Die gute Stube von Goethe, Schiller, Herder und Wieland

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anna2Zu gerne hätte ich da einmal ein Gespräch belauscht, wenn sich Goethe, Schiller, Herder und Wieland in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar zum plaudern und philosophieren getroffen haben. Ging es wirklich immer hochgeistig zu unter dem „Vierergestirn der Weimarer Klassik“?

Oder wurde auch mal was ganz Profanes besprochen? So etwa:

Goethe: „Jungs, mir brummt der Schädel. Zuviel von diesem württembergischen Rotwein gestern abend beim Diner getrunken. Mensch, Friedrich, warum bringen eure Winzer solche Hinternzwicker auf den Markt?“

Schiller: „Sauer macht lustig. Obwohl Eure Dekadenz, da Ihr das Vierfache meines Salärs genießt, auch zu diesem teuren französischen Schaumwein greifen könntet.“

Wieland: „Papperlapapp. Nix goat iebr a guats Bierle aus Oberschwaba.“

Herder: „Aber meine Herren! Bedenkt wo wir sind! Doch kann ich zu späterer Stunde gerne einige Heilkräuter aus meinem Gärtlein beibringen, die das Kopfweh unseres lieben Goethes etwas mildern werden. Im Allgemeinen rate ich Ihrer Exzellenz jedoch zu mehr Zurückhaltung bei geistigen Getränken – dies tut auch unseren geistigen Dingen gut.“

Jetzt aber ernsthaft, angemessen und würdig: Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek gehört bei einem Weimar-Besuch natürlich zum Pflichtprogramm. Als Tipp: Wer in erster Linie den berühmten Rokokosaal sehen will, sollte sich möglichst vormittags eine Karte besorgen – mehr als 290 Besucher täglich werden nicht eingelassen, die letzten Eintrittskarten kann man um 14.30 Uhr kaufen.

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Bild: (c) Klassik Stiftung Weimar, Maik Schuck

Doch selbst wenn man inmitten einer Schülergruppe (bei denen die Laune der Einzelnen  zwischen Aufgekratztheit und motziger Langeweile pendelt) in Filzpantoffeln über den Parkettboden schlurfen muss – selbst unter solchen Umständen bekommt man einen Begriff davon, welcher Geist hier einmal herrschte: Sicher weitaus ehrwürdiger als es in meinen Gedankenspielen zuging.

Nebst Bildern von Geistesgrößen, die hier debattierten, geht mir auch ein anderes Bild nicht aus dem Kopf: Das der Weimarer Bürger, die in der Nacht vom 2. auf 3. September 2004 zu „ihrer“ Bibliothek eilten, Ketten bildeten und Bücher von Hand zu Hand reichten, um diese vor den Flammen zu retten. Ein technischer Defekt hatte den Brand ausgelöst, über 50.000 Bücher gingen unwiederbringlich verloren.

Was bringt Menschen dazu, Bücher zu retten? Warum wird in den Nachrichten davon berichtet, wenn in Kriegen Kulturgüter zerstört werden? Warum setzen sich Menschen für den Erhalt von Baudenkmälern ein?

Vielleicht, weil es unser menschlicher Wunsch ist, etwas zurückzulassen, Zeichen zu setzen – nicht umsonst heißt es „Weltkulturerbe“: Generation um Generation vergeht, der Einzelne verschwindet aus dem Gedächtnis der Menschheit – aber die Gebäude, die Bilder, von Menschenhand geschaffen, die Gedanken, zwischen Bücherdeckel gepresst, bleiben zurück.

Und vor allem Bücher sind Symbole der Freiheit. Das gedruckte Wort: Es machte Wissen zugänglich. Eröffnete Bildungschancen (wobei laut Bertelsmann-Stiftung in Deutschland dies immer noch stark – viel zu stark – mit der sozialen Herkunft verknüpft ist).

Der Buchdruck, die Bücher – sie sind eine Frucht der Freiheit. Und so behält leider auch das berühmte Heine-Wort „Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen“ bis in unsere Tage seine Gültigkeit: Kulturgüter zerstören jene, die die Freiheit hassen.

Umso schöner, wenn, wie in Weimar 2004 geschehen, Menschen dazu beitragen, ihre Kulturschätze zu retten.

Die Informationen zur Herzogin Anna Amalia Bibliothek finden sich hier:
Klassik Stiftung Weimar

In der aktuellen Ausgabe von „a tempo“ berichtet Maja Rehbein über die derzeit laufende Dante-Ausstellung in der Bibliothek – Link hier.

12 comments on “Die gute Stube von Goethe, Schiller, Herder und Wieland”

  1. Du hast recht, Birgit, im Weltkulturerbe liegt unsere Unsterblichkeit und deshalb schützen wir es! Mir tat es damals in der Seele weh, als die Bibliothek abbrannte. Wir veranstalteten damals eine Ausstellung zu Gunsten der Anna Amalia Bibliothek. Einen schönen Tag von Susanne

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  2. „zwischen Aufgekratztheit und motziger Langeweile“ – da werde ich innerlich selbst in diese Jahre versetzt, und die Filzpantoffeln auf dem Parkett lassen mich noch mal ein paar Jahre jünger werden, als unsere Familie in Kassel dermaßen unterwegs war. An die Ausstellung erinnere ich mich nicht mehr, aber an uns Geschwister mit den Filzpantoffeln! Was wäre ein Leben ohne realen Besuch in Schloß, Museum und Bibliothek?!

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  3. Danke für den aktuellen Blick in die Bibliothek. Vormals hatte ich das Vergnügen eines Leseausweises und bekam im Lesesaal das Buch eines Philosophen auf den Tisch, in dem die Bögen nach 175 Jahren noch nicht aufgeschnitten waren, das hier noch nicht gelesen war …

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