Bummeleien: Friedberg

2016-05-08 14.01.38Ich brauchte eine Goethe-Pause. Raus aus der Stadt, Augsburg und Weimar gedanklich hinter mir lassend. Einfach mal bummeln, ohne literarischen Anspruch und Zweck. Nur gucken und genießen. Der Bummelort meiner Wahl: Friedberg, einen Katzensprung von Augsburg entfernt, aber doch schon viel bayerischer als die Fuggerstadt.

Schön ist es da, an einem sonnigen Nachmittag. Alles drängt sich um die Eisdiele am Marienplatz. Die Caféhausstühle im Freien liegen unter Kastanien im Schatten der Kirche. Fast kommen italienische Gefühle auf: Die Altbaiern bauten sich, als der Kirchturm des vorherigen Gebäudes eingestürzt war, eine neoromanische Kirche mitten in die Stadt – außen baugleich mit San Zeno in Verona, innen mit San Apollinare in Classe in Ravenna. Drinnen aber hallt es schwäbisch-bayrisch: Eine Gruppe von Kindern und Erwachsenen ist da zusammen, die Atmosphäre ist locker, gar nicht sakral, der Innenraum mit modernen Kunstinstallationen geschmückt.

Draußen durchstreifen nur wenige Touristen die alten Gässchen, klackediklack tönt es auf dem Kopfsteinpflaster. Eine alte Frau streckt neugierig ihren Kopf über die Hecke – „Was wollen die hier?“ steht ihr ins Gesicht geschrieben. Eine andere freut sich über eine Gesprächsgelegenheit. Erklärt, dass das Schloss mit der Uhrenausstellung saniert wird, meint, man könne ja auch nach Unterwittelsbach gehen, „da zeigen sie in der Sisi ihrem Schl0ß der ihre Unterwäsche“, und präsentiert uns dann noch stolz ihren Bauerngarten.

Auf das Sisi-Schloß und ihre Unterwäsche verzichten wir für dieses Mal, genießen lieber die Sonne und die frischen Kuchenstücke, lassen die Seele baumeln und bedienen uns am noch recht neuen öffentlichen Bücherschrank. Dann zumindest noch ein Gang durch die Uhrmachergasse – die Uhrmacher machten Friedberg ab Mitte des 16. Jahrhunderts zu einer weithin bekannten Größe. Über 350 Uhrmacher sind namentlich bekannt – dass Handwerk goldenen Boden hatte, sieht man dem Städtchen an: Das barocke Rathaus, der Marienplatz, die Handwerkshäuser in der kleinen Altstadt zeugen von einem gewissen Bürgerstolz, der sich in diesen Jahrhunderten entwickelte. Barock, Rokoko und Renaissance prägen das Stadtbild – aber über allem ragt der Kirchturm von St. Jakob in seinem klaren und doch so originellen Stil.

Wer mehr über das 750 Jahre alte Städtchen wissen will, wird hier fündig: Friedberg.

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Das Literaturblog Sätze&Schätze gibt es seit 2013. Gegründet aus dem Impuls heraus, über Literatur und Bücher zu schreiben und mit anderen zu diskutieren.

13 thoughts on “Bummeleien: Friedberg

    1. Das freut mich, Ingrid – aber beim Fotografieren verfahre ich nach dem Null-Ahnung-von-Technik-einfach-draufhalten-und-hoffen-dass-was-rauskommt-Methode. Doch heuer steht noch ein Fotokurs an…dann aber! Ja, und nachdem es mich derzeit mehr zum Bummeln als zum Lesen treibt, folgen vielleicht (oder sicher) noch ein paar Orte…mal sehen, wen von Euch ich nach Bayern locken kann 🙂

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  1. Herrlich, was im Süden so alles der Entdeckung und Besichtigung harrt: Zu der Glückskatze in Nördlingen kommen nun auch noch der Sisi ihre Unterbuxen auf die Liste. 😉 Fröhliche Grüße von Bummelantin zu Bummelantin!

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    1. Da finden sich sicher noch ein paar Argumente, damit Du mal durch den Süden bummelst 🙂 Die Unterbuxen werden aber leider nicht ständig gezeigt, das ist eine Sonderausstellung. Aber ich überlege mir, was es sonst noch für Verlockungen gäbe, um eine Maren-Erscheinung hier herbeizuführen 🙂

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    1. Liebe Peggys, manche Bayernklischees treffen durchaus zu, dann aber auch wieder nicht 🙂 Meine These ist eh, dass der Katholizismus und der warme Süden dazu führen, dass die Menschen hier sinnlicher sind. Prüderie kann ich jedenfalls als Massenerscheinung nicht feststellen 🙂

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  2. Sehr schöner Bericht! 🙂
    Friedberg ist toll, für meinen Geschmack etwas zu katholisch, aber es gibt dort wunderbare Fotomotive.
    Ich war letztes Jahr in Friedberg 🙂 Gezwungener Maßen weil in Augsburg kein Hotelzimmer mehr frei war. Das Ende vom Lied: Ich will noch mal hin. Ich MUSS die andere Seite der Stadtmauer auch noch sehen und fotografieren.
    Das Sisi-Schloss hätte ich letztes Jahr gar nicht besichtigen können: Baustelle, aber nun wo ich weiß, dass es dort die Unterbuxen gibt….

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    1. Wie gesagt: Die Unterbuxen sind eine Sonderausstellung – die läuft noch bis 23. 10. Aber wenn das Wasserschlösschen ist so oder so ganz bezaubernd, wenn man eh in der Nähe ist. Schön, dass dich der Zufall nach Friedberg verschlagen hat – ja, die Stadtmauerreste sind schon auch ganz imposant!

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  3. Liebe Birgit, ich bin gern gedanklich mitgebummelt durch das schöne Örtchen. Ich bin ja nicht der Meinung, dass du noch großartig einen Fotokurs bräuchtest – aber wenn dadurch weitere solcher feinen Reiseberichte entstehen…
    Ich wünsche dir einen schönen Frühlingstag (ehe die blöden Eisheiligen angeblich zuschlagen sollen 😦
    und grüße dich herzlich

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