Alexander Kluy: Joachim Ringelnatz. Die Biographie (2015).

„Die Biographie“ lässt keine Fragen offen. Umfassend und informativ. Mehr Leichtigkeit à la Ringelnatz wäre jedoch wünschenswert gewesen.

18 Kommentare

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Bilder: Birgit Böllinger

Ich komme und gehe wieder,
Ich, der Matrose Ringelnatz.
Die Wellen des Meeres auf und nieder
Tragen mich und meine Lieder
Von Hafenplatz zu Hafenplatz.

Ihr kennt meine lange Nase,
Mein vom Sturm zerknittertes Gesicht.

Daß ich so gerne spaße
Nach der harten Arbeit draußen,
Versteht ihr daß?

   Oder nicht?

Aus den im Nachlass veröffentlichten Kasperle-Versen.

Es scheint derzeit eine regelrechte Ringelnatz-Renaissance zu geben. Denn wenige Tage nach der bereits hier vorgestellten Biografie, die im Galiani Verlag erschien, legte auch der Osburg Verlag ein Ringelnatz-Buch vor. Jahrelang musste man die Informationen über den reisenden Artisten, Verseschmied und Kunstmaler aus verschiedensten Quellen zusammenkratzen – und nun kommt er im Doppelpack. Da tanzt das Seepferdchen.

Während Hilmar Klute sich in seinem „War einmal ein Bumerang“ jedoch mit fluffig-leichter Feder durch das abenteuerliche Leben des Joachim Ringelnatz schreibt, kommt das von Alexander Kluy verfasste Buch mit dem Titel „Joachim Ringelnatz. Die Biografie“ weitaus gewichtiger daher. Schon vom Volumen: Kluy bringt es auf mehr als die doppelte Seitenzahl. Das ist gespickt mit einem „Mehr“ an Information zu Zeitgeschehen, Leben, Werk und eingehenderen Schilderungen des „Begleitpersonals“ im Ringelnatz-Theater – angefangen von Muschelkalk nebst den zahlreicheren weiteren weiblichen Bekannten des Poeten über Bühnenfreunde wie Karl Valentin, Verleger und Kollegen wie Peter Scher bis hin zu kleinen Portraits aus der Münchner und Berliner Bohème der 1920er- und 1930er-Jahre.

Man kann die beiden Bücher eigentlich nicht aneinander messen – ist der Klute ein Lesehäppchen für Einsteiger, die Ringelnatz kennenlernen und sich dabei amüsieren und informieren wollen, so könnte das Buch des Journalisten und Publizisten Alexander Kluy durchaus zu einem Standardwerk für jene werden, die sich intensiver und ernsthafter mit dem ver- und entrückten Poeten auseinandersetzen möchten. Den Anspruch postuliert schon der Titel: „Die Biografie“.

Kluy erzählt nicht nur das Leben von der Wiege in Wurzen bis zur Bahre in Berlin nach – dies alles akribisch recherchiert und in das Zeitgeschehen eingebettet. Sondern er integriert ebenso die wichtigsten Gedichte, die Ringelnatz als Menschen erklären, analysiert und erläutert sie. Das erleichtert manchem vielleicht den Einstieg in den zeitweilig eigentümlichen Sprachduktus von Ringelnatz – so wie er sich manches Mal wohl kopfüber in ein Lebens- oder Liebesabenteuer stürzte, so purzeln ihm ab und an auch die Worte durcheinander. Kluy schiebt verständige Erklärungen nach.

20150304_095919_resizedWas ein Manko des Buches ist: Des öfteren verschwurbelt sich auch Kluy in seiner Sprache. So beispielsweise bei den Erläuterungen zur brieflich-erotischen Annäherung zwischen Muschelkalk und Ringelnatz.

Muschelkalk wollte von dem ihrigen wissen:
„Welches ist Deine Stellg.nahme zur Frau überhaupt, welche Meinung hast Du von Ihnen?“ und „2. müßte ich dich fürchten (?)“.

Alexander Kluy führt dazu aus:

„Hans Bötticher benötigt einige Tage für seine lange Antwort, die Jahre später noch immer Schauer der Scham bei ihm auslösen wird, ist doch diese ausführliche Schilderung seines Bildes der Frau eine Mischung aus Misogynie à la Otto Weininger (1880-1903), jenes Wiener Philosophen, der in „Geschlecht und Charakter – eine prinzipielle Untersuchung (1903) hochneurotischen Frauenhass, krassen Antisemitismus und einen die Grenze zum Extremismus überschreitenden Willen zu einer gnadenhaft erlösenden Metaphysik miteinander verquirlt und damit einen Bestseller produziert hat, der nach Erscheinen dreißig Jahre lang zahllose Nachauflagen erlebt, aus spät-wilhelminischen Kulturrollenkonservatismus und militärisch-männerbündlerisch durchfärbtem, erotisch libertärem Chauvinismus.“

 Aha. Es lebe der Schachtelsatz. Die gute Nachricht ist: Ringelnatz bekam seine Muschelkalk trotzdem. Und wer sich durch diese Sätze windet, dem wird es zwar streckenweise so gehen wie der armen Muschel („Mein Gehirnkasten ist gänzlich zerwühlt“), letzten Endes jedoch einen warmherzigen, liebenswerten, „gspinnerten“ Ringelnatz von Grund auf kennenlernen. Oder, um es etwas angestrengter à la Kluy zu formulieren:

„Das letzte Gedicht, geschrieben zur als letztes auftauchenden Handpuppe eines Matrosen, der unübersehbar Joachim Ringelnatz darstellt, ist die Summa seines Lebens und seiner Poesie, die hier, am Ende des Puppen-, des Aquarell- und seines Lebenszyklus, eins wird, in eins fällt und sich mit flirrender Grazie schwebend leicht erhebt – und verabschiedet.“

Summa der Lektüre: „Die Biographie“ lässt keine Fragen offen. Umfassend und informativ. Mehr Leichtigkeit à la Ringelnatz wäre in dieser „feuereifernden“ (so der Verlag) Biographie allerdings wünschenswert gewesen.

