Lesezeichen von: Monika Maron. Vom Schreiben, Scheitern, Gelingen.

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„Worüber zu sprechen ich mich hier aufgefordert fühle, ist etwas sehr Intimes, über das ich öffentlich eigentlich gar nicht sprechen möchte. Mir wurde zwar gesagt, ich dürfe dieses Amt gestalten, wie ich es wünsche, aber das ändert nicht viel, denn auf jeden Fall soll ich ja über Bücher sprechen und über das Schreiben und über mein Verhältnis zu Büchern und zum Schreiben; und das empfinde ich als geradezu exhibitionistisch. Seit jeher hat mich die Frage nach meinem Lieblingsbuch, die einem übrigens erstaunlich oft gestellt wird, meistens von Journalisten, in Verlegenheit gestürzt, weil ich erstens kein Lieblingsbuch habe, sondern in bestimmten Lebensaltern bestimmte Autoren mehr geliebt habe als andere und weil ich an Tschechow etwas anderes bewundere als an Kafka, und an Uwe Johnson etwas anderes als an Natalia Ginzburg oder Philip Roth.
Weil ich zweitens so viele Bücher, die ich hätte lesen müssen, nicht gelesen habe und darum nicht weiß, ob nicht eines dieser ungelesenen Bücher mein eigentliches Lieblingsbuch ist.
Und drittens erschreckt mich der Gedanke, was ich alles über mich verraten würde, wenn ich mein Lieblingsbuch, das ich aber nicht habe, preisgäbe.
Eine andere Frage, die mir seltener von Journalisten als von Lesern oder Zuhörern gestellt wird, sich aber ebenso gegen eine Antwort sperrt, ist die nach dem Grund, nach dem Warum; warum schreiben Sie?
Ich vermute, dass diese Frage so beliebt ist, weil viele Menschen hin und wieder das Bedürfnis verspüren, selbst ein Buch zu schreiben, dass sie in sich eine Geschichte bewahren, die sie für mitteilenswert halten, aber nicht die Kraft oder den Mut finden, mit dem Schreiben anzufangen, und nun wissen wollen, worin sich jemand, der es wirklich getan hat, von ihnen unterscheidet. Ich weiß auf diese Frage natürlich keine Antwort. Die Antwort wäre die Frage. Der eine tut es, der andere nicht.
Vielleicht ist es eine frühe Erfahrung, dass etwas, über das man nicht sprechen will oder kann, sich einem Stück Papier anvertrauen lässt und dass Konfusion, in Sprache gefasst, Gestalt annimmt; dass also etwas, das als Zuviel, als störender Überschuss an der eigenen Person empfunden wird, sich plötzlich als sinnstiftende Möglichkeit offenbart. Und wenn eine solche Empfehlung mit dem Lesen einhergeht und eines Tages der Blick auf das eigene Leben darin nach einer Form sucht, nach einer erzählbaren Form, kann der Wunsch entstehen, den unzähligen Büchern ein eigenes hinzuzufügen.“

 

Monika Maron, „Wie ich ein Buch nicht schreiben kann und es trotzdem versuche“, 2005, Fischer Taschenbuch (Infos zum Buch hier).

Temperament- und humorvoll berichtete Monika Maron in ihren Frankfurter Poetikvorlesung 2005 davon, wie sie ihrer Hauptfigur Johanna aus dem Roman „Endmoränen“ in einem zweiten Buch dazu verhelfen will, aus ihrer Lebenskrise etwas zu machen. Wie die Autorin Maron und ihre Figur Johanna beinahe daran scheitern und ein Hund aus der Schreibkrise helfen muss. Wie es als Ausweg erscheint, erstmals als männlicher Perspektive zu erzählen. Und weil bei einer Krise, ob im Schreiben oder auch sonst, manchmal nur die Flucht nach vorne hilft respektive eine Reise, führt dieser literarische Ausflug vom Frankfurter Hörsaal bis nach Mexiko City.

5 comments on “Lesezeichen von: Monika Maron. Vom Schreiben, Scheitern, Gelingen.”

  1. Liebe Birgit, das ist ein Buch, das ich sehr mag und auch oft empfehle, weil es einen wirklich guten und realistischen Eindruck davon vermittelt, wie literarisches Schreiben vor sich geht: suchend und tastend und mühsam. Und dass man manchmal trotz der vielen Arbeit nochmal von vorne beginnen muss … Beste Grüße!

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