Volker Weidermann: Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft.

„Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft“: Ein Stimmungsbild, mit viel literaturwissenschaftlichem Know-how routiniert gepinselt von Volker Weidermann.

11 Kommentare

 

2013-04-01 14.07.36

Bild: Birgit Böllinger

Von Claudio Miller

„In Zeiten, die Zeit hatten, hatte man an der Kunst etwas aufzulösen. In einer Zeit, die Zeitungen hat, sind Stoff und Form zu rascherem Verständnis getrennt. Weil wir keine Zeit haben, müssen uns die Autoren umständlich sagen, was sich knapp gestalten ließe.“

Karl Kraus, „Heinrich Heine und die Folgen“

Volker Weidermanns biographischer Roman „Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft“ das wäre wohl so ein Büchlein, an dem Karl Kraus seine spitze Zunge geschärft hätte. Ein Ergebnis „impressionistischen Feuilletonismus“ hätte er es wohl genannt.

Sagen wir mal: Es ist ein Stimmungsbild, mit viel literaturwissenschaftlichem Know-how routiniert gepinselt. Solche Bücher sind geradezu en vogue – man denke nur an den Erfolg des anderen Sommer-Buches eines anderen Journalisten, „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“. Jüngere Geschichte, in anmutige Form verpackt, wohldosiert.

Ja, Ostende – man muss es nicht lesen, es schadet aber auch keinem. Gesetzt den Fall, man greift denn doch noch (einmal) zu den Originalen, liest Stefan Zweig, Joseph Roth, neben deren Romanen und Essays auch ihren Briefwechsel, begegnet dem kunstseidenen Mädchen nach Mitternacht und dem rasenden Reporter in deren ECHTEN Büchern. Ostende erfüllt seinen Zweck allenfalls als Appetithäppchen. Dafür jedoch ist es mit viel feuilletonistischer Routine zusammengesetzt.

Weidermann beschreibt die Begegnung einiger Schriftsteller 1936 im Badeort Ostende. Vor allem das Zusammentreffen der beiden so unterschiedlichen Freunde aus Österreich steht im Mittelpunkt: Stefan Zweig, die Welt von gestern noch frisch betrauernd, aber im zweiten Frühling mit einer neuen Liebe, Joseph Roth, haltlos, orientierungslos, bodenlos dem Alkohol verfallen. Mit Irmgard Keun, die die Sommer- und Exilgemeinde aufmischt, kommt noch einmal ein Silberstreif an den Roth`schen Horizont. Dennoch: Alle wissen, es ist Götterdämmerung, das Heil besteht nur noch in der Flucht. Ostende, `36, das ist ein letzter „magischer“ Sommer, in dem persönliche und politische Hoffnungen wie kurze Leuchtfeuer aufflackern und ebenso schnell erlöschen.

Ein kurzes Feuer ist auch das wenig mehr als 150 Seiten umfassende Buch. Zwar durchaus: Informativ, sich auf die Quellen stützend, wörtliche Zitate aus Briefen und Aufsätzen einflechtend, faktenreich, dort, wo die Situation der Schriftsteller und Journalisten abgebildet wird, die vor den Nazis flüchten mussten. Dort, wo Weidermann jedoch vom Biographischen verstärkt in das Romanhafte gleitet, erreicht das Buch seine Grenzen.

„Ein paar Tage später sitzen sie noch einmal alle zusammen. Alle braun gebrannt, außer Roth, dem alten Sonnenfeind. Sie sitzen wieder im Flore, mit Blick aufs Meer und die Badehäuschen. Christiane Toller strickt trotzig vor sich hin, Gisela Kisch lacht, wann immer es etwas zu lachen gibt und auch wenn es nichts gibt, Lotte Altmann ist still, und nur wenn sie leise hustet, bemerkt die große Runde, dass sie noch da ist, Schachfuchs schaut aufs Meer, Stefan Zweig sitzt zwischen Lotte und Fuchs, raucht und hört zu, wenn Egon Erwin Kisch von Spanien spricht, vom Krieg der Kommunisten, neuesten Berichten von der Front, und Arthur Koestler von seinen Reiseplänen, die ihn in Francos Hauptquartier führen sollen.“

Es scheint, als habe Weidermann der Ehrgeiz gepackt, das „Who-is-who“ der Ostender Exilgemeinde 1936 in einen Satz zu pressen. Stimmungsvolle Stillleben – die Charaktere werden skizziert und angepinselt, mehr jedoch nicht. Von seinem (vermutlich) insgeheimen Vorbild Stefan Zweig, dem Meister des psychologisierenden biographischen Romans („Maria Stuart“, „Marie Antoinette“), bleibt der FAZ-Feuilletonchef weit entfernt.

Was bleibt von der Lektüre? Hunger nach Zweig und Roth im Original. Die Zeit sollte man sich, gerade in einer Zeit, die keine Zeit hat, etwas aufzulösen, dringend nehmen.

