Richard Yates: Eine letzte Liebschaft.

Der bittere Geschmack der Enttäuschung prägt die letzten Erzählungen von Richard Yates, die zu dessen Lebzeiten unveröffentlicht blieben.

12 Kommentare
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Bild: Michael Flötotto

„Betty“, sagte Miller. „Tust du mir einen Gefallen?“ Er beobachtete, wie sich ihr Stirnrunzeln im Licht der vorbeigleitenden Straßenlaterne in einen gekränkten Blick verwandelte. „Halt den Mund. Halt bitte einfach den Mund.“

Richard Yates, „Eine letzte Liebschaft. Short Storys“, Deutsche Verlags-Anstalt, 2016.

Eins und doppelt möchte man sein. Die romantische Idee des Ineinander-Verschmelzens, die regelmäßig an den Klippen des Alltags zerschellt. Einer, der gerade dieses mit wenigen, knappen Sätzen beschrieb, war Richard Yates. Schon in seinem bekanntesten Roman „Revolutionary Road“ gibt es sie, diese Szenen einer Ehe – da liegt so viel Unausgesprochenes zwischen dem Paar, soviel ungelebte Möglichkeiten, soviel unerfüllte Wünsche.

Den bitteren Geschmack der Enttäuschung – ihn transportierte der amerikanische Schriftsteller (1926 – 1992) auch in seinen letzten Erzählungen, neun short storys, die zu Lebzeiten nie veröffentlicht wurden und nun erstmals in deutscher Übersetzung erschienen sind.

In eine „Eine letzte Liebschaft“ – übrigens ist ausgerechnet die titelgebende Erzählung, in der Yates ausnahmsweise aus der Perspektive einer Frau schreibt, das schwächste Stück dieses Erzählbandes – sind Geschichten versammelt, die um Missverständnisse kreisen, um Vorverurteilungen, um falsche Träume. Der Buchhalter, der an dem Tag, an dem er von seiner Frau verlassen wird, auch feststellen muss, dass andere ihm mit Ablehnung begegnen, wird radikal von allen Selbsttäuschungen befreit. Eine Ehefrau, die auf einer Party gerne Heldengeschichten ihres Mannes aus dem Weltkrieg hören würde – doch dieser schweigt aus guten Gründen. Ein Tuberkulosekranker, der sich in die falsche Frau verliebt und abserviert wird – ihr Brief ersetzt das, was heute wohl in einer SMS beinhaltet wäre.

Richard Yates erzählte in seinen Stories wie in den Romanen von zerbrochenen Träumen und einsamen Seelen. Er benötigte keine ausführlichen psychologischen Schilderungen – die Erzählungen sind kurz, knapp, mit wenigen Worten, einzelnen Szenen wird das Dilemma des Vereinzelten angerissen und beleuchtet. Oder, wie Manuela Reichart in einem Beitrag beim Deutschlandradio Kultur betont: Yates, einer der sie malte, „solche literarischen Augenblicke, die wie in einem Brennglas Menschen und ihre Versehrt­heiten deutlich machen.“

Yates, ein Meister der Zwischentöne, dessen Texte sich immer wieder um die Fragilität des Lebens drehen, der sich den Außenseitern, den Verlassenen, den Einsamen zuwendet. Und doch: So hoffnungslos deren Lage auch zu sein scheint, so öde, trist und langweilig ihr Alltag ist, alle klammern sich mit einem letzten Rest verzweifelter Hoffnung an die dünnen, abgewetzten Fäden, mit denen sie noch lose mit ihrem gesellschaftlichen Umfeld verbunden sind. Das angestrengte Aufrechterhalten bröckelnder Fassaden, das Bewahren eines letzten Restes von Würde, die niemals endende Hoffnung auf ein Stück vom Glück – das ist es, was Yates` Figuren am Leben hält. Ganz typisch sind dafür die dahinsiechenden Kriegsveteranen, die von einem vergangenen Leben und ihren „Heldentaten“ erzählen: Diebeszügen, Besäufnissen, Liebschaften, Ehebruch. Oder Betty Meyers, die Navy-Ehefrau, die sich aus Langeweile und Frustration einem Aufreißer hingibt.

Die anrührendste der neun Erzählungen stellt jedoch ein Kind in den Mittelpunkt: Die kleine Eileen. Sie findet 50 Cents, malt sich aus, was sie sich mit diesem persönlichen Besitz an Wünschen erfüllen könnte – und wird prompt von den Erwachsenen des Diebstahls bezichtigt. Hier zeigt Yates eine seiner hervorragenden Eigenschaften als Autor: Die Wärme, das Mitgefühl, das er für seine Figuren, die Schwachen und Verletzten, aufbrachte.So schreiben kann einer nur, der selbst oft genug schwach und verletzt war – und weiß, wie Einsamkeit klingt:

„Pollock war jetzt ganz von dem Gefühl beherrscht, erschreckend allein zu sein, aller Sicherheit beraubt; ihn überkam die Angst, die ein Kind ergreift, das in einer Menschenmenge verloren geht.“

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.randomhouse.de/Buch/Eine-letzte-Liebschaft/Richard-Yates/DVA-Belletristik/e431496.rhd

12 comments on “Richard Yates: Eine letzte Liebschaft.”

    1. Liebe Maren, ganz lieben Dank. Ja, Mr. Yates ist vielleicht so ein Novembermann, immer ein wenig auf der Schattenseite. Und dennoch finden sich in seinen Büchern auch diese tröstlichen Momente, dieser Funken Hoffnung, der im menschlichen Miteinander liegt.

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  1. Dein Anfangszitat erinnerte mich an Raymond Carvers „Würdest du bitte endlich still sein, bitte“. Neben Richard Yates auch einer meiner Helden. Von Yates habe ich als letztes Buch „Cold Spring Harbor“ gelesen. Auch wunderbar. Wie schön, dass DVA das Gesamtwerk neu aufgelegt hat.

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