesicht ähnlich wie das der Garbo, in seiner Flächigkeit und Ebenmäßigkeit wie für den Film geschaffen schien, gleicht in meinen Augen beinahe einer Maske. Das Geheimnis hinter der Maske: Polgar lüftet es nicht. Zu dicht dran ist er als Betrachter. Aber das ist vielleicht auch gut so: Man will die Geheimnisse der (Film-) Göttinnen nicht wissen, man will sie nicht von ihrem Sockel des Überirdischen stürzen sehen.

Die Schattenseiten der Diva lüfteten später andere – die Tochter in einer als Buch veröffentlichten Abrechnung, diejenigen, die sich später mit „Enthüllungen“ einen kurzen Platz im Rampenlicht erhofften.

Polgars Text dagegen ist ein Dokument der freundlichen Zuneigung und in der Zeit verhaftet: Die Dietrich erlebte ab Mitte der 1930er-Jahre, was es heißt, als „Kassengift“ abgestempelt zu werden. Vielleicht sollte auch der Text, der dann aufgrund der Kriegswirren nicht erschien, ihren Glanz mitaufpolieren, der Imagepflege dienen. Sie brauchte ihn letztendlich nicht – 1939 gelang ihr mit „Der große Bluff“ das Comeback als Kassenschlager. Polgar dagegen hatte in Europa kein zuhause mehr: Wie viele Emigranten gelangte er in die USA und verdingte sich einige Zeit in den Schreibstuben der Traumfabrik.

So ist dieses Portrait, das Bild einer berühmten Zeitgenossin, eher etwas für ausgesprochene Marlene-Fans, oder für Leser, die sich einfach am Sprachstil Polgars erfreuen möchten. Noch einmal dazu Martin Meyer:

„Im Untertitel zu «Marlene» heisst es: «Bild einer berühmten Zeitgenossin». Ein solches Bild, ganz aus dem Geist der Epoche gezogen, interessierte heute nur noch beschränkt. Was der Essay wirklich leistet, liegt nun ganz im Jenseits der Historien – nämlich in der Art und Weise, wie Polgar die Porträtierte zu einem «Text» erhebt. Es ist seine Prosa, immerfort neugierig nervös nach Wort, Satz und Rhythmus suchend, die die Hauptrolle übernimmt und deren Charme wir erliegen, derweil uns längst egal sein darf, welches Wesen Marlene denn tatsächlich war – oder gewesen sein könnte.“

Knapp die Hälfte des 160 Seiten umfassenden Buches nehmen das Nachwort von Weinzierl und die editorischen Anmerkungen ein. Weinzierls Ausführungen sind eine Anschaffung des Buches wert: Kenntnisreich vollzieht er die Lebenswege der beiden Protagonisten – Polgar und Dietrich – nach, schöpft aus dem Vollen seiner literaturwissenschaftlichen Kenntnisse, spannt knapp und gut lesbar einen Bogen von Wien über Berlin nach Hollywood. Weinzierls Text ist eine Freude sowohl für Polgar-Kenner als auch für Filmfans.

Über seine Zeit in Hollywood schrieb Polgar 1942 in dem Artikel „Leben am Pazifik“ (Quelle: „Musterung, Kleine Schriften, Band 1“, rororo, Ausgabe 2004):

„Die Emigrantengespräche am Pazifik, zumal in Hollywood, wenden sich, nachdem das über globalen Krieg und globales Elend sachlich zu Sagende gesagt und die angehäuften persönlichen Bitterkeiten ausgeschüttet sind, gern dem Film zu. Sie verweilen dort längere Zeit und werden mit sonderbarer Erbitterung geführt. Die Urteile über pictures gehen weit auseinander und sind von unbedingter Entschiedenheit und abschließender Radikalität. Zwischen „begeistert“ und „angewidert“ gibt es da kaum eine mittlere Meinung. Was „begeistert“ anlangt, ist nun allerdings zu erwähnen, daß in picture-Sachen „begeistert“ ein Hollywooder Mindestausdruck der Bejahung ist. Hat z. B. jemand das getan, was am Pazifik weit verbreiteter Brauch ist, nämlich eine Filmstory verfaßt, so sind von ihr zuversichtlich alle – Familie, Freunde, Agenten und sämtliche Instanzen der Studios – begeistert; und nicht begeistert ist am Ende nur der Verfasser, mit dessen jedermann begeisternder Geschichte niemand etwas anzufangen wußte.“

12 comments on “Alfred Polgar: Marlene. Bild einer berühmten Zeitgenossin (1938/2015).”

    1. Wenn Du es willst, kann ich Dir es schicken – ich selbst habs bei einer Buchverlosung gewonnen (bin aber mehr Polgar als Marlene-Fan). Dann schreib mir einfach per Email. Zum Buch jedoch: Es ist ja keine Biografie in dem Sinne, da sie nur bis 1938 reicht – mehr eine Hymne.

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  1. „…den kleinen Verhältnissen fehlt das Bittere, wenn die großen nur beurlaubt sind…“: Diesen Satz notiere ich mir und dazu die „Kleinen Schriften“ als deinen Lesetipp. Danke für die wunderbare Besprechung, Birgit. Ich bin immer wieder begeistert von den literarischen und zeitgeschichtlichen Bezügen, die du herstellst.