11 comments on “Volker Weidermann: Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft.”

  1. Sehr treffende Beschreibung dieses Buches, das ich zwar gerne gelesen habe, das aber keinen wirklich bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen hat. Außer den, dass ich dringend wieder einmal Bücher von Zweig und Roth in die Hand nehmen sollte…

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    1. Nach Ostende ging mein nächster Griff zu den Sternstunden der Menschheit. Das sind historische Miniaturen, da verblasst Ostende ziemlich schnell.

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  2. Obwohl ich sehr viel von Zweig und Roth gelesen habe, und immer wieder lese, mag ich das Büchlein, es hat mich gut unterhalten – nicht mehr ,aber auch nicht weniger.
    Und wenn es den einen oder anderen dann doch zur Lektüre von Werken der Protagonisten anregt, wäre schon sehr viel gewonnen. Als Stimmungsbild und leichte Kost zwischendrin finde ich es absolut akzeptabel.
    Das er nicht an Zweig rankommt, sei Herrn Weidermann verziehen, versuchen kann man es ja. Aber auch Zweig konnte gelegentlich entsetzlich langweilen.
    lg. e.

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    1. Wie geschrieben: Es schadet nicht. Da es sich schnell liest, gibt es auch kaum Anlaß zum Ärger über verschwendete Lesezeit. Um bei den Österreichern zu bleiben: Ein Buch wie ein Palatschinken – schmeckt gut, etwas süß, hält aber nicht lange an und macht Hunger auf was „Echtes“.
      Mein Bedarf an „Biolit“ oder wie man das Genre auch immer nennen will, ist damit allerdings nun für eine gute Weile gedeckt. Lieber back to the roots.
      Und Stefan Zweig langweilig? Nana…das ist eine andere Diskussion. Sagen wir: Manchesmal etwas antiquiert im Ausdruck, überholt in der Haltung, die Welt von gestern…eben.

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      1. Ich mag den antiquierten Ausdruck, und die Haltung ist eben der Welt von gestern angepasst…aber das ist, wie gesagt, eine andere Geschichte. Und: Nana von Zola ist auch sehr schön und gar nicht langweilig…nix für ungut und ciao.
        e.

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  3. Da hat Kraus direkt illustriert was er sagen wollte: ich brauchte einige Zeit um den knotigen Satz zu entwirren und zum Aha-Moment zu gelangen; aber Recht hat er, so entfaltet Literatur erst ihren Reichtum. Man kann es natürlich auch weniger mit geschärfter spitzer Zunge und eher mit Substanz erreichen. Von 1913 habe ich nur Auszüge gehört, aber die Einschätzung des Genres leuchtet mir ein. Ich sollte wirklich endlich mal etwas von Roth lesen! Stefan Zweig gefällt mir, und seine Erzählungen kommen mir immer wieder mal in den Sinn, wenn es um umgetriebene Menschen geht, um ihre Abgründe, Nöte und Geheimnisse, die ihr Handeln dirigieren. Hat er gut beschrieben. Seine Erinnerungen sind auch unbedingt lesenswert. Ich denke oft an seine Beschreibung vom Aufstieg der Nazis, und wie er sich wundert, wie beinahe über Nacht aus dem rüpelhaften Haufen eine wohlgeordnete gutausgerüstete Truppe wurde. … Ah ja, Dominanz und Industrie.

    Bei: „Zwar durchaus: Informativ, …“ musste ich lachen, weil W* gern einen Kritiker zitiert, der zu Andre Rieu sagte: „Zwar, den Bogen führt er sicher….“. Ah, dieses „Zwar“ hat was. Aber es ist auch wahr, dass Lektüre, die einen unzufrieden läßt, mitunter dazu verleitet, zu den Quellen zu gehn. Und das ist doch was Gutes.

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    1. Ja, die zaudernden, unter Druck stehenden, die hin- und hergetriebenen Seelen: Das war Zweigs Metier. Ein ganz feinfühliger Schriftsteller mit einem großen gespür für die inneren Nöte der Menschen. Wenn etwas für „Ostende“ spricht, dann das, dass einem das Buch auch diese Freundschaft gut erklärt: Zweig, der viel für seinen Freund Roth tat, der jedoch vielmehr forderte und ihn gleichzeitig wieder zurückstieß. Über Roth hat die Chefin hier schon einiges geschrieben, ist über die Suchfunktion zu finden.

      Ja, das arbeitete Weidermann ZWAR aus 🙂 Zwar, die Fakten kennt er gut…:-)

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    2. Das ist ja wunderbar, welch ein Glück, Du hast Joseph Roth noch vor Dir! Ich glaub, ich war nicht mehr dieselbe wievorher, als ich aus dem „Radetzkymarsch“ wieder auftauchte! Liebe Grüsse

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