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Eva Menasse: Quasikristalle (2013).

Bild: (c) Rose Böttcher

Bild: (c) Rose Böttcher

„Sallys spontane Liebe zu Berlin bestand genau darin, dass man untertauchen, in Parallelwelten leben konnte, von deren Existenz jemand wie Xane nichts ahnte. Die Stadt kam Sally vor wie eine fernsehturmhohe Schichttorte; jeder grub sich in seiner sozialen Lage horizontal voran. Die hauchfeinen, transparenten Trennscheiben dazwischen waren schwer überwindbar.“

Eva Menasse, „Quasikristalle”, 2013, Kiepenheuer & Witsch

Jeder Mensch lebt in seiner eigenen Welt – und doch ist er so viele Menschen und Welten zugleich. Geprägt durch die unterschiedlichen Rollen, die dieser Mensch in seinen verschiedenen Umfeldern einnimmt. Der Familienmensch, der private Mensch, der einzelne Mensch und der Mensch als Herdentier.

Wie sehen mich andere? Wo bin ich wie? Wer bin ich und wenn ja, wie viele?
Eva Menasse betreibt dieses Gedankenspiel in ihrem jüngsten Roman „Quasikristalle“ mit leichter Hand. Eine Person wird besichtigt. Xane, die kreative Wienerin, die schließlich in Berlin landet, wird portraitiert: Von Freundinnen und Männern, Kindern, frustrierten Angestellten und bildungsbürgerlichen Vermietern. Jeder derselben interpretiert, analysiert und seziert die Person Xane. Für jeden erscheint sie in einem anderen Licht.
Xane ist viele Frauen. Das Fragmentarische der einzelnen Kapitel gibt das Gesamtbild. Portraits wie an einer Perlenkette, jede Perle jedoch schimmert anders – das macht die Qualität des Buches aus.

Eva Menasse schreibt geistreich und leicht. Manchmal leider auch zu nah am Klischee. Manchmal auch nah am Kitsch. Deshalb sind die Quasikristalle letztendlich auch „nur“ Beinahdiamanten. An und für sich ist es eine interessante Idee, sich einer Figur aus verschiedenen Perspektiven anzunähern. Doch die einzelnen Kapitel sind von unterschiedlicher Qualität. Und der elegante Sprachstil der Autorin ist hier nicht nur von Vorteil: Obwohl aus verschiedenen Perspektiven berichtet wird, sind sich die Stimmen letztendlich doch zu ähnlich. Trotzdem: Für einen schönen Lesenachmittag gibt es auch eine schlechtere Wahl.

Weitaus begeisterter rezensierte Ijoma Mangold das Buch in der Zeit:

Erst mal sieht das Buch nämlich aus wie vergnügliches, kluges easy reading, in einer geistreichen Sprache mit viel Bosheit und Wiener Schmäh. Die Raffinesse des Romans aber liegt ganz in seiner Konstruktion. Jedes Kapitel ist aus der Perspektive einer anderen Figur erzählt, und man braucht als Leser Zeit, bis einem klar wird, dass alle diese Blickwinkel um die Protagonistin Xane Mole kreisen. Ihr Leben wird erzählt, von der Kindheit bis ins Alter, und wie mit den Kapiteln die Lebensphasen am Leser vorbeiziehen wie Wolken am Himmel, entsteht gleichsam im Rücken dieser prallen, gegenwartsgesättigten Lebensgeschichte die Melancholie der vergehenden Zeit. Wie heißt es in Hofmannsthals Terzine über die Vergänglichkeit? “Dies ist ein Ding, das keiner voll aussinnt, / Und viel zu grauenvoll, als daß man klage: / Daß alles gleitet und vorüberrinnt.”

Für ihn ist der Roman der Versuch, das Vergehen der Zeit selbst erfahrbar zu machen - am Lebensweg einer Person, Xane, gesehen aus verschiedenen Perspektiven: Von der Jugendfreundin in der Pubertät bis zu den genervten Freundinnen der Xane späterer Jahre und aus Sicht der Stieftochter. Quasikristalle, so schreibt Mangold, sei auch ein “Roman serieller Abschiede”:

“Das Leben setzt sich aus Verbindungen und Auflösungen zusammen, die ein Muster ergeben, dessen Gesetzmäßigkeiten nur schwer zu erkennen sind Ganz wie jene Quasikristalle, die der israelische Chemiker Daniel Shechtman 1982 entdeckte: Verknüpfungsmuster, die nach Zufall aussehen, weil wir ihre aperiodische Ordnung nicht erkennen.”

Letztendlich ist aber auch dies das große Manko des Romans: Die Verknüpfungen, das Wiederkehrende, die Unausweichlichkeit mancher Ereignisse - dem Leser werden sie, gleichsam aus der dritten Perspektive, deutlich und erklärbar. Man wünschte sich jedoch, ein abschließendes Kapitel fügte diese auch für die Hauptfigur zu einem Muster, einem Verhaltensmuster - man mag auch sagen und hoffen: einer Erkenntnis - zusammen. Doch dies bleibt aus - ohne “Moral” endet die Geschicht´.

Vielleicht aber gilt einfach auch nur das Zitat von Janet Frame, das Eva Menasse ihrem Roman als Leitmotiv voranstellt:

“Nichts war einfach, bekannt, sicher, geglaubt, verbürgt”.

12 Comments »

  1. Habe vor Jahren mal ihre Erzählungen “Verlässliche Totsünden” gelesen. Einige Geschichten gefielen mir sehr, aber ich bin jetzt auch nicht direkt vor Begeisterung vom Stuhl gefallen. Die “Quasikristalle” lasse ich mal ausfallen😉

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    • Ja, auch bei dem Roman wars so dazwischen … “Vienna” gefiel mir dagegen sehr, aber letztendlich: Es ist so ein wenig easy-reading. Doch Eva Menasse ist eine sehr kluge, gescheite und ich habe die Contenance bewundert, mit der sie den Spätpubertierer Biller im Literarischen Quartett ertragen hat. Beim Lesen aber greife ich lieber zu ihrem Halbbruder (ich dachte immer, das sei der Onkel) Robert Menasse - da musst du mal reinschauen, z.B. Schubumkehr oder Don Juan de La Mancha oder irgendeines seiner anderen Bücher. Das ist, so schrieb ich es neulich jemanden, der beste kettenrauchende zeitgenössische österreichische lebende Schriftsteller, den ich kenne:-)

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  2. Ich habe Eva Menasses erstes Buch auch gelesen um zu sehen wie die “kleine Schwester” von Robert Menasse klingt. Aber sowohl Vienna als auch die Quasikristalle haben mir gut gefallen. Ich habe mich auch sehr amüsiert über ihre boshaften Seitenhiebe auf ihren Bruder

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