18 comments on “Alexander Kluy: Joachim Ringelnatz. Die Biographie (2015).”

  1. „Ja! Wir verstehen, daß du so gerne spaßt,lieber Joachim Ringelnatz!“
    Toller Bericht liebe Birgit,aber ich glaube ich entscheide mich für H. Klutes Biographie.Oder? Hm,mal sehen.
    Zum eigentümlichen Sprachduktus von Ringelnatz: – Ich liebe ihn! Genau das macht ihn auch zu einem sehr besonderen Sprachkünstler! Ich habe mir gerade frisch zugelegt: „Ich hatte leider Zeit“,Gedichte vonJ.R.,ausgewählt und vorgetragen von Harry Rowohlt.Darauf freue ich mich und bin gespannt.
    „Das Leben ist alles,was es nur gibt: Wahn,Krautsalat,Kampf oder Seife.“ (J.R.) LG Petra

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  2. Und wenn jetzt jemand Interesse hat, den Otto Weininger „Geschlecht und Charakter“ zu lesen, dem kann ich ihn nur empfehlen. Voraussetzung aber ist, es unter dem Aspekt lesen zu wollen, eine Zeit, die man „Die Wiener Moderne“ nennt, verstehen zu wollen. Es wird zwar schwer fallen, doch als ich vor Jahren dieses Buch im Antiquariat erwarb, nachdem es mir so oft in literaturwissenschaftlichen Quellenangaben benannt wurde, nahm ich es mit und las es in wenigen Tagen. Weininger bietet ein Brennglas für den damaligen Zeitgeist. Unglaublich kommt es einem heute vor, so etwas zu lesen, und doch ahnt man, dass es damals und latent noch heute eine Sicht auf die Welt schafft, die von Frauen und dem Leben enttäuschte Männer gerne abnicken. Und davon gibt es ja bekanntlich nicht wenige 😉

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    1. Ja, man sollte sich den Text mal zu Gemüte führen. Zitat: Es könnte nicht wundern, wenn es manchem scheinen wollte, bei dem Ganzen der bisherigen Untersuchung seien »die Männer« allzu gut davongekommen, und in ihrer Gesamtheit auf ein übertrieben hohes Postament gestellt. Man wird zwar vielleicht auf billige Argumente verzichten, ihren Resultaten nicht entgegenhalten, wie überrascht dieser Philister oder jener Spitzbube wäre, zu vernehmen, daß er die ganze Welt in sich habe; und doch die Behandlung des männlichen Geschlechtes nicht bloß allzu glimpflich finden, sondern geradezu eine tendenzi-öse Vernachlässigung aller widerlichen und kleinen Sei-ten der Männlichkeit zugunsten ihrer höchsten Spitzen der Darstellung als einen Fehler anrechnen. Die Beschuldigung wäre ungerechtfertigt. Es kommt mir nicht in den Sinn, die Männer zu idealisieren, um die Frauen leichter in der Schätzung herabdrücken zu kön-nen. So viel Beschränktheit und so viel Gemeinheit unter den empirischen Vertretern der Männlichkeit oft gedeiht, es handelt sich um die besseren Möglichkeiten, die in jedem Manne sind (…). Es handelte sich darum, festzustellen, was das Weib nicht ist, und da fehlte ihm denn freilich unendlich viel, was selbst im mittelmäßigsten und plebejischesten Manne nie ganz vermißt wird.

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  3. Vielen Dank für den Tipp — oder besser gesagt, für den im Artikel verborgenen Verweis auf die ältere Rezension zu Hilmar Klutes Biografie. Zu dieser bin ich nach der Lektüre der grausigen Schachtelsätze nämlich prompt gesprungen, um das Büchlein dann ebenso prompt zu erwerben. Und das ist wirklich ein Genuss. Ja, schreiben können ist was Feines…

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  4. Ich bin so gespannt, wie es klingt, wenn sich jemand in seiner Sprache verschwurbelt, dass ich nach noch mehr Beispielen lechze 🙂
    Ich danke dir für diesen schönen Beitrag, diese schöne Anregung. Ringelnatz ist für mich – dank Euch – übrigens eine richtige, echte Entdeckung!
    Ich wünsche einen frühlingsvorfreudigen Samstag und grüße ganz herzlich!
    Birgit

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      1. Ach ja, den Frauentag – den hätte ich fast vergessen! gut dass du mich am Morgen daran erinnert hast, so habe ich jetzt noch viele Stunden vor mir, in denen ich es mir schön machen kann.
        Frohe Grüße zurück von
        Birgit

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    1. Lieber Gregor,
      pass aber auf…bei der letzten Entstaubungsaktion fiel mir die Diogenes-Gesamtausgabe auf den großen Zeh:
      Das tat weh!
      Aber für Ringelnatz hat sich das gelohnt…mehr von ihm liest du auch auf unserer zweiten Homepage: http://www.ringelnatz.org.
      Viele Grüße Birgit
      PS: Und danke auch an dieser Stelle für den sehr schönen und profunden Raddatz-Artikel!

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