Luigi Bartolini: Fahrraddiebe (1946).

Augsburg (61)
„Man weiss, dass Verlaine die Diebe liebte. Weil er zusammen mit ihnen im Gefängnis sass, deshalb liebte er sie. Und er nannte sie „die lieben Diebe“. Und was Mörder angeht, so nannte er sie „die süssen Mörder“. Aber das war für ihn lediglich eine Frage des Reims, höchstens eine Frage von Worten, der klingelnden Worte von Dichtern – die nichts bedeuten in der nackten Wirklichkeit der Dinge.“

Luigi Bartolini, „Fahrraddiebe“.

Die nackte Wirklichkeit der Dinge – dies darzustellen war ein Kennzeichen des italienischen Neorealismus. Und dazu gehörte auch die Darstellung der nackten Not im Italien der Kriegs- und Nachkriegszeit. Wo der Diebstahl eines Fahrrads eine Bedrohung der nackten Existenz sein konnte.
Selten jedoch dass, aber manchmal eben doch, ich sagen muss: Ich ziehe die Literaturverfilmung dem Buch vor. „Fahrraddiebe“, 1946 von Luigi Bartolini geschrieben, 1948 von Vittorio de Sica verfilmt, ist einer dieser Fälle. Beide, Film wie Buch, gelten als Meisterwerke des italienischen Neorealismus. Bis auf Ort und Zeit (das Rom der 40er Jahre) und die Rahmenhandlung des Fahrraddiebstahls sowie dem Versuch des Besitzers, wieder an den Drahtesel zu kommen, sind Buch und Film zwei paar italienische Stiefel.

Luigi Bartolini (1892-1963) war nicht nur als Schriftsteller äußerst produktiv und bekannt, sondern auch als preisgekrönter bildender Künstler. Mit seinen kritischen, teil sehr polemischen Schriften zu Kunst und Kultur spaltete er oftmals die Gemüter. Auch politisch nahm er kein Blatt vor den Mund: Wegen seiner kritischen Artikel wurde der bekennende Antifaschist während der Mussolini-Diktatur zeitweise verhaftet und musste vorübergehend Rom verlassen.  Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte er als Professor an der römischen Kunsthochschule tätig werden.

Man gehe jedoch aufgrund der politischen Haltung nicht davon aus, Bartolini sei ein Menschenfreund gewesen – nimmt man den Erzähler aus „Fahrraddiebe“ als alter ego des Autoren, so trifft man dabei eher auf einen polemischen, überheblichen und wenig sympathischen Misanthropen. Diesem wird am 28. September 1944 sein Fahrrad gestohlen, als er in einem Laden nur kurz Schuhwichse kaufen will. Die Jagd nach seinem Eigentum, das für ihn nicht nur als Fortbewegungsmittel zwischen den verschiedenen Redaktionen wichtig ist, sondern vor allem als Möglichkeit, der Stadt und den Menschen zu entfliehen, wird zu einer tour de force quer durch la citta apertà. Bartolini nimmt den Leser mit, dahin, wo es wirklich weh tut: In die finsteren Gassen, wo sich Hehler, Gauner, Schieber und Huren tummeln. In die finstere Unterwelt rund um den Campo dei Fiori und in das Viertel Trastevere, heute ein für Touristen aufgehübschtes Viertel, seinerzeit Hort der Kleinkriminellen und Verbrecher.

Dies ist eine Qualität des Buches: Durch die realistische Schilderung der Armut und des Niedergangs ist es ein Zeitdokument, ein Abbild Italiens in den letzten Kriegswirren. Beinahe so erschreckend in den Zustandsbeschreibungen wie Malapartes Neapel-Roman „Die Haut“. Abgemildert wird dies durch philosophische Einsprengsel über das Verlieren und das Finden und den Wert des Lebens an sich:

„Es geht im Leben darum, Verlorenes wiederzufinden. Man kann es einmal, zweimal, dreimal wiederfinden, so wie es mir gelungen ist, mein Fahrrad wiederzufinden. Doch das dritte Mal wird kommen, und nichts mehr werde ich finden. So ist es, wiederhole ich, mit dem ganzen Dasein. Es ist ein Lauf über Hindernisse, bis man endlich verliert oder stirbt. Ein Lauf über Hindernisse von Kindheit an!“

Die mehrfache Wiederholung alltäglicher Banalitäten, ständige verbale Ausfälle gegen alles und jeden – Briten, Deutsche, Amerikaner, Gauner, Frauen, Händler – und ein leicht larmoyanter Unterton dämpften bei mir das Lesevergnügen erheblich. Das Buch endet zumindest mit dem Rückkauf des gestohlenen Drahtesels, der Erzähler kann weiterradeln…Ciao!