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    1. Liebe Maren,
      das freut mich! Und ich bewege mich gerade lesend wieder etwas in der Kaffeehausliteratur…eine untergegangene, zerstörte Welt. Empfehlen kann ich dazu auch die Tante Jolesch von Friedrich Torberg…da wird diese ganze „Szene“ der Zwischenkriegszeit, die Bohemiens und Café-Philosophen, meist mit jüdischem Mutterwitz ausgestattet, wunderbar lebendig.

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      1. Ich freue mich schon auf die Kaffeehaus-Schätze, die du uns präsentieren wirst. Die Tante Jolesch kenne ich – ach, ist das lange her… Da setz ich mich doch gleich mal mit einem Käffchen in den Schatten und schwelge einen Augenblick in Erinnerungen…

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  2. Ich hab das Buch bei der „Hanser-Verlosung“ ebenfalls gewonnen und nach einigen Wochen und zwei Nachfragen auch bekommen. Jetzt stehts auf meiner Leseliste und die vielen anderen Bücher, die schon darauf stehen hindern mich, es allzubald zu lesen.
    Vielleicht sollte ich mich also, was den deutschen Buchpreis betrifft, doch begnügen, das was ich schon habe, aufzulesen und was den Polgar und die Marlene betrifft:
    Ich komme aus Wien und da gab es auch den Friedrich Torberg, ich weiß nicht, ob er mit seiner „Tante Jolesch“ hier bekannt ist, der mußte in der NS-Zeit in die USA emigirieren, hat dort die Dietrich kennengelernt und einen sehr langen Briefwechsel mit ihr geführt, daraus ist ein Buch entstanden, das vor einigen Jahren in der Wien-Bibliothek vorgestellt wurde.
    Derzeit lese ich übrigens zwei älteren dBp Listenbüchern abwechselnd, Marlene Streeruwitz „Nachkommen“ und Olga Martynova „Sogar Papageien überleben uns“, die Bachmannpreisträgerin von 2012 war und in den heurigen werde ich mich demnächst hineinhören.
    Olga Martynova ist auch eine ausgezeichnete Lyrikerin.
    „Tschwirik und Tschwirika“, in Wien bei der „Poliversale“ vorgestellt, gabs im Winter, um einen oder zwei Euro in der Buchhandlung, durch die ich immer gehe, wenn ich das „literarische Quartier der Alten Schmiede“ will.
    Es ist also nicht sehr leicht, das alles, was geschrieben wurde, aufzulesen, ich versuche es trotzdem und freue mich schon auf das Polgar-Buch!

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    1. Torberg ist bekannt, die Tante Jolesch lese ich soeben wieder, der Schüler Gerber war vor einigen Monaten meine Lektüre. Kannst DU mir eine konkrete Buchempfehlung mit Texten von Anton Kuh geben? Das würde mich sehr interessieren. Und danke für den Hinweis Briefwechsel Polgar-Dietrich, den kannte ich noch gar nicht.

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  3. Uje, da bin ich bei einer Schwachstelle erwischt, denn außer, daß er zu den Kaffeehausliteraten zählt, ist er bis jetzt an mir eher vorbeigegangen.
    Aber zum Glück gibt es in Wien einige offene Bücherschränke und da frische ich meine literarischen Bildungslücken immer auf, so habe ich auch die „Tante Jolesch“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2012/05/26/die-tante-jolesch/ bei der ich eher Vorurteile hatte, dort gefunden und vor kurzem auch „Metaphysik und Würstel“ von Anton Kuh, aber ich habs noch nicht gelesen, kann also nichts dazu sagen.
    Habe in meinem Blog aber ein wenig nachgegooglet.
    Bei Alfred Komareks „Semmering-Buch“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2012/08/24/semmering/ wird er erwähnt und beim „Erlesenen Menü“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2014/01/01/erlesenes-menu/, dem Büchlein, das der Hauptverband des Buchhandels einmal zum „Tag des Buches“ vergab, kommt er auch vor.
    Vielleicht ist auch etwas in dem „Wieser-Europa erlesen-Wien“ von ihm enthalten, aber das müßte ich auch erst lesen.

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  4. Alfred Polgar ist einer der ganz Großen gewesen. Ich empfehle ergänzend, dass Große Lesebuch von ihm, dass Harry Rowohlt zusammengestellt hat. Erschienen ist es im Kein & Aber Verlag. Gutes Schreiben ist Weglassen und kein anderer Journalist beherrschte jemals diese Kunst meisterlicher als Alfred Polgar, ein Grandseigneur der Sprache.
    „Eine eigene Meinung ist ein Luxus, den sich nicht viele Menschen leisten.“ (Alfred Polgar)
    Ein schönes schattiges Sommer-Wochenende wünscht
    Stefan

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    1. Lieber Stefan,
      ja – bei Polgar kann man sehen, was Schreiben bedeuten kann – Grandseigneur finde ich den passenden Ausdruck. Danke für den Hinweis auf das Lesebuch – mal sehen…
      Viele Grüße, Birgit

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