Auch de Sica zeichnet in seinem Film ein Bild des trostlosen Roms, zeitlich versetzt in die Nachkriegszeit. Statt des Ich-Erzählers spielt ein Arbeiter die Hauptrolle, der mit Plakatekleben seine Familie durchbringen muss. Das Rad ist unabdingbare Voraussetzung für den Job. Als es gestohlen wird, ist damit tatsächlich die Existenzgrundlage geraubt. In Begleitung seines kleinen Sohnes Bruno geht der Arbeiter auf die ergebnislose Suche. Am Ende gerät er selbst in Versuchung zu stehlen – ein Mundraub im klassischen Sinne aus Not, der dem Film mehr Menschlichkeit einhaucht, als das Buch in sich birgt. Zudem vermittlen die familiären Szenen, die Vater-Sohn-Beziehung menschliche Wärme in einer Zeit der Not – Lichtblicke, die der Literaturvorlage fehlen.

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Das Literaturblog Sätze&Schätze gibt es seit 2013. Gegründet aus dem Impuls heraus, über Literatur und Bücher zu schreiben und mit anderen zu diskutieren.

15 thoughts on “Luigi Bartolini: Fahrraddiebe (1946).

    1. Ja, die Abbildung der Realität + Ausflüge ins Poetische mochte ich, aber mir behagte die überwiegend negative Grundeinstellung des Autoren nicht. Er scheint ja wenige Menschen zu mögen. Bis auf Anna Sticker. Aber wer ist Anna Sticker ? Sie kommt in den Kapitelüberschriften vor – die fand ich klasse, fast schon im Schwitters-Stil.

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  1. Ich danke dir für diesen kleinen Bericht, der mir einige Kindheitserinnerungen zurückgebracht hat. Als Kind hatte ich zufällig diesen Film gesehen und ich kann mich so gut erinnern, wie bedrückend und tragisch ich ihn empfunden habe. Ungerecht und einfach nur traurig. Hatte die Geschichte aber zwischenzeitlich wieder vergessen und werde deinen Beitrag zum Anlass nehmen, mir mal das Buch zu besorgen. Liebe Grüße, Heike

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    1. Liebe Heike,
      stimmt schon – das Schicksal meint es im Film nicht gut mit dem Fahrradbesitzer (wie geschrieben, Buch und Film driften etwas auseinander). Und die Geschichte ist tatsächlich sehr traurig einerseits. Anderseits erzählt sie von der unverbrüchlichen Liebe des Sohnes zu seinem Vater – und das ist der schöne Anteil des Films, der mutmachende. Viel Freude beim Lesen wünsche ich Dir!

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  2. Danke für die tollen Ergänzungen…ich habe ihn gestern mittag geschaut – ja, und dachte, ich müsste auch was zur Musik bemerken, habs dann aber (weil Literaturseite) gelassen. Und weil ich da auch zu wenig Ahnung habe…Don Camillo muss ich gleich mal schauen (resp. hören). Mille Grazie!

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  3. Liebe Birgit,
    es ist einfach toll, was für Dinger Du da immer wieder aus irgendwelchen Ecken holst. Ich kannte weder Film noch Buch. Zumindest den Film werde ich mir demnächst mal anschauen, obwohl mir auch das Buch sehr interessant klingt, trotz Deiner gelegentlichen Einwände.
    Liebe Grüße
    Kai

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  4. Ich lese viel und gerne, bin Italienfan und Italienkennerin, daher war neugierig auf das Buch. Ich wusste, dass es sich um einen berühmten Klassiker handelt, als ich es vor ein paar Jahren geschenkt bekam.
    Ich muss gestehen, ich fand es einfach nur langweilig. Wie kann das sein?
    Ich muss wohl mal den Film sehen.

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    1. Auch das Buch zählt zum Neorealismus – ich empfand es ebenfalls nicht als leichte Kost, mir ging zudem auch die Erzählerstimme, seine Haltung, gegen den Strich. Ich denke, hier liegt der Fall vor, dass die Verfilmung vor allem ausschlaggebend dafür ist, dass das Buch so berühmt wurde – und es steht natürlich auch für eine Zeit, in der die italienische Literatur hervorragende Werke herausbrachte, die das Elend der Kriegsfolgen verarbeiteten.

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